Oliver Trenkamp

Die Lage am Abend Ist mit Lambrecht der Verteidigungsfail eingetreten?

Oliver Trenkamp
Von Oliver Trenkamp, Blattmacher in der Chefredaktion
Von Oliver Trenkamp, Blattmacher in der Chefredaktion

Guten Abend, die drei Fragezeichen heute:

  1. Christine Lambrecht – Wer verteidigt noch diese Ministerin?

  2. Glücksritter vs. Russland – Dreister Betrugsfall oder Staatsaffäre?

  3. Fußball-Bundesliga – Wie sehr schadet das Lewandowski-Zerwürfnis den Bayern?

1. Macht Lambrecht den Scharping?

Der Kanzler telefoniert nach langer Funkstille wieder mit Wladimir Putin. Die Außenministerin leitet die Runde mit ihren G7-Kollegen. Der Finanzminister will eingefrorene russische Vermögenswerte nutzen, um den Wiederaufbau in der Ukraine zu finanzieren . Die Ampel gibt gerade nicht das schlechteste Bild ab beim Krisenmanagement (auch wenn es im Verteidigungsausschuss heute zu einem Mini-Eklat kam – hier mehr dazu ). In der Ukraine tobt der Krieg, die rot-gelb-grüne Regierungsmannschaft tut ihr Möglichstes, um zu helfen, das ist die Botschaft.

Doch an einer entscheidenden Stelle wird dieses Bild verzerrt, fast zu einer Karikatur: ausgerechnet bei der Verteidigungsministerin. Der berühmt-berüchtigte Hubschrauberflug der Christine Lambrecht zählt dabei zu den kleineren Problemen. Was meine Kollegen Mathias Gebauer, Konstantin von Hammerstein, Veit Medick und Christian Teevs über die Ministerin recherchiert haben, weckt Erinnerungen an peinliche Amtsvorgänger wie Scharping (»Rudolf, der Eroberer«) oder Guttenberg (»Doktor der Reserve«). Natürlich ist jeder Fall anders, aber längst ist auch Lambrecht die Kontrolle über ihre öffentliche Wirkung entglitten. Und das hat wenig mit einer angeblichen Kampagne zu tun, die sie gegen sich wittert.

Offenkundig, so berichten es die Kollegen , irritiert sie ihr Ressort und die Truppe mit ausgeprägtem Desinteresse. »Der Vorwurf, die neue Inhaberin der Befehls- und Kommandogewalt habe keine Ahnung von der Materie, ist ungerecht«, schreiben meine Kollegen. »Das hatten auch viele ihrer Vorgänger und Vorgängerinnen nicht. Aber sie führten unendlich viele Gespräche, frästen sich durch Berge von Akten und Vermerken, besuchten die Truppe und waren meist schnell fasziniert von diesem ungewöhnlichen Ministerium, dem 265.000 Menschen unterstehen.«

Von Lambrecht jedoch könne man das nicht behaupten: Sie lasse Termine sausen, arbeite sich nicht ein, habe mit einigen ihrer wichtigsten Generäle noch nie persönlich gesprochen, vor Amtsantritt habe sie nie eine Kaserne von innen gesehen, sie mache lieber Skiurlaub, statt eine bereits vorbereitete Weihnachtsreise zu einem der Auslandseinsätze anzutreten – obwohl das als Pflicht gilt für jede Wehrministerin. »Mitte Dezember fliegt Lambrecht immerhin für ein paar Stunden zur Bundeswehr nach Litauen, dann verabschiedet sie sich über Weihnachten und Silvester nach Ischgl.« Was da an Details durchgestochen wird aus ihrem Haus und ihrer Partei, um die Ministerin schlecht aussehen zu lassen, ist schon bemerkenswert.

In der Politik geht es nie nur um Fachwissen, sondern immer auch um Wirkung, siehe Lauterbach. Nur wer das Vertrauen der Leute gewinnt, kann Mehrheiten organisieren und etwas durchsetzen. Wenn weder Fachkompetenz noch Gespür erkennbar sind, wird es schwierig. Um es mit den Worten meiner Kollegen zu sagen: »Politisch ist die Sozialdemokratin ein Totalausfall.« Bis zur NRW-Wahl müsse Lambrecht nicht um ihr Amt fürchten. Danach könnte auch der Kanzler nur noch wenig Interesse haben, seine Verteidigungsministerin zu verteidigen.

Und hier weitere Nachrichten und Hintergründe zum Krieg in der Ukraine:

  • »Wissen Sie, wie viele Tote in ein 300 Meter langes Grab passen?«: Ljudmila Denisowa ist die oberste Menschenrechtshüterin der Ukraine. Seit Kriegsbeginn haben sie mehr als 30.000 Beschwerden erreicht. Hier erklärt sie, warum sie Hoffnung hat, dass Putin vor Gericht kommen könnte .

  • Wie sehr haben zehn Wochen Krieg Russland verändert? Verschärfte Gesetze, Verhaftungen, Gefängnisstrafen: Es wird zunehmend schwieriger, Kritik in Russland zu äußern. Das gilt für Journalisten wie für die Bevölkerung. Der Podcast »Acht Milliarden«.

  • Videos zeigen, wie Russen Zivilisten erschießen: Überwachungskameras haben aufgenommen, wie russische Soldaten offenbar zwei unbewaffnete Ukrainer töten. In der Ukraine wird der Fall nun als Kriegsverbrechen untersucht.

  • Hier finden Sie alle aktuellen Entwicklungen zum Krieg in der Ukraine: Das News-Update

2. Der Dentist mit den vermeintlichen Kremlvollmachten

Von einer aberwitzigen Räuberpistole erfuhren meine Kollegen Frederik Obermaier und Bastian Obermayer: Ein geschäftstüchtiger Zahnarzt und seine ukrainische Geliebte waren demnach auf bestem Wege, der russischen Regierung große und sehr kostbare Grundstücke in Berlin abzuluchsen – unter den Augen deutscher Behörden, die auf gefälschte Urkunden hereinfielen. Handelt es sich um einen dreisten Betrugsfall – oder um eine Staatsaffäre?

Meine Kollegen Sven Becker, Jörg Diehl, Roman Lehberger, Sven Röbel und Gerald Traufetter stießen zum Rechercheteam. Sven und Gerald fuhren etwa zu einem der mutmaßlich illegal verkauften Grundstücke auf dem alten Flugplatz in Berlin-Karlshorst, das mittlerweile von der Staatsanwaltschaft beschlagnahmt worden ist. Kaum standen die beiden am verriegelten Tor des brach liegenden Geländes, hielt ein Auto mit russischem Kennzeichen in ihrer Nähe. Der Mann am Steuer hantierte mit zwei Handys, seine Beifahrerin stieg aus. Auf die Frage, ob sie von der Botschaft komme, wich die Frau aus. Aber sie sei für die Sicherheit des Grundstücks zuständig. »Immerhin, jetzt passen die Russen wohl besser auf ihren Grundbesitz in Deutschland auf«, sagt Sven.

3. Das Letzte zum letzten Spieltag

Morgen ist der letzte Spieltag der Fußball-Bundesliga (hier gehts zur SPIEGEL-Elf der Saison ). Es könnte der letzte für Robert Lewandowski im Bayern-Trikot werden. Stellen wir uns kurz vor, die »Lage am Abend« wäre eine Nachrichtensendung, dann würde ich jetzt mit möglichst vielen Fußballfloskeln an meinen Sport-Kollegen übergeben: Jörn Meyn ist für uns im Studio.

Trenkamp, sich dem Kollegen zuwendend: Jörn, wie sicher ist es, dass der Rekordmeister künftig auf seinen Torjäger verzichten muss?

Meyn, sich vom Kollegen ab- und der Kamera zuwendend: Alles deutet darauf hin, Oliver. Eigentlich läuft Lewandowskis Vertrag bis 2023, den wird er nicht verlängern. Nicht mehr unwahrscheinlich ist jetzt eine Trennung schon in diesem Sommer, die noch vor zwei Wochen vom Verein intern ausgeschlossen wurde. Jetzt scheinen die Bayern bereit zu Verhandlungen. Und der FC Barcelona interessiert sich für Lewandowski.

Trenkamp, ahnungslos nickend: Danke Jörn. Was bedeutet das für die Bayern?

Meyn, ernst blickend: Es wäre ein heftiger Verlust, Oliver, einer, der dem Sportvorstand Salihamidžić gefährlich werden kann. Der muss sich eh kritische Fragen gefallen lassen – wegen seiner schwachen Kaderpolitik, wegen des Konflikts mit dem Sieben-Titel-Trainer Hansi Flick, der letztlich zu dessen Abgang führte. Und weil er nach innen und nach außen große Aufregerthemen wie die Impfdebatte um Joshua Kimmich schlecht managte.

Trenkamp, Kenntnis und Interesse mimend: Und nun verliert er noch einen seiner besten Männer...

Meyn, den, gnihi, Ball gnädig aufnehmend: Richtig, richtig. Auffällig ist zudem, wie wenig sich Oliver Kahn bisher öffentlich in den Fall eingeschaltet hat.

Trenkamp, unrettbar durchs Gespräch stolpernd: Der Torwart?

Meyn, stoisch, aber unsicher, ob es ein schlechter Gag war: Äh, genau, der ehemalige Torwart und jetzige Vorstandsvorsitzende. Hier stellt sich die entscheidende Frage: Desaster oder normales Fußball-Business? Haben sich die Bayern verzockt, als sie im März mit Erling Haaland verhandelten und Lewandowski vor den Kopf stießen? Oder planten sie gewissenhaft voraus, weil ja klar war, dass Lewandowski irgendwann zu alt wird?

Trenkamp, froh, nie live moderieren zu müssen: Vielen Dank, Jörn. Das, haha, das lassen wir jetzt mal Paroli laufen, wie der, äh, Dings aus Mailand sagte. Oder war's Italien? Na ja, Pointe kaputt, macht nix, zum Schießen.

Meyn, flehend zum Himmel blickend, geht ab.

(Sie möchten die »Lage am Abend« per Mail bequem in Ihren Posteingang bekommen? Hier bestellen Sie das tägliche Briefing als Newsletter.)

Was heute sonst noch wichtig ist

Meine Lieblingsgeschichte heute:

Mit tollpatschigen Heimwerkervideos wurde Fynn Kliemann zum Star, dubiose Maskendeals zerstören nun seine Karriere. Am Anfang habe ich jede Meldung dazu verschlungen und hier im Newsletter ja auch schon auf das bemerkenswerte Interview aufmerksam gemacht, das meine Kollegen Jonas Leppin und Anton Rainer mit Kliemann führen konnten. Dann dachte ich, die Kiste sei durch.

Jetzt haben Anton und Jonas, zusammen mit den Kolleginnen Nike Laurenz und Julia Stanek sowie mit dem Team von Jan Böhmermann, neue Details recherchiert, die einen einigermaßen sprachlos zurücklassen. »Es geht eben nicht nur um Zahlen und zweifelhafte Produktionsbedingungen«, sagt Jonas. »Es geht auch um Flüchtlingskinder auf Lesbos, die mangelhafte Masken bekamen und so einem Risiko ausgesetzt wurden.« Und für diese Masken bekam eine Firma auch noch mindestens eine Spendenquittung.

Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen

  • »Eine Koalition ist ja keine Ehe«: Lisa Paus ist die Neue im Amt der Familienministerin nach dem Rücktritt von Anne Spiegel. Hier spricht sie über ein schwieriges Haus, Probleme mit der FDP und das Projekt, an dem sie sich messen lassen will .

  • »Na, dann schicke ich Dir mal ein Bild von mir«: Belästigungsvorwürfe erschüttern das Zentrum der Rabbiner-Ausbildung in Deutschland. Sie lenken den Blick auf ein offenbar toxisches System – in dessen Mitte Geschäftsführer Walter Homolka steht .

  • Warum ich nicht einfach zurück in die Normalität kann: Allein im WG-Zimmer statt pralles Unileben: Während der Coronapandemie hat Titus Blome sich an das Leben in Einsamkeit gewöhnt. Nun muss er sich das Label »Höhlenmensch« aufdrücken lassen. Das ist nicht fair .

Was heute weniger wichtig ist

Foto: David Parry / dpa

Ozz-Erweiterung: Kelly Osbourne, 37, bekannt geworden als Tochter Ozzy Osbournes, 73, des Godfather of Metal und Prince of Darkness, erwartet nun selbst ein Kind, wie sie ihren Followern via Instagram mitteilte. Sie veröffentlichte ein Selfie, auf dem sie mit Kussmund einige Ultraschallbilder in die Kamera hält. Dazu schreibt sie: »Ich bin euphorisch!«

Tippfehler des Tages, inzwischen korrigiert: »Denn es ist nicht so, dass es in ganz Europa keine Flüssgasterminals gäbe«

Cartoon des Tages: Dieses Recht haben sie noch?

Und am Wochenende?

Könnten Sie einer Empfehlung meines Kollegen Jurek Skrobala folgen und das neue Album von Kendrick Lamar hören, auch wenn die alte Fanta-Vier-Regel gilt: Sprechgesang ist nicht jedermanns Sache.

Lamar hat seine Hörerinnen und Hörer seit seinem vierten Studioalbum »DAMN.« 1855 Tage warten lassen. »Verdammt lang also, viel zu lang«, findet Jurek. Aber immerhin habe Lamar heute – anders als sein unzuverlässiger Kollege Kanye West – pünktlich geliefert. »Allein deshalb ist es angebracht, die zwei kommenden Tage mit der Musik zu verbringen, für die einer der interessantesten lebenden Künstler sich so viel Zeit genommen hat«, sagt Jurek. Das gehe gut im Kabrio (»Die Hard«), zur blauen Stunde auf dem Heimweg aus dem Klub (»Rich Spirit«) oder auch als Kinoabendersatz – mit 73 Minuten hat das Album »Mr. Morale & the Big Steppers« eh fast Spielfilmlänge. (Lesen Sie hier die ganze Rezension .)

Ihnen ein schönes Wochenende. Herzlich
Ihr Oliver Trenkamp

Hier können Sie die »Lage am Abend« per Mail bestellen.