Die Lage am Freitag Liebe Leserin, lieber Leser,


die Europawahlen laufen, ausgerechnet die Brexit-Briten haben den Anfang gemacht. Ein offizielles Ergebnis wird es erst am Sonntagabend geben, wenn die Wahllokale in allen 28 Mitgliedstaaten geschlossen haben. Aber eine vernichtende Niederlage für die Tories scheint unausweichlich. Bei sieben Prozent sahen die Meinungsforscher die einst stolze konservative Partei. Die Brexit-Partei von Nigel Farage könnte demnach dagegen fast 40 Prozent holen.

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Heft 21/2019
Angela Merkels apokalyptischer Blick auf die Lage der Welt

Aber selbst wenn es viel, viel besser käme für die Tories - die Premierministerin würde es nicht mehr retten. Der Druck ist nach ihrem letzten, verzweifelten Versuch für einen "New Brexit Deal" noch einmal gewachsen. Die Frage ist nur, wie lange sich Theresa May noch im Amt halten kann.

Am Freitag berät sie mit dem Vorsitzenden des wichtigen 1922-Ausschusses über ein Datum für ihren Rückzug, als wahrscheinlich gilt, dass sie Anfang Juni noch den US-Präsidenten in London empfangen wird und dann das Rennen um ihre Nachfolge offiziell beginnen kann.

Nur, was wäre eigentlich gewonnen, wenn May ihren Platz räumt? "Einer Lösung im Brexit-Chaos wird das Land damit keinen Schritt näher gekommen sein", analysiert SPIEGEL-Korrespondent Jörg Schindler. "Wer immer May beerbt, wird wie sie einen Weg durch das politische Minenfeld suchen müssen - mit hoher Gefahr für Leib und politisches Leben."

Nahles wittert einen Putsch

Die Europawahlen gehen am Freitag in Irland und Tschechien weiter. Neben den Briten hatten schon am Donnerstag auch die Niederlande gewählt. Ersten Prognosen sehen überraschend die Sozialisten in Front - was am Heimvorteil des europaweiten Spitzenkandidaten Frans Timmermans liegen könnte.

Odd ANDERSEN/ AFP

Stärkste Kraft - davon können die deutschen Genossen nur träumen (dafür reichen der Timmermans-Partei allerdings schon knapp 18 Prozent). Zum Wahlkampfabschluss fährt die SPD noch mal alles auf: Bei der Kundgebung in Bremen, wo die Genossen bei den Bürgerschaftswahlen hinter die CDU zurückfallen könnten, sind unter anderem Andrea Nahles, Katarina Barley, Olaf Scholz, Heiko Maas, Carsten Sieling, Manuela Schwesig und Kevin Kühnert dabei.

Wie nervös die Genossen vor dem Wahlsonntag sind, zeigt diese Episode, von der meine SPIEGEL-Kollegen erfahren haben: Demnach stellte die schwer unter Druck stehende Parteichefin Nahles jüngst ihren Vorgänger Martin Schulz zur Rede - weil sie von Putschplänen des Ex-Kanzlerkandidaten gegen sie gehört hatte.

Wie Schulz reagierte, lesen Sie hier. Klar ist: Die Nerven liegen blank bei den Genossen.

Die Angst der CDU vor Rezo

DPA

Von Gelassenheit auch in der Union keine Spur. Ein 26-jähriger YouTuber, der sich Rezo ja lol ey nennt, verunsichert die CDU gerade dermaßen, wie es lange keine Wahlniederlage mehr getan hat. Mehr als fünf Millionen Aufrufe hat Rezos Video "Zerstörung der CDU" gesammelt, und den Strategen im Adenauer-Haus dämmert, dass junge Menschen für Rezos einfache Botschaften empfänglicher sind als für AKK-Schwurbelsätze.

Aber wie reagiert die Parteispitze? Herablassend, arrogant, überfordert. Jetzt soll eine Einladung an Rezo zum persönlichen Gespräch die Sache retten. Ja lol ey.

Merkel greift in den Wahlkampf ein

FILIP SINGER/ EPA-EFE/ REX

Angela Merkel hat sich im Wahlkampf schon mal von YouTubern interviewen lassen. Ein harmloses Geplänkel war das, kommt auch nicht wieder vor. Denn seit ihrem Rückzug vom Parteivorsitz sieht die Bundeskanzlerin Wahlkämpfe nicht mehr als ihr Business an. Einmal erschien sie an der Seite des konservativen Spitzenkandidaten Manfred Weber, das war im kroatischen Zagreb.

Jetzt, zwei Tage vor der Wahl hierzulande, macht sie noch mal mit. Zur Abschlusskundgebung von EVP, CDU und CSU in der Münchner Messe kommen am Nachmittag auch CSU-Chef Markus Söder, CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer und Österreichs angeschlagener Kanzler Sebastian Kurz.

Meine Kollegen Anna Clauß und Jan Friedmann berichten.

Finanzminister mit Public Viewing

Die Finanzminister aller Bundesländer weilen gerade zur Jahreskonferenz in Berlin, und der Regierende Bürgermeister Michael Müller hatte die Gesellschaft zum Abendessen eingeladen: in den VIP-Bereich der Alten Försterei, Stadion des (Noch-)Zweitligisten Union Berlin.

Woran er dabei nicht dachte: dass just am Donnerstagabend das erste Relegationsspiel um den letzten verbleibenden Platz in der ersten Bundesliga stattfand - mit Union Berlin. Zwar fand das Hinspiel beim VfB Stuttgart statt, aber Tausende Union-Fans trafen sich in der Alten Försterei, um das Spiel auf Großleinwänden zu sehen. Ein attraktives Rahmenprogramm für die Politiker.

Das Spiel endete 2:2, womit der Zweitligist eine hervorragende Ausgangsposition fürs Rückspiel hat. Die Fans im Stadion waren aus dem Häuschen. Gut, dass sie nicht wussten, dass Hessens Finanzminister Thomas Schäfer erwägt, den Schlachtruf der Union-Fans für seine CDU zu nutzen.

Gewinner des Tages...

...können Sie sein! Denn wir verlosen Tickets für das SPIEGEL-Gespräch live am Montag, 27. Mai, um 19 Uhr im Spiegelsaal in Berlin. Thema: Fantasie und Fake News.

Der Schriftsteller und Schauspieler Joachim Meyerhoff und SPIEGEL-Autor Volker Weidermann sprechen und lesen über die weltverändernde Macht von Literatur: "Die Realität schwindelig schreiben, bis sie ohnmächtig wird und sich erzählen lässt."

Wenn Sie bei der Veranstaltung dabei sein möchten, schicken Sie eine E-Mail bis heute (Freitag) 14 Uhr an meine Kollegin Julia Parker (julia.parker@spiegel.de). Wir verlosen Gästelisten-Plätze. Viel Glück! Ansonsten gibt es Karten an der Abendkasse oder über unsere Veranstaltungsseite www.spiegel-live.de.

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Seite 1
AttaTroll 24.05.2019
1.
Wieso, die alte Tante CDU hat doch reaktionsschnell gehandelt? Beleg: https://bilder.t-online.de/b/85/81/07/58/id_85810758/tid_da/index.jpg Ja ja, die alten weisen Männer und Frauen bei der Christentruppe wissen schon, wie es geht ;)
rheinufer9365 24.05.2019
2. Da hat Herr Wittrock
wohl lange nicht mehr nachgesehen und sich informiert. Laut neuestem Stand gab es nicht 5 Mio. sondern 7.1 Mio. Aufrufe für das Rezo-Video auf youtube.
dirk.resuehr 24.05.2019
3. Politik , PR und Medien
Einige "Politiker"in der Welt haben die Bedeutung der sozialen Medien erkannt und nutzen sie. Ein Youtuber verunsichert die CDU? Was denn sonst? Das ist so schwierig nicht, weil Erfolge? Welche? Skandalöse Resultate- reichlich, wieso gibts denn überhaupt eine AfD und "Wutbürger"? Großtaten der CDU sind nicht bekannt, aber jede Menge Murks der Regierung, die froh sein kann, dass die Mehrzahl der Bürger geduldig, friedlich, quasi lammfromm ist und eigene Probleme hat.Keine Partei kommt heute um gute Informations-und Kommunikationspolitik herum. Die findet zum Großtel in den sozalen Medien statt, da sind mehr "User" versammelt als in den klassischen Medien. Das sind halt unsere Politiker, reden viel über Digitalisieruung, KI und Blockchain samt Quantencomputern, Ahnung haben sie keine und im Thema PR in sozialen Medien sind andere unterwegs, nicht immer die Guten, manche haben aber durchaus Recht aus Verzweiflung.
stefan7777 24.05.2019
4. Der fehlende Link zu Rezos "einfachen" Botschaften
https://www.youtube.com/watch?v=4Y1lZQsyuSQ Nein liebe Spiegel Redakteure, eines ist sicher, die Botschaften von Rezo sind vieles aber ganz sicher nicht einfach! Weder für die Angesprochenen, noch für die Macher, die sich die Arbeit mit hunderten Verweisen gemacht haben. Selbst für den unbedarften Betrachter des Videos ist es nicht einfach, weil fast eine Stunde geballte Informationen transportiert werden, ohne Verschnaufpause. Eine Aneinanderreihung von Belegen für das Versagen der CDU/CSU, ohne Vierklausulierung und in klaren Worten, gut verständlich. Wir erleben das ja seit vielen Dekaden, wir sehen täglich das was nicht passiert oder das Falsche. Und die große Frage die sich mir seit mindestens zwei dieser CDU Dekaden stellt: Warum wählen noch immer so viele Menschen freiwillig die Union?
jjcamera 24.05.2019
5. Niveaufrage
Hoffentlich werden kommende Wahlkämpfe nicht auf das Niveau von Kurzbotschaften oder Blogger-Schwachsinn heruntergefahren. Das Beste, was die CDU hätte machen können: einfach ignorieren. Und das mit der Begründung, dass sich der politische Diskurs nicht auf dieser Ebene führen lässt.
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