Oliver Trenkamp

Die Lage am Abend Auf allen Viren durch den Sommer?

Oliver Trenkamp
Von Oliver Trenkamp, Blattmacher in der Chefredaktion

Guten Abend, die drei Fragezeichen heute:

  1. Todesfahrt von Berlin – Was wissen wir, was nicht?

  2. Coronawelle im Herbst – Team Vorsicht oder Team Panik?

  3. Waffen für die Ukraine – Was kommt an, was nicht?

1. Schock in Berlin

Fahrzeug fährt in Berlin in Menschenmenge, Nähe Gedächtniskirche – als am Vormittag die ersten Eilmeldungen über die Agenturen laufen, als die Pushmitteilungen auf den Handys ankommen, ist vieles noch unklar. Doch sofort ist die Frage da: wieder ein Anschlag? Denn nicht weit entfernt verübte vor fünfeinhalb Jahren ein Mann namens Anis Amri den bisher schwersten Anschlag mit islamistischem Hintergrund in Deutschland: Am 19. Dezember 2016 um 19.59 Uhr attackierte er mit einem Lastwagen den Weihnachtsmarkt auf dem Breitscheidplatz. 13 Menschen verloren ihr Leben, Hunderte wurden verletzt und traumatisiert (mehr dazu hier).

Am späten Nachmittag stellt sich die Lage nach ersten Berichten von Polizei und Rettungskräften so dar: Gegen 10.30 Uhr steuert der 29-jährige Fahrer eines silberfarbener Renault Clio seinen Wagen in eine Gruppe von Fußgängern, lenkt ihn wieder auf die Straße, dann wieder auf den Bürgersteig, kracht in ein Schaufenster und bleibt stehen. Eine Frau ist tot, eine Lehrerin aus Hessen. Wohl mehr als ein Dutzend Menschen sind verletzt, einige schwer, sechs schweben in Lebensgefahr.

Zwei Passanten halten den Fahrer fest, bis die Polizei eintrifft. Er heißt Gor H. und hat einen deutschen und einen armenischen Pass.

Die Ermittler halten den Vorfall derzeit am ehesten für eine Amokfahrt, nicht für einen Unfall. Belastbare Hinweise auf ein politisches Motiv gebe es bislang keine, hieß es in Sicherheitskreisen. Der Polizei war der Mann bekannt, jedoch nicht als Extremist. Er galt als gewalttätig und soll in der Vergangenheit psychisch auffällig gewesen sein, es gibt Hinweise auf eine mögliche Erkrankung. (Hier mehr dazu .)

Es gebe jedenfalls, so sagt es Berlins Innensenatorin Iris Spranger am Nachmittag, entgegen anderslautender Medienberichte kein Bekennerschreiben.

»Es ist eine Situation, wo man denkt: um Gottes willen, nicht schon wieder!«, sagt Berlins Regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey in einer ersten Reaktion. Sie sagt aber auch: »Ob das jetzt ein Zufall war, der Ort, ob das ein bewusst gewählter Ort war, das wissen wir alles noch nicht.« Für die Opfer und Ihre Hinterbliebenen wird es kaum einen Unterschied machen. Sie kämpfen mit Trauer und Verlust.

Die treffendsten Worte findet ein Polizeisprecher: »Es klafft noch immer eine Wunde im Herzen dieser Stadt.«

2. Team Vorsicht oder Team Panik?

»Team Vorsicht entspannt sich«  – als ich die Schlagzeile auf unserer Homepage gestern las, saß ich als Spätrückkehrer aus dem Homeoffice in unserem Redaktionsgebäude und ertrug den Spott einiger Kollegen. Auf einem Gruppenbild wäre ich nämlich ähnlich leicht zu erkennen gewesen wie Karl Lauterbach damals nach der Wahl in der SPD-Fraktion: als Einziger mit Maske.

SPD-Fraktion im vergangenen Herbst: Finde den Lauterbach

SPD-Fraktion im vergangenen Herbst: Finde den Lauterbach

Foto: Michael Kappeler / picture alliance/dpa

Heute hat sich dann der Expertenrat der Bundesregierung gemeldet, also Deutschlands oberstes »Team Vorsicht«, um einen Ausblick zu wagen auf Herbst und Winter. Die Experten mahnen eine »vorausschauende Vorbereitung mit kurzen Reaktionszeiten« an, wenn die Fallzahlen absehbar wieder steigen. Das erfordere »eine solide rechtliche Grundlage für Infektionsschutzmaßnahmen«.

Sie entwerfen drei Szenarien, wollen aber keine dramatischen Bilder und Sorgen erzeugen. Im günstigsten Szenario müssen wir demnach im Herbst mit einer Virusvariante zurechtkommen, die noch weniger krank macht als Omikron, dann braucht es wohl kaum Schutzmaßnahmen. Nur Eltern werden wenig zu lachen haben, weil viele kleine Kinder zahlreiche andere Infekte nachholen. Kinderärzte hätten viel zu tun, Mütter und Väter noch mehr.

Im ungünstigsten Fall bekommen wir es mit einer Variante zu tun, die schwerer krank macht und sich noch einfacher überträgt. Wir müssten Abstand halten und Masken tragen, die Krankenhäuser würden stark belastet, Patienten müssten verlegt werden.

Ich vermute, dass einige Kolleginnen und Kollegen mich mittlerweile im »Team Panik« verorten, weil ich in jedem Raum die Fenster aufreiße, noch immer nur mit der Faust grüße und gelegentlich Sätze sage wie: »Kannst du bitte in die andere Richtung lachen.« Und weil ich all die Coronaberichte noch immer lese und den Expertenrat der Bundesregierung nicht mit dem Sachverständigenausschuss verwechsle, der die Coronamaßnahmen evaluieren soll (einfach zu merken: beim Expertenrat macht Christian Drosten noch mit, beim Sachverständigenausschuss nicht mehr).

Aber wenn mittlerweile die Außenministerin trotz Infektion sogar zurückfliegen darf nach Deutschland (hier mehr dazu ), wandelt sich der Coronazeitgeist eben auch beim SPIEGEL: zwar sagt niemand, die Pandemie sei vorbei. Aber auch wir treffen uns häufiger wieder persönlich in Konferenzräumen (was bislang allerdings leider nicht dazu führt, dass wir uns seltener in Chaträumen treffen). Auch bei uns muss niemand mehr eine Maske tragen (immerhin sollen sich alle testen, bevor sie zur Arbeit kommen). Auch bei uns essen die Leute wieder gemeinsam in der Kantine (ich natürlich nur, wenn die Terrasse geöffnet ist). Der Verlag begleitet den Prozess zu mehr Präsenz mit Wohlwollen und Gratis-Mittagessen. In anderen Hamburger Redaktionen soll es sogar richtige Welcome-Days geben, bei denen sich die Leute umarmen. Mein Kollege Stefan Weigel, der seinen Spott gern als Midlife-Kolumne tarnt (hier alle Folgen), würde jetzt sagen: Auf solche Ideen würde beim SPIEGEL niemand kommen, auch ohne Corona nicht.

3. Wehrersatzteile

Trotz der markanten Ankündigungen von Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) kommen die deutschen Waffenlieferungen für die Ukraine weiterhin nicht in Gang, wie mein Kollege Matthias Gebauer erfuhr. In einer Mail an ausgewählte Sicherheitspolitiker informierte die Bundesregierung heute, dass es seit einer Woche »keine Ergänzungen« bei den ausgelieferten Waffen gegeben habe.

Folglich werde die Bundesregierung auch keine aktualisierte Lieferliste in der Geheimschutzstelle des Bundestags auslegen. Normalerweise hinterlegt die Bundesregierung wöchentlich eine aktualisierte Liste über erfolgte Waffenlieferungen in der Geheimschutzstelle. Die Papiere dürfen nur von wenigen Abgeordneten eingesehen werden, sie dürfen sich jedoch noch nicht mal Notizen machen. Die Regierung begründet dies mit Sicherheitserwägungen, da Russland bei freizügigen Ankündigungen von Lieferungen entsprechende Transporte in die Ukraine angreifen könnte.

Bereits vergangene Woche hatten meine Kolleginnen und Kollegen unter Berufung auf deutsche und ukrainische Quellen berichtet, dass die deutschen Lieferungen seit einigen Wochen stagnieren. Faktisch sind in den letzten Wochen auf der Liste hauptsächlich Ersatzteile hinzugekommen.

  • Hier finden Sie alle aktuellen Entwicklungen zum Krieg in der Ukraine: Das News-Update

Und hier weitere Nachrichten und Hintergründe zum Krieg in der Ukraine:

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Was heute sonst noch wichtig ist

  • Europaparlament stimmt für Verbrenner-Aus: Ab dem Jahr 2035 sollen Neuwagen in der EU kein CO₂ mehr ausstoßen dürfen. Diesem faktischen Aus für Benzin- und Dieselmotoren hat das Europaparlament zugestimmt.

  • Vermieter dürfen Kosten für Rauchmelder nicht einfach auf Nebenkosten umlegen: Mieterinnen und Mieter müssen Rauchmelder laut einem Urteil des Bundesgerichtshofs nicht über die Nebenkosten mitzahlen. Es handle sich nicht um Betriebskosten – der Einbau könne aber auf die Miete umgelegt werden.

  • Iran stellt zwei Kameras zur Überwachung der Nuklearanlagen ab: Die Verhandlungen zur Wiederbelebung des Atomabkommens mit Iran stocken seit Monaten. Nun hat der Staat bekannt gegeben, zwei Messkameras abgeschaltet zu haben – es ist eine Provokation.

  • Schwesig nennt Festhalten an Nord Stream 2 »Fehler« Manuela Schwesig steht wegen ihres Umgangs mit Russland in der Kritik. Die Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern gibt jetzt zu, ihr Engagement für die Ostseepipeline Nord Stream 2 sei falsch gewesen.

  • »Ich werde nicht hinter dir herspringen« Im US-Bundesstaat Arizona ist ein 34-Jähriger in einem See ertrunken. Obwohl seine Freundin drei Polizisten um Hilfe bat, retteten sie den Mann nicht.

Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen

  • Schnäppchenalarm auf dem Erdbeerfeld: Viele Lebensmittel sind deutlich teurer geworden. Doch bei Obst und Gemüse gibt es einen Preisrutsch, etwa bei Erdbeeren und Spargel. Verbraucher freuen sich – doch die Folgen könnten auch für sie gravierend sein .

  • Was wir von Deutschlands trockenster Region lernen können: Der eine bangt um seine Ernte. Der andere experimentiert mit Bäumen, die viel Trockenheit aushalten können. Der Norden Thüringens gibt einen Vorgeschmack auf Klimabedingungen, die künftig in vielen Regionen anstehen könnten. Wie gut ist Deutschland auf Dürren vorbereitet?

  • Die Vögel ziehen den Kürzeren: Mehr Windkraft, weniger Artenschutz: Beim Ausbau der Erneuerbaren will die Bundesregierung offenbar mehr Kompromisse machen als bislang angekündigt. Das geht aus einem Referentenentwurf hervor, der dem SPIEGEL vorliegt .

Was heute weniger wichtig ist

In vino controversia: Brad Pitt, 58, unterstellt seiner Ex-Frau Angelina Jolie, 47, sie habe ihm schaden wollen, als sie ihren Anteil an einem gemeinsamen Weingut im Südosten Frankreichs verkauft hat, wie aus einer Klageschrift hervorgeht, die bei einem Gericht in Los Angeles eingereicht wurde. Demnach argumentieren seine Anwälte, das »Netzwerk schlecht beleumundeter beruflicher Partner« des Käufers drohe, den Ruf des Weinguts »nachhaltig zu schädigen«.

Tippfehler des Tages, inzwischen korrigiert: Erst 2023 dürften die Verbraucherpreise in den OECD-Ländern mit immer noch stolzen auf 6 Prozent etwas sinken.

Cartoon des Tages: Kartellamt

Illustration: Klaus Stuttmann

Und heute Abend?

Könnten Sie einer Empfehlung meines Kollegen Marcus Münterfering folgen und anfangen, einen Krimi mit Retro-Flair zu lesen: »1979« von der schottischen Bestsellerautorin Val McDermid. Darin kommen zwei aufstrebende Journalisten im Glasgow der Achtzigerjahre einer Terrorzelle auf die Spur, »überaus spannend und teilweise sehr komisch erzählt«, wie Marcus findet. (Hier die ganze Rezension.)

Ihnen einen friedlichen Abend. Herzlich

Ihr Oliver Trenkamp

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