Die Lage am Samstag Liebe Leserin, lieber Leser,


wir sind ja so abgelenkt, es ist ja so viel los. Dieser Trump schon wieder! Er sagt etwas, und wir regen uns auf. Während sich der Westen gebannt mit sich selbst beschäftigt, steigt China zur Weltmacht Nummer eins auf. Genau genommen ist "aufsteigen" schon längst nicht mehr das richtige Wort, wie die Titelgeschichte unseres neuen Hefts zeigt. China ist da, wo es sein will. Vor 200 Jahren hatte Napoleon geschrieben: "China ist ein schlafender Riese. Lasst ihn schlafen. Denn wenn er aufwacht, wird er die Welt bewegen." Aufwachen und sich den Herausforderungen aus China stellen, das ist jetzt die Aufgabe des Westens. Deswegen ist die Titelzeile des neuen SPIEGEL ein Weckruf an den Westen auf Chinesisch: Xing lai!

Im Video: SPIEGEL-Korrespondent Bernhard Zand über die rasende Entwicklung Chinas und das Zusammentreffen von Donald Trump und Xi Jinping.

DER SPIEGEL

Identität und Abgrenzung

Titelbild
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Heft 46/2017
*AUFWACHEN! Warum China schon jetzt Weltmacht Nr. 1 ist - ein Weckruf für den Westen

Man muss im Journalismus auch mal etwas zurücknehmen können: Also nehme ich hiermit zurück, zwar nicht vollumfänglich, aber in Teilen, was ich im Absatz zuvor geschrieben habe: Der Westen ist mit sich selbst beschäftigt, ja. Und manchmal auch zu sehr - unnötig mit Unnötigem. Aber zurzeit passiert tatsächlich jeden Tag Einschneidendes, womit wir uns eben doch und unbedingt beschäftigen müssen (und einschneidend ist, dies nur nebenbei, natürlich die Präsidentschaft Trumps).

Harvey Weinstein
imago/ Pacific Press Agency

Harvey Weinstein

Seit Anfang Oktober die Übergriffe des US-Filmproduzenten Harvey Weinstein bekannt wurden, ist im Westen eine Debatte darüber entstanden, wer was wann darf - oder eben auch nicht. Und das passiert nicht zufällig hier und jetzt. Wir leben in einer Art Zwischenzeit, in der sich Rollenbilder und gewohnte Grenzen auflösen, die Bilder und Grenzen sich aber noch nicht neu zusammengesetzt haben. Und auch das ist einschneidend. Rollenbilder und Grenzen geben Orientierung und bestimmen somit wesentlich unser Denken. In einer Zwischenzeit zu leben, das kann aufregend und schön sein, Rollenbilder neu zu definieren, das ist eine große Chance für jeden Einzelnen. Chancen und eine neue Komplexität können aber auch Angst machen, eben weil die Orientierung fehlt. Die politischen Auswirkungen sehen wir: Populisten greifen Ängste auf, befeuern sie und feiern Erfolge, weil sie Lösungen aufzeigen, die allzu einfach sind. Siehe Trump, siehe AfD. Ängste, die da sind, für unberechtigt zu halten, das führt aber auch zu nichts. Das beste Mittel gegen die Angst vor dem Neuem ist die Auseinandersetzung mit dem Neuen.

Im Europaparlament
Seeger, EPA-EFE, Rex, Shutterstock

Im Europaparlament

In unserem Heft haben wir uns in diversen Stücken mit der Frage nach Rollenbildern und Grenzen auseinandergesetzt. Peter Müller, unser Korrespondent in Brüssel, beschreibt, wie die Europaabgeordneten politisch um Frauenrechte ringen, einige von ihnen sich gleichzeitig aber selbst den Sexismusvorwurf gefallen lassen müssen. Georg Diez, der im Kulturressort arbeitet, erzählt am Beispiel des Schauspielers Kevin Spacey, wie das Hollywoodsystem aus Macht und Missbrauch auch schwule Sexualität betrifft. Maren Keller aus dem Gesellschaftsressort geht in einem großen Stück der Frage nach, wie US-Amerikanerinnen mit den Frauen- und Männerbildern umgehen, die Donald Trump in die Welt setzt. Claudia Voigt und Tobias Becker aus dem Kulturressort haben die Psychologin Sandra Konrad über weibliche Sexualität befragt. Konrad behauptet, dass viele Frauen ihre Lust noch immer der Lust des Mannes unterordnen und sich ihrer eigenen Grenzen zu wenig bewusst sind.

Um Identität und Abgrenzung geht es auch bei der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts, ein drittes Geschlecht einzuführen. Intersexuelle sollen sich künftig entscheiden dürfen: männlich, weiblich - oder für ein "weiteres Geschlecht". Mit diesem speziellen Thema befasst sich der Leitartikel im neuen Heft und ein weiteres Stück, das die biologischen, ethischen und juristischen Aspekte erklärt.

40 Jahre Deutscher Herbst

Darf ich Sie noch auf eine Veranstaltung unserer SPIEGEL-live-Reihe hinweisen? Kommenden Dienstag im Kino Babylon in Berlin in Kooperation mit radioeins. Das Thema: 40 Jahre Deutscher Herbst. Es diskutieren unter anderem die Publizistin Carolin Emcke und die Ex-RAF-Terroristin Silke Maier-Witt. Unter den Lesern der Lage verlosen wir dreimal zwei Freikarten. Wenn Sie dabei sein möchten, schicken Sie eine Mail bis Montag, 12 Uhr, an julia.parker@spiegel.de. Ansonsten gibt es Karten an der Abendkasse oder über unsere Veranstaltungsseite www.spiegel-live.de.

Gewinner des Tages...

Christian Lindner
Olaf Blecker/ DER SPIEGEL

Christian Lindner

ist, es hilft ja nichts, Christian Lindner. Es ist sicher nicht gut, einen so jungen Mann zu oft zum Sieger zu erklären, aber jetzt muss es einmal sein. Im SPIEGEL-Gespräch im neuen Heft stellt er seinen Verhandlungspartnern Kompromisse in Aussicht. Da Deutschland trotz aller Schwierigkeiten, die Jamaika mit sich bringen wird, ja nun endlich mal eine handlungsfähige Regierung braucht, ist es gut, wenn die Zeit des Pokerns vorbeigeht. "Aus Jamaika kann etwas werden", sagt er. Na also.

Hier finden Sie die Nachrichten der Nacht:

Ihnen eine spannende Lektüre und ein schönes Wochenende,

Ihre

Susanne Beyer

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insgesamt 5 Beiträge
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derjulian 11.11.2017
1. Guter Beitrag
Schöne Kolumne Robin, aber mir fehlt deine Liveberichterstattung
niska 11.11.2017
2.
Genau wegen diesem prinzipientreuen Pragmatismus, der auch über den Tellerrand schauen kann, wurde die FDP gewählt. Wir sind Demokraten, wir brauchen eine demokratische Regierung. Da hilft es nichts, wenn alle Parteien auf Maximalforderungen beharren. Es sind auch Kompromisse möglich, ohne den Wesensgehalt der eigenen Parteilinie aufzugeben.
Worldwatch 11.11.2017
3. Knapp 513 Mio. Einwohner Gesamt EU ...
... geschätzt, versus >1.300Mio. Einwohner in China, plus Greater China mit rd. 25 Mio. Einwohner (Taiwan, u.Nachbarländer). Nun sein wir einmal ganz unverschämt, arrogant und rotzfrech, und kolportieren realitätsfern weniger Leistungsfähigkeit und Wettbewerbsfähigkeit der Masse, gegenüber Europa; dann steht dem Europäer immer noch weit mehr als ein doppelter Bevölkerungsanteil als Mitbewerber gegenüber. Aber China gibt Gas, teils Vollgas, auf den Ausbildungs- und Entwicklungssektoren high-tech, Naturwissenschaften, EE, etc.pp.. Während sich EU, Europa im Kleinklein und Firlefanz genüsslich-gemütlich einrichtet, und den Anschluss wie auch seine ehemaligen Wettbewerbsfähigkeiten sukzessive verliert. Schlimmer noch, aufgibt.
mimas101 11.11.2017
4. Hmm Tja
China wird bei weitem überschätzt. Ca. 1,4 Mrd Chinesen verteilen sich zu gut 90 % auf einem Gebiet von 7% Chinas und dort wird auch noch der fast vollständige Feldbau betrieben. Der Rest des Reichs der Mitte ist Wüste und Hochgebirge. Die Chinesen leben von der Gier des Westens, mittlerweile auskömmlich. 1,4 Mrd Chinesen wollen alle ein Auto, TV und Kaffeemaschine. Nicht zu vergessen bundesdeutsche Milch für das zumindest 10fache des hiesigen Preises. Was tut da die westliche Industrie? Sie hat nix eiligeres zu tun als Joint-Ventures mit China zu gründen auf das der Rubel rollen möge. Für die Chinesen ist's praktisch: Da gibt es auch gleich kostenlosen Wissenstransfer obendrein und erklärt dem Westen dann eher rotzfrech: "Wir kupfern ab weil wir, die älteste und höchststehende Kulturnation der Erde, dem Westen höchsten Respekt zollen". Und natürlich Stipendien für chinesische Studierende auf das sie im Westen ausgebildet werden mögen. Auch davon dürfte China leben. Und das wäre noch nicht alles: China *war* mal die Werkbank für den Westen. Dort ließ man produzieren weils billig war. Wer weiß welches Werkstück plötzlich abends nicht mehr auf der Werkbank lag... Mittlerweile aber zieht die Industriekarawane weiter, nach Vietnam. Grund: Die chinesischen Löhne sind bereits zu hoch für die zusammengelogenen Gewinne und Renditeerwartungen an den Börsen. Und man darf nicht vergessen: Der chinesische Wohlstand gründet auf einer immensen Verschuldung gerade der Endkonsumenten. Wer weiß wie lange das noch gutgeht. Und da wäre noch: China ist ein Vielvölkerstaat der nur durch die chinesische Sprache zusammengehalten wird. Und hin und wieder kracht es dort auch. Wer weiß wann ein chinesischer Frühling kommen wird oder wie China in 10 oder 20 Jahren da stehen wird? Trotzdem, der Westen sollte sich auf seine eigenen Fähigkeiten besinnen und nicht gedankenlos alles outsourcen. Wieso können wir nicht einen Kramladen a la Nil in Südamerika hochziehen, ein eigenes OS für PCs entwickeln pp usw usf? Haben wirs verlernt oder reicht es uns mittlerweile aus irgendwo was zusammenzukaufen und dann irgendwann mal aufzuwachen und dann über die selbstgestrickten Abhängigkeiten zu jammern?
hansriedl 12.11.2017
5.
Zitat von mimas101China wird bei weitem überschätzt. Ca. 1,4 Mrd Chinesen verteilen sich zu gut 90 % auf einem Gebiet von 7% Chinas und dort wird auch noch der fast vollständige Feldbau betrieben. Der Rest des Reichs der Mitte ist Wüste und Hochgebirge. Die Chinesen leben von der Gier des Westens, mittlerweile auskömmlich. 1,4 Mrd Chinesen wollen alle ein Auto, TV und Kaffeemaschine. Nicht zu vergessen bundesdeutsche Milch für das zumindest 10fache des hiesigen Preises. Was tut da die westliche Industrie? Sie hat nix eiligeres zu tun als Joint-Ventures mit China zu gründen auf das der Rubel rollen möge. Für die Chinesen ist's praktisch: Da gibt es auch gleich kostenlosen Wissenstransfer obendrein und erklärt dem Westen dann eher rotzfrech: "Wir kupfern ab weil wir, die älteste und höchststehende Kulturnation der Erde, dem Westen höchsten Respekt zollen". Und natürlich Stipendien für chinesische Studierende auf das sie im Westen ausgebildet werden mögen. Auch davon dürfte China leben. Und das wäre noch nicht alles: China *war* mal die Werkbank für den Westen. Dort ließ man produzieren weils billig war. Wer weiß welches Werkstück plötzlich abends nicht mehr auf der Werkbank lag... Mittlerweile aber zieht die Industriekarawane weiter, nach Vietnam. Grund: Die chinesischen Löhne sind bereits zu hoch für die zusammengelogenen Gewinne und Renditeerwartungen an den Börsen. Und man darf nicht vergessen: Der chinesische Wohlstand gründet auf einer immensen Verschuldung gerade der Endkonsumenten. Wer weiß wie lange das noch gutgeht. Und da wäre noch: China ist ein Vielvölkerstaat der nur durch die chinesische Sprache zusammengehalten wird. Und hin und wieder kracht es dort auch. Wer weiß wann ein chinesischer Frühling kommen wird oder wie China in 10 oder 20 Jahren da stehen wird? Trotzdem, der Westen sollte sich auf seine eigenen Fähigkeiten besinnen und nicht gedankenlos alles outsourcen. Wieso können wir nicht einen Kramladen a la Nil in Südamerika hochziehen, ein eigenes OS für PCs entwickeln pp usw usf? Haben wirs verlernt oder reicht es uns mittlerweile aus irgendwo was zusammenzukaufen und dann irgendwann mal aufzuwachen und dann über die selbstgestrickten Abhängigkeiten zu jammern?
Und man darf nicht vergessen: Der chinesische Wohlstand gründet auf einer immensen Verschuldung gerade der Endkonsumenten. Wer weiß wie lange das noch gutgeht. Wie sieht es mit den Schulden im Euroland aus? Laut Eurostat stieg die Verschuldungsquote der Euro-Zone gemessen am Bruttoinlandsprodukt (BIP) 2014 auf 91,9 Prozent bzw. rund 9,3 Billionen Euro. Ein Jahr zuvor wurde mit 90,9 Prozent erstmals die 90-Prozent-Marke überschritten. In der gesamten EU liegt der Schuldenstand mit 86,8 Prozent leicht tiefer - im Vergleich zu 2013 (85,5 Prozent) wurde aber auch hier ein deutlicher Anstieg verzeichnet. Sowohl im Euro-Raum wie auch in der gesamten EU zeigt die Schuldenkurve jedenfalls seit Jahren nach oben. Zum Vergleich: 2011 war der Euro-Raum im Schnitt noch mit 85,5 Prozent und die gesamte EU mit 80,9 Prozent verschuldet. Zu Glück gibt es Draghi, den Retter der EU.
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