Markus Feldenkirchen

Die Lage am Morgen Bananenrepublik Bayern?

Markus Feldenkirchen
Von Markus Feldenkirchen, Autor im SPIEGEL-Hauptstadtbüro

Liebe Leserin, lieber Leser, guten Morgen,

heute beschäftigen wir uns mit einer seltsamen Serie von Schlampereien in Bayern. Mit den Schattenseiten des Homeoffice. Und einer Corona-Warn-App, die mehr irritiert als schützt.

Bananenrepublik Bayern?

Dem Freistaat Bayern eilt der Ruf voraus, es gehe dort besonders korrekt und akkurat zu (von der ein oder anderen Amigo-Affäre mal abgesehen). Als Corona noch neu war, erklärte die bayerische Polizei ihren Bürgern, dass es verboten sei, auf einer Parkbank ein Buch zu lesen - auch wenn man ganz einsam und allein dort sitzen wollte. 15 Fahrzeuge der Feuerwehr und der Polizei fuhren damals durch die Straßen der Münchner Innenstadt und forderten die Bevölkerung per Lautsprecher auf, in den eigenen vier Wänden zu bleiben.

Im Umgang mit den eigenen Bürgern überlässt Bayern nur ungern etwas dem Zufall, ja nicht mal dem gesunden Menschenverstand. Streng können sie sein im Freistaat, bisweilen auch a bisserl autoritär. Zugleich gelang es den bayerischen Autoritäten immer wieder, erfolgreich den Eindruck zu vermitteln, das Land sei ein Eldorado der Gewissenhaftigkeit.

Mittlerweile bin ich mir nicht mehr ganz sicher, ob dieser Eindruck korrekt ist. In letzter Zeit geschehen seltsame Dinge im Freistaat. Vor ein paar Wochen wurden Hunderte Menschen, die einen Corona-Test gemacht hatten, nicht über dessen Ergebnis informiert – selbst jene nicht, die positiv getestet worden waren. Nun gab es erneut eine Panne bei der Übermittlung von Testergebnissen. Betroffen sind rund 10.000 Personen, die an Flughäfen in Bayern getestet wurden und ihr Ergebnis nicht wie versprochen innerhalb von 48 Stunden bekamen.

Der Grund war nach Angaben des bayerischen Gesundheitsministeriums ein EDV-Problem beim privaten Dienstleister Ecolog, der die Tests im Auftrag des Freistaats durchführt. Offenbar gab es "ein Schnittstellenproblem in der Datenverarbeitung".

Gewiss, Pannen passieren, und Schnittstellenprobleme kennen wir irgendwie alle. Aber so schusselig wie in letzter Zeit kannte man Bayern bislang nicht. Der Freistaat muss nun aufpassen, dass sich der jüngste Trend nicht fortsetzt. Sonst wird aus dem vermeintlichen Vorzeigefreistaat noch eine Bananenrepublik.

DER SPIEGEL 37/2020

Frust und Freiheit

Job, Familie, Wohnen: Wie das Homeoffice unsere Welt verändert

Zur Ausgabe

Das neue Homeoffice-Biedermeier

Seit Mitte März arbeiten wir vom SPIEGEL überwiegend von zu Hause. Kaum jemand hätte zuvor geglaubt, dass so etwas funktioniert. Für viele Menschen hat sich das Leben und die Arbeit durch die Corona-Pandemie radikal verändert. Für unsere aktuelle Titelgeschichte  haben wir Bürger getroffen, für die der Arbeitsplatz im Büro nicht mehr das Zentrum des Alltags ist: die Unternehmensberaterin, die sich ihren Traum vom Leben auf dem Land verwirklicht. Oder die Architektin, die glücklich darüber ist, eine Kleingartenparzelle ergattert zu haben. 

"Corona ist der Katalysator einer gesellschaftlichen Revolution", schreiben die Kolleginnen und Kollegen. Aber in welche Richtung geht die Bewegung? Für diejenigen, die ein großes Haus mit Garten haben, mag eine neue Arbeitswelt ohne Büro attraktiv sein. Aber bei vielen steht der Schreibtisch neben dem Bett im Schlafzimmer. Homeoffice scheint etwas für Besserverdienende zu sein. Stoff für eine neue Gerechtigkeitsdebatte.

Man muss sich zudem fragen, was daraus folgt, wenn die Büros sterben, die Innenstädte veröden und die Menschen vornehmlich in den eigenen vier Wänden hocken? Jedenfalls ist kein Aufbruch in eine aufregende Moderne zu erwarten. Eher eine Besinnung auf Lebensmodelle von früher, die Familie zusammen im trauten Heim. Klingt nach einem neuen Biedermeier.

Podcast Cover
__proto_kicker__
__proto_headline__

Die Lage des Landes

Es ist inzwischen Tradition, an großen Jahrestagen zur Deutschen Einheit zu fragen, ob nun endlich zusammengewachsen ist, was zusammengehört. Zum 30. Jubiläum hat sich die Bertelsmann Stiftung dieser Aufgabe gestellt. Sie gab eine repräsentative Online-Umfrage unter 1581 Deutschen in Auftrag. Darüber hinaus versuchte sie, 50 Bundesbürgern in langen Einzelinterviews in die Seele zu schauen. 

Die Ergebnisse der Umfrage sind ernüchternd. 59 Prozent der Ostdeutschen sind der Meinung, dass "Ostdeutsche wie Bürger zweiter Klasse behandelt" werden. (Bei den Westdeutschen denken das 21 Prozent). Neben harten wirtschaftlichen Gründen dürfte dafür auch ein weicher Faktor verantwortlich sein. Denn 71 Prozent der Ostdeutschen finden, sie hätten "mehr Anerkennung dafür verdient, dass die Wende friedlich verlief". Die Co-Autorin der Studie, Jana Faus, kommt deshalb zu dem Schluss: "Es gibt 30 Jahre nach der Wiedervereinigung kein geeintes Deutschland." 

Wenn man sich jedoch die Einzelinterviews mit jüngeren Deutschen um die 30 ansieht, erkennt man, dass die Frage nach Ost und West in dieser Generation an Bedeutung verloren hat. Das liegt auch an einem gewissen Desinteresse an der Vergangenheit. Mein Kollege Alfred Weinzierl vermutet deshalb sogar, dass im Jahr 2040 vielleicht gar keine Einheit mehr gefeiert wird , weil dann alles so selbstverständlich und nebensächlich geworden ist.

Die Kollegen von SPIEGEL TV haben die Studie übrigens in einem Film umgesetzt und dafür mit Studienteilnehmern, Sozialwissenschaftlern und anderen Experten gesprochen. Er läuft am kommenden Mittwoch um 20.15 Uhr auf 3sat. Titel: "Wir 80 Millionen - was Deutschland vereint".

Verlierer des Tages...

... ist die Corona-Warn-App. Weil sie eher irritiert als schützt. Meine App zeigt mir aktuell an, dass ich in den vergangenen 14 Tagen "7 Risiko-Begegnungen mit niedrigem Risiko" hatte. Zugleich aber ist die Anzeige in grüner Farbe und obendrüber steht "Niedriges Risiko". Warum sie mir dann zugleich von den 7 Risiko-Begegnungen berichtet, bleibt das Geheimnis ihrer Entwickler. So schafft man es jedenfalls, zeitgleich zu beruhigen und zu beunruhigen.

Die Krux scheint mir zu sein, dass die Warn-App keinerlei Unterschied macht, wo ich einem Corona-Infizierten irgendwie begegnet bin. Ob ich eine Viertelstunde lang 15 Meter entfernt auf einer Parkwiese gesessen habe (was sein kann und völlig ungefährlich wäre). Oder ob ich stundenlang bei geschlossenem Fenster in einem Raum mit ihm verbracht habe (was nicht sein kann, was aber wegen der Aerosol-Übertragung ziemlich gefährlich wäre). Diesen gravierenden Unterschied misst und erklärt die App leider nicht. Und ist daher bestenfalls eine Hilfe mit niedrigem Hilfsfaktor.

Die jüngsten Meldungen aus der Nacht

  • Vermummte Demonstranten greifen Polizisten in Leipzig an: Sie warfen mit Ziegelsteinen, legten brennende Barrikaden auf Straßenbahnschienen: Im Leipziger Stadtteil Connewitz haben Demonstranten Polizisten angegriffen. Die Beamten setzten Tränengas ein.

  • Biden kritisiert Trump für angebliche Äußerungen über gefallene US-Soldaten: US-Präsident Trump weist einen Medienbericht zurück, wonach er gefallene US-Soldaten als "Verlierer" bezeichnet haben soll. Sein Herausforderer Biden reagierte deutlich.

  • Trump sieht noch keinen Beweis für Nawalnys Vergiftung: Der Westen berät wegen des Giftanschlags auf den Kremlkritiker Nawalny über Sanktionen gegen Russland, doch US-Präsident Donald Trump zögert. Sollte es Beweise geben, werde er "sehr wütend" werden.

Die SPIEGEL+-Empfehlungen für heute

Einen heiteren Samstag wünscht Ihnen

Ihr Markus Feldenkirchen

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.

Abonnieren bei

Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es zu einem späteren Zeitpunkt erneut.