Mathieu von Rohr

Die Lage am Morgen Neid, Wut und Inkompetenz

Mathieu von Rohr
Von Mathieu von Rohr, Ressortleiter Ausland

Liebe Leserin, lieber Leser, guten Morgen,

heute geht es um den Impfbeginn in deutschen Arztpraxen und das schrumpfende Vertrauen in die Handlungsfähigkeit des Staates. Außerdem: Ein heimlicher AfD-Spender wird enttarnt, im Jemen droht ein Blutbad.

Wann wird in Arztpraxen geimpft?

Ein starkes menschliches Gefühl ist der Neid. Er kommt bei mir zum Beispiel dann auf, wenn ich sehe, wie immunisierte Menschen in Israel sich wieder in Cafés treffen können und wie Menschen in den USA massenhaft in Fußballstadien geimpft werden.

Neid kann politische Kraft entfalten. Wenn sich der Eindruck verfestigt, dass andere Länder besser dran sind mit Impfungen, Apps und Impfpässen, und wenn die versprochenen Schnelltests nirgends verfügbar sind – dann sind Erklärungen herzlich egal, warum alles sehr viel schwieriger ist, als man sich das gemeinhin so vorstellt. Auch wenn es natürlich viele Länder gibt, in denen es noch schlechter läuft: Wenn man in Deutschland lebt, möchte man nicht mitansehen müssen, wie anderswo Gleichaltrige geimpft werden, während das Vertrauen in die Handlungsfähigkeit des deutschen Staats schmilzt.

Heute ist der Tag, an dem Jens Spahn und die Gesundheitsminister der Länder gemeinsam darüber beschließen wollen, wann genau endlich auch in Arztpraxen geimpft werden kann. Das ist ein gutes Thema. Wie immer fragt man sich: Warum hat man das nicht schon längst beschlossen? Und warum geschieht es nicht längst? Anfang April soll es wohl so weit sein. Einen digitalen Impfpass wird es nun auch geben. Binnen acht Wochen soll das System einsatzfähig sein – und wenn alles gut läuft, gibt es bis dann auch Impfstoff.

Der Deal, den diese Große Koalition unter Angela Merkel mit ihren Wählern hatte, ging bisher ungefähr so: Aufregend wird's mit uns nicht, aber wenigstens werdet ihr kompetent regiert. Falls die Prämisse je stimmte: Sie stimmt nicht mehr. Wenn dann noch eine Nebenverdienstaffäre unter Unionsabgeordneten aufbricht, kommt zum Neid die Wut dazu. Der Ausgang der Bundestagswahl im Herbst ist deshalb im Moment komplett offen.

Angst, russischer Impfstoff und illegale Spenden

Die größte Triebkraft des Menschen sei nicht der Neid, sondern: die Angst. Das soll der Mann gesagt haben, der eine Schlüsselfigur in der AfD-Spendenaffäre sein könnte: der Milliardär Henning Conle, 77 Jahre alt, einer der reichsten Deutschen und in der Öffentlichkeit so gut wie unsichtbar. Spitzenfunktionäre der AfD, darunter auch Jörg Meuthen, sollen sich laut Ex-Parteichefin Frauke Petry ab 2015 mehrfach mit Conle getroffen haben. Über die Spuren von Henning Conle zur AfD haben auch meine SPIEGEL-Kollegen in der Vergangenheit mehrfach berichtet. Nun bestätigt Petry direkte Kontakte zur Parteispitze. Conle habe der Partei anonyme Spenden angeboten, berichtet Petry dem Rechercheverbund »Correctiv« und der ZDF-Sendung »Frontal 21« . Sie sagt: »Mein Eindruck war, dass Henning Conle die AfD unterstützen wollte, dass er letztlich dabei nicht persönlich in Erscheinung treten wollte«. Das ist eine gute Erinnerung daran, in welcher deutschen Partei Schattendeals das mit weitem Abstand größte Problem darstellen.

Ein bizarres Spektakel könnte die Woche noch bevorstehen: Werden sich AfD-Abgeordnete in Russland mit dem umstrittenen russischen Impfstoff Sputnik V impfen lassen? Eine kleine Delegation mit Alice Weidel wird am Donnerstag im Gamaleja-Institut erwartet, das den Covid-19-Impfstoff entwickelt hat. Bis jetzt ist nur eine Besichtigung angekündigt. Aber wäre eine russische Impfung nicht ein politischer Win-win-Moment für die deutschen Rechtspopulisten, aber auch für den Kreml? Es wäre gewissermaßen die moderne Form der Blutsbrüderschaft. Tatsächlich stellt sich die AfD in den meisten wichtigen Fragen auf die Seite der russischen Regierung, gegen die deutsche Außenpolitik.

Das drohende Blutbad in der Wüstenstadt

Mehr als 230.000 Menschen sind nach Schätzungen der Uno im Jemenkrieg schon ums Leben gekommen. Doch je länger der Krieg dauert, desto geringer ist das Interesse der Weltöffentlichkeit – das wegen der unübersichtlichen Lage ohnehin nie besonders ausgeprägt war. Seit 2015 herrscht im Land ein Bürgerkrieg, unter Beteiligung ausländischer Mächte.

Vor den Toren der Wüstenstadt Marib findet nun eine der entscheidenden Schlachten des Krieges statt. Es droht ein Blutbad. Meine Kollegin Monika Bolliger hat mit Menschen vor Ort gesprochen und ordnet die Lage ein. »Wir hören die Kämpfe jede Nacht. Es ist Furcht einflößend, fühlt sich an, als würde sich langsam ein großes Monster der Stadt nähern«, sagt einer der Gesprächspartner.

Machtmissbrauch im Springer-Haus?

Der Chefredakteur der »Bild«, Julian Reichelt, steht im Fokus einer internen Untersuchung: Rund ein halbes Dutzend Mitarbeiterinnen haben dem Medienhaus laut SPIEGEL-Recherchen Vorfälle aus den vergangenen Jahren angezeigt. Unter anderem geht es um Machtmissbrauch und die Ausnutzung von Abhängigkeitsverhältnissen, in einzelnen Fällen auch um mögliche Vorwürfe von Nötigung und Mobbing. Das berichten meine Kollegen und meine Kollegin hier – und sie wissen auch: Reichelt beteuert seine Unschuld. Der Vorstand des Springer-Konzerns verspricht eine zügige Aufklärung.

Verlierer des Tages…

…ist der britische TV-Moderator Piers Morgan. Er hatte in seiner Show »Good Morning Britain« auf dem Sender Sky am Montag und Dienstag über Herzogin Meghan Markle und Prinz Harry hergezogen und überdeutlich gemacht, dass er die Schilderungen über Rassismus im Königshaus und die Selbstmordgedanken der Herzogin nicht glaube (»ich würde ihr nicht mal glauben, wenn sie den Wetterbericht vorliest«) und lieferte sich Schreikämpfe mit seinen Gästen. Die Queen ließ dagegen erklären, man nehme die Rassismusvorwürfe »sehr ernst«.

Als ein Co-Moderator Piers Morgan für seine Worte kritisierte, verließ er beleidigt das Studio . Für sein Verhalten gab es 41.000 Beschwerden bei der Aufsichtsbehörde Ofcom – und nun ist Morgan seine Show los. Seine Anhänger führten gleich das Modewort der Stunde ein: Morgan sei »gecancelt« worden – oder hat sich Morgan womöglich mit bescheuertem Verhalten vor seinen Zuschauern einfach selbst gecancelt? Morgan war bisher mit seinen pointierten Ansichten ein Nutznießer der »Culture Wars«.

Sollte er tatsächlich »gecancelt« worden sein, muss man sich um ihn wenig Sorgen machen: Viele der Menschen, die in den vergangenen Jahren angeblich wegen ihrer Ansichten »gecancelt« wurden, haben darauf ihre ganze weitere Karriere aufgebaut. In Großbritannien werden übrigens gerade zwei rechte Fernsehsender  gegründet, die im Stil von Fox News aggressiv Meinung machen sollen. Dazu könnte der Populist Morgan, als ehemaliger Chefredakteur des »Daily Mirror« eine echte Boulevardschleuder, gut passen.

Die jüngsten Meldungen aus der Nacht

  • Top-US-Militär warnt vor chinesischem Einmarsch in Taiwan: Pekings Druck auf Taiwan steigt – und im Pentagon wächst die Sorge über mögliche militärische Schritte der Chinesen. Nun wurde ein Admiral vor dem US-Senat deutlich. Auch Guam könnte demnach in Gefahr geraten

  • Arkansas verbietet Abtreibung – auch nach Vergewaltigung oder Inzest: Der erzkonservative Gouverneur sprach von »Pro-Leben-Überzeugungen«: Im Südstaat Arkansas sollen Abtreibung bald untersagt sein – sogar, wenn die Schwangerschaft aus Vergewaltigung oder Inzest resultiert

  • Polizisten bei Protesten in Athen verletzt: Bei einer Demonstration gegen Polizeigewalt ist es in Athen zu heftigen Ausschreitungen gekommen. Die griechische Polizei setzte Tränengas und Wasserwerfer ein. Ein Beamter wurde schwer verletzt

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