Sebastian Fischer

Die Lage am Morgen Stell dir vor, es wird geimpft, aber zu wenige gehen hin

Sebastian Fischer
Von Sebastian Fischer, Leiter des SPIEGEL-Hauptstadtbüros

Liebe Leserin, lieber Leser, guten Morgen,

heute beschäftigen wir uns mit den Unvernünftigen in der Minderheit, die manchmal eine Gefahr für die Mehrheit werden können, mit den Debatten über das Impfen und eine Verlängerung des Shutdowns, sowie dem unvermeidlichen und jetzt unvermeidbaren Brexit.

Impfwettlauf gegen das Virus

Geht es Ihnen so wie mir? Seit Monaten starre ich auf die Karte mit den Inzidenzzahlen. Zuletzt war zu beobachten, wie sich das ganze Land erst rot, dann dunkelrot und schließlich stellenweise – ja was? – violett einfärbte. 

Schluss damit. Ich schaue mir fortan lieber die tägliche Statistik mit den Impfquoten im Bundesländervergleich an. Die sind zwar alle noch im Promillebereich, nicht mal 50.000 Menschen sind in Deutschland bislang geimpft worden.

Aber klar ist: Diese Zahl wird steigen, Tag für Tag. Bis das Virus besiegt ist. 

Oder vielleicht nicht?

In Berlin jedenfalls macht das größte Impfzentrum, das am Sonntag gerade eröffnet wurde, über Silvester und Neujahr erst mal wieder dicht. Offenbar gibt es generell nicht nur zu wenig Impfstoff, sondern speziell auch zu wenig Interesse. Es habe nicht so viele Buchungen gegeben, dass der Betrieb hätte weitergehen müssen, berichtet der RBB 

Ob das nun an geringer Impfbereitschaft oder anderen Gründen liegt, scheint mir zu diesem Zeitpunkt noch nicht klar. Spekulation. Nichtsdestotrotz ist es doch ein bitteres Symbol: Endlich kann (zumindest ein bisschen) geimpft werden, aber mancherorts gehen zu wenige hin. 

Rund 60 Prozent der Deutschen müssten sich impfen lassen, um das Virus in den Griff zu bekommen, heißt es. Sollte sich die britische Corona-Variante durchsetzen, die nach ersten Untersuchungen ansteckender erscheint, dann benötigte man wohl eine deutlich höhere Impfquote, um so was wie Herdenimmunität zu erreichen. Wie groß darf die Minderheit der Unvernünftigen am Ende sein?

Deshalb wird die Debatte über Privilegien für Geimpfte in den kommenden Monaten noch entschiedener geführt werden als aktuell. Privilegien können mitunter die Wirkung einer Impfpflicht haben, über die gegenwärtig noch kaum jemand in Deutschland sprechen mag.

Logisch, entscheidend wird sein, ob die Impfung nicht nur vor einer Erkrankung, sondern auch vor einer Infektion schützt. Verhinderte die Impfung nicht die Verbreitung des Virus, wäre die Privilegiendebatte hinfällig.

Also abwarten, zuallererst braucht es: mehr Impfstoff. Weil ohne den Stoff ist alles nichts.

Mich wundert dabei, wie verhalten die Frage nach mehr Impfdosen gestellt wird. In den USA hat der künftige Präsident angekündigt, in den ersten 100 Tagen seiner Amtszeit 100 Millionen Bürgerinnen und Bürger impfen zu lassen. Wir dagegen machen Pläne zur – halbwegs gerechten – Verteilung des Mangels. Geht da nicht mehr?

Gesundheitsminister und Impfstoffhersteller verweisen auf das neue Biontech-Werk in Marburg, das im Frühjahr zusätzliche Dosen produzieren soll. Das ist sehr gut. Aber warum nicht parallel Lizenzen zum Nachproduzieren an andere Hersteller geben?

Das eine tun, ohne das andere zu lassen. Dass in den vergangenen Tagen sowohl die Linke als auch die FDP – also die Partei des Staates und die Partei des Marktes – sich der Sache der Menschen und dieser Lizenzidee zugewandt haben, sollte doch zu denken geben.

Verlängerung für den Shutdown

Haben Sie die Bilder aus den Wintersportgebieten gesehen, zum Beispiel aus Winterberg im Sauerland? Tagestouristen haben für ein Verkehrschaos gesorgt und sich illegal auf den gesperrten Pisten getummelt. Wieder so ein Sinnbild für unsere Gesellschaft in der Coronakrise.

Wir durchindividualisierten Wohlstandsmenschen sind es gewohnt, Verantwortung für uns zu tragen. Wir können unsere Gesundheit, unser Leben riskieren, das steht uns zu. Aber können wir die Gesundheit und das Leben der anderen riskieren? Steht uns das wirklich zu?

Dieser Shutdown wird vielleicht auch deshalb über den 10. Januar hinaus andauern, weil ihn eine Minderheit offenbar ignoriert. Die Kombination aus Ignoranz, zu wenig Impfstoff und einem mutierten Virus lässt nur einen Ausweg zu: Die Inzidenzen müssen so weit sinken, dass die Gesundheitsämter mit der Nachverfolgung wieder hinterherkommen. 

Und es wird die Schulen treffen, davon können wir ausgehen. Sie sind offenbar nicht der safe space, den wir uns alle erhofft haben. Dass in all den Monaten so wenige Vorkehrungen getroffen wurden jenseits wohlmeinender Lüftungshinweise, um Unterricht auch unter verschärften Pandemiebedingungen zu ermöglichen, ist schon jetzt der Bildungsskandal dieses Jahrzehnts

Baden-Württembergs Kultusministerin und CDU-Spitzenkandidatin bei der Landtagswahl, Susanne Eisenmann, repräsentiert die Augen-zu-und-durch-Fraktion: »Unabhängig von den Inzidenzzahlen« solle man nach dem 10. Januar bestimmte Schulstufen und Kitas wieder für den Präsenzunterricht öffnen. Schönen Gruß an Baden-Württembergs Intensivstationen, die arbeiten nämlich nicht ganz so unabhängig von den Inzidenzzahlen. 

Und noch einmal… Brexit

Machen wir es kurz, hier das Nötigste, was sie heute über die in wenigen Stunden – vorerst – endende Brexit-Saga wissen müssen: Das britische Parlament stimmt an diesem Mittwoch über den Handelsdeal mit der EU ab, die Zustimmung gilt als gesichert.

Wie da ein europäisches Volk der europäischen Idee und gemeinsamen Zukunft störrisch den Rücken zuwendet, schmerzt nach all den irren Brexit-Jahren trotzdem.

Aber was heißt schon: das Volk. Eine elitäre, konservative Minderheit hat es geschafft, die Mehrheit hinter die Fichte zu führen. Und diese Mehrheit, nicht die Minderheit, wird die Rechnung bezahlen müssen. Aber ein Referendum ist ein Referendum ist ein Referendum. 

Ach. Um es mit Schiller und Beethoven zu sagen: Seid umschlungen, Ihr Millionen Briten. Und kommt irgendwann zurück.

Gewinner des Tages…

…sind die Israelis. Wahrscheinlich werden sie den Corona-Impfrekord aufstellen und ihre Bevölkerung in wenigen Monaten durchgeimpft haben.

Klar, Israel ist klein (rund 9 Millionen Einwohner), aber die Zahlen sind beeindruckend: Schon jetzt sind mehr als 5 Prozent der Bürger insgesamt und mehr als 25 Prozent der über 60-Jährigen geimpft.

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Ihr Sebastian Fischer

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