Martin Knobbe

Die Lage am Morgen Eine sonderbare Zwischenzeit

Martin Knobbe
Von Martin Knobbe, Leiter des SPIEGEL-Hauptstadtbüros

Liebe Leserin, lieber Leser, guten Morgen,

nach den langen Feiertagen blicken wir heute auf den Impfstart in Deutschland, auf den nahenden Brexit und auf das alljährliche Treffen der deutschen Hackerszene.

(Des-)Illusion

Es sind die letzten Tage eines historischen Jahres, zugleich ist es eine sonderbare Zwischenzeit.

Gestern begann in Deutschland die größte Impfkampagne des Landes, und so wie es aussieht, verlief sie bislang gut, abgesehen von kleinen Pannen wie der Ausfall einer Kühlkette in Bayern. Von Allergieschocks, wie sie vereinzelt in Großbritannien und den USA gemeldet wurden, hörte man bislang jedenfalls nichts. Gestern war ein Tag der Hoffnung.

Zugleich bewegt sich die Pandemie noch immer auf einem hohen, gefährlichen Niveau. Gestern wurden 5562 Covid-19-Patienten intensivmedizinisch behandelt, 2960 von ihnen wurden invasiv beatmet, es war ein neuer Rekord. Und noch deutet nichts darauf hin, dass diese Kurve demnächst nach unten zeigen könnte. Gestern war also auch ein Tag der Desillusion.

Wie werden die nächsten Monate verlaufen? Werden die Europäische Union und ihre Mitgliedstaaten ihren suboptimalen Einkauf von Impfdosen nachträglich noch verbessern können?

Karl Lauterbach, der omnipräsente SPD-Abgeordnete und Epidemiologe hat erst gestern wieder darauf hingewiesen, wie wichtig es ist, jetzt genügend Impfstoff zur Verfügung zu haben. »Durch die Mutationen wird die Impfung zum Wettlauf mit dem Virus. Wir müssen also möglichst schnell impfen, bevor sich die Mutationen auch gegen die Impfung auswirken«, sagte Lauterbach den Kollegen vom Redaktionsnetzwerk Deutschland.

Wie geht es Ihnen in dieser Zwischenzeit? Sind Sie optimistisch, planen Sie schon für ein Corona-freies Jahr 2021? Oder glauben Sie nicht an eine schnelle Besserung? Bereiten Sie sich auf einen längeren Lockdown vor?

Und was nehmen Sie aus 2020 mit, an positiven wie negativen Erfahrungen?

Wenn Sie wollen, schreiben Sie an martin.knobbe@spiegel.de – Ihre Antworten würde ich in Auszügen, natürlich anonymisiert, morgen in der »Lage« veröffentlichen.

Ich bin gespannt auf das »Lage«-Stimmungsbild.

Neujahrs-Chaos

Es ist erstaunlich, wie wenige Zuschauer dieser Krimi der letzten Tage fand, der Krimi um ein Handels- und Kooperationsabkommen zwischen der Europäischen Union und dem Königreich Großbritannien. Am Ende gab es zumindest kein unhappy end.

1246 Seiten umfassen die Regeln, auf die sich beide Seiten ausgerechnet an Heiligabend geeinigt haben. Die Katastrophe eines »No Deals« wurde so verhindert, auch durch großzügige Zugeständnisse der Briten – etwa in der lange umstrittenen Frage die Fischereirechte.

Dennoch wird ab 1. Januar das geregelte Chaos beginnen, denn dann steht fest, was viele bislang nicht recht wahrhaben wollten: Großbritannien gehört dann nicht mehr zur EU. In London zu arbeiten und zu leben, geht dann nur noch mit einem Visum. Einen Erasmus-Studienaufenthalt in Birmingham wird es nicht mehr geben.

Am dramatischsten dürfte aber die Wirtschaft getroffen sein, auf die nun deutlich mehr Bürokratie und Aufwand zukommen. Auch ohne Zölle wird es deutlich mehr Kontrollen geben, allein Frankreich hat dafür mehr als 1300 neue Fachkräfte eingestellt.

Get-together der Hacker

In Las Vegas zieht jedes Jahr die Defcon, die größte Messe für Hacker, Zehntausende Besucher an, in Deutschland ist das Pendant der Kongress des Chaos Computer Clubs, der immer zwischen Weihnachten und Neujahr stattfindet. In diesem Jahr trifft sich die deutsche Community natürlich nur virtuell. Die Veranstaltung, eine Mischung aus politischer Debatte und technischer Talentshow, ist ein guter Indikator dafür, welche Themen die Tech-Aktivisten umtreibt.

Heute geht es zum Beispiel um die Fragen, warum eine zu schnelle Digitalisierung von Museen gefährlich sein kann, wie eng europäische Geheimdienste zusammenarbeiten, aber auch darum, wie viel Technik in einem gewöhnlichen Stellwerk bei der Bahn steckt. Besonders begehrt dürfte der Workshop »Das digitale Klassenzimmer« sein – Schülerinnen, Schüler, Lehrerinnen und Lehrer können sich hier über frei verfügbare digitale Lehr- und Lernangebote erkundigen. Wohlgemerkt: Anbieter ist nicht die Kultusministerkonferenz, sondern Deutschlands bekanntester Hackerclub.

Gewinner des Tages...

...sind all die Alten, die sich ohne Zögern, ohne Lamentieren, ohne Debattieren in den vergangenen zwei Tagen impfen ließen, sei es die 101 Jahre alte Edith Kwoizalla aus Sachsen-Anhalt, sei es die gleichaltrige Gertrud Haase aus Berlin.

Ihre Gelassenheit zeigt, um was es in dieser bisweilen aufgeheizten Impfdebatte geht: um einen harmlosen Piks, der unser aller Leben in den nächsten Monaten enorm verbessern kann. Vorausgesetzt, eine große Mehrheit lässt sich ebenso gelassen und selbstverständlich stechen wie die beiden 101-jährigen Damen.

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