Alexander Neubacher

Die Lage am Abend Bürgergeld auch für Faulpelze – ist das gerecht?

Alexander Neubacher
Von Alexander Neubacher, Leiter Meinung und Debatte

Guten Abend, das sind heute unsere drei Fragezeichen:

  1. Hartz IV-Nachfolger: Schadet das Bürgergeld der Arbeitsmoral?

  2. Gegenoffensive: Wie schlug die Ukraine die russische Armee in die Flucht?

  3. Zehn Jahre Tinder – und Sie sind immer noch Single?

1. Machen es sich die Arbeitsverweigerer demnächst mit dem Bürgergeld bequem?

Am Mittwoch will das Kabinett das neue Bürgergeld beschließen, als Nachfolger für Hartz IV ab nächstem Jahr. Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) hat vorgeschlagen, den Regelsatz für alleinstehende Arbeitslose um mehr als 50 Euro auf 502 Euro im Monat anzuheben.

Wichtiger aber ist, dass die Ampelkoalition die Sanktionen abmildern will. Ein halbes Jahr lang muss niemand Leistungskürzungen fürchten, auch dann nicht, wenn man Termine im Jobcenter einfach verstreichen lässt oder sich weigert, an einer Aus- oder Weiterbildung teilzunehmen. Auch das Vermögen der Betroffenen wird stärker als bislang geschont. Wer bis zu 60.000 Euro besitzt, darf trotzdem zwei Jahre lang Stütze kassieren.

Der Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks, Hans Peter Wollseifer, findet das falsch. »Es sorgt für Demotivation bei denjenigen, die mit einem geringen Gehalt regulär arbeiten«, sagte er der Rheinischen Post. Viele fragten sich, warum sie morgens um sieben Uhr schon arbeiten sollten, wenn Bürgergeldbezieher fast das Gleiche bekämen.

Will die Ampelregierung die Fleißigen bestrafen und die Faulen belohnen? Machen es sich die Arbeitsverweigerer demnächst mit dem Bürgergeld in der sozialen Hängematte bequem?

Mein Kollege Florian Diekmann verteidigt heute in einem Kommentar  die Bundesregierung. Auch das Leben mit Bürgergeld sei nichts, worin man sich auf Dauer einrichten möchte. Ein Teil der Sanktionen bleibe ja erhalten.

Florian schreibt, der Handwerkspräsident habe die Zeichen der Zeit nicht verstanden. Dass es dem Handwerk an Nachwuchs mangelt, etwa im Heizungsbau, beim Dachdecken oder Fliesenlegen, liege schlicht daran, dass dort oft keine angemessenen Löhne gezahlt würden. »Es ist eine Illusion zu glauben, es gäbe eine nennenswerte Reserve an Menschen, die eigentlich arbeiten könnten, aber es aus Bequemlichkeit nicht wollen – und die man nur unter Druck setzen muss, damit sie auch schlecht bezahlte Jobs annehmen«, schreibt Florian. »Es gibt diese Reserve schlicht nicht.« Die meisten Unternehmen in der deutschen Wirtschaft hätten das auch längst verstanden.

Nun halten wir beim SPIEGEL viel von Diversität und Meinungsvielfalt, weshalb ich Florian an dieser Stelle widerspreche. Ja, es stimmt, dass die Löhne im Handwerk vor allem in einigen Kleinstbetrieben steigen sollten. Warum aber ausgerechnet die SPD als Partei der Arbeit vom Prinzip des Förderns und Forderns abrückt und Arbeitsverweigerern ein bedingungsloses Einkommen gönnt, und sei es auch nur für sechs Monate, leuchtet mir nicht ein.

2. Putins Debakel

Bei Charkiw im Nordosten der Ukraine erlebt Putin gerade ein Debakel. Seine Soldaten sind auf dem ungeordneten Rückzug; sie fliehen, um einer Umzingelung zu entgehen. Videos zeigen Dutzende zurückgelassene russische Panzer, dazu Kisten voller Munition. Es gibt Aufnahmen, wie jubelnde ukrainische Soldaten auf dem Dach der Bezirksverwaltung der strategisch wichtigen Stadt Isjum die ukrainische Flagge hissen. Insgesamt haben sich die Ukrainer eine Fläche von fast 3000 Quadratkilometern zurückgeholt und den Feind teils bis zur russischen Grenze zurückgedrängt.

»Es ist eine Niederlage, die in Russland nicht so heißen darf«, analysieren die SPIEGEL-Leute Christina Hebel, Oliver Imhof und Alexander Sarovic . Im Staatssender Rossija 1 war von starken Verlusten der russischen Armee die Rede, aber natürlich nahm niemand das Wort »Rückzug« in den Mund. Stattdessen war von »Umgruppierungen« die Rede.

Putin selbst hatte am Wochenende so getan, als sei alles in bester Ordnung. Er hielt eine Rede zum Anlass des Stadtgeburtstags von Moskau, eröffnete das angeblich größte Riesenrad Europas (dessen Betrieb nach wenigen Stunden wegen technischer Probleme wieder eingestellt wurde), aber zur Lage seiner Truppe schwieg er sich aus. Militärisch reagierte Russland mit Luftschlägen gegen die kritische Infrastruktur, etwa gegen ein Wärmekraftwerk bei Charkiw.

Der Militärexperte Michael Kofman vom Center for Naval Analysis sagt, die Russen hätten zwei grobe Fehler gemacht: Ihre militärische Aufklärung habe versagt. Und sie seien an der Front im Donbass beschäftigt gewesen, mit sehr begrenztem Erfolg. Mit dem Verlust wichtiger Städte kommt nun wohl auch ein Nachschubproblem hinzu.

Mein Kollege Jörg Römer sagt , dass die Ukrainer allerdings auch sehr clever vorgegangen seien. Ihre Ankündigung einer Rückeroberungsoffensive im Süden habe als Ablenkungsmanöver gut funktioniert.

Zudem hätten ihnen westliche Waffen geholfen. »Die Angriffe mit Himars-Raketenwerfern sowie der Panzerhaubitze 2000 auf wichtige Punktziele der russischen Militärlogistik dürften die Schlagkraft der russischen Stellungen empfindlich gestört und möglicherweise auch Probleme bei der Munitionsbeschaffung bereitet haben«, sagt Jörg. Sehr nützlich sei auch die Luft-Boden-Raketen vom Typ AGM-88 Harm aus den USA gewesen. Die mehr als vier Meter lange Rakete, Stückpreis mehrere Hunderttausend US-Dollar, kann Teile der feindlichen Flugverteidigung ausschalten.

Putins Schlappe zeigt, wie falsch jene selbst ernannten Experten von Richard David Precht bis Gregor Gysi lagen, die der Ukraine eine Art Kapitulation nahelegten, weil man eh keine Chance habe.

Das Gegenteil stimmt. »Die Ukrainerinnen und Ukrainer schreiben gerade Geschichte. Deutschland sollte sie dabei unterstützen – deutlich mehr als bisher«, kommentiert mein Kollege Maximilian Popp .

3. Mit einem Wisch zum Traumpartner – schön wär’s

Heute vor zehn Jahren startete in den USA eine App, die das Paarungsverhalten von Millionen Menschen verändert hat: Tinder, das Wisch und Weg für schnellen Sex und große Liebe. 3,2 Milliarden Euro Umsatz machte die Tinder-Firma Match Group im vergangenen Jahr; es gibt inzwischen mehrere kostenpflichtige Premium-Varianten und zahlreiche Nachahmer-Apps für alle möglichen sexuellen Präferenzen und Spielarten.

Am Erfolgsprinzip hat sich aber nichts geändert. Wenn zwei Menschen das Foto des jeweils anderen auf dem Handyscreen nach rechts wischen, ergibt das ein Match, dann kann man miteinander chatten. Und vielleicht wird mehr draus. Ich kenne Fälle, die zur Hochzeit führten.

Mein Kollege Carl Winterhagen hat interessante Fakten zum Tinder-Jubiläum zusammengestellt. Wussten Sie, dass in Stuttgart die meisten Nutzerinnen und Nutzer leben, gefolgt von Leipzig? Dass es Versuche von Tierheimen gab, via Tinder auch Hunde und Katzen an neue Besitzer zu vermitteln? Dass Tinder in den USA den Background von Flirtpartnern checkt, etwa Vorstrafen? Dass es ein größeres Problem mit Fakeprofilen von Kriminellen gibt, die versuchen, ihre Chatpartner in faule Geldanlagen zu locken?

Die beliebteste Zeit zum Tindern in Deutschland ist übrigens Montagabend. Also heute.

(Sie möchten die »Lage am Abend« per Mail bequem in Ihren Posteingang bekommen? Hier bestellen Sie das tägliche Briefing als Newsletter.)

Podcast Cover
__proto_kicker__
__proto_headline__

Nachrichten und Hintergründe zum Krieg in der Ukraine:

  • Kremlpartei siegt bei Regionalwahlen: Alle 14 amtierenden Gouverneure der Kremlpartei »Einiges Russland« siegten bei Regionalwahlen. Gegner des Krieges durften gar nicht erst antreten.

  • Selenskyj dankt seiner Armee – und spricht von möglichem »Durchbruch«: Hier finden Sie alle aktuellen Entwicklungen zum Krieg in der Ukraine: Das News-Update

Was heute sonst noch wichtig ist

Meine Lieblingsgeschichte heute: Pete Doherty und sein neues Leben

Der britische Musiker Peter Doherty, 43, der mit seiner Band The Libertines für immer einen Ehrenplatz in meiner Plattensammlung haben wird, hat sich vor etwa drei Jahren in die Normandie zurückgezogen, um dem Drogentod zu entkommen. Nach einer Verhaftung, bei der er offenbar im Crackrausch seine Hosen runterzog, in die Polizeistation urinierte und drei Tage vollgepinkelt und stinkend in einer 15-Mann-Zelle gehalten wurde, zog er die Notbremse. Nun lebt er mit seiner Frau in einem Küstendorf, wo es keinen Dealer gibt. Er schläft lange und isst viel, arbeitet an Gemälden und Collagen und sagt: »Solange ich so dick bin, sind alle beruhigt. Erst wenn ich wieder dünn werde, dann gibt es Anlass zur Sorge. Es gibt keine dicken Junkies.«

Mein Kollege Philipp Oehmke hat Doherty besucht.  Der Künstler empfing ihn in fleckigen Badeshorts und Gummilatschen, seine Bewegungen seien langsam und taumelnd gewesen, aber die Augen freundlich. Philipp beschreibt die Szene so:

Nach dem Schwimmen, als wir nass am Strand sitzen, sagt Doherty, er habe noch nicht gefrühstückt. Er schlägt vor, in einem Strandrestaurant mit Plastikspeisekarten zwei Piñas coladas zu bestellen.

Ist das kein Problem, Alkohol für einen Suchtkranken?

Für ihn nicht, sagt Doherty. Er bekomme ja monatlich seine Depotspritze mit Buvidal. Sie bremst nicht nur die euphoriserende Wirkung des Heroins, sie lindert auch Entzugserscheinungen. Und außerdem wisse er ohnehin nicht, ob er so weitermachen wolle.

»Ehrlich gesagt, vermisse ich das Leben als Junkie ein bisschen.«

Wie?

»Ja, das tägliche Ziel. Den Sinn. Die Kameraderie mit den anderen Junkies. Das Suchen nach einer Vene. Es ist wahrscheinlich ein bisschen wie bei Menschen, die im Krieg waren und ihn vermissen, wenn sie wieder zu Hause sind.«

Doherty hat Philipp erzählt, dass er sich frage, ob er ohne Drogen arbeiten könne. Er sagte: »Muss ich also zu Crack und Heroin zurückkehren? Wenn ich in den nächsten fünf Jahren keinen guten Song schreibe: vielleicht. Es wäre dann ein Trade-off: healthy or happy.«

Mich hat die Philipps Reportage berührt. Als Fan wünschte man sich, dass Doherty wieder einen Song wie »Don't Look Back into the Sun« schreibt. Aber bitte nicht um den Preis seines Lebens.

Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen

Was heute nicht ganz so wichtig war

Psychothriller: Regisseur Steven Spielberg, 75, hat sich für seinen neuen Film unter Seelenqualen mit seiner Familienhistorie beschäftigt. Es sei eine »beängstige Erfahrung« gewesen, die manchmal »sehr, sehr schwer zu bewältigen« war, sagte er am Sonntag beim Filmfestival in Toronto. In »The Fabelmans« geht ums Heranwachsen in den Fünfziger- und Sechzigerjahren, um einen Jungen, der sich in das Kino verliebt, aber mit familiären Turbulenzen zu kämpfen hat, um seinen Traum zu verwirklichen. »Es wurde aber eine sehr beängstigende Erfahrung, weil ich versuchte, in einer halbautobiografischen Art und Weise diese großen Erinnerungen zu rekonstruieren. Und zwar nicht nur meines eigenen Lebens, sondern auch des Lebens meiner drei Schwestern, meiner Mutter und meines Vaters«, sagte Spielberg. »Ich konnte bisher immer eine Kamera zwischen mich und die Realität stellen, um mich selbst zu schützen. Das konnte ich bei dieser Geschichte nicht tun.«

Tippfehler des Tages, inzwischen korrigiert: Nach dem Abpiff gegen Gladbach versammelte Streich sein Team auf dem Rasen, um es auf die kommenden Wochen einzustimmen

Cartoon des Tages: Alles nach Plan

Illustration: Thomas Plaßmann

Und heute Abend: Heimlich Trash-TV gucken

Musikerin Sudan Archives

Musikerin Sudan Archives

Foto:

Stefan Gregorowius / RTL

Ich weiß natürlich, dass Sie im TV eigentlich nur Arte, 3sat und die Bundestagsdebatten auf Phoenix gucken, aber sollten Sie beim Umschalten rein zufällig beim »Sommerhaus der Stars« auf RTL vorbeikommen: Bleiben Sie ruhig dran. Meine Kollegin Anja Rützel beschreibt die Sendung so:  »Das ›Sommerhaus‹ ist ein klassisches Zusammenpferch-und-Wegsperrformat, bei dem man sich vorstellen kann, dass Soziologen sich das Schauspiel heimlich unter der Bettdecke anschauen. Es ist laut und oft kaum aushaltbar ordinär, aber es löst momentan vielleicht als einziges Format die Hoffnung ein, dass man bei Sendungen dieser Art tatsächlich etwas über die Menschen lernen kann. Das macht das »Sommerhaus« unterm Strich zum wohl besten Realityformat derzeit.«

Ich wünsche Ihnen einen unterhaltsamen Abend.
Herzlich Ihr Alexander Neubacher

Hier können Sie die »Lage am Abend« per Mail bestellen.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.

Abonnieren bei

Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es zu einem späteren Zeitpunkt erneut.