Susanne Beyer

Die Lage am Morgen God Save the Queen

Susanne Beyer
Von Susanne Beyer, Autorin im SPIEGEL-Hauptstadtbüro

Liebe Leserin, lieber Leser, guten Morgen,

heute geht es um die Parallelen zwischen der Spenden- und der Maskenaffäre in der CDU, um den gar nicht so schläfrigen Herrn Biden und die insgesamt doch nützliche britische Monarchie.

Maskenaffäre – Wer übernimmt die CDU?

Affären innerhalb von Parteien markieren das Ende und den Anfang von Karrieren. Die CDU-Spendenaffäre war der Ausgangspunkt der buchstäblich unwahrscheinlichen Karriere von Angela Merkel: Am 22. Dezember 1999 setzte sie sich in einem »FAZ«-Artikel von Helmut Kohl ab, der die Hauptfigur der Spendenaffäre gewesen ist. Ohnehin galt sie als unbescholten, eine solche Figur brauchte man jetzt, sie wurde zur Frau der Stunde und der beiden darauffolgenden Jahrzehnte. Der Fall »Merkel gegen Kohl« war besonders brisant, weil sich hier eine Politikerin von ihrem Mentor distanzierte, weil hier, im Rückblick betrachtet, die beiden großen Figuren der CDU der Nachwendejahrzehnte miteinander kämpften.

Auch wenn Unionsfraktionsvize Gitta Connemann in einem Interview mit der »Neuen Osnabrücker Zeitung« jetzt die damalige Spendenaffäre mit der aktuellen Maskenaffäre in Verbindung bringt, die Verstrickung also von Unionspolitikern in Geschäfte mit dem Kauf von Coronaschutzmasken als »schwerste Krise seit der Spendenaffäre« bezeichnet, ist die Lage diesmal ein wenig anders. Eher kleinere politische Figuren befinden sich im Fokus der Affäre. Und doch wiegt auch die aktuelle Affäre schwer, sie könnte der Partei bei den Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz schaden und somit auf die anderen großen Entscheidungen im Superwahljahr ausstrahlen. Und eine Parallele zur Spendenaffäre gibt es tatsächlich: Wenn auch aus völlig anderen Gründen wächst heute wie damals eine Sehnsucht nach neuen Leitfiguren der Partei. Die altbekannten Protagonisten verschleißen sich gerade im Kampf gegen Corona, die Maskenaffäre trübt die Stimmung ins Tiefdunkle. Damals stand Merkel bereit, um zu übernehmen. Wer aber findet sich jetzt?

Der muntere Herr Biden

Der ehemalige US-Präsident Donald Trump hatte durchaus rednerisches Talent, in seinen irrwitzigen Überzeichnungen schaffte er es immer wieder, ein Grundgefühl zu treffen, deswegen waren seine Polemiken so wirksam. Als er im Wahlkampf Joe Biden als »Sleepy Joe« bezeichnete, war das zwar eine Gemeinheit, traf aber doch eine unter treuen Demokraten verbreitete Sorge, dass Biden es nicht packen könnte.

Gestern hat, nach dem Senat, nun auch das US-Repräsentantenhaus das 1,9 Billionen-Corona-Hilfspaket von Joe Biden verabschiedet. Es sieht Milliarden für Impfungen und Tests, für Steuernachlässe und Schecks für die Bürger vor und gilt nicht nur als großer erster Erfolg des neuen Präsidenten, sondern auch als Beweis, dass dieser nicht so sleepy ist wie befürchtet. Mein Kollege Roland Nelles, Korrespondent in Washington, kommentiert: »Während Trump die meiste Zeit vor allem seine Eitelkeiten pflegte, Kritiker niedermachte und schon kleinste politische Erfolge prahlerisch als Weltsensation zu verkaufen versuchte, redet Biden wenig, arbeitet hart und liefert bereits nach kürzester Zeit beachtliche Ergebnisse«.

Monarchie abschaffen? Lieber nicht.

Die Aufregung um das Interview des Herzogpaares Meghan und Harry  hat sich noch nicht gelegt, sie wird immer größer. Es gäbe noch manches zu dem Interview zu sagen, zum Beispiel, dass es gar kein Interview war, sondern ein durch »Wows« der Moderatorin befeuertes freundschaftliches Gespräch. Im Zentrum der Debatten-Achterbahn steht im Moment jedoch die Frage, ob das Modell der britischen Monarchie sich durch den jüngsten Skandal nun endgültig überlebt habe.

Natürlich ist die Monarchie ein Anachronismus, aber daraus zu folgern, sie gehöre deswegen einfach so abgeschafft, wäre zu einfach. Auch wenn Boris Johnson zurzeit mit seiner energisch vorangetriebenen Impfstrategie die EU beschämt, darf das nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Brexit Großbritannien enorme Lasten auferlegt hat. Johnson ist und bleibt ein Hasardeur, in Nordirland verschärft der Brexit die konfessionellen Spannungen, viele Schotten streben seit dem Brexit hinaus aus dem Königreich. Das Letzte, was die gebeutelten Briten gebrauchen können, ist eine Diskussion über die prinzipielle Berechtigung einer Institution, die – wie auch immer und warum auch immer – das Land gerade noch zusammenhält.

Es gibt in dieser Familie, die die Monarchie repräsentiert, Streit über vieles, was peinlich ist und niemanden etwas angehen sollte, aber es geht eben auch um die gesellschaftspolitisch hochrelevante Frage des Rassismus. Wenn die Familie Wege findet, sich dieser Frage zu stellen, dann würde sie etwas für das ganze Land leisten, das tief durch seine koloniale Geschichte geprägt ist, und würde somit der ihr zugedachten, identitätsstiftenden Vorbildrolle gerecht werden. Konflikte können auch eine Chance sein, wenn man sie denn durchsteht. Die Haltung, die hinter dem Brexit stand – weglaufen, abschaffen, Schluss machen – hat die vorhandenen Probleme jedenfalls nicht gelöst, sondern sie nur noch größer gemacht.

Gewinnerin des Tages…

…ist Judith Rakers. Die Welt der politischen Nachrichten, in der Rakers als »tagesschau«-Sprecherin eine Art Hohepriesterin ist, liegt aus guten Gründen weit entfernt von der Welt der Unterhaltung. Aber zu meinen, es sei weitaus schwieriger, Nachrichten heranzuschaffen, als gute Unterhaltung zu machen, wäre ein Trugschluss. Selbstverständlich entstehen Nachrichten nicht einfach so, sie fußen auf herausfordernden Recherchen, ihre Relevanz aber haben sie aus sich heraus, während »Relevanz« für Unterhaltung gar keine Kategorie ist. Unterhaltung ist nie im eigentlichen Sinne wichtig, dennoch brauchen wir sie, weil Lachen und Weinen zum Leben dazugehören. Gute Unterhaltung herzustellen, ist harte Arbeit.

Judith Rakers nun hatte einen Auftritt in der jüngsten Ausgabe der erstaunlich erfolgreichen ProSieben-Unterhaltungsstaffel »The Masked Singer«. Das Prinzip der Sendung: Prominente singen versteckt unter Kostümen, eine Jury und die Zuschauer müssen raten, wer sich unter der Maske verbirgt.

Das Format ist laut, bunt und ziemlich irre – Rakers jedoch legte, maskiert in einem monströsen Kükenkostüm, einen hinreißend selbstironischen Auftritt hin. Ein seltenes Talent: mit dem nötigen Ernst Nachrichten und dem nötigen Unernst Unterhaltung präsentieren.

Die jüngsten Meldungen aus der Nacht

  • CDU-Generalsekretär befürchtet Imageschaden – Umfrage gibt ihm recht: Der Skandal um Provisionen für Coronamasken erschüttert die Union: CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak erwartet einen Imageverlust seiner Partei. Nun liegen Umfragezahlen vor

  • Elitepolizist in Großbritannien wegen Mordverdachts festgenommen: Zuletzt wurden Leichenteile in Südostengland entdeckt: Sicherheitskräfte haben ein Mitglied einer Sondereinheit der Polizei festgenommen. Er soll mit dem Mord an einer jungen Frau zu tun haben

  • Michelle Obama spricht über Depressionen in der Pandemie: »Ich musste mir eingestehen, was ich durchmache«: Michelle Obama hat in einem Interview über die psychischen Belastungen der Covid-Welle gesprochen – und wirbt für einen offenen Umgang mit Erkrankungen

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.
Merkliste
Speichern Sie Ihre Lieblingsartikel in der persönlichen Merkliste, um sie später zu lesen und einfach wiederzufinden.
Jetzt anmelden
Sie haben noch kein SPIEGEL-Konto? Jetzt registrieren
Mehrfachnutzung erkannt
Bitte beachten Sie: Die zeitgleiche Nutzung von SPIEGEL+-Inhalten ist auf ein Gerät beschränkt. Wir behalten uns vor, die Mehrfachnutzung zukünftig technisch zu unterbinden.
Sie möchten SPIEGEL+ auf mehreren Geräten zeitgleich nutzen? Zu unseren Angeboten