Die Lage am Montag Liebe Leserin, lieber Leser,

zu den Eigenheiten der späten Ära Merkel gehört, dass die politischen Lagergrenzen immer mehr verschwimmen. Würde es einen Unterschied machen, wenn, sagen wir, der Ultrarealo Bodo Ramelow das Berliner Wirtschaftsministerium übernähme und dafür Peter Altmaier, dessen Herz ganz eindeutig links schlägt, in die Thüringer Staatskanzlei einzöge? So gesehen hatte es eine gewisse Konsequenz, als Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther am Wochenende eine Zusammenarbeit der CDU mit der Linken ins Gespräch brachte.

Was Pragmatismus angeht, ist Günther ein gelehriger Schüler Angela Merkels. Und tatsächlich ist gerade im Osten die politische Landschaft schon so zersplittert, dass die CDU bald vor der unerfreulichen Alternative stehen könnte, entweder mit der Linkspartei zu regieren - oder mit der AfD. Für die Linke spricht zumindest, dass ihr zahlreiche Regierungsbeteiligungen schon die dümmsten Flausen aus dem Kopf getrieben haben.

Auf in die Zukunft - und zwar auf roten Socken

Andererseits: Parteien können erstaunlich störrisch sein. Wer in der CDU ein Gedächtnis hat, das weiter zurückreicht als bis zum vergangenen Parteitag, der kann sich noch gut an die "Rote-Socken-Kampagne" des ehemaligen CDU-Generalsekretärs Peter Hintze erinnern. Damals ging es gegen die SPD, die in den Neunzigerjahren unter Qualen die ersten Bündnisse mit der PDS schmiedete.

Nun will man selbst auf roten Socken in die Zukunft schreiten? Kaum machte Günthers Interview die Runde, da versicherte Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer, dass Koalitionen mit der Linken (und der AfD) keinesfalls infrage kämen. Aber das sind Bekenntnisse, die wohl nur bis zum nächsten Wahltag halten. Der CDU stehen Debatten bevor, so viel ist sicher, die genauso schmerzhaft sein werden wie einst die in der SPD.

Vorerst gescheitert

Foto: Clemens Bilan/ EPA-EFE/ REX/ Shutterstock

Politik wird meist erst dann richtig interessant, wenn das Offenkundige ausgesprochen wird. Angela Merkel hat bei ihrem Besuch in Spanien erklärt, dass das Dublin-System zur Regelung der europäischen Asylpolitik "nicht funktionsfähig" sei. In der Tat: Erst sorgte es dafür, dass das Migrationsproblem auf Länder wie Italien und Griechenland abgeschoben wurde, wo die meisten Flüchtlinge EU-Boden betreten. Später, als das Dublin-System ausgesetzt wurde und Hunderttausende nach Deutschland kamen, erklärte sich der Rest Europas für nicht zuständig. Dublin ist eine Fehlkonstruktion. Aber noch viel schwerer als dieses Eingeständnis wird es Merkel fallen, in einer EU der Orbáns und Kaczynskis ein funktionierendes Asylsystem zu bauen.

Gewinner des Tages...

Foto: Maurizio Gambarini/ dpa

... ist Thilo Sarrazin. Schon zwei Mal hat die SPD versucht, den einstigen Berliner Finanzsenator aus der Partei zu werfen. Nun, kurz vor Erscheinen seines neuen Buches, werden Gedankenspiele laut, es ein drittes Mal zu versuchen. Nicht nur der zuverlässige Zitatelieferant Ralf Stegner meldete sich zu Wort; auch der ehemalige Parteichef Sigmar Gabriel ließ durchblicken, wie unglücklich er darüber ist, dass Sarrazin noch immer ein Parteibuch besitzt. Man weiß nicht recht, was mehr erstaunt: Gabriels Neigung, die neue Parteiführung an Probleme zu erinnern, die er selbst nicht zu lösen vermochte. Oder die Tollpatschigkeit, mit der die SPD wieder und wieder die unappetitlichen Bücher Sarrazins promotet.

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Herzlich,

Ihr René Pfister