Die Lage am Donnerstag Liebe Leserin, lieber Leser, guten Morgen,


der Startschuss in Saarbrücken war gerade ertönt, da gab das erste Pärchen schon auf. Simone Lange, Oberbürgermeisterin von Flensburg, und ihr Bautzener Amtskollege Alexander Ahrens wollen doch nicht mehr SPD-Vorsitzende werden.

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Heft 36/2019
Wie viel WALD der Mensch zum Überleben braucht

Man könnte ihnen fast dankbar sein, so schrumpft das Feld bei der Suche nach einer neuen Parteispitze gleich ein bisschen zusammen. Sieben Duos und ein Einzelbewerber ringen nun auf noch verbleibenden 22 Regionalkonferenzen um die Gunst der Parteimitglieder.

Die Premiere war lebhaft, haben meine Kollegen Christian Teevs und Veit Medick beobachtet, das ist für die darbende Sozialdemokratie ja schon mal ein Wert an sich. Und es zeigte sich, dass der Mann der ersten Reihe, Vizekanzler Olaf Scholz, und seine Partnerin Klara Geywitz keinen leichten Stand haben. Dabei sei er doch ein "echter, truly Sozialdemokrat", beteuerte Scholz. Das war bisher tatsächlich so nicht bekannt.

Es wäre im Sinne der Partei, wenn während des Rennens noch der eine oder andere Kandidat seine Chancenlosigkeit erkennen würde (ich denke jetzt nicht an Scholz). Am Freitag in Hannover ist die nächste Gelegenheit.

Was hat Johnson vor?

UK Parliament/Jessica Taylor/ REUTERS

Man stelle sich das einmal vor: Im Bundestag versucht die Kanzlerin auf Teufel komm raus ein Gesetz durchzubringen, Gejohle, Protestgeheul, mitten in ihrer emotionalen Rede nimmt das Unions-Urgestein Volker Kauder demonstrativ bei Toni Hofreiter und Katrin Göring-Eckardt Platz, um Angela Merkel die Gefolgschaft aufzukündigen. "Geh doch!", ruft sie ihm noch hinterher, um später ihren Fraktionschef Ralph Brinkhaus anzuweisen, zwei Dutzend weitere illoyale Kollegen rauszuwerfen. In all dem Geschrei macht sich Merkels Kanzleramtsminister Helge Braun auf der Regierungsbank zum Schläfchen lang. Und oben, vom Präsidiumsthron des Bundestags, ruft Claudia Roth: "Ooooordnung!"

Unvorstellbar. Im britischen Parlament dagegen lassen sich ähnliche Szenen dieser Tage live beobachten. Brexit-Drama und kein Ende. Am Mittwochabend die Kraftprobe zwischen Boris Johnson und dem Parlament: No-Deal-Brexit abgelehnt, Neuwahlen abgelehnt - der Premier sieht wie der Verlierer aus. Aber ist er das? Läuft vielleicht alles nach Plan für ihn? Mein Kollege Kevin Hagen erklärt, warum auch die Abstimmungsniederlagen den Zocker Johnson nicht aufhalten müssen und welches Ass Boom Boom Boris jetzt noch raushauen könnte.

Wo ist die FDP?

Bodo Schackow / DPA

Die Bundestagsabgeordneten der FDP sitzen bis Freitag im thüringischen Jena zur Klausur zusammen. Sie wollen darüber sprechen, warum es die Partei in Sachsen und Brandenburg nicht in den Landtag geschafft hat. Und wie das in Thüringen gelingen könnte. Schließlich träumen die Liberalen dort davon, mit dabei zu sein, wenn eine CDU-geführte, ganz große Koalition den linken Ministerpräsidenten Bodo Ramelow aus der Staatskanzlei vertreibt.

Am Rande der Klausur hat mein Kollege Severin Weiland Partei- und Fraktionschef Christian Lindner zum Interview getroffen. Lindner wirkte alles andere als geknickt. Aufgesetzt? Oder Kampfesmut? Wie der FDP-Chef seine Partei im Osten aus der Versenkung führen will, welche Antworten er auf den Klimawandel hat und wie er die AfD bekämpfen möchte, können Sie am Donnerstag auf SPIEGEL ONLINE lesen.

Die Kanzlerin schenkt persönlich ein

Hans-Joachim Pfeiffer/ZDF/dpa

Haben Sie am Mittwochabend die Kanzlerin im Fernsehen geguckt? Wie jetzt, mögen Sie sich fragen, die ist doch seit den Wahlen nirgends aufgetaucht. Ja, aber im ZDF, da konnte man sie gestern sehen, zur besten Sendezeit. "Stunden der Entscheidung - Angela Merkel und die Flüchtlinge", lautete der Titel des sogenannten Dokudramas, das von jenem 4. September im Jahr 2015 erzählt, an dem Merkel die Grenzen nicht schloss und die in Budapest gestrandeten Flüchtlinge nach Deutschland holen ließ.

Die echten Protagonisten der Flüchtlingskrise im Kanzleramt dürften das Werk (wenn überhaupt) mit einer Mischung aus Heiterkeit und Empörung angeschaut haben. Wie meine Kollegin Melanie Amann erfahren hat, ist man im Kanzleramt verärgert darüber, dass die Filmemacher und beteiligten Journalisten suggerieren, die Szenen hinter den Kulissen von Merkels Machtzentrum seien "absolut authentisch" und basierten auf Gesprächen mit dem engsten Beraterkreis der Kanzlerin.

Merkel selbst sei wenig begeistert von der Mischung aus Dokumentarfilm, Experten-Interviews und nachgestellten Filmszenen. Für das Publikum verschwimme so die Grenze zwischen Fiktion und Realität, heißt es aus ihrem Umfeld. Schließlich würde im Film die Erinnerung der Politiker an den Flüchtlingssommer 2015 nahtlos verknüpft etwa mit den fiktionalen Dialogen in der Morgenlage des Kanzleramts.

Vor allem die Nachstellung dieser vertraulichen Runden, so berichtet Amann, habe im Kanzleramt Ärger erzeugt, weil schon Details wie die Sitzordnung am Besprechungstisch falsch seien. Und nie würde Merkels Büroleiterin Beate Baumann der Kanzlerin ein "Käffchen" anbieten. Merkel schenke den Kaffee immer persönlich aus, heißt es, und trinke selbst oft genug Tee. Der Teufel steckt eben im Detail.

Verlierer des Tages...

DPA

... ist Thyssenkrupp. Mehr als 200 Jahre Firmengeschichte, vor 31 Jahren Gründungsmitglied des Dax - aber an der Börse zählen nicht Tradition und guter Name, sondern Zahlen. Und die waren nicht gut beim größten deutschen Stahlkonzern, binnen eines Jahres rutschte der Kurs um fast 50 Prozent ab. Darum steigt Thyssenkrupp aus dem Dax ab. Jetzt ist Erholung in der zweiten Liga angesagt, man erwägt den Verkauf der gewinnträchtigen Aufzugssparte. Die Aktie legte zeitweise um mehr als fünf Prozent zu.

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insgesamt 12 Beiträge
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thequickeningishappening 05.09.2019
1. # SPD Vorsitz
Noch 22 Regionalkonferenzen ? Merkt da jemand in Berlin ob Der/Die Neue schon angekommen ist ? Aber vielleicht gibt es ja vorher Neuwahlen und dann braucht es nochmal Einen Kanzlerkandidaten und ? nochmal 23 Konferenzen...
Theodor 05.09.2019
2. Taktisch klug - strategisch hervorragend
Boris Johnson ist kein Zocker. Aus der Stärke heraus, mit den Möglichkeiten der Regierung, vor dem EU-Austritt Neuwahlen proaktiv zu erzwingen und damit bei Neuwahlen das geschlossene Wählerlager hinter sich zu bringen, verschiebt auf alle Fälle die Mehrheitsverhältnisse im Parlament nach der Wahl. Damit sind die Möglichkeiten der Opposition extrem eingeschränkt und alles was sie tun können, wäre ein Fehler. Hut ab, so erhält man seine Macht.
herbert 05.09.2019
3. Ich rate jedem Mal bei Wikipedia Johnsons erstklassige Bildung
anzusehen. Der Mann wirkt zwar verrückt aber er hat Bildungsmässig richtig was vorzuweisen. Da können deutsche Politiker oft nur von träumen.
haresu 05.09.2019
4. Ich mag Merkel ja
Trotz ihrer Politik. Nein, nicht trotz der Flüchtlingspolitik. Jedenfalls finde ich solche Filme unanständig. Sie sind völlig unnötig. Sie sind unpolitisch. Sie erzeugen bei mir das unangenehme Gefühl Dinge erfahren zu sollen, die ich nie erfahren wollte, gepaart mit dem Gefühl, dabei auch noch belogen zu werden. Der Weg zu so üblen Menscheleien wie dem "Untergang" ist nicht weit. Köstlich hingegen die Übertragungen aus London. Shakespeare hätte es nicht besser machen können. Ein Held (ja Johnson, aber der Brexit ist natürlich weiterhin ein Verbrechen) im Kampf gegen fast alle, eine verlogene, egoistische und unfähige Opposition, verzweifelte aufrechte Tories stürzen sich in ihre eigenen Schwerter, während andere das Zerstörungswerk goutierend ein Nickerchen einschieben. Der Sex fehlt vielleicht ein bisschen aber sonst ist das Stück wirklich stark. Auch die leicht ins Lächerliche gehende Interpretation der siegfriedartigen Hauptfigur ist eine Bereicherung. Aber mal im Ernst: so langsam bin ich ja voll bei Johnson. Schon der Hinduismus kennt ja in Shiva einen Gott der Zerstörung (Shiva bedeutet übrigens Glückverheißender), und im vorliegenden Fall ist Zerstörung schlichtweg das einzige das hilft. Dieses Parlament muss allein schon deshalb weg weil es keine Mehrheiten erzeugen kann, nur zu wissen was man nicht will ist keine Leistung. Natürlich wird der Brexit eine Katastrophe, es gibt aber Schlimmeres und was das Parlament treibt ist ein sicherer Weg zu einer Mehrheit für Farrage. Das ist mindestens so verantwortungslos wie Johnsons Geaxte, vor allem aber wird es nur immer schlimmer. Labour besitzt auch noch die Frechheit sich bei der Abstimmung über Neuwahlen zu enthalten. Als ob sie sich Neuwahlen leisten könnten. Der Brexit ist demgegenüber für sie ein Randproblem. Nein, dann lieber Johnson, der hat wenigstens eine gewisse historische Perspektive.
ackermart 05.09.2019
5. Zum 'Teuflischen' im Detail
Es ist zwar nur ein Detail des Lage-Reports, vielleicht aber doch die passende Gelegenheit, das am längsten persistierende Relikt des Aberglaubens - an den "TEUFEL" - einmal in Bezug auf seine innere Widersprüchlichkeit in Frage zu stellen. Gilt uns Detailverliebtheit wirklich als 'dämonisch'? Ich denke nein, denn sie gilt zugleich mitnichten als ein TREU FEHL an einer gewissenhaft und drum akribisch behandelten Verantwortung. Gäbe es also einen "Teufel", würde sich der sicher einen 'feuchten Kehricht' um die Details scheren. Bestenfalls ist diese Redensart vom im "Detail steckenden Teufel" als denn ein versteckter Euphemismus, der es eben vermeidet, einem Menschen solche Pflichtvergessenheit - am sich auch und gerade um die Details auch kümmern Müssens - zu unterstellen wagt. Konkret geht es also nicht darum, wer wem "den Kaffee am Morgen einschenkt", wenn dabei von Details die Rede ist. Es geht vielmehr darum, wer die Macht dazu hat, die wahren Probleme mit Detail vergessenden Mächtigen "kaffekränzlich" gemütlich erscheinen zu machen? Am Ende ist es also das kaum mehr noch Teilen können dieser Macht, von der, die sie medial unscheinbar macht kraft einem Scheingefecht mit der in scheinbarer Detailversessenheit, welche die Hauptsache vergessen macht, mit der >eins< zu sein.
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