Markus Feldenkirchen

Die Lage am Morgen Davos – Mekka der Wichtigtuerei

Markus Feldenkirchen
Von Markus Feldenkirchen, Autor im SPIEGEL-Hauptstadtbüro

Liebe Leserin, lieber Leser, guten Morgen,

heute geht es um das Weltwirtschaftsforum in den Schweizer Bergen, die drohende Welthungerkrise und den Pokal eines Marketingkonstrukts.

Mekka der Wichtigtuerei

Das Weltwirtschaftsforum im Schweizer Nobel-Skiort Davos, das heute beginnt, ist ein elitäres Get-together von zum Teil global agierenden Wichtigtuern, die sich dort, im Rahmen von unzähligen Events, Dinners und Partys gegenseitig ihrer Bedeutung versichern. Dass man neben all den Empfängen den Eindruck zu erwecken versucht, durch die eigene Anwesenheit die Welt ein klein wenig besser zu machen, ist nachvollziehbar. Der Beleg, dass dies auch geschieht, steht bislang leider noch aus.

Protestbanner in Davos

Protestbanner in Davos

Foto: Arnd Wiegmann / REUTERS

Offiziell geht es in diesem Jahr nach Angaben der Organisatoren unter anderem um die Erholung der Weltwirtschaft nach der Pandemie, um den Umgang mit dem Klimawandel sowie die Veränderungen in der Arbeitswelt.

Recht charakteristisch für dieses Forum erscheint mir jene Veranstaltung zu sein, die heute um 15 Uhr unter dem schönen Titel »Sport als verbindende Kraft« über die Bühne gehen soll. Klingt erst mal prima, die Liste der Teilnehmer nicht ganz. Mit dabei ist unter anderem Tamim Bin Hamad Al Thani, der Emir Katars, dessen Regime Menschenrechte systematisch mit Füßen tritt und die vielen Arbeitsmigranten im Lande lange wie Dreck behandelte. Und Fifa-Präsident Gianni Infantino, einer der schmierigsten Chefs, den diese ohnehin schmierige Organisation jemals hatte.

Gemeinsam werden sie gewiss die völlig hirnrissige Fußball-Weltmeisterschaft in Katar preisen, die in diesem Jahr im Winter stattfinden soll und für deren Vorbereitung schon unzählige Arbeitsmigranten sterben mussten. Aber zurück zum Titel der Veranstaltung. Ja, der Sport wirkt auch bei der WM in Katar als verbindende Kraft: zwischen Geldgier und Diktatur. Ich bin mir nur nicht ganz sicher, ob man in Davos zu einem ähnlichen Schluss kommen wird.

Der Hunger der Welt

Beinahe wohltuend finde ich, dass Bundeskanzler Olaf Scholz heute Besseres zu tun hat. Er besucht nicht Davos, sondern den Niger. Zum einen, um ein paar Bundeswehrsoldaten zu danken, die dort zur Ausbildung stationiert sind. Vor allem aber, um auf eine Krise aufmerksam zu machen, die angesichts des schrecklichen Kriegs in der Ukraine viel zu wenig Beachtung findet.

Bäuerin mit Weizenbündel in Ägypten

Bäuerin mit Weizenbündel in Ägypten

Foto: Amr Nabil / dpa

Die drohende Hungersnot in armen Ländern Afrikas und Asiens ist auch auf die drastisch gestiegenen Getreidepreise zurückzuführen. Nach der russischen Invasion in der Ukraine waren die Preise für Weizen auf den höchsten Stand seit 14 Jahren gestiegen. Nach Angaben der Bundesregierung unterbindet Russland derzeit die Ausfuhr von 20 Millionen Tonnen Getreide aus der Ukraine . Die Ukraine ist einer der größten Weizenproduzenten der Welt.

Da Wladimir Putin keinerlei Verantwortungsgefühl für das Wohl der Menschheit mehr zu unterstellen ist, muss die Weltgemeinschaft nun alles tun, um das Hungerleid zu lindern. Mit Geld- und Lebensmittelspenden, mit Verzicht in den Wohlstandsregionen und unkonventioneller Soforthilfe dort, wo es am schlimmsten ist, auch mit kurzfristigen Subventionen für Düngemittel und Anreizen zu deren beschleunigter Produktion. Denn auch deren Preis ist in Afrika und andernorts drastisch gestiegen.

Vor diesem Hintergrund hat der Besuch von Scholz vor allem einen symbolischen Wert. Solche Reisen mag der Kanzler bekanntlich nicht so gern. Dabei können sie richtig und wichtig sein.

Die Innereien der AfD

Heute Abend, gleich nach den »Tagesthemen«, läuft in der ARD eine spannende Dokumentation: »AfD-Leaks: Die geheimen Chats der Bundestagsfraktion.«  Die Kolleginnen und Kollegen konnten dafür mehr als 40.000 interne Chatnachrichten auswerten, die AfD-Abgeordnete in der vergangenen Legislaturperiode in einer sogenannten »Quasselgruppe« verschickten. Mindestens 76 der 92 Fraktionsmitglieder schrieben darin regelmäßig.

AfD-Fraktion in der vergangenen Legislaturperiode

AfD-Fraktion in der vergangenen Legislaturperiode

Foto: Hayoung Jeon / EPA-EFE / REX / Shutterstock

Die Chats zeigen, wie die Vertreter dieser Partei denken, reden und schreiben, wenn sie glauben, unter sich zu sein. Es ist ein intimer, schonungsloser Einblick in ein gefährliches Milieu. »Die Ratte Merkel an der Spitze! Diese Volksverräterin gehört lebenslang in den Knast!«, schreibt da beispielsweise ein Abgeordneter. »Wir müssen wohl warten, bis das alte Regime wirtschaftlich ans Ende kommt und der Funke aus Österreich, Italien, Frankreich usw. überspringt. Das wird kommen und für die dann ebenfalls kommenden gnadenlosen Kämpfe müssen wir uns rüsten.« So reden Menschen, die vom Umsturz träumen, vom Ende der Demokratie, wie wir sie kannten.

Manche Abgeordnete offenbaren allerdings auch einen sehr wachen und zutreffenden Blick auf die Partei, etwa wenn sie schreiben: »Uns fliegt langsam die Partei unterm Arsch weg, die gegründet wurde, um unser Land zu schützen!« Schön auch: »Was fremdschämen angeht, bin ich durch die Partei extrem belastbar geworden.« Dem ist nichts hinzuzufügen.

Gewinner des Tages…

Unternehmer Mateschitz

Unternehmer Mateschitz

Foto: Mark Thompson/ Getty Images

…ist Dietrich Mateschitz. Vor 13 Jahren schuf der Red-Bull-Gründer und Multimilliardär einen Fußballverein mit dem alleinigen Daseinszweck: Getränkedosen zu promoten. Quasi aus dem Nichts. 13 Jahre danach also hat dieses Marketinginstrument nun einen ersten großen Titel geholt. Am Samstagabend gewann das Konstrukt mit dem spitzfindigen Namen »RasenBallsport Leipzig«, dem spitzfindigen Logo und der spitzfindigen Satzung (Nur 21 stimmberechtigte Mitglieder, alle mit engem Red-Bull-Bezug, damit die totale Kontrolle gewährleistet ist), den DFB-Pokal gegen den SC Freiburg. Das ist ein Verein, der tatsächlich aus einem altbackenen, urromantischen Grund gegründet wurde: Menschen wollten miteinander Fußball spielen. Es ist ein Verein, der sich das, was er heute ist, über Jahrzehnte hart erarbeitet hat. Ein Verein, vor dem man tatsächlich den Hut ziehen muss.

Übrigens haben Menschen, die die mateschitzsche Pervertierung des Vereinsgedankens ablehnen, nichts gegen Ostdeutsche. Das ist allein deshalb Quatsch, weil Red Bull erst andere Regionen Westdeutschlands auf ihre Markttauglichkeit für einen neuen Profiklub abklopften, bevor sie sich für Leipzig entschieden. Ich persönlich würde mir mindestens 14 ostdeutsche Erstligavereine wünschen. Ein Konstrukt wie in Leipzig aber hätte von DFB und DFL niemals zugelassen werden dürfen. Nirgendwo in Deutschland.

Die jüngsten Meldungen aus der Nacht

  • Selenskyj spricht von 50 bis 100 Toten am Tag, Baltikum stoppt Stromimporte – das geschah in der Nacht: Der ukrainische Präsident hat sich zu Opferzahlen an der Ostfront geäußert. Österreich friert Vermögen von Oligarchen ein. Und: Deutschland vergibt Visa an russische Fachkräfte. Der Überblick.

  • Australien vereidigt Anthony Albanese im Blitzverfahren: Noch sind gar nicht alle Stimmen ausgezählt – doch Anthony Albanese hat bereits seinen Amtseid als australischer Premierminister abgelegt. Grund für die Eile ist eine wichtige Dienstreise.

  • »Robert möchte den FC Bayern nach acht gemeinsamen Jahren verlassen«: Verlässt Bayerns Starstürmer die Münchner noch in diesem Sommer? Geht es nach seinem Berater, lautet die Antwort Ja, denn: »Für Robert Lewandowski ist der FC Bayern Geschichte«.

Die SPIEGEL+-Empfehlungen für heute

  • Die grüne Stahlbaronin: Anne-Marie Großmann will ihr Stahlwerk in Georgsmarienhütte zu einem klimaneutralen Pionierstandort umbauen. Dazu benötigt sie Ökostrom. Aber es gibt kaum Platz für Windräder – der Artenschutz. 

  • Sie kommt von ganz unten – und könnte Vizepräsidentin werden: Mit 16 wurde sie ungewollt schwanger, mit 19 schuftete sie als Hausangestellte bei einer reichen Familie. Jetzt ist Francia Márquez 40 Jahre alt und hat gute Chancen, Kolumbiens Linke erstmals an die Macht zu führen .

  • Von Godfried blieben nur Haut und Knochen: Forscher in den Niederlanden ließen einen toten Wal am Strand verwesen. Der Gestank war höllisch – aber das unappetitliche Experiment zeigte, wer von dem Riesenfleischberg am meisten profitierte .

  • »Digga, lass ma so machen«: Die Serie »Die Discounter« wurde als deutsches Humorereignis gefeiert. Nun drehen die drei jungen Macher die Fortsetzung. Ist das die Zukunft der deutschen Comedy? Ein Besuch am Set .

Einen heiteren Montag wünscht Ihnen

Ihr Markus Feldenkirchen