Christoph Hickmann

Die Lage am Morgen Mehr Kampfsport wagen

Christoph Hickmann
Von Christoph Hickmann, stellvertretender Leiter des SPIEGEL-Hauptstadtbüros

Liebe Leserin, lieber Leser, guten Morgen,

heute geht es um den Kampf um Boris Johnsons Nachfolge, Dienstgrade bei der Bundeswehr, einen umtriebigen Landesinnenminister und die Frage, warum ein Mensch einen Menschen erschießt.

Von Oberstabsärzten und Hauptgefreiten

Christine Lambrecht ist gerade mal ein gutes halbes Jahr Verteidigungsministerin, hat in dieser Zeit aber schon mehr Häme und Kritik abbekommen als manche Vorgänger in der gesamten Amtszeit. Einiges davon hatte sie sich selbst zuzuschreiben, manches eher nicht. Es ging um Schwerwiegendes wie verschleppte Waffenlieferungen an die Ukraine und weniger Schwerwiegendes wie Stöckelschuhe beim Truppenbesuch. Gleich am Anfang, da war sie noch keine zwei Wochen im Amt, irritierte die Sozialdemokratin große Teile der Truppe mit der Weigerung, sich rasch die verschiedenen Dienstgrade in der Bundeswehr einzuprägen.

Ministerin Lambrecht bei der Truppe

Ministerin Lambrecht bei der Truppe

Foto: Björn Trotzki / IMAGO

Für die allermeisten Soldatinnen und Soldaten ist der Dienstgrad etwas Entscheidendes. Er definiert ihren Platz in der Hierarchie, belegt, wie weit sie es gebracht haben (oder eben nicht) und bestimmt nicht zuletzt darüber, wie viel Geld am Ende auf ihrem Konto landet. Als ehemaliger Wehrdienstleistender bei der Marine weiß ich noch, dass wir uns in den ersten Tagen neben dem Weg zur Truppenküche tunlichst die Dienstgrade einzuprägen hatten. Wer danach einen Obermaat nicht von einem Hauptbootsmann oder einem Fregattenkapitän unterscheiden konnte, hatte ein Problem.

Später habe ich mir aus beruflichen Gründen auch noch die Dienstgrade von Heer und Luftwaffe eingeprägt (und unter anderem gelernt, dass der Kapitänleutnant, kurz Kaleu, dort Hauptmann heißt). Woran ich allerdings trotz mehrerer Versuche immer gescheitert bin: an den Dienstgraden der Sanitätsoffiziere. Ich kann einen Oberfeldarzt nicht von einem Oberstabsarzt unterscheiden, einen Oberstabsapotheker nicht vom Oberfeldapotheker. Insofern fühle ich mich der Verteidigungsministerin heute ein bisschen verbunden, da sie im Rahmen ihrer Sommerreise das Bundeswehrkrankenhaus in Berlin besuchen wird. Zumindest dürfte sie dort ausnahmsweise mal nicht so viele Fragen nach Waffenlieferungen und dem Stand der Zeitenwende beantworten müssen.

Vielleicht begegnet sie ja sogar einem Generalarzt. Den könnte sie, kleiner Tipp, am Gold auf seiner Schulter erkennen. Ich selbst habe es übrigens nur bis zum Hauptgefreiten gebracht.

Mehr Nachrichten und Hintergründe zum Krieg in der Ukraine finden Sie hier:

  • Das geschah in der Nacht: In der Nähe der ukrainischen Hauptstadt werden immer wieder zivile Todesopfer entdeckt. Präsident Selenskyj kritisiert Kanada im Turbinenstreit. Und: Briten weisen Spekulationen um Putin zurück. Der Überblick.

  • Selenskyj entlässt Sicherheitschef und Generalstaatsanwältin wegen Russland-Kollaboration: Mehr als 60 Mitarbeiter des ukrainischen Geheimdienstes und der Generalstaatsanwaltschaft sollen die Seiten gewechselt haben und für Russland arbeiten. Nun zieht Präsident Wolodymyr Selenskyj Konsequenzen.

  • Russische Journalistin Marina Owsjannikowa vorübergehend festgenommen: Im russischen Fernsehen hatte sie ein Antikriegsplakat gezeigt – die Geste ging im März um die Welt. Nun wurde die Journalistin kurzzeitig in Polizeigewahrsam genommen.

  • Verschifft Russland hier geklauten Weizen der Ukraine? Russische Frachter, die mutmaßlich gestohlenes Getreide aus der Ukraine verschiffen, versuchen offenbar, ihre Routen zu verschleiern. Große Mühe geben sie sich nicht – für die türkischen Behörden reicht es aber. 

  • »Ich weiß, wo der Körper meines Sohnes liegt«: Das Rote Kreuz übermittelt Lebenszeichen von Kriegsgefangenen und fahndet nach Vermissten des Krieges in der Ukraine. Immer häufiger suchen Angehörige nach Verwandten, die umgekommen sind. 

Demokratie als Kampfsport

In Großbritannien steht heute die dritte Abstimmung über die Nachfolge von Boris Johnson als Parteichef der Konservativen an. Das Verfahren läuft so, dass nach jeder Abstimmungsrunde in der Fraktion der oder die Letztplatzierte rausfliegt, bis am Mittwoch zwei Kandidaten oder Kandidatinnen übrig bleiben, die sich dann in einer Stichwahl den Parteimitgliedern stellen. Bis Anfang September soll es ein Ergebnis geben.

Ich finde das faszinierend, vor allem finde ich es nachahmenswert. Was die Briten da betreiben, ist ein hartes Ausscheidungsrennen – während wir hierzulande immer noch zusammenzucken, sobald sich mehr als eine Person auf eine Spitzenposition bewirbt. Sofort ist dann von einer »Kampfkandidatur« die Rede, von der potenziellen Spaltung der jeweiligen Partei und ihrer Anhänger. Und wenn es dann doch mehrere Bewerber gibt, wie vor einiger Zeit im Kampf um den CDU-Vorsitz, steht sofort die Frage im Raum, wie die Verlierer denn eigentlich ihr Gesicht wahren sollen. Ich finde, wir sollten uns da ein Beispiel an den Briten nehmen.

Noch-Premier Johnson im Unterhaus: Kultur des Wettbewerbs

Noch-Premier Johnson im Unterhaus: Kultur des Wettbewerbs

Foto: Andy Bailey / AP

Sie begreifen Demokratie als eine Art Kampfsport, das deutsche Streben nach Konsens ist ihnen eher fremd. Und warum auch nicht? Überall wird gnadenlos ausgesiebt, um die Besten zu ermitteln, im Sport, in Assessment-Centern, bei Literaturpreisen und Modelshows. In Parteien sollte diese Form des Wettbewerbs genauso selbstverständlich werden.

Vor der CDU hat übrigens schon die SPD demonstriert, wie das geht, 2019, als der Parteivorsitz zu vergeben war und mehrere Teams ins Rennen gingen. Der große Verlierer hieß damals Olaf Scholz, zwei Jahre später wurde er Kanzler. Damit dürfte auch das Argument hinfällig sein, dass die Verlierer eines solchen Wettbewerbs irreparabel beschädigt würden.

Erster Schritt zu einer neuen Kultur des Wettbewerbs: Das Wort Kampfkandidatur werde ich künftig vermeiden. Zumindest versuche ich es. Versprochen.

Ein Stadion für König Kurt

In Bornich in Rheinland-Pfalz wird heute Bärbel Bas erwartet, die Bundestagspräsidentin. Die Sozialdemokratin möchte sich auf dem Loreley-Plateau laut Ankündigung der Deutschen Presse-Agentur unter anderem über die »städtebauliche Umgestaltung für die Bundesgartenschau 2029« informieren. Begleitet wird sie bei diesem Termin von ihrem Parteifreund Roger Lewentz, dem rheinland-pfälzischen Innenminister. Das erinnert mich an einen Besuch in Kigali vor 15 Jahren.

Kigali ist die Hauptstadt Ruandas. Ruanda war damals (und ist es heute noch) in einer Partnerschaft mit Rheinland-Pfalz verbunden, weshalb der damalige Ministerpräsident Kurt Beck (ältere Leserinnen und Leser erinnern sich) dorthin reiste, um die Partnerschaft zu pflegen und deren Jubiläum zu feiern (und um die Berggorillas zu besuchen, aber die Geschichte von Kurt Beck und den Berggorillas ist eine andere). Mit dabei: Roger Lewentz, damals noch Staatssekretär im Mainzer Innenministerium.

Landesinnenminister Lewentz: Stadion oder Bundesgartenschau

Landesinnenminister Lewentz: Stadion oder Bundesgartenschau

Foto: Andreas Arnold / picture alliance / dpa

Es war ein längerer Besuch, ich erinnere mich nicht mehr an alles, aber eine Szene ist bei mir hängen geblieben. In einem Stadion in Kigali fand eine große Zeremonie statt, eine Feier, ich bin ziemlich sicher, es ging um das Jubiläum. Das Stadion war neu, Beck stand davor und äußerte seine Bewunderung. Neben ihm stand Lewentz und sagte, sinngemäß: Ein Wort von Beck, und er baue ihm solch ein Stadion auch zu Hause hin, in Rheinland-Pfalz. Mich hat das damals beeindruckt, weil ich dachte: Wenn man so etwas gesagt bekommt, hat man es wahrscheinlich geschafft. Beck hieß damals in Rheinland-Pfalz auch »König Kurt«. Und er war noch Chef der SPD.

Ich weiß nicht, was aus der Stadionidee geworden ist, aber eine Bundesgartenschau ist ja auch ein schönes Projekt. Die Frage ist eher, ob Lewentz 2029 noch im Amt sein wird, er wäre dann 66. Andererseits: So alt ist Friedrich Merz schon jetzt. Vielleicht klappt es ja.

Die Tat von Idar-Oberstein

Im Landgericht in Bad Kreuznach, ebenfalls in Rheinland-Pfalz gelegen, könnten heute die Plädoyers in einem Fall anstehen, der im vergangenen Jahr die Republik verstörte. Im September erschoss Mario N., 50 Jahre alt, in einer Tankstelle in Idar-Oberstein den 20 Jahre alten Alexander W., der dort arbeitete. Er hatte den Mann, der ihn erschoss, zum Tragen einer Maske aufgefordert.

Die Tat warf damals die Frage auf, ob manche Menschen nun, nach eineinhalb Jahren der Pandemie, durchdrehen würden, ob das ohnehin gereizte gesellschaftliche Klima endgültig umschlagen könnte in eine Atmosphäre des Hasses, der Gewaltbereitschaft. Damals häuften sich die Meldungen über Angriffe auf Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter etwa in Supermärkten, über Maskenverweigerer und ihre wachsende Aggressivität. Manche fürchteten, die Tat von Idar-Oberstein könnte womöglich nur der Anfang sein.

Angeklagter Mario N.: Schon vor Corona radikalisiert

Angeklagter Mario N.: Schon vor Corona radikalisiert

Foto:

Andreas Rentz / Getty Images

So ist es glücklicherweise nicht gekommen, und doch sollte der Fall als Warnung dienen, was passieren kann, wenn in einer Gesellschaft die Gesprächsbereitschaft endet und die Unversöhnlichkeit Einzug hält, wenn Menschen sich in verqueren Überzeugungen verbarrikadieren. »Der Prozess gegen den mutmaßlichen Mörder in Idar-Oberstein zeigt, wie sich ein Mann aus der bürgerlichen Mitte radikalisierte«, schreibt meine Kollegin Julia Jüttner, die den Prozess beobachtet.

Sie schildert einen Mann, der sich schon vor Corona radikalisiert hatte, dessen Welt dann aber während der Pandemie aus den Fugen geriet. »Sein schwer kranker Vater, ein Waffennarr, hatte sich im März das Leben genommen und davor der Mutter in den Kopf geschossen. Mario N. gibt Corona die Schuld am Familiendrama«, schreibt Jüttner.

Am Ende bleibt dennoch, wie immer bei solchen Taten, eine große Unerklärlichkeit und die Frage, ob man vorher etwas hätte sehen und ahnen können, vielleicht sogar müssen. Antworten, zumindest endgültige, befriedigende, gibt es darauf nie. Im Gerichtssaal, schreibt Jüttner, meide Mario N. den Blick zur Mutter seines Opfers.

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Gewinner des Tages...

... sind die Schwäne der britischen Königin. Dieser Tage werden sie wieder gezählt, die Schwanenzähler sind dafür in London mit Ruderbooten auf der Themse unterwegs. Die Tradition des »Swan Upping« geht bis ins 12. Jahrhundert zurück. Neben der schieren Zahl wird auch erhoben, ob es den Schwänen gut geht, in welchem Zustand sie sich befinden. Ich habe kurz überlegt, welche Vögel sich dafür in Berlin eignen würden. Aber weder Tauben (zu viele) noch Spatzen (zu klein) noch der Specht, der mich in diesem Frühjahr eine Zeit lang um fünf Uhr morgens mit Geklopfe an der Hauswand weckte, eignen sich so richtig dafür. Insofern sind die Londoner Schwäne tatsächlich privilegierte Vögel. Den Specht habe ich jetzt schon länger nicht mehr gehört. Er hat wohl eine neue Wand gefunden.

Die jüngsten Meldungen aus der Nacht

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  • »In Köln gibt es Temperaturunterschiede von bis zu zehn Grad«: Die Zahl der heißen Tage in Europa steigt. Länder wie Frankreich oder Belgien haben längst Pläne für den Umgang mit extremen Sommermonaten entwickelt. Wie gut ist Deutschland vorbereitet? 

  • »Es wird unterschätzt, welche heftigen Folgen der Klimawandel für Deutschland hat.« Die Politik versucht, das Land auf immer längere und extremere Hitzewellen vorzubereiten. Aber wie weit ist Deutschland tatsächlich bei der Klimaanpassung? Ein Blick auf das, was erreicht wurde – und was noch fehlt. 

  • »Die Zeit für Frieden im Jemen scheint gekommen.« Der Bürgerkrieg im Jemen zählt zu den vergessenen Katastrophen der Welt – und geht in sein achtes Jahr. Amjad Yamin von Save The Children sagt, warum ihn die Waffenruhe hoffnungsfroh stimmt und wie es im Land weitergeht. 

  • Deutschland hat ein Problem mit Schatzsuchern: Raubgräber richten immer wieder großen Schaden an. Das liegt auch an fehlenden Sicherheitsvorkehrungen und einer bizarren Regel, die fast 2000 Jahre alt ist. Vor allem Bayern ist für Sondengänger lukrativ .

Ich wünsche Ihnen einen guten Start in den Tag.

Ihr Christoph Hickmann

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