Die Lage am Mittwoch Liebe Leserin, lieber Leser, guten Morgen,


vor einer Woche ist das so genannte "Geordnete-Rückkehr-Gesetz" in Kraft getreten. Es soll den Behörden helfen, ausreisepflichtige Asylbewerber schneller abzuschieben. Es soll auch ein Signal an die Bürger sein, dass der Staat nicht nur denen Zuflucht gewährt, die in Not sind, sondern auch jene in ihre Heimat zurückschickt, die keinen Anspruch auf diese Zuflucht haben. So gesehen ist das Gesetz von Horst Seehofer (CSU) eine Antwort auf den Flüchtlingssommer 2015 von Angela Merkel (CDU).

Michael Kappeler/ DPA
Titelbild
Mehr dazu im SPIEGEL
Heft 35/2019
Klischee und Wirklichkeit: Wie der Osten tickt - und warum er anders wählt

Heute wird in Kabul wieder ein Flug aus Deutschland erwartet, es ist der 27. dieser Art seit Dezember 2016. Konsequente Abschiebungen sprechen für einen konsequenten Rechtsstaat. Zum Wesen des Rechtsstaates gehört aber auch, dass jeder Fall individuell geprüft wird.

Es gibt Experten, die bezweifeln, dass Afghanistan ein sicheres Land ist. Und es gibt die Geschichte jener 69 Afghanen, die am 69. Geburtstag des Innenministers abgeschoben worden waren, was Horst Seehofer damals bemerkenswert fand.

Am Ende war einer der Männer tot, er hatte an psychischen Problemen gelitten. Er hätte in diesem Zustand nicht abgeschoben werden dürfen. Das hat nur keiner erkannt.

Der stille Skandal

Moritz Frankenberg/ DPA

Gleiche Bildungschancen sollten in einer Demokratie ganz normal sein, in Deutschland sind sie es nicht. In den Studien der letzten Jahre liest man, in unterschiedlichen Varianten, immer das Gleiche: Kinder aus reichen Familien haben bessere Bildungschancen als Kinder aus einem armen Umfeld. Kinder mit Migrationshintergrund sind in Sachen Bildung schlechter gestellt als jene ohne. Unser Bildungssystem ist angelegt wie eine Sippenhaft.

So hinken die Mathematik-Leistungen von 15-jährigen Schülern aus sozial schwachen Familien durchschnittlich vier Schuljahre hinter den Leistungen von Schülern aus sozial besser gestellten Familien. Kinder aus Familien mit hoher beruflicher Stellung erhalten 2,5-mal so oft eine Gymnasialempfehlung wie Kinder aus Arbeiterfamilien. Die Beispiele aus Untersuchungen der vergangenen Jahre nennt das neue ifo-Bildungsbarometer, das heute um zehn Uhr in Berlin vorgestellt wird. Es ist das Dokument eines stillen Skandals.

"Wir wollen die Bildungschancen in Deutschland im gemeinsamen Schulterschluss von Bund und Ländern verbessern. Dafür wollen wir nach dem Vorbild des Wissenschaftsrates einen Nationalen Bildungsrat einrichten", heißt es vollmundig im Koalitionsvertrag der Regierungsparteien. Bis heute allerdings gibt es keinen Nationalen Bildungsrat. Warum nicht, kann keiner so richtig erklären.

Das ifo-Institut hat rund 4000 Menschen befragt. 71 Prozent sind dafür, mehr staatliche Mittel für Kinder aus schlechter gestellten Familien auszugeben, um deren Bildungschancen zu erhöhen. 83 Prozent befürworten, Stipendienprogramme für einkommensschwache Studenten auszubauen. Die große Mehrheit der Deutschen will also, dass mehr Geld für Bildungsgerechtigkeit ausgegeben wird. Klarer kann ein Auftrag an die Politik kaum sein.

Die Frage nach dem richtigen Umgang

Leo Correa/ DPA

Der Amazonas brennt und die Weltgemeinschaft überlegt, was sie dagegen tun kann. Was sich wie eine Selbstverständlichkeit anhört, ist in Wahrheit ein hochsensibles Feld, übersät mit diplomatischen Tretminen.

Die G7-Staaten haben auf ihrem Gipfel in Biarritz 20 Millionen US-Dollar Soforthilfe für Brasilien beschlossen. Doch Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro will sie nur unter bestimmten Bedingungen annehmen. Es ist ein Spiel der Eitelkeiten, für das keine Zeit ist. Rund 80.000 Brände sind im Amazonas in diesem Jahr bereits ausgebrochen. Doch wie bringt man einen störrischen Staatpräsidenten zur Vernunft?

Durch Druck, sagen die einen und fordern, die Ratifizierung des Freihandelsabkommens Mercosur zwischen der EU, Brasilien und drei weiteren südamerikanischen Staaten auszusetzen. Auf keinen Fall, sagen die anderen, man dürfe Bolsonaro mit Sanktionen nicht weiter verärgern. Man müsse ihm die Hand reichen.

Vielleicht weiß die Generaldirektorin für Handelspolitik der EU-Kommission den richtigen Weg, wenn sie heute um elf Uhr in den Räumen der EU-Kommission in Berlin über Mercosur spricht. Eine halbe Stunde später kommen die Forstwirtschaftsverbände mit Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) zusammen. Bekanntermaßen hat ja auch der hiesige Wald seine Probleme.

Die Story des Tages: "Wenn er lächelte, wurde es gefährlich"

REUTERS

Am Sonntagabend starb Ferdinand Piëch, der Patriarch des VW-Konzerns. Der großartige SPIEGEL-Reporter Jürgen Leinemann, der vor sechs Jahren gestorben ist, zitierte 1993 Piëch mit Sätzen wie diesen: "'Ich wurde als ein Hausschwein aufgezogen und muss als Wildschwein leben", bringt er seine Lebensphilosophie auf einen extremen Nenner."

  • Jürgen Leinemanns eindrucksvolles Porträt über Ferdinand Piëch lesen Sie hier.

Gewinner des Tages...

DPA

...ist die SPD. Es sind nun einige Tage vergangen, ohne dass sich neue Kandidaten für den Vorsitz gemeldet haben. Es hat sich jüngst auch keiner gemeldet, der ausdrücklich nicht kandidieren will. Diese Ruhe tut der SPD ganz gut. Am 1. September endet die Frist für die Kandidatur. Ich fürchte, mit der Ruhe ist es sehr bald vorbei.

Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier:

Die jüngsten Meldungen aus der Nacht

Die SPIEGEL+-Empfehlungen für heute

Haben Sie einen inspirierenden Tag!

Ihr Martin Knobbe

Mehr zum Thema
Newsletter
DIE LAGE: Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen


insgesamt 16 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
fblars 28.08.2019
1. Chancengleichheit
Die soziale Stellung korelliert ziemlich gut mit der Intelligenz. Diese wird vererbt, d. h. im Durchschnitt sind Besserverdiener schlauer und vererben dies an ihre Nachkommen. Es ist eigentlich ein Anzeichen von Durchlässigkeit einer Gesellschaft, dass Menschen einen Platz in der Gesellschaft nach ihren Fähigkeiten bekommen. Vor dem ersten Weltkrieg war Deutschland eine Ständegesellschaft, wo ich in eine Klasse geboren wurde und nicht raus kam, egal welche Fähigkeiten ich hatte. Der zweite Weltkrieg riss damn riesige Lücken, die das Potenzial der unteren Schichten ausnutzen, noch einmal angeheitzt durch die Liberalisierung der 60er. Die Migranten gibt es so auch nicht. Ostasiaten überholen die Deutschen, Vorderasiaten sind doch eher abgejängt.
j.soergel 28.08.2019
2. Es ist eine Absurdität unserer
Gesellschaft, dass wir immer mehr Geld in ein System pumpen wollen, dass eben gerade nicht das Problem (Bildungsgerechtigkeit) lösen kann, und dass schon seit mehr als 30 Jahren (so lange gibt es die integrierten Gesamtschulen schon und so lange gibt es unter dem Strich auch keine echten Verbesserungen). Es sind ja gerade diese Schulen, die diese Bildungsdefizite produzieren (glauben Sie mir, ich weiss dieses aus eigener Erfahrung). Bildungsgerechtigkeit idt unser goldenes Kalb...
rosinenzuechterin 28.08.2019
3. Chancengleichheit kann man nicht kaufen
Solange wir Lehrer haben, die mehrheitlich Teile ihres Bildungsauftrags auf die Elternhäuser abwälzen ("Wer Kinder in die Welt setzt, soll sich auch drum kümmern"), brauchen wir uns nicht wundern, dass Kinder bildungsferner Eltern selbst bildungsfern bleiben. Da hilft kein Geld und kein Bildungsrat. Da hilft nur ein Verbot von Hausaufgaben und Wahlmöglichkeiten der Eltern zur Schullaufbahn ihrer Kinder.
MDen 28.08.2019
4. Bildungspolitik ist nicht wahlentscheidend, u. daher eine Katastrophe
Leider werden Politiker für richtige Politik nicht mit Wählerstimmen belohnt, sondern nur für populäre. Da funktionieren Steuergeschenke viel besser, als Investitionen in die Zukunft, zum Beispiel in unsere Bildung. Klar, alle sind für bessere Bildung, aber das war noch nie anders. Trotzdem verrotten die Schulen, ist die technische Ausstattung von gestern oder vorgestern, und am Personal wird seit Jahrzehnten gespart, mit immer wieder neuen Begründungen. Längst machen sich amerikanische Verhältnisse breit: Die Eliten und Bildungsafinen ziehen in die Einzugsbereiche der hervorragenden Schulen und Bundesländer, der Rest bleibt, wo er ist. So entstehen Brennpunktschulen.
guidomuc 28.08.2019
5. Kinder aus sozial besser gestellten Familien...
... sind häufig auch einfach besser in der Schule. Stichwort Genpool. Es gibt doch nicht das Phänomen, dass Lehrer die Kinder "reicher" Eltern besser benoten. Und Ungerechtigkeiten entstehen auch durch Desinteresse der Eltern.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.