Sebastian Fischer

Die Lage am Morgen Schmutzige Impfung für die Kleinsten?

Sebastian Fischer
Von Sebastian Fischer, Leiter des SPIEGEL-Hauptstadtbüros
Von Sebastian Fischer, Leiter des SPIEGEL-Hauptstadtbüros

Liebe Leserin, lieber Leser, guten Morgen,

heute beschäftigen wir uns mit dem Verlust von Kontrolle und dem Versuch, diese wiederzuerlangen: in der Coronapolitik von Bund und Ländern, in den Kitas sowie in der Ukrainekrise.

Ganz entspannter Kontrollverlust

Wenn das, was das Publikum sieht, nicht zu dem passt, was es hört, dann ist das eine Ton-Bild-Schere. So geschehen gestern Abend beim Auftritt von Olaf Scholz nach den Corona-Beratungen mit den Ministerpräsidenten.

»Jetzt geht es ums Kurshalten«, sagte der Kanzler. Es werde weder verschärft, noch gelockert.

Das ist der Ton.

Pandemie-Politiker Scholz, Giffey

Pandemie-Politiker Scholz, Giffey

Foto: POOL / REUTERS

Aber das Bild, das sich dem Publikum bietet, ist reichlich dramatisch: Die Omikron-Welle rauscht durchs Land und ein infektiöserer Subtyp ist auch schon wieder aufgetaucht. Kaum jemand ohne Coronafälle im Familien- oder Bekanntenkreis.

Glücklicherweise ist der Verlauf einer Infektion jetzt deutlich milder als noch mit der Delta-Variante, doch das kann nicht darüber hinwegtäuschen: Der Staat verliert die Kontrolle, ohne große Aufregung, ganz entspannt.

Die Symptome des Kontrollverlusts: PCR-Tests sollen künftig priorisiert werden; die Kontaktnachverfolgung ebenfalls, weil die Gesundheitsämter kapituliert haben und jetzt auf die Eigenverantwortung der Leute setzen; Kitas und Schulen bleiben offen – so lange, bis sie wegen Infektionen und Quarantäne geschlossen werden.

Berlins Regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey (SPD) hat nun sogar bis Ende Februar die Präsenzpflicht in den Schulen aussetzen lassen, nachdem Berlins Amtsärzte kurz zuvor schon die Quarantäne und Kontaktnachverfolgung für Schülerinnen und Schüler einfach beendet hatten. So kann man das Coronaproblem natürlich auch lösen. Ganz entspannt.

Corona trifft Provinzpolitik

Wo wir gerade in der Hauptstadt sind: Berlin wirkt auf mich manchmal wie die Karikatur deutscher Verhältnisse. Andernorts ebenfalls verbreitete Probleme erscheinen hier ein ums andere Mal wie überzeichnet, grell ausgeleuchtet. Und dadurch fallen sie auf.

Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich lebe außerordentlich gern in dieser großartigen, überraschenden Stadt – nur würde ich auf manche Überraschung in der Coronakrise doch gern verzichten.

Beispiel: In der Kita meiner Kinder wird seit nun einem Jahr die Nutzung von Luftfiltern verhindert. Alle Initiativen der Eltern verpufften, trotz möglicher Fördergelder und der Empfehlung des Landes. Hinter der Kita steht sogar ein landeseigener Träger mit mehr als drei Dutzend Kitas und zwei Kommunalpolitikern im Verwaltungsrat. Dennoch offenbar eine toxische Mischung in Sachen Anti-Corona-Kampf.

Kita-Kind beim Corona-Selbsttest

Kita-Kind beim Corona-Selbsttest

Foto: Friso Gentsch / dpa

Zunächst lehnte das CDU-Linken-Politikerduo an der Spitze des Trägers wegen vermeintlicher Ungleichbehandlung ab. Es könnten nicht alle Kitas vollständig mit Luftfiltern ausgestattet werden. Heißt: lieber gar kein Kind schützen, wenn nicht von Beginn an alle geschützt werden können.

Irgendwann griff die Lokalpresse die putzige Verweigerung dieses schwarz-dunkelroten Bündnisses auf und flugs hatten die beiden Profis eine neue Idee: Sie riefen ein Modellprojekt aus, wollten nun selbst in zwei (!) ihrer Kitas Luftfilter installieren. War das nicht eben noch ungerecht? Egal. Die beiden versprachen nun eine »wissenschaftliche Begleitung«, um den Effekt von Luftfiltern zu untersuchen.

Beauty of Kleinstaaterei: Als hätte sich noch niemand auf der ganzen weiten Welt ein paar Gedanken zur Wirkweise von Luftfiltern gemacht.

Sie können sich denken, was aus dem Projekt geworden ist: natürlich nichts. Im Dezember – das Duo Schwarz-Dunkelrot war nach den Berliner Bezirksverordnetenwahlen ausgeschieden – teilte der Träger mit, es habe sich leider keine wissenschaftliche Begleitung finden lassen und außerdem infizierten sich Kinder nicht nur über Aerosole, sondern auch über Legosteine oder Buntstifte.

Luftfilter in bayerischer Grundschule

Luftfilter in bayerischer Grundschule

Foto: Sven Hoppe / dpa

Tja, zweifellos korrekt. Aber im Autoverkehr sterben jedes Jahr Tausende Menschen, obwohl sie angeschnallt sind. Ist Anschnallen deshalb sinnlos?

Nun verbreitet sich die Omikron-Variante in den Kitas, bekommen viele Kinder, die noch nicht geimpft werden können, eine sogenannte schmutzige Impfung per Infektion. Und mich beschleicht das Gefühl, dass der ein oder andere Coronafall vielleicht zu verhindern gewesen wäre. Aber das ist natürlich nur so ein Gefühl. Vielleicht braucht es da mal eine wissenschaftliche Begleitung.

Was helfen Vorgaben und Mittel von Bund und Ländern im Kampf gegen Corona, wenn sie auf lokaler Ebene mit Passivität gekontert werden? Wie ergeht es Ihnen mit Kitas und Schulen in dieser Krise? Schreiben Sie mir gern über Ihre Erlebnisse: sebastian.fischer@spiegel.de . Vielleicht gibt es ja auch positive, Hoffnung machende Beispiele. Ich bin sehr gespannt.

Chance des Tages…

…haben Emmanuel Macron und Olaf Scholz. Frankreichs Staatspräsident ist erstmals zu Besuch bei Scholz im Berliner Kanzleramt. Zu tun gibt es genug, vorneweg die Entwicklung eines gemeinsamen Vorgehens in der Ukrainekrise, etwa die Wiederbelebung des sogenannten Normandie-Formats mit Moskau und Kiew. Ein erstes Treffen auf Beraterebene ist geplant.

Präsident Macron, Kanzler Scholz im Dezember in Brüssel

Präsident Macron, Kanzler Scholz im Dezember in Brüssel

Foto: JOHN THYS / AFP

Funktioniert das Tandem Macron-Scholz, dann hat auch Europa wieder eine Chance. Frankreich hat die EU-Ratspräsidentschaft inne, Deutschland den Vorsitz der G7, die Voraussetzungen sind da. Allerdings: Scholz und seine Regierung müssen sich noch in ihre neue Rolle eingrooven. Macron seinerseits steht kurz vor Präsidentschaftswahlen und entsprechend unter Druck.

Drücken wir Europa heute die Daumen.

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Ich wünsche Ihnen einen guten Start in den Tag.

Ihr Sebastian Fischer