Oliver Trenkamp

Die Lage am Abend Die glorreichen 19 gegen Covid

Oliver Trenkamp
Von Oliver Trenkamp, Blattmacher in der Chefredaktion
Von Oliver Trenkamp, Blattmacher in der Chefredaktion

Guten Abend, die drei Fragezeichen heute:

  1. Lauterbachs Corona-Expertenrat – Wer berät künftig die Regierung?

  2. Hass in der Hosentasche – Warum bekommt die Politik Telegram nicht in den Griff?

  3. Großbritanniens Premier – Sollte man auf Johnsons Rücktritt wetten?

1. 19 gegen Covid

Der Gelehrtenkreis mit dem offiziellen Titel »Expertengremium zur wissenschaftlichen Begleitung der Covid-19-Pandemie« hat heute seine Arbeit aufgenommen. Beim Auftakt sollte es darum gehen, wie die Mitglieder zusammenarbeiten sollen und wollen. Als Student jobbte ich vor Ewigkeiten in der Univerwaltung; nie hätte ich mir träumen lassen, dass so etwas mal zur Nachricht des Tages wird: Anderthalb Dutzend Fachleute, darunter viele Professorinnen und Professoren, schalten sich zu einer Videokonferenz zusammen, um Geschäftsordnungsfragen zu klären. (Hier mehr dazu.)

Aber im zweiten Coronajahr wird so eine Runde vom Bundeskanzler eröffnet. Zeitungen, Websites, Sender berichten wie über die Mannschaftsaufstellung vor der EM: Wer kommt in den Kader, wer nicht? Gibt es Animositäten, Geläster, Streit? Wer hat welche Stärken und Schwächen? Nein, ein Panini-Sammelheft gibt es noch nicht. Aber es kann nicht mehr lange dauern, bis auf den Schulhöfen und in Redaktionsräumen zu hören sein wird: Tausche drei Streecks und zwei Mertense gegen einen Drosten. Ich hab zwei Priesemanns, mir fehlt aber noch eine Brinkmann. Und in jedem Päckchen findet sich garantiert mindestens ein Lauterbach.

Die Runde soll möglichst im Konsens Empfehlungen abgeben, zu Omikron noch vor Weihnachten. Wenn es gut läuft, basiert die Coronapolitik also künftig auf fundierten wissenschaftlichen Erkenntnissen und weniger auf gefühlten Wahrheiten. Und wenn es schlecht läuft, kann der Kanzler sich immer noch darauf berufen: Seine Regierung habe nur umgesetzt, was sein Gesundheitsminister und »die Wissenschaft« ihm empfohlen hätten. Eine Mauer, würde man im Fußball sagen.

Oh, da kommt die Eilmeldung, dass der Bund zu wenig Impfstoff für die Boosterkampagne bestellt hat .

2. Darknet für die Hosentasche

Nach gewalttätigen Übergriffen bei »Querdenker«-Demonstrationen in den vergangenen Tagen fordert der niedersächsische SPD-Innenminister Boris Pistorius die Internetkonzerne Apple und Google auf, den Messenger-Dienst Telegram aus ihren App-Stores zu entfernen. »Was in den Telegram-Gruppen und -Kanälen passiert, widerspricht in jeder Hinsicht den Compliance-Richtlinien von Apple und Google«, sagt Pistorius im Gespräch mit meinem Kollegen Hubert Gude. »Wir müssen dringend mit ihnen sprechen und sie überzeugen, Telegram nicht mehr zu vertreiben.« (Hier das ganze Interview. )

Es stimmt ja: Über Telegram werden nicht nur Demos organisiert, sondern auch Straftaten begangen und geplant, öffentlich einsehbar. Hasskommentare, die die Grenzen der Meinungsfreiheit überschreiten, sind in der App leicht zu finden; Gewaltaufrufe gegen Politiker und Wissenschaftlerinnen gibt es ebenfalls, genauso wie Anleitungen zum Waffenbau. »Ein Darknet für die Hosentasche« nennen es Experten wie mein Kollege Max Hoppenstedt: »Bei Extremismusforschern hat die App den Beinamen Terrorgram bekommen.« Gerade bei Rechtsextremen sei das Netzwerk beliebt, weil die Plattform, anders als Facebook, Twitter oder Instagram, nur in seltenen Ausnahmefällen Inhalte löscht.

Was Pistorius vorschlägt, würde immerhin verhindern, dass Nutzerinnen und Nutzer die App neu auf ihren Telefonen installieren könnten. »Doch all diejenigen, die Telegram bereits auf ihren Smartphones haben, könnten dort weiter kommunizieren«, schreibt Max: »Möglicherweise könnten sie allerdings später nicht mehr ohne Weiteres Updates beziehen.« Hinzu komme, dass Telegram bereits jetzt eine Desktop-Anwendung anbietet, die unabhängig von den App-Stores von Apple und Google funktioniert. »Dennoch würde eine Sperrung durch Apple und Google Telegram durchaus treffen und könnte das Wachstum der App bremsen.«

3. Bye-Bye Boris?

»Fast auf den Tag genau zwei Jahre nach seinem glorreichen Wahlsieg wirkt der Polit-Entertainer Boris Johnson in diesen Tagen wie ein Feuerspucker, dem der Sprit ausgegangen ist«, schreibt mein Kollege Jörg Schindler, unser London-Korrespondent. »Da sprühen keine Funken mehr, da züngeln keine Flammen, da steigt nur noch kalter Rauch auf über Downing Street. Und die Liebe seiner eigenen Partei, die ja immer schon eine Hassliebe war, sie erkaltet zusehends.«

Ist die Show also bald vorbei? »Man sollte nicht darauf wetten«, meint Jörg.  Dabei hätten in normalen Zeiten allein schon die Ereignisse der vergangenen Tage für mehrere Rücktritte oder Rauswürfe gereicht. Da wird bekannt, dass in Downing Street im Lockdown-Advent 2020 wohl mehrfach feucht-fröhlich gefeiert wurde, während alle anderen Bewohner des Königreichs zu maximalem Abstand verdonnert waren.

Dann sagt der Premierminister, der im Partyhauptquartier lebt und nächtigt, er wisse von nichts. Als ein kompromittierendes Video auftaucht, zeigt er sich empört und ordnet eine interne Untersuchung an. Zu deren Gegenstand wird er schließlich selbst, als plötzlich ein Foto publik wird, das ihn neben weihnachtlich geschmückten Mitarbeitern bei einem offenbar nicht ganz gesetzestreuen Quiz in seinem Amtssitz zeigt.

Und das ist nur eine kleine Auswahl. »Blickt man zurück auf die vergangenen Monate und Jahre, ergibt sich das Bild eines selbst ernannten Brückenbauers, der dank seines pinocchiohaften Verhältnisses zur Wahrheit längst eigennäsig einen Holzsteg nach Nordirland errichten könnte«, schreibt Jörg.

Dennoch: Ein Rücktritt oder Sturz ist unwahrscheinlich. Die Tories könnten sich wohl nicht auf eine Nachfolgerin oder einen Nachfolger einigen. Und die Briten wussten ja, wen sie da wählen: »Johnson selbst hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass er nur eine Moral kennt: seine«, schreibt Jörg. »Er war immer der nackte Kaiser, der den Gaffern vom Podest aus zuruft: Seht her, ich habe keine Kleider an.«

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Was heute sonst noch wichtig ist

  • Ukrainischer Präsident beschuldigt Deutschland, Waffenlieferungen zu verhindern: Die westliche Diplomatie reicht aus Sicht des ukrainischen Präsidenten Selenskyj nicht aus, um den russischen Aufmarsch an der Grenze zu unterbinden – also brauche es Waffen. Doch ausgerechnet Deutschland stelle sich quer.

  • Verteidigung sieht keine Beweise für Auftragsmord: Vadim Krasikov soll in Berlin im Auftrag russischer Stellen einen Mann ermordet haben. Die Verteidigung des Angeklagten sieht die Vorwürfe nicht als erwiesen an. Das Urteil soll noch in dieser Woche fallen.

  • Forscher schlagen 20.000 Euro »Grunderbe« für Jugendliche vor: Die Vermögen in Deutschland sind ungleich verteilt. Um das zu ändern, präsentieren Ökonomen jetzt eine ungewöhnliche Lösung: Teenager könnten Startkapital vom Staat erhalten – finanziert über höhere Vermögenssteuern.

  • Fox-News-Moderatoren schickten flehentliche Nachrichten an Trumps Stabschef: »Er zerstört sein Vermächtnis«: Laut einem Bericht der »New York Times« versuchten drei prominente Moderatoren des Senders Fox News, auf den damaligen Präsidenten Trump einzuwirken, als dessen Anhänger das Kapitol stürmten.

Meine Lieblingsgeschichte heute: Toy Toy Toy

Foto: Léa Jones / Stocksy United

Für mich war er als Kind das Paradies, als Erwachsener ist es die Vorhölle: der Spielzeugladen. Ausgerechnet in der Vorweihnachtszeit hat sich nun meine Kollegin Maren Keller freiwillig in einen begeben, um aus nächster Nähe zu beobachten, wie Eltern auf die Jagd gehen nach Schlafpuppen, die in Liegeposition die Augen schließen, und nach Lego-Bausätzen, die sich zum Millennium-Falken aus »Star Wars« zusammensetzen lassen.

»Kaum eine Kundin oder ein Kunde sorgt sich darum, ob das Kind überfordert sein könnte«, sagt Maren, »die Verkäuferin meint aber bei vielen Kunden eine große Angst davor zu spüren, das Kind zu unterfordern.« Dabei laufe da draußen mit großer Wahrscheinlichkeit keine Generation von Genies herum.

Den Spielzeugladen ihrer Wahl kennt Maren gut, sie hat dort selbst schon viele Geschenke gekauft. Während der Recherche hat sie aber zum ersten Mal das Büro des Inhabers gesehen und wurde nicht enttäuscht: Neben Schreibtischen und Computern steht dort ein Plüsch-Einhorn, das größer als ein Shetlandpony ist. Das Einhorn, hat sie gelernt, hat keinen Platz im Lager und wartet deshalb stets im Büro auf seinen nächsten Schaufenstereinsatz.

Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen

Was heute weniger wichtig ist

Déjà-vu: Lauterbach bei Lanz im ZDF

Déjà-vu: Lauterbach bei Lanz im ZDF

Foto: Markus Hertrich / ZDF

Über den viel fliegenden früheren Außenminister Hans-Dietrich Genscher kursierte der Witz: »Treffen sich zwei Flugzeuge. In beiden sitzt Genscher.« Er hat ihn einmal selbst erzählt in einem Werbespot für die Bahn – und angefügt: »Was für ein Unsinn!« In dem Moment fahren in dem Reklamefilm zwei ICEs aneinander vorbei, in beiden sitzt Genscher. Vielleicht erzählt der neue Gesundheitsminister morgen ja einen ähnlichen Witz über sich, wenn er in der Jahresrückblickssendung von Markus Lanz, 52, auftritt: Laufen zwei Talkshows, in beiden sitzt Lauterbach.

Tippfehler des Tages, inzwischen korrigiert: Stundenlage Gespräche über Ex-Freunde, Traumata, Schicksalsschläge?

Cartoon des Tages: Ukrainischer Advent

Foto:

plassmann / Thomas Plaßmann

Und heute Abend?

Könnten Sie kochen, was die Köchin Verena Lugert in ihrer Kolumne empfiehlt, nämlich Gong Bao Ji Ding – chinesisches Palasthühnchen. Es ist ihr chinesisches Lieblingsgericht. Wie man es zubereitet, hat sie in einem grauen Winter in Shanghai gelernt. Es bringt die Farbe ins Leben zurück, verspricht sie. Allerdings müssten Sie sich dann sputen – und noch schnell einkaufen gehen. Oder haben Sie Hühnerbrüste, Chilischoten, Knoblauch, Ingwer, Frühlingszwiebeln, Szechuanpfeffer, Erdnüsse und Sojasoße im Haus? (Hier finden Sie das Rezept.)

Guten Appetit und guten Abend! Herzlich

Ihr Oliver Trenkamp

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