Susanne Beyer

Die Lage am Morgen Warum in den USA die Statuen jetzt fallen müssen

Susanne Beyer
Von Susanne Beyer, Autorin im SPIEGEL-Hauptstadtbüro

Liebe Leserin, lieber Leser, guten Morgen,

heute beschäftigen wir uns mit den Fallstricken der politischen Kommunikation, mit guten und sehr schlechten Nachrichten aus dem Umweltschutz und den zertrümmerten Statuen in den USA.

Justizministerin nun doch für Strafverschärfung beim Missbrauch

Sie ist eine erfahrene Parlamentarierin, aber Ministerin ist sie erst seit knapp einem Jahr - und was das für ein Jahr gewesen ist: Sie hat zu Beginn der Pandemie Einschränkungen in die Grundrechte vertreten, wie es sie noch nie in der Geschichte der Bundesrepublik gegeben hat. Es gab Proteste dagegen, ja, aber die Mehrheit im Land hat ihrer Linie vertraut, was vernünftig, aber auch erstaunlich war.

Vor einigen Tagen hat Bundesjustizministerin Christine Lambrecht (SPD) zu einem ganz anderen Thema ein Interview gegeben, zu Kindesmissbrauch. Sie hat Forderungen nach einem höheren Strafmaß zurückgewiesen und gesagt, es sei wichtiger, den Ermittlern mehr Möglichkeiten zu geben. Und dann kamen die Attacken: aus der CDU/CSU, aus der "Bild"-Zeitung, die in ihrer gestrigen Ausgabe Rücktrittsforderungen zitierte. Lambrecht hat jetzt eingelenkt und sich doch für eine Strafverschärfung ausgesprochen.

Hat sie dem Druck zu schnell nachgegeben? Kehrtwenden unter Druck wirken nie souverän, doch es war richtig, sich hier zu korrigieren. Es mag zwar sein, dass Strafverschärfungen gar nicht so abschreckend wirken wie erhofft, und Lambrechts eigentlicher Punkt sollte in der ganzen Aufregung nicht vergessen werden: Dass es nämlich jetzt auch darum gehen muss, in Ermittlungen zu investieren, damit Täter Angst bekommen, entdeckt zu werden. Lambrechts Fehler am Anfang der Debatte aber war, nicht diskussionsbereit zu wirken.

Es gehört zu den schwierigen Übungen politischen Handwerks, sicher in der Sache zu wirken, zugleich aber auch dazu bereit, eigene Positionen zu überdenken. Politische Kommunikation verändert sich, früher verlangte Politik tatsächlich eher Posen der Allwissenheit, der Unerschütterlichkeit, heute braucht es noch immer Tatkraft, aber Zweifel am eigenen Tun kann hin und wieder hilfreich sein. Die Coronakrise mit ihren ganzen Unwägbarkeiten bietet dafür einen Crashkurs.

Wissenschaftler finden riesige Mengen Mikroplastik in US-Nationalparks

Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) hat gestern eine Zwischenbilanz der Coronazeit gezogen. Die sieht, wie vermutet, für die Umwelt nicht so schlecht aus: Werte haben sich verbessert, die Ministerin hofft nun, dass Bürger und Unternehmen daraus etwas lernen - die Digitalisierung der Arbeit könne Pendelverkehr und Dienstreisen reduzieren. Die Digitalisierung schluckt aber auch Energien, eine schlechte Nachricht also. Aber dass die guten Nachrichten für den Umweltschutz oft schlechte mit sich ziehen, gilt es zurzeit auszuhalten.

Gestern waren die Nachrichten zur Umweltlage einerseits von der eher optimistischen Frau Schulze bestimmt, andererseits von düsteren Diagnosen aus dem Fachmagazin Science. In Nationalparks und Naturschutzgebieten im Westen der USA wie Grand Canyon, Rocky Mountain und Joshua Tree hätten Forscher, so Science, deutlich mehr Mikroplastik entdeckt als zuvor vermutet. Mehr als 1000 Tonnen solcher Partikel setzten sich schätzungsweise jedes Jahr allein dort ab, berichten die Wissenschaftler. Das entspreche etwa 123 Millionen Plastikwasserflaschen.  "Wir waren schockiert von den geschätzten Absetzungsraten und haben immer wieder versucht herauszufinden, wo wir uns verrechnet hatten", wird einer der Forscher zitiert. Alle Überprüfungen hätten die Schätzungen aber bestätigt.

Philosophin Neiman zu US-Unruhen: "Mich wundert nur, dass es so lange gedauert hat, bis es knallt"

Ob ein Buch zur richtigen Zeit kommt, kann man vorher nicht wissen. Die US-Philosophin Susan Neiman, eine amerikanische Jüdin, die seit 1982 überwiegend in Berlin lebt und hier schon lange das Einstein-Forum leitet, hat Anfang März ein Buch herausgebracht, "Von den Deutschen lernen" heißt es. Es zielte eigentlich auf das 75-jährige Jubiläum des Endes vom Zweiten Weltkrieg Anfang Mai. Neiman argumentiert in ihrem Buch auf eine Weise, die nur einer Amerikanerin zusteht: Die USA könnten von der deutschen Erinnerungskultur lernen. Dass sich aus dieser steilen These Debatten ergeben würden, schien so gut wie sicher, doch plötzlich gab es nur ein Thema, ein völlig anderes: Corona und der Shutdown.

Das Buch schien, wie es in der Branche heißt, unterzugehen. Und dann die Wendung: Durch den gewaltsamen Tod des Afroamerikaners George Floyd kam ein Thema auf, das mit Corona konkurrierte: Rassismus. Auf einmal passiert in den USA genau das, was Neiman in ihrem Buch den USA so dringend empfiehlt: eine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit mit dem Ziel der Selbsterkenntnis. Gestern wurden in den USA Statuen von Generälen der Südstaaten zertrümmert, die im Bürgerkrieg die Sklaverei verteidigt hatten. Das sind Gesten im Überschwang, aber sie sind normal, richtig und befreiend, wenn tiefe Wunden aufbrechen.

"Mich wundert eigentlich nur, dass es so lange gedauert hat, bis es knallt", schreibt Susan Neiman in einem aktuellen SPIEGEL-Essay . Ihre Argumentation hier: Die Südstaaten hätten den Bürgerkrieg verloren, doch den Kampf ums Kriegsnarrativ gewonnen. Die Folgen zeigten sich heute.

Gewinnerin des Tages...

...ist die Schauspielerin Katharina Thalbach, denn sie bekommt heute Besuch. Der Bundespräsident schaut mit seiner Frau in der Komödie am Kurfürstendamm im Berliner Schiller Theater vorbei, um sich mit ihr und dem Theaterchef über die Situation der deutschen Privattheater und die Lage von freiberuflichen Schauspielerinnen und Schauspielern in der Coronakrise zu unterhalten. Vor einigen Wochen haben wir mit Katharina Thalbach, ihrer Tochter Anna und ihrer Enkelin Nellie, die ebenfalls Schauspielerinnen sind, zu dieser Frage ein SPIEGEL-Gespräch geführt .

Katharina Thalbach sagte hier: "Wir Künstler sind mit den Bordellen, Tanzschuppen und Schaustellern zusammen und allem, was Freude macht, nach hinten gerückt." Die Thalbachs hatten gezögert, ob sie sich mit dem Gespräch einverstanden erklären sollten, sie wollten nicht so wirken, als neigten sie und ihre Kollegen zum Jammern oder zum Agitieren in eigener Sache. Vor der Veröffentlichung des Interviews sah es einen Moment lang so aus, als hätten sie bereut, es gegeben zu haben. Diese Bedenken dürften - hoffentlich – vorbei sein, wenn der Besuch eintrifft.

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