Markus Feldenkirchen

Die Lage am Morgen Die Infantilisierung des Wahlkampfs

Markus Feldenkirchen
Von Markus Feldenkirchen, Autor im SPIEGEL-Hauptstadtbüro

Liebe Leserin, lieber Leser, guten Morgen,

heute geht es um die Niveaulosigkeit des Wahlkampfs in Deutschland. Um die Pirouetten der FDP. Und um die Chancen für eine linke Regierung.

Die Infantilisierung des Wahlkampfs

Sie haben diese weltbewegende Nachricht gewiss längst mitbekommen: Armin Laschet hat in einem Interview mit zwei Kindern eine schlechte Figur abgegeben. Das wird zwar meist auch über Laschet-Interviews gesagt, die von Erwachsenen geführt werden. Aber diesmal eben noch mehr. Zumindest auf Twitter. Die beiden Kinder hatten Laschet für ein ProSieben-Format unter anderem gefragt, ob Hans-Georg Maaßen ein Nazi sei. Laschet fand die Frage offenbar doof, was man ihm auch ansehen konnte. Manche zogen daraus den Schluss, dass Laschet seine Aggression nicht mal Kindern gegenüber zügeln könne. Wobei viele ihren Aggressionen Laschet gegenüber inzwischen völlig ungehemmt Raum geben.

Kanzlerkandidat Laschet beim Kinder-Interview

Kanzlerkandidat Laschet beim Kinder-Interview

Der Kandidat der CDU war für dieses Format offenkundig weit schlechter gebrieft als die Kinder. Dass Laschet entweder mit mäßig motivierten oder mäßig talentierten Beratern unterwegs ist (beziehungsweise selbst keine große Neigung verspürt, sich optimal beraten zu lassen), ist jetzt aber auch keine ganz neue Erkenntnis. Wobei man auch festhalten sollte: Kein Kind, das halbwegs normal erzogen wurde, interessiert sich allen Ernstes für den CDU-Direktkandidaten von Südthüringen. Wenn Kinder Lust auf Grusel haben, dann halten sie es eher mit Hui Buh als mit Hans-Georg.

Wer den ganzen gestrigen Tag auf Twitter verbracht hat, konnte tatsächlich den Eindruck gewinnen, Laschets Kinder-Interview sei das Thema des Tages. Ein Wahlkampf, der für viele hauptsächlich aus dem Rumtwittern von Videoschnipseln besteht, in denen Armin Laschet möglichst dödelig aussieht, zeigt aber vor allem eines: Die Infantilisierung der politischen Auseinandersetzung ist entscheidend vorangekommen.

Dreifacher Wissing und Doppelter Lindner

Die Führung der Freien Demokraten wird sich heute Vormittag an einem kommunikativen Kunststück der höchsten Wertungskategorie versuchen. Es könnte als Dreifacher Wissing in die Geschichte eingehen. Oder zumindest als Doppelter Lindner.

FDP-Spitzen Wissing, Lindner

FDP-Spitzen Wissing, Lindner

Foto: Jörg Carstensen/ dpa

Bei einer Pressekonferenz in der Berliner FDP-Zentrale wollen Parteichef Christian Lindner und sein Generalsekretär Volker Wissing einen sogenannten Wahlaufruf präsentieren. Die Kunst wird darin bestehen, so viel Negatives wie möglich über ein Ampelbündnis mit SPD und Grünen nach der Wahl zu erzählen, auf dass diese Option ganz und gar unrealistisch erscheint (um konservative Wechselwähler, die sonst zur Union tendieren, nicht zu verschrecken). Und am Ende trotzdem ein solches Ampelbündnis nicht vollends auszuschließen.

Das ist die hohe Kunst der Vorwahlkommunikation. Wenn die beiden Topliberalen noch Anschauungsunterricht in dieser Disziplin gebraucht hätten, hätten sie sich an Olaf Scholz und Annalena Baerbock orientieren können. Die versuchen ein ähnliches Kunststück bereits seit Wochen. Im Umgang mit der Linken.

Entwicklungshilfe für die Taliban?

Ursula von der Leyen spricht zur Lage der EU

Ursula von der Leyen spricht zur Lage der EU

Foto: YVES HERMAN / AFP

In ihrer Rede zur Lage der Europäischen Union hat EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen gestern zusätzliche 100 Millionen Euro zur Unterstützung von Not leidenden Afghanen angekündigt. »Wir müssen alles tun, um die reale Gefahr einer großen Hungersnot und humanitären Katastrophe abzuwenden«, erklärte von der Leyen. Zuvor hatte Außenminister Heiko Maas bei der Unterstützerkonferenz für Afghanistan in Genf bereits 100 Millionen Euro Hilfe zugesagt.

Das klingt erst mal nett und großherzig. Aber sind die vielen Millionen wirklich gut investiertes Geld? Oder werden mit ihnen vor allem die radikalislamischen Taliban unterstützt, bei ihrem Versuch, ein Stück Mittelalter im 21. Jahrhundert zu konservieren – Hand abhacken inklusive?

Ganz genau wird man die Verwendung der Hilfszahlungen vor Ort gewiss nicht kontrollieren können. Es mag auch sein, dass der ein oder andere Dollar nicht bei den Not leidenden Bürgerinnen und Bürgern des geschundenen Landes ankommen wird. Aber jeder Cent, der dazu beiträgt, Menschen vor dem Hungertod zu bewahren, ist gut investiert. Und was die Taliban betrifft: Hätten Deutschland, Europa und der Rest des Westens deren Rückkehr an die Macht ernsthaft verhindern wollen, hätten sie dies während der 20-jährigen Besatzung des Landes erreichen müssen. Jetzt humanitäre Leistungen wegen der Taliban zu verweigern, wäre vor diesem Hintergrund besonders zynisch.

Gewinner des Tages …

Gysi beim SPIEGEL-Spitzengespräch

Gysi beim SPIEGEL-Spitzengespräch

Foto: DER SPIEGEL

… ist die Nato. Sie wird sich allem Anschein nach vorerst nicht auflösen müssen – selbst dann nicht, wenn Deutschland künftig von einem Linksbündnis regiert wird. Gregor Gysi, außenpolitischer Sprecher der Linken, war gestern mein Gast im SPIEGEL-Spitzengespräch. Die Auflösung der Nato sei ja mehr so eine Vision seiner Partei, relativierte er. In der nächsten Legislaturperiode werde da nichts geschehen, da könne man ganz beruhigt sein. SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz hatte unter anderem ein Bekenntnis der Linken zur Nato als Voraussetzung für eine Regierungsbildung gefordert. Gysi plädierte für eine Regierungskoalition aus SPD, Grünen und der Linken. Dass er selbst in einem solchen Bündnis Außenminister werden könne, hielt er allerdings für weniger realistisch.

Offen erzählte er von den Gesprächen mit seinem Vater Klaus Gysi, der in der DDR unter anderem als Kulturminister eine große Nummer und der als »IM Kurt« auch für die Stasi aktiv war. Den richtigen Umgang mit der Vita des Vaters, so Gysi, habe ihn ausgerechnet Helmut Kohl gelehrt.

Zum Schluss unseres Gesprächs sollte Gysi, der die Linke einst gemeinsam mit Oskar Lafontaine gegründet hatte, folgenden Satzbeginn vervollständigen: »Wenn ich eines Tages als Quasi-Querdenker wie Oskar Lafontaine ende …« Gysi fuhr ohne zu zögern fort: »Dann hoffe ich, dass ich in einem Zustand bin, dass ich es selbst nicht mehr merke.«

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