Oliver Trenkamp

Die Lage am Abend Die Rückkehr des Königs

Oliver Trenkamp
Von Oliver Trenkamp, Blattmacher in der Chefredaktion

Guten Abend, die drei Fragezeichen heute:

  1. England's got a new King - Wann wird Charles III. offiziell ausgerufen?

  2. Elizabeth II. auf dem SPIEGEL-Cover - Warum sind die Augen zu?

  3. Lauterbachs Coronapolitik - Was zählt, Fachkompetenz oder Koalitionsräson?

1. Seine Majestät, die Königin, äh, der König

»Eisenhower, Vaccine, England's got a new queen.« Dank meines Kollegen Jens Radü und seiner letzten Elternkolumne (siehe unten »Mein Lieblingstext«) ohrwurmt mich heute Billy Joels musikalische Geschichtsstunde »We Didn't Start the Fire«. Der Song endet leider schon nach 291 Sekunden im Jahr 1989 (hier mehr). Wenn er noch vier Minuten länger laufen würde, könnte er im Jetzt ankommen mit der Zeile: »Mar-a-Lago, Putin, England's got a new King«.

Ja, Charles III. wurde mit dem Tod seiner Mutter automatisch zum König; am Nachmittag kam er aus Balmoral nach London. Aber bei all den protokollarischen Details fällt es schwer, den Überblick zu behalten. Denn offiziell zum König erklärt ihn erst morgen der sogenannte Accession Council, ein dafür einberufener Rat. Die Proklamation wird dann öffentlich verlesen, erst am St.-James-Palast, wofür die auf halbmast wehenden Flaggen wieder nach oben gezogen werden – »in Anerkennung des neuen Souveräns«. Es folgt die Verlesung an der früheren Londoner Börse, ebenso in Edinburgh, Cardiff und Belfast – den Hauptstädten der vier Landesteile. Flaggen wieder runter auf halbmast, Eid schwören, erste Fernsehansprache, solche Sachen. Die Krönung? Kann noch Monate dauern. (Hier der Überblick.)

Bis dahin könnten sich alle an seinen Titel gewöhnt haben. Bei der BBC verhaspelte sich ein Moderator gestern noch, die Clips geistern durchs Netz: »His Majesty the Queen.« Ein Kollege twitterte : Herr Bundeskanzlerin. Ich find's entschuldbar, was sind schon 16 Jahre Merkel gegen 70 Jahre Elizabeth?

2. Die Queen im SPIEGEL

Als mein Kollege Jörg Schindler 2017 nach London zog, interessierte er sich kaum für die Queen. »Aber von Jahr zu Jahr faszinierte sie mich mehr«, sagt er. Sie wurde in einem politisch zerrissenen Land zwischen Brexit und Boris Johnsons Kapriolen zum »letzten un­angefochtenen Pfeiler der Nation«. Aus Jörgs Text spricht deshalb mehr als nur Respekt vor einer Jahrhundertfigur, den Nachruf auf die Queen nennt er: eine Verbeugung. (Hier finden Sie ihn .)

Für meine Kollegin Patricia Dreyer war die Queen Inspiration unzähliger Texte. Die Königin ertrug sämtliche Irrwege ihres großen Clans, überlebte Moden und Trends, lächelte sich durch Krisen und Katastrophen – und wurde so schon zu Lebzeiten unsterblich. »Hätte sie eitle Ideen von sich selbst als Super-Queen gehabt, hätte das Ganze auch schiefgehen können«, sagt Patricia. »Aber sie war völlig uneitel, geerdet. Dass sie Sinn für Humor hatte, muss in ihrem Job enorm geholfen haben.« Wie hat die Queen es ausgehalten, ständig präsent zu sein? Drei Eigenschaften halfen. (Hier die ganze Geschichte .)

Fotostrecke

Die Queen auf dem SPIEGEL-Cover

Ein Blick ins Archiv zeigt: Der SPIEGEL zeigte Elizabeth Windsor deutlich seltener auf dem Cover, als ich erwartet hätte. (Hier geht's zur Übersicht.)

  • Zwar war ihre Hochzeit 1947 Titelthema (»Meine Wahl ist Philip«) und ihr Bonn-Besuch 1965, nicht aber ihre Thronbesteigung 1952 oder ihre Krönung 1953, dafür ihr 50. Thronjubiläum 2002.

  • Nach dem Thatcher-Wahlsieg 1979 hängt ein Queen-Bild im Hintergrund, nach dem Brexit-Votum 2016 sind sie und Philip zu sehen, wie sie aus dem europäischen Sternenkranz schlurfen.

  • Dazu kommen ein paar Titelgeschichten zur »Skandal-Monarchie«: »Königliches Tollhaus« (1982), »Circus Krone« (2011) und die »Drama Queen« (2020).

Für das aktuelle Titelbild haben wir uns für das weltberühmte Bild »The Lightness of Being« des Fotografen Chris Levine aus dem Jahr 2004 entschieden. Es zeigt Elizabeth II. mit geschlossenen Augen in einem ganz besonderen Moment. Meine Kollegin Carola Padtberg hat die Geschichte des Fotos recherchiert. »Um Queen Elizabeth auf die Sitzung einzustimmen, habe er im Gelben Salon des Buckingham Palace Räucherstäbchen angezündet und habe mit Meditationstechniken gearbeitet, berichtete Levine einige Jahre später«, schreibt Carola. »Er habe die Queen gebeten, sich auf ein Kruzifix aus ultraviolettem Licht zu konzentrieren. Die Stimmung sei ›surreal‹ gewesen.«

3. Lauterbachs Mission Impossible

»Offen gesagt: Ich habe ja einen einigermaßen schwierigen Job. Viele wollen von Corona nichts mehr hören. Wir haben gerade in der Regierung ganz andere Probleme.« Sagt Karl Lauterbach.

Und meine Kollegin Milena Hassenkamp, die den Gesundheitsminister immer wieder spricht und begleitet, sagt: »Wer wissen will, wie wichtig Coronapolitik der Bundesregierung gerade noch ist, musste bei der Debatte des Infektionsschutzgesetzes gestern nur auf die Regierungsbank gucken.« Kaum ein Minister, kaum eine Ministerin verfolgte die Debatte persönlich.

Immerhin kam Justizminister Buschmann von der FDP, um ein paar Worte zum Kompromiss zu verlieren – die klangen allerdings ganz anders als die Rede Lauterbachs. Maske trug aber kaum einer, außer natürlich Lauterbach.

»Er weiß selbst, wie allein er gerade mit seinem Kurs ist«, sagt Milena. »Lauterbach muss etwas verteidigen, was ihm sehr wichtig ist – den Schutz der Bevölkerung – was aber immer weniger Menschen noch hören wollen.« Einst einer der beliebtesten Politiker Deutschlands, versprach Lauterbach eine Politik nach dem Stand der Wissenschaft. Inzwischen ist er in der Realpolitik angekommen.

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Podcast Cover
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Nachrichten und Hintergründe zum Krieg in der Ukraine:

  • Wahlkampf mit Putin: »Ich zahle nicht«: Die Italiener leiden unter den hohen Energiepreisen – und schon stichelt Rechtspopulist Matteo Salvini gegen die Russlandsanktionen. Dahinter steckt wohl eine genau kalkulierte Taktik. 

  • Russlandreisende im Visier von Putins Agenten: Druck, Erpressung, »Kompromate« – Laut einem internen Papier der Spionageabwehr versuchen russische Geheimdienste verstärkt, deutsche Staatsbürger abzuschöpfen.

  • »Militärisch ist Russland nicht zu schlagen, es sei denn, wir machen den dritten Weltkrieg«: Kann die Ukraine den Krieg gewinnen? Gregor Gysi zeigt sich skeptisch. Im Spitzengespräch streitet der Linkenpolitiker mit Michael Roth von der SPD über Russland – und Entlastungen in der Krise. Die Highlights im Video.

  • Hier finden Sie alle aktuellen Entwicklungen zum Krieg in der Ukraine: Das News-Update

Was heute sonst noch wichtig ist

Mein Lieblingstext heute: Die Elternkolumne

»Liebe Leser:innen, als ich im Januar 2011 Vater wurde, war unser größtes Problem die Eurokrise. Haha. Was seitdem passiert ist, liest sich wie die sechste Strophe von Billy Joels ›We Didn't Start the Fire‹: Fukushima, Rekordhurrikane, Klimakoller, Corona, Ukrainekrieg, Globalkatastrophen im Zeitraffer.«

So beginnt mein Kollege Jens Radü seine Elternkolumne, die er heute nach sieben Jahren leider zum letzten Mal schreibt. Nicht, weil er keine Lust mehr hat auf neue Folgen. Das wäre selbst beim SPIEGEL keine ausreichende Begründung, auch wenn mein Kollege Stefan Weigel das möglicherweise anders sieht. Jens fürchtet einfach, sich zu wiederholen.

Zum Abschied listet er noch einmal die schönsten Kinderwort-Neuschöpfungen und -Verdrehungen auf, die Leserinnen und Leser ihm zugeschickt haben: »Achselschorle« zum Beispiel, »Pornflakes« oder »Bambi Goreng«. Schön auch: »Mama, ich glaub, ich hab eine allergische Erektion!«. »Klopibär«, »Torbart«, »Salamiklaus«, »Trottelini« und »Hafersocken«.

Und er gibt seinen Leserinnen und Lesern einen simplen, aber guten Tipp und zwei Gedanken mit auf den Weg. Sie finden all das hier .

Danke für den Ohrwurm, Jens. Und für all die Kolumnen. (Hier die Übersicht.)

Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen

  • Wie ein deutscher Rüstungskonzern das Embargo gegen Saudi-Arabien austricksen konnte: Die Hensoldt AG aus Bayern bahnte trotz Sanktionen reihenweise Geschäfte mit dem Königreich an, auch für den Geheimdienst. Pikant: Dem Bund gehört ein Viertel des Unternehmens.

  • Selbst bei nur 1,5 Grad Erwärmung könnten Kipppunkte überschritten werden: Verändern sich bestimmte Regionen der Erde wie der Eisschild Grönlands unwiderruflich, drohen Dominoeffekte. Pessimistische Szenarien werden immer wahrscheinlicher, selbst bei Einhaltung des Pariser Klimaabkommens .

  • Warum Apple den iPhone-Preis in die Höhe treibt: In den USA wirbt Apple mit einem iPhone 14 ab 799 Dollar, in Deutschland werden mindestens 999 Euro fällig. Liegt das nur am schwachen Euro? Wirtschaftsexperten haben eine andere Vermutung. 

  • Der Amerikaner, der zum Gesicht des Turniers wird: Die große Tennisnation USA wartet seit fast 20 Jahren auf einen Grand-Slam-Sieger. Nun steht Frances Tiafoe erstmals im Halbfinale der US Open und erobert das Publikum – nicht nur wegen seiner sportlichen Qualitäten. 

Was heute weniger wichtig ist

Foto:

Robert Gillies / AP

Sonnenuntergangsstimmungskanone: Elton John, 75, der sich »Sir« nennen darf, seit die Queen ihn 1998 zum Ritter schlug, hat ein Konzert in Toronto gestern unterbrochen, nachdem der Tod der Monarchin bekannt geworden war, und dann mit »Don't Let the Sun Go Down on Me« einen seiner größten Hits für sie gesungen. Er rief: »Wir feiern ihr Leben heute Abend mit Musik.«

Tippfehler des Tages, inzwischen korrigiert: »James Cameron initiierte das Brexit-Referendum.«

Cartoon des Tages: Knopf

Illustration: Chappatte

Und am Wochenende?

Könnten Sie einer Empfehlung meines Kollegen Andreas Borcholte folgen und das Album »Natural Brown Prom Queen« der R&B-Revolutionärin und Violinistin Sudan Archives hören. Ein »furioses und sehr eigensinniges Gegenstück zu Beyoncés Empowerment-Meilenstein ›Lemonade‹«, findet Andreas.

»Violinistin Sudan gehört zu einer Reihe junger US-Künstlerinnen, die R&B und Hip-Hop mit Afrobeat, Funk-Grooves und schroffen Elektronikeinflüssen mischen«, sagt er. »Mit visuell umwerfenden Videoclips und ihrem neuen Album macht die Indie-Musikerin jetzt eindrucksvoll ihren Popstar-Anspruch geltend.« (Hier die ganze Rezension.)

Ihnen erholsame Tage. Herzlich
Ihr Oliver Trenkamp

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