Die Lage am Samstag Liebe Leserin, lieber Leser,

vor einer Woche brachte die Kapitänin der "Sea Watch 3" 40 gerettete Flüchtlinge auf die italienische Insel Lampedusa und wurde dort festgenommen. Sie hatte sich über das Verbot, in den Hafen einzulaufen, hinweggesetzt. Im SPIEGEL bringt Carola Rackete im ersten Interview nach ihrer Freilassung das grundlegende Problem der europäischen Flüchtlingspolitik jetzt auf zwei Sätze: "Mein Eindruck war, dass auf nationaler und internationaler Ebene niemand richtig helfen wollte. Die haben die heiße Kartoffel immer weitergereicht, während wir zuletzt noch immer 40 Gerettete bei uns an Bord hatten."

Foto: TILL M EGEN/ SEA-WATCH HANDOUT/ EPA-EFE/ REX

Mein Kollege Frank Hornig, SPIEGEL-Korrespondent in Rom, sprach mit Rackete am Donnerstagmorgen in einem Ort, wenige Autostunden von Palermo entfernt, in dem die 31-Jährige nun darauf wartet, dass weitere Anhörungen vor Gericht stattfinden. Er traf auf eine Frau, "die sehr entspannt und klar war", wie Hornig sagt.

Liest man das Gespräch, so werden die intellektuellen und moralischen Unterschiede zwischen der zur Ikone des zivilen Ungehorsams gewordenen jungen Frau und ihrem mephistophelischen Gegenspieler, dem italienischen Innenminister Matteo Salvini, schnell offenbar. "Komm nicht ins Mittelmeer, um uns auf die Eier zu gehen", pöbelte Salvini vor einigen Tagen. Racketes Sätze hören sich so an: "Salvini ist niemand, dem ich begegnen möchte. Seine Politik verstößt gegen Menschenrechte. Seine Art, sich auszudrücken, ist respektlos, für einen Spitzenpolitiker ist das nicht angemessen."

Im Video: SPIEGEL-Korrespondent Frank Hornig über sein Gespräch mit Carola Rackete

DER SPIEGEL

Die Kapitänin kritisiert auch Bundesinnenminister Horst Seehofer. Er habe wohl "keine Lust" gehabt, die Angebote aus deutschen Gemeinden, die Flüchtlinge bei sich zu beherbergen, anzunehmen.

Wie das Drama um die "Sea-Watch 3" die zynische Migrationspolitik der Europäischen Union offenlegt, darum dreht sich die Titelgeschichte  im neuen SPIEGEL. Es geht also, wenn man so will, um die heiße Kartoffel.

In rund 60 deutschen Städten sollen heute Demonstrationen stattfinden, "für die Rechte von Geflüchteten und gegen Kriminalisierung von Seenotrettung", wie es einer Mitteilung der Organisatoren der "Seebrücke" heißt. Das Thema, lange Zeit aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit verschwunden, ist wieder da. Carola Rackete hat es zurückgebracht.

Feministin Merkel

Ich käme nicht auf die Idee, die Kanzlerin als Feministin zu bezeichnen, und dennoch müsste ich es tun. Denn für ihr Kabinett hatte Angela Merkel einst eine beachtliche Regel eingeführt: Mindestens 50 Prozent der CDU-Ministerposten müssen mit einer Frau besetzt sein. Eine Quote, die selbst sich als progressiv sehende Unternehmen in ihren Führungsebenen selten erreichen.

Foto: Markus Schreiber/ AP

Die Regel will die Kanzlerin auch beibehalten, wenn sie demnächst im Kabinett möglicherweise eine Frau verliert, sollte Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen nach Brüssel wechseln. Dann stünde wohl eine Kabinettsumbildung an, vermutet meine Kollegin Melanie Amann: "Denn in der Union wird davon ausgegangen, dass im Verteidigungsministerium ein Mann auf von der Leyen folgen würde, da jede neue Frau sich an der Vorgängerin messen lassen müsste." Also müsste ein anderes bislang männlich regiertes Ressort eine neue weibliche Spitze akzeptieren.

Das Label der Feministin muss man fairerweise auch der CDU-Parteivorsitzenden Annegret Kramp-Karrenbauer zuteil werden lassen. AKK, so heißt es, will ebenfalls an der 50-Prozent-Regel festhalten. Ein Moment der Einigkeit zwischen Kanzleramt und Adenauerhaus.

Die rechte Selbstzersetzung

Heute kommen in Leinefelde (Thüringen) Hunderte Anhänger des sogenannten Flügels zusammen, einer Gruppe, in der sich die nationalistischen und radikalen Anhänger der AfD unter dem Vorsitz des Thüringer Landeschefs Björn Höcke versammeln. Es ist davon auszugehen, dass sich auch der Verfassungsschutz für das sogenannte Kyffhäusertreffen interessiert, nachdem er den "Flügel" als Verdachtsfall für rechtsextremistische Bestrebungen führt.

Foto: Sean Gallup/ Getty Images

Bei dem Treffen werden AfD-Mitglieder aus Nordrhein-Westfalen fehlen, sie treffen sich zeitgleich auf einem Sonderparteitag, nachdem sich ihr Vorstand zerstritten hat. Das wiederum hat ebenfalls mit Höcke zu tun.

Es gibt ein Video, das vergleicht eine Geste Höckes mit einer von Joseph Goebbels. Es zeigt beide Männer mit erhobenem Zeigefinger. Auch die in Teilen ähnliche Ausdrucksweise der zwei ist Thema in dem Video.

Das Video stammt nicht von einem politischen Gegner der AfD, nicht von der Antifa, es dokumentiert den Vortrag ihres NRW-Landesvorsitzenden, Helmut Seifen. Er ist es, der den Vergleich zwischen Höcke und Goebbels thematisiert und nun ein Problem mit seiner Partei hat. In NRW führt Seifen die Partei in einer Doppelspitze, mit seinem Partner aber hat er sich längst zerstritten. Man geht davon aus, dass es heute Abend nur noch einen Landesvorsitzenden in NRW geben wird.

"The Enemy Within" ist der Titel einer amerikanischen Serie. Er passt gut zur Selbstzersetzung der AfD.

Über die parteiinternen Kämpfe  berichten wir ebenfalls im neuen SPIEGEL.

Gewinnerin des Tages...

...ist für mich Eva Gaal. Sie hat bei einem Vorspiel in der Münchner-Stadtinformation die Mitarbeiter so beeindruckt, dass sie eine Spielerlaubnis als Straßenmusikantin in der innerstädtischen Fußgängerzone bekommen hat. Die Münchner Stadtverwaltung macht es den Straßenmusikanten besonders schwer: Für ihre Lizenz müssen sie zum Vorspielen im Amt vorbeikommen. Eine Geschichte zu diesem reizenden Detail großstädtischer Bürokratie lesen Sie ebenfalls im neuen SPIEGEL oder gleich hier .

Die jüngsten Meldungen aus der Nacht

Die SPIEGEL+-Empfehlungen für heute

Ich wünsche Ihnen ein erholsames Wochenende. Am Montag begrüßt Sie hier mein Kollege Markus Feldenkirchen.

Herzlich

Ihr Martin Knobbe

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