Die Lage am Freitag Liebe Leserin, lieber Leser,


heute schreibe ich Ihnen zum letzten Mal vor der Bundestagswahl. Und ich muss sagen, diese Wahl ist wirklich verdammt schwer. So schwer wie noch nie, sagen eigentlich alle, mit denen ich über die Wahl rede, Freunde, Kollegen, Familie. Angeblich gibt es ja so viele Unentschiedene wie noch nie, und ich gebe zu, ich bin eine davon. Jedes Mal, wenn ich denke, jetzt habe ich mich entschieden, fallen mir wieder ein Dutzend Gegenargumente ein.

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Heft 36/2017
Der Kampf ums Kanzleramt: Worum es geht. Wer es kann.

SPD, das wäre denkbar gewesen, als Schulz noch der Heilige Martin war, und es die Hoffnung gab, dass es ihm irgendwie gelingen würde, den Schlamassel der Sozialdemokratie zu überwinden, die Partei klar auszurichten, aber dann wollte er erst Rot-Rot-Grün, dann die Ampel und jetzt irgendwie doch wieder GroKo. Geht nicht.

Oder die Grünen mit ihrem blassen Führungsduo, mutlos, nicht der geringste revolutionäre Funke mehr, eine Ökopartei, die noch nicht einmal im Dieselskandal klare Kante zeigt, und dort, wo sie an der Macht ist, zur Industriepartei mutierte? Geht eigentlich auch nicht.

Die Linkspartei, mehr Umverteilung, wäre eigentlich gerecht, aber außenpolitisch geht die Linke eben gar nicht. Und noch einmal Merkel, die Machtmaschine, die Allesumarmerin, die zuletzt im TV-Duell mal eben ihre Türkei-Politik über den Haufen warf, obwohl sie doch angeblich für Kontinuität steht, die alle zu kennen glauben und keiner kennt, die ewige Kanzlerin, wo ich eigentlich dafür wäre, die Amtszeit von Kanzlern auf acht Jahre zu beschränken? Geht doch auch nicht. Und über alle anderen braucht man gar nicht zu reden.

Aber denken Sie jetzt nicht, dass ich am Ende nicht zur Wahl gehe. Das geht überhaupt nicht. Ich werde mich entscheiden.

Bundestagsabgeordnete in der Türkei

DPA

Eigentlich hatte die Reise schon im Juli stattfinden sollen, doch damals stellte sich Ankara quer. Deutsche Abgeordnete aller Fraktionen wollten wie üblich Soldaten der Bundeswehr im türkischen Konya besuchen, von wo aus die Nato den Kampf gegen den IS mit Awacs-Aufklärungsflügen unterstützt. Doch Erdogan verweigerte die Erlaubnis, eine weitere Provokation, nun instrumentalisierte er auch noch die Nato, um seine Wutpolitik gegen Deutschland weiterzutreiben. Die Nato schaltete sich ein, um einen offenen Bruch zu verhindern. Nun findet die Reise heute im Rahmen der Allianz statt. Trotzdem hat der Streit zum ersten Mal ernsthaft die Frage aufgeworfen, wie groß auf Dauer die Toleranz mit Erdogan sein kann in einem Militärbündnis, das sich eigentlich als Wertegemeinschaft versteht.

Historische Stürme

AFP / Nasa / GOES Project

Hurrikan "Irma" tobt über der Karibik, angeblich ist es der schlimmste Wirbelsturm aller Zeiten, aber wussten Sie, dass schon 1928 ein Monstersturm mit 260 Stundenkilometern in Florida 4000 Menschenleben forderte? Die Behörden hatten zu früh Entwarnung gegeben, die Leute waren wieder zur Arbeit gegangen - und ertranken auf ihren Feldern, als der Hurrikan dann doch noch kam. Für SPIEGEL Daily, unsere digitale Tageszeitung, hat mein Kollege Frank Thadeusz aus dem Wissenschaftsressort diese und ähnliche Geschichten zusammengestellt: die schlimmsten Wirbelstürme der Geschichte. Am verheerendsten wütete Hurrikan "Mitch" in Mittelamerika, ihm fielen 19.000 Menschen zum Opfer.

Die jüngsten Meldungen aus der Nacht

Gewinnerin des Tages...

DPA

... ist Renate Künast. Im Sommer 2016 war meine Kollegin Britta Stuff mit ihr unterwegs, um Leute aufzusuchen, die im Netz Hassbotschaften über Künast gepostet hatten. Es entstand eine berührende, manchmal tragikomische Reportage, die sehr viel über Deutschland in diesen Zeiten erzählte. Heute Abend stellt die Grünen-Politikerin in Berlin ihr Buch vor, das sie ausgehend von den Fahrten mit Britta Stuff geschrieben hat: "Hass ist keine Meinung".

"Du ekliges Wesen", "Gesindel", "du dummes Stück grüne Scheiße", solche Hassposts erhält Künast immer noch. Auch der SPIEGEL wird sich in seiner neuen Ausgabe, die heute ab 18 Uhr digital abrufbar ist, mit Wut und Hass in Deutschland beschäftigen. Meine Kollegen haben Kanzlerin Merkel im Wahlkampf in Ostdeutschland begleitet, sie haben mit Mitgliedern und Wählern der AfD gesprochen und sich angeschaut, wer für die Rechtspopulisten in den Bundestag einziehen könnte. Konstantin von Hammerstein, Marcel Rosenbach und Roman Höfner haben außerdem in rechten Netzwerken recherchiert, die im Wahlkampf gezielt Meinungsmache für die AfD betreiben. Sie können zeigen, dass die Rechtspopulisten im Netz von russischen Kanälen und der amerikanischen Alt-Right-Bewegung unterstützt werden.

Ich wünsche Ihnen die richtige Wahl.

Herzlich,

Ihre Christiane Hoffmann



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insgesamt 40 Beiträge
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StefanZ.. 08.09.2017
1. Statistik der schlimmsten Stürme
Wir werden in den kommenden Jahren größte Mühe haben beim Nachbessern der Naturkatastrophen-Statistiken. Sehr viel unnötiges Leid steht uns bevor. Durch unser unverantwortliches Überlasten des Planeten sind wird schon mittendrin in einer Entwicklung, die uns bald Katastrophen in Ausmaßen und Häufigkeiten bringen wird, wie es sie seit der Urzeit der Erde nicht mehr gegeben hat. Was heute in den Nachrichten flimmert ist in dieser Beziehung nur der Anfang.
stefan.p1 08.09.2017
2. Genau wie Frau Hoffmann geht es vielen Wählern
SPD,die Union, die Grünen,die FDP alles das Gleiche - einzig die Linke Unterscheidet sich von den so genannten etablierten Parteien. Und die AfD natürlich. Genau das schlägt sich ja auch in den Wahl Prognosen wieder. Wer also weiter an der Spaltung Deutschland arbeiten lassen will der soll ruhig so wählen wie bei den letzten 3 Bundestagswahlen. Ich werde es nicht tun.
cerberus66 08.09.2017
3.
Aus welchem Grund wäre mehr Umverteilung gerecht? In Deutschland funktioniert die Umverteilung von erwirtschaftetem Einkommen prächtig. Wenn Menschen mit mittlerem Einkommen sich weniger Urlaub lEisen können als ihre Elterngeneration oder wenn heute sich kaum jemand ein neues KFZ leisten kann, dann liegt es vor allem daran, dass die NETTO-Löhne zu gering sind. Mehr Umverteilung von erwirtschaftetem Einkommen bedeutet noch weniger Netto. Das ist das Gegenteil von Gerecht.
peter.hummler 08.09.2017
4.
Zitat von cerberus66Aus welchem Grund wäre mehr Umverteilung gerecht? In Deutschland funktioniert die Umverteilung von erwirtschaftetem Einkommen prächtig. Wenn Menschen mit mittlerem Einkommen sich weniger Urlaub lEisen können als ihre Elterngeneration oder wenn heute sich kaum jemand ein neues KFZ leisten kann, dann liegt es vor allem daran, dass die NETTO-Löhne zu gering sind. Mehr Umverteilung von erwirtschaftetem Einkommen bedeutet noch weniger Netto. Das ist das Gegenteil von Gerecht.
Bleiben sie mal auf dem Teppich .. Noch keine Geneartion vor der heutigen, hatte soviel Urlaub und konnte sich so häufigl Urlaubsreisen überall auf der Wet leisten ..Die Eltern waren 1x im Jahr maximal in Italien oder Österreich .. Mit den KFZ das glieche ., Die heutige Genartion leistet sich doch im Schnitt alle 7 Jahren nagelneue Autos . Die Eltern hatte nicht den Luxus von Leasing oder solche Ratenzahlungen mit den Zinsen über Autobanken wie sie heute üblich sind.. Es wird auch mal Zeit, das wir von diesem Gejammer auf hohem Niveau wieder runterkommen .
keine-#-ahnung 08.09.2017
5. Das Angebot an Parteien ...
... für Journalisten des SPIEGEL ist vielfältig, da kann die Wahl zur Qual werden - Rot! OderGrün? Tiefrot? Da haben es die Wähler, die sich eine Korrektur der fehlerhaften Flüchtlingspolitik der letzten Jahre wünschen, deutlich einfacher ... mein Briefwahlschein ist schon wieder weg :-)
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