Melanie Amann

Die Lage am Morgen Stehen bald alle Räder still?

Melanie Amann
Von Melanie Amann, Leiterin des SPIEGEL-Hauptstadtbüros

Liebe Leserin, lieber Leser, guten Morgen,

heute beschäftigen wir uns mit drei schwierigen Suchen: nach einem angemessenen Lockdown, nach dem richtigen Ton für Politikerbiografien und nach bezahlbaren Waschräumen in Washingtoner Vororten.

Wie hart wird der Lockdown noch?

Es kann niemanden überraschen, dass der Bundeskanzlerin der aktuelle Corona-Shutdown noch zu weich ist. Aber nun will Angela Merkel mögliche Verschärfungen mit den Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten noch früher diskutieren als ursprünglich geplant. Zu groß ist die Sorge vor einer Explosion der Infektionszahlen durch die neuen Corona-Mutationen, vor denen Merkel gestern auch in der Sitzung des CDU-Präsidiums warnte. Heute wird Merkel ihre Telefonkette in die Staatskanzleien fortsetzen, um einen früheren Termin schon für die nächste Ministerpräsidentenkonferenz zu sondieren, das Ergebnis dürfte im Laufe des Tages feststehen.

Gestern Abend haben sich die SPD-regierten Länder dazu schon in einer Telefonschalte ausgetauscht, und nach Informationen unserer Redaktion ist die Runde zwar einem früheren Termin nicht grundsätzlich abgeneigt, doch bei den Inhalten dürften wieder einige ausscheren. Anstelle bundesweiter Verschärfungen, wie Merkel sie offenbar gern sähe, wollten einige lieber einen für ihr jeweiliges Land »passgenauen Mix aus Verschärfungen und Lockerungen« erstellen, heißt es. Ah, der Föderalismus! Was uns nicht umbringt, macht uns härter.

Die Kanzlerin hat nach Informationen meiner KollegInnen offenbar schon Ende Oktober bei Bahn und Verkehrsministerium anfragen lassen, ob eine Reduzierung oder gar ein totaler Stopp des öffentlichen Nah- und Fernverkehrs möglich sei. Das Problem einer bloßen Reduzierung liegt auf der Hand: Mehr Reisewillige würden dann wohl in weniger Züge drängen. Besser wäre es, wie Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer gestern Abend bei Maybrit Illner sagte, dass die Deutschen irgendwie dazu gebracht werden könnten, freiwillig weniger Bus und Bahn zu nutzen. Dass der Schienenverkehr vom Staat komplett stillgelegt wird, ein »#MegaLockdown« kommt, sprengt ehrlich gesagt noch meine Vorstellungskraft. Jede und jeder von uns dürfte schon mal mit einem Zug der Deutschen Bahn im wörtlichen Sinne auf der Strecke geblieben sein, aber es blieb stets die tröstliche Aussicht: »Der nächste kommt gleich« (na ja, oder irgendwann), wie es in einer alten Bahn-Werbung heißt .

Eines muss man der Kanzlerin allerdings lassen: Bisher hat die Frau, die sich vermutlich 300 Nachkommastellen der Zahl Pi merken kann, noch immer recht behalten mit ihren düsteren Corona-Prognosen.

Wie lieb darf eine Biografie sein?

Bücher über Politikerinnen und Politiker sind nicht immer ein Lesevergnügen, gerade die von Journalisten, muss ich selbstkritisch für unsere Branche zugeben. Manche Werke sind lieblos zusammengeklatschte Sammlungen von bereits veröffentlichten Artikeln und Anekdoten aus dem Hauptberuf der Biografen, andere sind bis zur Peinlichkeit wohlwollend. Das Porträt von Dan Morain über die künftige US-Vizepräsidentin Kamala Harris konnte ich zwar noch nicht lesen, aber ein Interview meines Kollegen Marc Pitzke mit Morain lässt hoffen, dass sich hier ein kritischer Kenner mit Amerikas erster nicht weißer und nicht männlicher Person in diesem Amt befasst.

Der Biograf kennt Harris seit Mitte der Neunzigerjahre und hat als Journalist viele kritische Kommentare über sie veröffentlicht. »Sie war nicht die beste Generalstaatsanwältin«, urteilt er. »Andere waren viel aggressiver, engagierten sich bei wichtigeren Themen viel stärker als sie. Harris hat sich um wichtige Fragen gedrückt.« Als Beispiel nennt Morain die Todesstrafe, zu der Harris als kalifornische Generalstaatsanwältin nie Stellung bezogen habe. Aber ihre Mischung aus Härte, Charme und Arbeitseinsatz führt den Autor zu der Prognose: »Sie hat das Potenzial, eine wirklich bedeutende Vizepräsidentin zu sein.«

Übrigens können Sie sich in diesem Bundestagswahljahr auch auf eine politische Biografie aus der Feder einer SPIEGEL-Redakteurin freuen: Meine Kollegin Anna Clauß hat Markus Söder porträtiert, der sich bekanntlich auch gelegentlich »um wichtige Fragen gedrückt hat«, meistens aber doch eher zu »engagiert Stellung bezieht«, vorsichtig ausgedrückt. Ob er das Potenzial hat, »ein wirklich bedeutender Kanzler« zu werden? Als Expertin für die CSU und für Feminismus ist Anna bestens qualifiziert für eine Antwort. Die lesen Sie dann bitte ab 2. Februar selbst nach.

Wie schmutzig kann ein Amtswechsel werden?

Die Amtseinführung von »Joseph R. Biden junior« (wie die »New York Times« ihn stets korrekt bezeichnet) rückt näher, das Impeachment-Verfahren für den scheidenden Präsidenten Donald J. Trump ist in vollem Gange, ebenso wie die Ermittlungen über die Stürmung des US-Kapitols. Die Sicherheitsbehörden sahen den Sturm nicht kommen, obwohl Dutzende der Teilnehmer ihnen aus ihrer eigenen »Terrorist Screening Database« bekannt sein sollten. Dafür stürzen die Behörden sich nun umso eifriger in die Aufklärung der Randale, und täglich gibt es neue Meldungen über die Festnahme von Gestalten, die im Kapitol für Chaos und Zerstörung sorgten.

In Haft sitzt nun auch ein Mann, der mit »Camp Auschwitz«-Pullover und der Inschrift »Arbeit macht frei« zur Trump-Demo angereist war. Dass er für seine Beteiligung an der Attacke auf das Kapitol zur Rechenschaft gezogen wird, ist nur ein kleiner Trost – dass es solche Pullover überhaupt gibt und sich jedenfalls in Kreisen der Trump-Fans niemand daran stört, ist für sich genommen deprimierend. Nicht jedes Outfit, das in dem Mob zu sehen war, kann man Trump in die Schuhe schieben. Wohl aber die Verantwortung für die Sorglosigkeit der Randalierer, denen er jahrelang vorgetwittert hat, dass man ungestraft auch unsagbare Dinge sagen darf.

Inmitten der vielen politischen Analysen und Rekonstruktionen zu den letzten Tagen von Trumps Amtszeit sticht nun ein Bericht der »Washington Post« ins Auge zu dem vielleicht einzigen Thema, zu dem man bisher noch nichts gelesen hatte: zu den sanitären Anlagen der First Family. Ivanka M. Trump und Jared C. Kushner ließen offenbar die Secret-Service-Agenten, die für ihren Schutz abgestellt waren, keine der sechs Toiletten in ihrem Privathaus nutzen. Die Agenten mussten ausweichen, erst zum Haus eines Nachbarn namens Barack H. Obama, dann in ein Dixi-Klo auf dem Gehweg und später in eine für 3000 Dollar monatlich angemietete Wohnung. Man sollte denken, diese Story ist schnell erzählt, aber die ausführliche Schilderung der »Washington Post«  enthält mehr schmutzige Details über die saubere First Family, als man hätte ahnen können.

Gewinner des Tages....

...ist für mich Ulf Leisner. Nie gehört? Gut so, würde er wohl sagen. Sein Gesicht erkennen jenseits der CDU und der Journalisten höchstens Politikfreaks, die gern Parteitage und Wahlkampftermine im Fernsehen verfolgen: Leisner ist der ältere Herr mit der Brille und der besorgten Miene, der früher immer vor oder hinter Angela Merkel herlief (später dann hinter AKK), um ihr den Weg durch die Menge zu bahnen. Der Sachse ist seit 20 Jahren Vize-Bundesgeschäftsführer der CDU und zuständig für Parteiveranstaltungen wie die an diesem Wochenende, und diesen Job soll er stets sehr ernst genommen haben – bis hin zur Inspektion der Hotelbetten für seine langjährige Chefin Merkel, erzählt man sich in der Parteizentrale.

Der virtuelle CDU-Parteitag, der heute beginnt, wird Leisners 33. sein, aber ob es auch der letzte wird, da will er sich lieber nicht festlegen, auch wenn nächstes Jahr die Rente winkt. Schließlich komme er mit allen drei Kandidaten klar, und auf Twitter ist er auch längst. Sein liebster Parteitag sei der in Hamburg im Jahr 1990 gewesen, erzählt Leisner. »Das war für uns Ossis wahnsinnig beeindruckend. Wir kannten solche Events ja gar nicht, die Empfänge, die vollen Säle.« Dieses Mal wird der Saal leer sein.

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