Die Lage am Samstag Liebe Leserin, lieber Leser, guten Morgen,


welch ein Drama: Ausgerechnet Boris Johnson, der Mann, der versprach, auf keinen Fall am 31. Oktober bei der EU um einen Aufschub des Brexit-Termins zu bitten, kommt nun womöglich in die Verlegenheit, genau dies tun zu müssen. Schon am Montag soll das vom Parlament durchgesetzte Gesetz in Kraft treten, das ihm quasi den No-Deal-Brexit zum 31. Oktober untersagt.

Titelbild
Mehr dazu im SPIEGEL
Heft 37/2019
Chaos nach Plan? Wie Premier Johnson die Zukunft der Briten verzockt

Wie kann Johnson in dieser Lage noch sein Gesicht wahren? Einen Ausweg gibt es immer, es ist der Rücktritt. Laut britischen Medien wird diese Möglichkeit derzeit in Downing Street 10 nicht mehr ausgeschlossen. Johnson selbst sagte vieldeutig, er wolle eher "in einem Graben sterben", als am 31. Oktober um einen Aufschub zu bitten. Das heizt auf der Insel die Spekulationen an.

Sollte es tatsächlich zum Johnson-Rücktritt kommen, könnte Labour-Chef Jeremy Corbyn oder ein anderer Oppositionspolitiker eine Koalitionsregierung als "Caretaker" führen - bis zu baldigen Neuwahlen. Für Johnson hätte dieses Szenario durchaus Vorteile: Im Wahlkampf könnte er als Spitzenkandidat der Tories sein Comeback versuchen. Und: Die Brexit-Verzögerung müssten dann in Brüssel andere beantragen.

Was wird jetzt aus den Bahamas?

Scott Olson/ Getty Images

Es gehört zu den traurigen Eigenarten großer Naturkatastrophen, dass ihr ganzes Ausmaß meist erst einige Tage später sichtbar wird. Dann nämlich, wenn es den Helfern gelingt, in die zerstörten Gebiete vorzudringen. So ist es auch auf den Bahamas, wo Hurrikan "Dorian" offenbar weit mehr Todesopfer gefordert hat, als bislang bekannt. Viele Hundert Menschen gelten weiterhin als vermisst, die Behörden erwarten, dass die Zahl der Toten noch erheblich ansteigen wird. Bislang wurden 43 Tote gezählt.

Die US-Regierung macht sich nach amerikanischen Medienberichten derweil Sorgen, dass China die Katastrophe auf den Bahamas nutzen könnte, um den eigenen Einfluss in der Region auszubauen. Das Nachrichtenportal "Axios" und der Sender NPR berichten, dass Washington erwartet, dass China massive Hilfen für den Wiederaufbau der Inseln zur Verfügung stellen will. Peking könnte die Hilfen gleichsam als "Trojanisches Pferd" nutzen und einen Außenposten aufbauen - vor der Haustür der USA. Miami ist nur 50 Flugminuten von den Bahamas entfernt.

Trumps Nahostpolitik zerbröselt

Carolyn Kaster/AP/dpa

Eigentlich wollte US-Präsident Donald Trump im Nahen und Mittleren Osten alles besser machen als seine Vorgänger. Wie es aussieht, ist jedoch das Gegenteil der Fall. Ganz beiläufig hat in diesen Tagen Trumps Beauftragter für den Nahost-Frieden, Jason Greenblatt, seinen Rücktritt angekündigt. Offenbar war der persönliche Immobilienanwalt des Präsidenten aus New York dann doch nicht der Richtige, um diesen komplizierten Konflikt zu lösen. Auf den groß angekündigten Trump-Friedensplan warten sie in der Region jedenfalls noch immer.

Auch im Iran-Konflikt droht neues Ungemach. Die iranische Atomorganisation (AEOI) will heute Details zur dritten Stufe der Abkehr vom Wiener Atomabkommen von 2015 bekanntgeben. Das Abkommen war einseitig von Trump aufgekündigt worden, weshalb Iran nun seinerseits stufenweise aussteigen will. Präsident Hassan Rohani kündigte an, die AEOI solle ohne Einschränkung alles in Angriff nehmen, was für den Ausbau der nationalen Atomtechnologie und für die Forschung notwendig ist. Als wahrscheinlich gilt, dass Iran nun die Produktion von atomwaffenfähigem Uran vorantreiben wird.

Verlierer des Tages...

Robert Michael/zb/dpa

... ist die Raumfahrernation Indien. Als viertes Land nach den USA, Russland und China wollte Indien eine Mondlandung unternehmen. Doch der Versuch ist in der Nacht offenbar gescheitert. Zunächst ging alles glatt, doch kurz vor der Landung riss der Kontakt zu dem unbemannten Landemodul "Vikram" ab. Dies deutet darauf hin, dass es zu einer Bruchlandung gekommen sein könnte. Die gescheiterte Mission ist auch ein Rückschlag für Indiens nationalistischen Premierminister Narendra Modi. Er hatte wohl gehofft, mit einem Erfolg beim Wahlvolk punkten zu können. Modi will allerdings nicht aufgeben. Das Raumfahrtprogramm solle fortgesetzt werden, verkündete er sofort: "Unsere Reise geht weiter."

Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier:

Die jüngsten Meldungen aus der Nacht

  • "Entscheidend für das Überleben unseres Planeten": Bei einem Gipfeltreffen im Dschungel haben Vertreter sieben südamerikanischer Länder den "Pakt von Leticia" unterzeichnet - es geht um den Schutz des Regenwaldes
  • Nach schwerem Unfall in Belgien: Die Eltern des verletzten Formel-2-Piloten Juan Manuel Correa haben sich an die Öffentlichkeit gewandt - demnach ist der 20-Jährige derzeit nicht bei Bewusstsein
  • DFB-Pleite gegen Niederlande: Das EM-Qualifikationsspiel begann für die deutschen Fans schon schlecht - und wurde zum Schluss immer schlimmer

Die SPIEGEL+-Empfehlungen für heute

Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende!
Ihr Roland Nelles

Mehr zum Thema
Newsletter
DIE LAGE: Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen


insgesamt 18 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
haresu 07.09.2019
1. Zu früh gefreut
Als ob Johnson die Zukunft des Landes zerstören würde. Daran haben andere auch sehr erfolgreich mitgearbeitet, Corbyn zuallererst, das Parlament ebenso, die gesammte politische Klasse des Landes. Ohne Johnson wird nichts besser, dass er nach einem Rücktritt erneut Kandidat der Tories werden könnte erscheint mir absurd. Stärkste Partei würde ohnehin die Brexit Party. Die Tories würden zerrissen, Labour für Corbyns Spielchen bestraft. Ein geregelter Brexit würde noch unwahrscheinlicher, das Land wäre in der Hand von unfähigen Populisten, die zukünftigen Beziehungen zur EU wären kaum positiv gestaltbar. Wer glaubt Neuwahlen könnten den Brexit ganz azfhslten, lebt in Illusionen. Die Briten wollen es einfach wissen und nur durch das tatsächliche Erleiden des Brexit kann man auch die jetzige Spaltung überwinden.
kuac 07.09.2019
2.
Trumps Nahostpolitik zerbröselt..... Hat er eine Nahostpolitik, die längerfristig zum Frieden führen könnte? Nein, es sind einzelne Maßnahmen, die ihm bei seiner Wiederwahl helfen sollte, wie zB. die einseitige Bevorzugung Israels.
sven2016 07.09.2019
3. Der neue US-Beauftragte für Nahost
wir ein 30jähriger Kaffeeholer von Herrn Kushner (ebenfalls right wing zionist). Nur mal als Anmerkung. Dass sich die Amerikaner sorgen, die chinesische Regierung würde Hilfe nach der Naturkatastrophe auch politisch nutzen, spricht für sich. US-Katastrophenhilfe der letzten 50 Jahre war immer mit konkreten politischen Bedingungen verknüpft. Man kann zur Zeit nur hoffen, dass sich Trumps Fastfood-Wahn bald physisch bemerkbar macht. Sonst macht er sich zum Alleinherrscher.
Atheist_Crusader 07.09.2019
4.
Washington macht sich Sorgen, dass China mit Aufbauhilfen Einfluss in der Karibik gewinnt? Ist doch prinzipiell ein legitimer Plan. Die Art von Plan die die USA selbst verfolgt hätte und auch hat. Man könnte da natürlich mit eigenem Geld gegenhalten, aber das stabile Genie in Washington ist ja der Meinung, dass die USA statt für Einfluss zu zahlen lieber den Einfluss erpressen sollte der ihnen seiner Meinung nach rechtmäßig zusteht. So wird dann ein weiteres Land in eine fremde Interessensphäre gezogen/abgedrängt, aus purer Blödheit und einer kindischen Vorliebe für kurzfristige direkte Gewinne/Einsparungen über langfristige strategische Vorteile. Seine Amtsnachfolger werden es ihm danken. So great.
juba39 07.09.2019
5. Es wird abartig
Jetzt grassiert schon die Angst vor China, wenn sie materielle Hilfe leisten wollen. Wie soll ich jetzt intellektuell die Meldung einordnen, Soldaten der Bundeswehr werden auch den Bermudas helfen? Erkennt man inzwischen die Abartigkeit solcher Meldungen, allein nur, wenn man sie wertfrei nebeneinander stellt?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.