Philipp Wittrock

Die Lage am Morgen Wie viel Halbschlaf verträgt Deutschland?

Liebe Leserin, lieber Leser, guten Morgen,

heute beschäftigen wir uns mit der Verlängerung des Teil-Lockdowns, mit dem Rennen um die ersten Massenimpfungen, der Kenia-Krise in Sachsen-Anhalt – und der Frage: Wie viel Käpt'n Iglo steckt in Dosenfisch?

Längerer Lockdown

Es passte ja auch nicht zusammen: Bis zum 20. Dezember hatten Angela Merkel und die Ministerpräsidenten den deutschen Teil-Lockdown zuletzt verlängert. Gleichzeitig beschloss die Runde, die Kontaktbeschränkungen vom 23. Dezember bis maximal Neujahr zu lockern, um Weihnachten im Kreis der Familie möglich zu machen.

Wer aber etwas lockern will, der muss auch etwas beschränkt haben. Insofern ist es keine Überraschung – auch angesichts der weiterhin alarmierenden Zahlen –, dass die Länderchefs und die Kanzlerin die Anti-Corona-Maßnahmen nun bis zum 10. Januar ausgedehnt haben.

Mehr Sorgen müssen einem die Andeutungen des bayerischen Ministerpräsidenten machen:

»Die Frage ist, ob wir das Land die ganze Zeit in dieser Art von Halbschlaf halten können – oder ob wir nicht irgendwann noch mal überlegen müssen, an einigen Stellen sehr deutlich und konsequent tiefer heranzugehen.«

Statt ständigem Dämmerzustand einmal richtig tief und fest schlafen – viele junge Eltern wünschen sich das öfter mal. Doch wenn es um das öffentliche Leben in der Pandemie geht, ist dieser Zustand für viele Menschen im Land, die schon jetzt wirtschaftlich oder einfach nur emotional unter den geltenden Beschränkungen leiden, keine besonders erstrebenswerte Vorstellung.

Nehmen wir Markus Söders Worte daher als Mahnung: Nicht alles, was jetzt oder an Weihnachten oder an Silvester geht, muss auch sein. Es liegt an uns.

Der Ministerpräsident allerdings wird am Donnerstag noch mehr Argumente für einen harten Lockdown sammeln. Am Morgen besucht er den aktuellen deutschen Corona-Hotspot Nummer eins: Passau.

Warten auf das große Impfen

Wenn Hamburgs Bürgermeister Peter Tschentscher oder Schleswig-Holsteins Gesundheitsminister Heiner Garg an diesem Donnerstag Impfzentren begutachten, die in ihren Ländern gerade aufgebaut werden, dann ist die Botschaft klar: Wir sind bereit, kann jederzeit losgehen!

Bis das große Impfen gegen Corona wirklich losgehen kann, dauert es hierzulande aber noch ein paar Tage, vielleicht Wochen. Vorher muss die Europäische Arzneimittelagentur den deutsch-amerikanischen Impfstoff von Biontech und Pfizer für die EU zulassen. In Großbritannien dagegen sollen nach der Notfallzulassung der dortigen Aufsichtsbehörde schon ab nächster Woche die Ärmel für die ersten 800.000 Dosen von BNT162b2 hochgekrempelt werden.

Erst gab es ein – den Forscherdrang durchaus anspornendes – Rennen um die Entwicklung des ersten Impfstoffes. Nun, da es gleich mehrere vielversprechende Kandidaten gibt, scheint es besonders wichtig zu sein, wo als Erstes die Spritzen gezückt werden (China und Russland mal außen vor). So mancher britischer Politiker platzte am Mittwoch vor Stolz und tat so, als sei die Turbozulassung ein Beleg für die Richtigkeit des Brexits. Endlich keine lähmende EU-Bürokratie mehr! Premier Boris Johnson kommt der schnelle Impfstart ohnehin gelegen, lenkt er doch von der Kritik an seinem Krisenmanagement und zunehmenden Autoritätsverlust ab.

In Deutschland ist vor allem noch zu klären, in welcher Reihenfolge die Menschen geimpft werden sollen. Es heißt zwar immer: Ärzte, Pflegepersonal und Ältere zuerst. Die Details aber muss der Gesundheitsminister noch in eine Verordnung gießen. Dafür, so betont es die Kanzlerin, brauche es die Empfehlungen der sogenannten Stiko, der Ständigen Impfkommission des Robert Koch-Instituts. Wird das alles noch vor Weihnachten etwas oder erst danach? Angela Merkel will sich nicht festlegen.

Dass die Länder hier Druck machen und Planungssicherheit einfordern, verwundert nicht. Schließlich hatte der Bund sie zuvor gedrängt, die Impfzentren bis Mitte Dezember startklar zu machen.

Bei all der verständlichen Impf-Euphorie gerät bisweilen in Vergessenheit, dass Corona noch lange nicht besiegt ist. Die Impfstoffreserven werden anfangs endlich sein. Und bis ausreichend viele Bürgerinnen und Bürger geimpft sind, damit sich das Virus nicht mehr rasant verbreitet, kann es ein Jahr oder länger dauern. Der Weg ins normale Leben ist noch weit.

Aufschub für die Kenia-Koalition

Friedrich Merz hat in den ostdeutschen CDU-Landesverbänden bekanntlich viele Fans. Warum das so ist, zeigt sich auch im erbitterten Streit über die Erhöhung des Rundfunkbeitrags in Sachsen-Anhalt. Er habe Verständnis für die ablehnende Haltung der CDU-Landtagsfraktion, lässt der christdemokratische Bundesvorsitzkandidat via »Münchner Merkur« wissen. Und schiebt hinterher: »Im Übrigen ist es vollkommen unwichtig, welche Meinung die AfD dazu hat.«

Ist es aber eben nicht in diesem Fall. Denn die AfD bietet sich der CDU im Landtag ganz selbstlos als Mehrheitsbeschaffer an, um den 86-Cent-Aufschlag für die Öffentlich-Rechtlichen zu verhindern. Kommt es dazu, dürfte Reiner Haseloffs Kenia-Koalition mit SPD und Grünen am Ende sein, die Karriere des Ministerpräsidenten womöglich gleich mit.

Durch eine Unterbrechung der Sitzung des Medienausschusses am Mittwoch hat man sich nun eine Woche Zeit gekauft. Auswege sind aber nicht in Sicht. Am Donnerstag geht die Suche weiter.

Das Urteil des Tages...

…wird heute voraussichtlich in München gesprochen. Vor dem Landgericht geht es um die wegweisende Frage: Wer ist der wahre Käpt'n Iglo? Die Hamburger Tiefkühlkostfirma Iglo will dem Cuxhavener Fischkonservenspezialisten Appel Feinkost verbieten lassen, mit einem wettergegerbten, bärtigen Herrn samt Seemannsmütze für seine Produkte zu werben.

Denn das, meint Iglo, sei unlauterer Wettbewerb, es bestehe Verwechslungsgefahr mit der legendären Werbefigur Käpt'n Iglo. Nun ja, Eltern, die ihren Kindern einmal eine Dose »Zarte Heringsfilets in Tomatensoße« statt goldbrauner Fischstäbchen vorgesetzt haben, dürften diesen Fehler nie wieder machen.

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