Martin Knobbe

Die Lage am Morgen Die andere Normalität

Martin Knobbe
Von Martin Knobbe, Leiter des SPIEGEL-Hauptstadtbüros

Liebe Leserin, lieber Leser, guten Morgen,

heute beschäftigen wir uns mit der Frage, was nach der Coronakrise bleiben wird, mit dem Schandfleck Moria und mit Floskeln.

Der Epochenbruch

In diesen Tagen begreifen wir die Realität in kleinen Dosen. Zum Beispiel, dass es bis Ende des Sommers keine Stadionbesuche, keine Konzerte, keine Festivals, keine Wein- und Bierfeste, keine Klubbesuche geben wird. Die Biergärten werden geschlossen sein, die Restaurants. Wir machen uns nur langsam mit dem Gedanken vertraut, dass es vermutlich nichts wird mit dem lang ersehnten Sommerurlaub im Süden, mit dem Geruch von Meer und Sonnenmilch. Und wir nehmen nur schwer die Vorstellung an, dass unsere Kinder die nächsten dreieinhalb Monate weiter zu Hause und nicht in der Kita betreut werden, während wir arbeiten.

Alles machbar, alles vertretbar, wenn man auf die andere Seite der Rechnung blickt, auf der Hunderttausende von Menschenleben stehen.

"Die Rückkehr in die Normalität wird kommen, aber es wird die Rückkehr in eine andere Normalität sein", schreiben wir im neuen SPIEGEL in einer Geschichte zu den Beschlüssen von Bund und Landesregierungen, das öffentliche Leben in kleinen Schritten wieder zuzulassen. Denn auch wenn uns jeder Laden, der jetzt öffnet, und jede Klasse, die in ihre Schule zurückkehrt, neue Zuversicht geben wird, wissen wir zugleich, dass uns das Virus noch sehr lange begleiten wird. Und dann?

In der Titelgeschichte des neuen SPIEGEL tastet sich mein Kollege Ullrich Fichtner an die Frage heran, was nach der Krise bleiben wird, ob es mehr sein wird als Düsternis, Rezession, Arbeitslosigkeit, Verschuldung, womöglich Revolten und Kapitulation von Staaten. "Der gegenwärtige Schock könnte heilsam sein und einen Neuanfang einleiten, der in eine bessere, nachhaltigere Welt führt", schreibt Fichtner im Vorspann der Geschichte, die ich Ihnen nahelegen will. "Es ist, als machte der Corona-Schock die multiplen Krisen begreiflich, in die sich die Menschheit mehr oder minder bewusstlos selbst hineinmanövriert hat."

Der Schandfleck

Das Flüchtlingslager Moria auf der Insel Lesbos ist für 3000 Menschen ausgelegt, derzeit leben dort 20.000, in engsten Verhältnissen. Als Schandfleck Europas hat Gerd Müller, der deutsche Entwicklungsminister, das Lager bezeichnet. Die Sorge um Covid-19 hat die Lage nun verschärft. Weder die Platz- noch die Hygienebedingungen erlauben es den Bewohnern, sich gegen eine Ansteckung zu schützen. Immerhin, so heißt es, sei das Virus auf den Inseln deutlich schwächer verbreitet als auf dem Festland. Es klingt fast zynisch.

Bereits vor geraumer Zeit hat sich Deutschland gemeinsam mit anderen EU-Staaten bereit erklärt, zumindest den Schwächsten unter den Flüchtlingen zu helfen. 1600 kranke Kinder und unbegleitete Minderjährige sollten innerhalb der EU verteilt werden. Deutschland versprach, zwischen 350 und 500 aufzunehmen. Doch daraus wurde nichts: Die EU-Kommission vermochte es nicht, den Transfer der Kinder in die Mitgliedstaaten zu organisieren, Corona war schuld.

Im Flüchtlingscamp Moria hält eine Frau ein Baby auf dem Arm, während Dutzende Menschen wegen der schlechten Lebensbedingungen in dem Camp demonstrieren (Archivbild)

Im Flüchtlingscamp Moria hält eine Frau ein Baby auf dem Arm, während Dutzende Menschen wegen der schlechten Lebensbedingungen in dem Camp demonstrieren (Archivbild)

Foto: Angelos Tzortzinis/ AFP

Heute Vormittag gegen 11 Uhr sollen nun 58 dieser Kinder in Hannover landen. Die deutschen Behörden haben die Reise organisiert, Niedersachsen wird sie in den ersten Wochen aufnehmen. 58, das klingt wie der berühmte Tropfen auf dem heißen Stein. Doch verantwortlich für die kleine Zahl ist nicht das federführende Bundesinnenministerium: Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen braucht wegen der Coronakrise derzeit länger als üblich, die dringendsten Fälle herauszusuchen und zu dokumentieren.

Innenminister Horst Seehofer hat versprochen, dass weitere Kinder folgen werden. Diesen Rest von Humanität muss sich Deutschland bewahren, besonders in Zeiten von Abschottung, Grenzschließungen und Isolation.

Podcast Cover
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Wörter, die Sie nicht mehr lesen möchten

Gestern hatte ich in der "Lage" angekündigt, auf Anregung eines Lesers hin das Wort "Schalte" nicht mehr zu verwenden. Ich muss heute hinzufügen, dass dies nur für mich gilt. Meine "Lage"-Kolleginnen und Kollegen bleiben selbstverständlich Herrscher über ihren eigenen Sprachgebrauch.

Ich hatte Sie gefragt, welche Wörter oder Floskeln Sie nicht mehr lesen möchten. Mehr als 200 von Ihnen haben geantwortet. Das hat meine Erwartungen weit übertroffen. Vielen Dank für Ihre freundlichen Zuschriften, vielen Dank für die originellen und überzeugenden Vorschläge. Mich hat beeindruckt zu lesen, wie wichtig Ihnen eine präzise, verständliche, aber auch schöne Sprache ist. Das ist für uns Journalisten eine Verpflichtung.

Manche von Ihnen haben sich zur Frage der "Schalte" geäußert. Eine - wenn auch knappe – Mehrheit begrüßte den Verzicht ("ein schreckliches Wort", "steinzeitlicher Quatsch", "nervt gewaltig", "flapsig"). Die anderen bedauern ihn ("bettete mich ein in Kindheitserinnerungen", "sehr kurz und praktisch", "regierungsamtlich", "cool und retromäßig"). 

Und, ja, auch der gestern genannte "Fleckenteppich", der natürlich "Flickenteppich" hätte heißen müssen, wurde nominiert und als schlechte Metapher zur Beschreibung des Föderalismus geschmäht. In der Schweiz, schrieb eine Leserin, heißt der "Flickenteppich" übrigens "Kantönligeist".

Der Rahmen dieser "Lage" wäre gesprengt, listete ich all Ihre Vorschläge auf. Ich beschränke mich auf eine Auswahl. Manche Beispiele sind selbsterklärend, anderen folgt ein kurzer Kommentar. Welche Wörter also möchten Sie nicht mehr lesen?

  • gut aufgestellt

  • am Limit

  • Tanke

  • Flieger

  • drastisch

  • systemrelevant

  • gestrandet

  • unkaputtbar

  • verfüllt

  • die Kuh ist vom Eis

  • hochfahren / runterfahren

  • Helden

  • Deal

  • Lockdown

  • Homeoffice

  • worst case

  • deeplearning

  • macht Sinn

  • vom Feinsten

  • fünfköpfig

  • sogenannte

  • unter Hochdruck

  • Politikersprech

  • Kinder bespaßen

  • mehrere Dutzend

  • Es ist davon auszugehen, dass ….

  • neuartiges Coronavirus

  • Corona

  • Nach dieser Krise wird nichts mehr so sein wie davor

  • gespalten – "immer und alles ist gespalten, ich kann es nicht mehr hören"

  • beinhaltet – "warum nicht 'enthält'?"

  • alternativlos – "Es gibt immer eine Alternative, sie tut nur oft weh"

  • abgehängt – "wer ist so arrogant, das zu entscheiden?"

  • geschockt – "es heißt 'schockiert'"

  • einpflegen von Daten – "Herabsetzung der Pflegeberufe"

  • Administration – "auf deutsch: Regierung"

  • Durchseuchung – "kein Mensch möchte verseucht werden"

  • Herdenimmunität – "wir sind Menschen, keine Herden"

  • Epizentrum – "es reicht Zentrum"

  • Narrativ – "wird inflationär gebraucht"

  • Lockerung – "erinnert an den Strafvollzug"

  • vor Ort – "meist ohne Belang"

  • Flüchtlingswelle – "suggeriert etwas Bedrohliches"

  • Supergau – "niemals für tagespolitische Ereignisse"

  • Zerschlagung – "Unternehmen werden getrennt, aufgeteilt, teilverkauft etc."

  • tatsächlich – "Füllwort"

  • vorpreschen / zurückrudern – "inzwischen ausgelutscht"

  • Aktienkurse im freien Fall – "im freien Fall fällt man senkrecht runter"

  • Herausforderung – "überall für alles ständig verwendet"

  • es braucht mehr Mut – "Wer oder was ist dieses 'es'?"

  • Die Lage – "Politikjargon bzw. aus dem Militär", "suggeriert Kriegsberichterstattung"

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