Susanne Beyer

Die Lage am Morgen Brexitchaos, Virusmutation, Isolation – der britische Albtraum

Susanne Beyer
Von Susanne Beyer, Autorin im SPIEGEL-Hauptstadtbüro

Liebe Leserin, lieber Leser, guten Morgen,

heute beschäftigen wir uns mit der Anhäufung des Unglücks in Großbritannien, mit den Fragen, ob sich die Kirchen in der Coronakrise genug einsetzen und warum der Impfstoffentwickler Uğur Şahin noch nicht mit seinem eigenen Stoff geimpft ist.

Verschärfter Rosenkrieg

Wer von wem am meisten profitiert habe und am meisten abhängig sei, das ist oft ein Thema bei Scheidungen. Nun, da der endgültige Scheidungstermin zwischen der EU und Großbritannien ansteht, wird diese Frage schon mal an der Wirklichkeit getestet: Europa schottet sich in diesen Tagen von Großbritannien ab, weil dort eine Mutation des Coronavirus grassiert. Ein EU-Land nach dem anderen verbot, Flugzeuge aus Großbritannien landen zu lassen. So ist auch der Warenverkehr gestört, voll beladene Lkw kommen nicht mehr weiter, in Großbritannien selbst stehen Kundinnen und Kunden an den Supermärkten Schlange, um sich vor den Feiertagen noch zu versorgen. Obst und Gemüse stammen oft aus Frankreich – die Kundschaft befürchtet, dass es bald davon nicht mehr genug gibt. Es kommt viel zusammen in diesen Tagen: Weihnachten, Coronavirus, die Mutation, ein möglicher und dann baldiger No-Deal-Brexit. Ein Land im Albtraum.

Die Versuche der Vertreter der EU, sich mit dem britischen Premier Boris Johnson auf ein Handelsabkommen zu einigen, waren zuletzt unerfreulich verlaufen. Sollte es bis zum Jahreswechsel tatsächlich keinen Durchbruch geben, müssten Zölle und andere Handelshemmnisse eingeführt werden.

Natürlich entsteht in der EU jetzt Hoffnung, dass die katastrophale Lage in seinem Land Johnson zu einem seltenen Moment der Einsicht zwingt. Weil er aber ist, wie er ist, kann es immer noch sein, dass keine Einigung zustande kommt. Und schon jetzt sei es zu spät, heißt es aus Brüssel, einen möglichen Deal noch fristgerecht zu ratifizieren. Die Übergangsphase vom faktischen Austritt aus der EU, der längst vollzogen ist, zum eigentlichen Brexit aber zu verlängern, was in der derzeitigen Phase sinnvoll wäre – diese Möglichkeit hat der britische Verkehrsminister Grant Shapps gestern in der BBC ausgeschlossen. Falscher Stolz gehört zu vielen Scheidungsgeschichten dazu.

Wie gefährlich ist die Virusmutation?

Die Mutation des Coronavirus, die in Großbritannien und andernorts festgestellt wurde und dort übrigens schon länger grassiert als bisher angenommen, bereitet zwar nach wie vor Sorgen, aber von Anfang an waren auch viele beruhigende Stimmen zu hören – es sind eher mehr geworden.

Der Virologe Christian Drosten äußert sich »alles andere als beunruhigt«. Uğur Şahin, Chef der Pharmafirma Biontech, nimmt an, dass der gestern von der EU zugelassene und von seiner Firma entwickelte Impfstoff auch gegen die neue Virusvariante wirksam sein werde.

In der ARD ist Şahin gestern Abend gefragt worden, warum er selbst noch nicht geimpft sei. »Liebend gerne« lasse er sich impfen, antwortete der Wissenschaftler, nur die rechtliche Grundlage habe bisher gefehlt. Der Erfinder stellt sich hinten an.

Weihnachtsgottesdienste 2020 – die vielen Formen des Scheiterns

Immer häufiger heißt es, die Weihnachtsgottesdienste sollten wegen der Infektionslage nicht stattfinden. Die Kirchen reagieren unterschiedlich auf diese Forderung. »Mir ist es ein Herzensanliegen, dass alle Gläubigen, die an einem Gottesdienst an den Weihnachtsfeiertagen teilnehmen möchten, dies auch tun können«, erklärte der Berliner Erzbischof Heiner Koch für die Deutsche Bischofskonferenz. Die evangelische Kirche in Westfalen empfiehlt ihren Gemeinden aber, an Weihnachten auf alle Präsenzgottesdienste zu verzichten. Für sein Bundesland kündigte Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet vor Weihnachten Gespräche mit den Kirchen an.

Auf eines können sich die Kirchenoberen jetzt schon verlassen: Sie werden es, so oder so, falsch machen. Schließen sie die Kirchen, bestätigte sich für die einen das Urteil, die Kirchen passten sich zu sehr an. Halten sie ihre Gottesdienste trotzdem analog ab, wird ihnen Verantwortungslosigkeit vorgeworfen werden.

Ein dritter Vorwurf war schon seit Ostern immer wieder zu hören: Den Kirchenleuten falle zur jetzigen Lage zu wenig ein, sie verhielten sich zu still, dies sei doch der Moment, wo sie gebraucht würden. Dieser Vorwurf lässt sich zwar kaum halten, gerade jetzt sind mit großen Mühen alternative Konzepte erdacht worden. Wer hinsehen wollte, konnte viel Engagement erkennen – durchgedrungen sind die Kirchen damit aber nicht. Sich zu bemühen und nicht gehört zu werden, ist auch eine Form des Scheiterns.

»Hallo, Herr Spahn, möchtest du Kanzler werden?«

Am Freitag haben sich die Abgeordneten aus dem Bundestag in die Weihnachtspause verabschiedet. Corona wütet – regiert noch jemand? Jens Spahn ist noch da, omnipräsent, jedenfalls im Fernsehen. Am Sonntagabend war er sowohl im »Bericht aus Berlin«, als auch in »Berlin direkt« zu sehen, in anderen Nachrichtensendungen ebenfalls und in der Ausstrahlung der aufgezeichneten Unterhaltungssendung »Gottschalk holt’s nach« (das verlorene Jahr 2020 war damit gemeint) tauchte er gestern plötzlich auch auf.

Dort hatte er es mit dem investigativen Eifer von Kindern zu tun, die ihn befragen durften. Wen er zu seinem Geburtstag einladen würde, fragt die kleine Adele. Na ja, sagt der Minister, seinen 40. Geburtstag habe er ja wegen Corona ausfallen lassen müssen. Lange nachdenken muss er trotzdem nicht: Angela Merkel würde er einladen. Die kleine Ida fragt: »Hallo Herr Spahn, möchtest du auch mal Bundeskanzler werden?« Da nimmt er etwas mehr Anlauf, sagt, dass die Politik schon in seiner Jugend sein Hobby gewesen sei, er wolle eben »einen Unterschied machen«, fügt er mit einem nebulösen Amerikanismus hinzu. Im anderen Amt, er meint wohl das des Kanzlers, könne man noch »einen größeren Unterschied machen«.

Er würde wohl gern Kanzler werden, aber aus dem Rennen um den CDU-Vorsitz hat er sich, zumindest für die nächsten Wahlen, zu früh herausgenommen. Und einen eleganten Weg, da jetzt wieder einzusteigen, gibt es nicht.

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