Roland Nelles

Die Lage am Morgen Was Michael Wendler mit Michigan zu tun hat

Roland Nelles
Von Roland Nelles, US-Korrespondent

Liebe Leserin, lieber Leser, guten Morgen,

heute beschäftigen wir uns mit dem giftigen Einfluss von Verschwörungstheorien in der Coronakrise, mit dem Friedensnobelpreis - und mit dem Treffen zwischen Angela Merkel und den Bürgermeistern der Großstädte.

Angst und Verschwörungstheorien

Im US-Bundesstaat Michigan haben Mitglieder einer bewaffneten, rechtsradikalen Bande Pläne ausgeheckt, die demokratische Gouverneurin Gretchen Whitmer zu entführen und einen Bürgerkrieg im Land zu starten - auch, weil sie sich durch Whitmers Corona-Politik ihrer Freiheit beraubt sehen.

In Deutschland verkündet der Schlagerstar Michael Wendler in einem wirren Video seinen Ausstieg aus der TV-Sendung "Deutschland sucht den Superstar" und begründet dies irgendwie mit der Corona-Politik der Bundesregierung: "Ich werfe der Bundesregierung bezüglich der angeblichen Corona-Pandemie und deren resultierenden Maßnahmen grobe und schwere Verstöße gegen die Verfassung und das Grundgesetz vor", sagte er.

Nun ist der Wendler bestimmt kein militanter Entführer, aber die beiden Vorgänge haben doch eine Gemeinsamkeit: Sie zeigen exemplarisch, wie extreme Verschwörungstheorien und Ängste im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie derzeit die Köpfe mancher Menschen vergiften. In den USA, in Deutschland und anderswo: Es gibt Leute, die überall dunkle Mächte am Werk sehen und die die Pflicht, in einer Pandemie eine Maske zu tragen oder auf den Gang ins Sportstudio zu verzichten, schon als Generalangriff auf ihre Freiheit empfinden.

Das alles ist verrückt, aber es ist leider auch relevant, weil so Stimmungen beeinflusst, Menschen aufgehetzt und manipuliert werden können. Prominente wie Wendler erreichen ein Millionenpublikum, wenn sie anfangen, politisch durchzudrehen, ist das keine Kleinigkeit. Und wenn in den USA Militante, die wohl auch mit Präsident Donald Trump sympathisieren, Anschläge auf Politiker planen, ist es für alle Demokraten höchste Zeit, alarmiert zu sein. Das ist nicht mehr lustig, sondern leider sehr ernst.

Wer bekommt den Friedensnobelpreis?

Apropos Frieden: Das norwegische Nobelkomitee in Oslo wird heute bekannt geben, wer den diesjährigen Friedensnobelpreis erhalten wird. Bekanntlich macht sich US-Präsident Donald Trump Hoffnungen, weil er einen Freundschaftsvertrag zwischen Israel und den Vereinigten Arabischen Emiraten hat vermitteln lassen. Im Rennen sind allerdings noch 318 andere nominierte Kandidaten und Kandidatinnen. Wie immer können auch Organisationen den Preis erhalten.

Es ist denkbar, dass Trump den Preis bekommt. Heutzutage scheint ja leider alles möglich. Allerdings haben bei den Wettanbietern andere Kandidaten die Nase vorn. Dort werden unter anderem die Weltgesundheitsorganisation WHO oder die Klimaaktivistin Greta Thunberg hoch gehandelt.

Sollten sie gewinnen, wäre das für Trump dann gleich doppelt bitter. Zum einen, weil er keine Niederlagen mag. Und zum Zweiten, weil es auch ein Zeichen gegen Trump wäre. Er zählt sowohl die WHO als auch Thunberg zu seinen Gegnern. Die WHO mag er nicht, weil er generell nichts von internationalen Organisationen hält, in denen auch China mitmischt. Thunberg passt ihm nicht, weil er wenig an Klimaschutz interessiert ist.

Gute Chancen werden auch anderen Kandidaten und Kandidatinnen zugerechnet: Den Demokratie-Aktivisten aus Hongkong zum Beispiel, oder Vertretern der Opposition in Belarus. Um 11 Uhr wissen wir mehr, dann wird der Preisträger oder die Preisträgerin verkündet.

Corona-Gipfel: Merkel trifft Bürgermeister

Der sprunghafte Anstieg der Neuinfektionen in Teilen des Landes bereitet Sorge, auch der Bundeskanzlerin. Angela Merkel (CDU) will sich heute mit den Bürgermeistern von elf deutschen Großstädten in einer Videokonferenz treffen, um das weitere Vorgehen zu beraten. Es nehmen die Oberhäupter von Berlin, Hamburg, Bremen, München, Frankfurt am Main, Köln, Düsseldorf, Dortmund, Essen, Leipzig und Stuttgart teil.

Merkel will einen zweiten Lockdown vermeiden. "Ich möchte nicht, dass sich eine Situation wie im Frühjahr wiederholt", sagte sie bei einer Vollversammlung des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks. Der Lockdown sei für die Bevölkerung ein folgenschwerer Einschnitt gewesen. Im ersten Halbjahr sei die deutsche Wirtschaft in eine "historisch schwere Rezession" gefallen.

Interessant ist in diesem Zusammenhang eine neue Studie des Internationalen Währungsfonds (IWF). Aus dessen Sicht können schnelle Lockdowns bei einer Pandemie zu einer rascheren wirtschaftlichen Erholung beitragen. "Lockdowns verursachen kurzfristig Kosten, aber sie können zu einer schnelleren wirtschaftlichen Erholung führen, da sie die Infektionsraten verringern und daher den Umfang der freiwilligen sozialen Distanzwahrung", schreiben die IWF-Volkswirte Francesco Grigoli and Damiano Sandri in einem Blogbeitrag. Den sollte auch Michael Wendler vielleicht einmal lesen.

Verlierer des Tages…

 …ist Lindsey Graham. Der republikanische US-Senator und Vertraute von Präsident Donald Trump muss in seiner Heimat South Carolina um seine Wiederwahl fürchten. Der Südstaat ist eigentlich eine sichere Bank für die Republikaner, normalerweise können sie dort einen Besenstiel aufstellen und er würde gewinnen. Doch nun haben die Umfrageexperten vom "Cook Political Report" South Carolina zum Wackelstaat erklärt, am 3. November könnte dort Grahams Herausforderer Jaime Harrison von den Demokraten gewinnen, melden sie. Die beiden liegen in den jüngsten Umfragen fast gleich auf.

Dazu muss man wissen, dass Graham eine der schillerndsten Figuren des politischen Betriebs in den USA ist. Er galt erst als scharfer Trump-Kritiker, suchte dann aber bald bewusst die Nähe des Präsidenten, um weiter Einfluss zu haben, wie er selbst zugibt. Das Image des politischen Intriganten und Strippenziehers scheint ihm nun im Wahlkampf in seiner Heimat zu schaden. Die Demokraten pumpen Millionen von Dollar in eine Werbekampagne gegen Graham und werfen ihm vor, sich nicht ausreichend um die Belange von South Carolina zu kümmern. Graham selbst scheint so verzweifelt zu sein, dass er bereits über Fox News um Spendengelder bettelte: "Ich werde von meinen Gegnern finanziell überrollt", klagte er.

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Ihr Roland Nelles

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