Die Lage am Donnerstag Liebe Leserin, lieber Leser,


es scheint, als habe ein viel kritisierter Karnevalsscherz bei Annegret Kramp-Karrenbauer etwas freigesetzt. Seit dem gestrigen Tag ist klar: Die neue CDU-Chefin will sich als stramm-konservatives Gegenmodell zum (vermeintlich) politisch-korrekten Zeitgeist positionieren. Anders ist ihr ebenso leidenschaftlicher wie selbstbewusster Auftritt beim politischen Aschermittwoch im vorpommerschen Demmin nicht zu deuten.

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Heft 10/2019
Ein deutsches Desaster

Im örtlichen Tennis-Center verwehrte sie sich entschieden fuchsig gegen die Kritik an ihrem Karnevals-Auftritt, bei dem sie über Toiletten für Transsexuelle gespottet hatte. "Heute habe ich das Gefühl, wir sind das verkrampfteste Volk, das überhaupt auf der Welt herumläuft. Das kann doch so nicht weitergehen", rief die immer noch neue CDU-Chefin. Auch sonst bezog sie klar Stellung gegen Positionen von Linken, Grünen, Sozialdemokraten, und jeglichen Fürsprechern von Minderheitsrechten.

Sie zeichnete ein Bild von Deutschland, in dem inzwischen alles verpönt ist. Transgender-Witze. Indianerkostüme. Fleisch. Diesel. Und nicht zu vergessen: Böllern an Silvester. Sie ließ kaum ein Thema aus, über das sich nicht auch pegidabewegte Bürger empören würden. "Das ist doch alles ein Wahnsinn, was wir hier erleben", rief Kramp-Karrenbauer in die tosend beglückte Halle. Das Maß stimme nicht mehr.

Die Stimmung der Basis in Demmin war euphorischer als bei allen Auftritten von Angela Merkel am selben Ort in der Vergangenheit. Die lange Phase des konservativen Eunuchentums der CDU scheint überwunden. Nach Jahren diffuser, ultrapragmatischer Positionen spricht Annegret Kramp-Karrenbauer so, dass vielen CDU-Mitgliedern wieder die Herzen glühen - und viele andere im Land verstört zurückbleiben.

Comeback von Friedrich Merz?

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Die CDU-Chefin gedenkt offenbar auch, Friedrich Merz, ihren konservativen Konkurrenten um den Parteivorsitz, eine führende Rolle anzutragen. Falls sie demnächst als Kanzlerin über die Zusammensetzung des Bundeskabinetts entscheiden kann. Kurzfristig will sich Merz erst mal zum Vizepräsidenten des CDU-Wirtschaftsrats wählen lassen und bei den Landtagswahlkämpfen in Sachsen, Thüringen und Brandenburg auftreten.

Langfristig aber, so erzählten es mir CDU-Politiker, könne Merz als Wirtschaftsminister von Kramp-Karrenbauers Gnaden auf die große Bühne der Politik zurückkehren. Gespräche darüber wurden offenbar geführt. Voraussetzung für solche Planspiele ist jedoch, dass Angela Merkel tatsächlich ihren Posten räumt - und Kramp-Karrenbauer denselben übernimmt.

Sigmar Gabriel und die Kanzlerkandidatur

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Sigmar Gabriel ist heute Gast bei einer Großveranstaltung der "Augsburger Allgemeinen". Der letzte Spitzenpolitiker, der bei dieser engagierten und erfolgreichen Regionalzeitung zu Gast war, hieß Angela Merkel. Die Kollegen fragten sie im Herbst 2018, ob sie im Dezember noch einmal für den CDU-Parteivorsitz kandidieren werde. "Ich habe gesagt, ich stehe für diese Legislaturperiode zur Verfügung und ich habe meine Meinung bezüglich der Verbindung von Parteivorsitz und Kanzlerschaft nicht geändert", antwortete Merkel. Sie hatte stets betont, dass Kanzlerschaft und Parteivorsitz für sie zusammengehörten. Ein paar Wochen später erklärte sie dann, dass sie doch nicht kandidieren werde.

Sigmar Gabriel hat sich in der Vergangenheit immer wieder bewundernd über Merkel geäußert. Will er in Augsburg ihrem Beispiel folgen, könnte er heute Abend zum Beispiel Folgendes sagen: "Ich stehe für die nächste Kanzlerkandidatur der SPD nicht zur Verfügung und habe meine Meinung diesbezüglich auch nicht geändert."

Ungleichheit am Internationalen Frauentag

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Morgen feiert die Welt den Internationalen Frauentag. In Deutschland werden leider nur wenige Frauen die Möglichkeit haben, richtig zu feiern. Vor allem für Frauen, die für Ministerien des Bundes arbeiten, gibt es ein gewisses Ungleichgewicht. Weil der Frauentag in Berlin zum ersten Mal auch ein gesetzlicher Feiertag ist, ruht am Berliner Sitz der Ministerien morgen der Betrieb. Wer zu den Bonner Teilen der Ministerien gehört, muss hingegen arbeiten. Ich hätte es für angemessen gehalten, wenn alle Frauen frei bekämen, in Bonn wie in Berlin. Und nur die Männer arbeiten müssten.

Gewinner des Tages...

REUTERS

... sind die Gerichte der USA. Sie lassen sich auch von Präsident Donald Trump nicht in ihrer Gesetzestreue beeinflussen. Sonst würden sie nicht einen seiner Vertrauten nach dem anderen anklagen oder verurteilen. Heute wird in Alexandria (Virginia) über das Strafmaß für Trumps Wahlkampfmanager Paul Manafort geurteilt. Roger Stone, Manaforts Vorgänger als Wahlkampfmanager, wird vorgeworfen, mit den Russen kooperiert zu haben, um den Wahlkampf 2016 zu beeinflussen. Trumps langjähriger Anwalt Michael Cohen wurde bereits zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. Mein Kollege Christoph Scheuermann hat hier zusammengetragen, mit welchen Ermittlungen es Donald Trump inzwischen zu tun hat.

Wegen des begrenzten Platzes dieses Newsletters muss die Auflistung hier stoppen. In der Geschichte der USA aber hat es wohl keinen zweiten Präsidenten gegeben, der sich so chronisch mit verurteilten Kriminellen umgab. Wer darin kein Muster erkennen mag, der glaubt auch an die unbefleckte Empfängnis.

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insgesamt 33 Beiträge
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Seite 1
ddcoe 07.03.2019
1. Bedauernswerte AKK
Den wesentlichen Punkte - das die Union nach der nächsten BTW neue Koalitionspartner braucht - scheint sie intellektuell nicht greifen zu können. Jubel im CDU Biotop ist Gleichbedeutend mit mitleidigem Lächeln im Rest der Republik. Gestern hat sie sich als Kanzlerkandidatin disqualifiziert? Aber das ist wenigstens eine gute Nachricht.
ddcoe 07.03.2019
2. AKK als Kanzlerin?
Dazu müssten Union und FDP gemeinsam über 50% kommen. Weil wer soll sie denn Wählen? Mit wem will die Union denn nach der nächsten BTW koalieren? Die SPD wird diesen Fehler nicht mehr machen, die Grünen winken ab - da bleibt nicht mehr viel. Und das eine AKK Wähler von anderen Parteien holt? - Träumen ist ja erlaubt.
whitemouse 07.03.2019
3. Hoffnung
Hoffentlich bleibt Merkel noch lange Kanzlerin. Bei AKK oder Merz graust es mich. Und der kanzlergeeignete Gabriel kann mangels geeigneter Partei nicht Kanzler werden.
ddcoe 07.03.2019
4. AKK wir Kanzlerin?
Interessant - in welchem Land?
melnibone 07.03.2019
5. Nicht mehr nötig bei ihnen ...
Herr Feldenkirchen. Das kommt von der Doppelbespaßung. Sind Sie jetzt der ´Aufsperrdienst´ bei Spiegel-Online. Morgenluft einzuatmen ... unvergleichlich ... bevor die Stadt mit allem und sich Voll ist.
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