Die Lage am Abend Wo waren Sie am 11. September vor 19 Jahren?

Von Nils Minkmar, Autor im Kulturressort

Guten Abend, die drei Fragezeichen heute:

  1. 11. September - Wo waren Sie vor 19 Jahren?

  2. Ein Hauch von Schwarz-Grün - Wann kommt das Ende der Großen Koalition?

  3. Platten vor CDs - Ist der Zenit des digitalen Zeitalters schon überschritten?

1. Wo waren Sie heute vor 19 Jahren? 

Das Wetter war ähnlich schön, ein perfekter Tag am Morgen und die Hölle Stunden später. Es würde, so hieß es, der schreckliche Beginn einer komplexen neuen Zeit sein, eine Rückkehr des Krieges in unsere Zeit und der Beginn einer neuen Ungewissheit. Die asymmetrische Kriegsführung wurde zum geflügelten Wort, auch der Krieg der Kulturen. Und schon damals zündete man die Dauerbrenner von der Notwendigkeit, wegzukommen vom Öl und der größeren politischen und militärischen Rolle Deutschlands in einer stärkeren Europäischen Union.

Denkt man heute darüber nach, fällt vor allem auf, wie kurzfristig die Antworten waren, die auf jene korrekt analysierten, langfristigen Probleme gegeben wurden. Immer noch spielt das undurchsichtige, islamistische saudische Regime eine wichtige Rolle in der westlichen Allianz. Osama Bin Laden ist tot, aber der politische und militante Islamismus ist weitergezogen, zu neuen Terrorpaten, die dort gedeihen, wo Machtvakuum entstanden ist. 

Von Afghanistan war damals viel die Rede, obwohl die Anschläge in Hamburg konzipiert wurden. Später vom Irak, heute werden beide Länder eher beschwiegen: Es ist nicht so gelaufen, wie der internationale Elan der Terrorbekämpfung das im Sinn hatte. Was bleibt, sind die Menschen, die aus Afghanistan und dem Irak nach Europa kommen, den Ländern, die der 11. September und die westliche Reaktion darauf nachhaltig destabilisiert haben. 

Es ist eine lange, traurige Geschichte seit diesem Tag, aber es ist eine Pflicht der Vernunft und der Menschlichkeit, wenigstens die Gestrandeten aus dem Lager Moria in Europa aufzunehmen.

2. Was kommt nach der Großen Koalition?

Die Bilder von Bränden in Lesbos, Kalifornien und Oregon dominieren die Fernsehnachrichten. Gestern nach der Tagesschau fragte mich ein von einem langen Schultag müder Sohn, ob Europa nicht die fliehenden Menschen der amerikanischen Westküste aufnehmen kann? Die Bilder aus San Francisco sind jedenfalls arg beeindruckend und bedrückend. Sie kommen zum Abschluss eines abermals sehr heißen Sommers. Grüne Sittiche, Ventilatoren und Temperaturen über 30 Grad - das war einst ein Bild aus den Tropen, nicht der sommerliche Alltag in Hessen.

Es liegt also auf der Hand, nun, wie Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier es vorschlägt, einen politischen Pakt zur Rettung des Klimas zu schließen. Altmaier schwärmt von einem historischen Kompromiss - so nannte man einst in Italien die Allianz von Kommunisten und Christdemokraten. Auch, wenn die Grünen durch Annalena Baerbock noch skeptisch reagieren. Das Umweltthema und die Wirtschaftskrise beschäftigen die Leute. Ein Hauch von Schwarz-Grün weht durch Berlin.

3. Ist der Zenit des digitalen Zeitalters schon überschritten?

Corona waren die Monate des glühenden W-LANs. Man arbeitete, unterhielt und informierte sich über das Heimnetz, der Rest wurde per Smartphone erledigt. Das kulturelle Leben litt besonders darunter, denn nicht alle Erlebnisse kann man digitalisieren. Die Auswirkungen auf die Seele sind gänzlich unerforscht. In den USA gibt es schon Kliniken, in denen Digitaljunkies langsam wieder an die Haptik von Steinen, an den Wald, die Kunst und das Kochen gewöhnt werden, nüchtern und offline.

Es regt noch mal ganz anders die Sinne und Gefühle an, wenn wir einen Gegenstand auch anfassen und behalten dürfen, ein Buch, einen Fotoabzug oder eben eine Platte - sicher, dass nicht die nächste Aktualisierung alles löscht, sicher, dass ich nicht tausend neue Kaufangebote bekomme, wenn ich Musik höre. So freut es mich, dass sich die Platte wieder großer Beliebtheit erfreut - das wird auch so weitergehen.

Podcast Cover
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Was heute sonst noch wichtig ist

  • Großbritannien und Japan beschließen Freihandelsabkommen: Während der Streit über den Brexit mit Brüssel eskaliert, sucht die britische Regierung die Nähe zu anderen Handelspartnern. Mit Japan sei man sich inzwischen einig, heißt es in London - zumindest grundsätzlich.

  • Twitter trifft Vorkehrungen gegen Falschinformationen am Wahlabend: Die Sorge vor Falschinformationen bei der US-Wahl ist groß, Twitter bereitet sich darauf vor. Der Kurznachrichtendienst kündigte strenge Kontrollen der Tweets am Wahltag an, vor allem bei der Verkündung eines Wahlsiegs.

  • US-Präsident soll mit Schutz für saudischen Kronprinzen geprahlt haben: Ein Killerkommando ermordete 2018 den Journalisten Khashoggi. Laut dem Woodward-Enthüllungsbuch gab Donald Trump damit an, den saudischen Prinzen bin Salman vor Untersuchungen bewahrt zu haben.

  • Ver.di ruft Postboten zum Streik auf: Die Coronakrise hat der Post gute Geschäfte beschert. Davon sollen nach Vorstellungen von Ver.di auch die Angestellten profitieren, die Gewerkschaft hat in Niedersachsen und Berlin zu Arbeitsniederlegungen aufgerufen.

  • Deutsche Marine verhindert Verstoß gegen Waffenembargo in Libyen: Im libyschen Bürgerkrieg mischen zahlreiche ausländische Mächte mit. Das deutsche Marineschiff "Hamburg" hat nun einen Tanker gestoppt, der Treibstoff an eine der Kriegsparteien liefern sollte.

Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen

  • Die Welt braucht schnell einen Corona-Impfstoff - aber um welchen Preis? Der Pharmakonzern AstraZeneca musste die Erprobung seines Corona-Impfstoffs vorläufig stoppen, weil eine Teilnehmerin schwer erkrankte. Weitere Rückschläge dürften folgen .

  • Plötzlich holt er auf: In der Coronakrise war er nahezu unsichtbar. Doch seit sein Fachgebiet Außenpolitik den öffentlichen Diskurs bestimmt, ist Norbert Röttgen wieder da. Nun fordert er seine Rivalen zu einer TV-Debatte heraus .

  • Diese 18 Interviews könnten Trump das Amt kosten: Jeder Präsident, der sich mit dem Journalisten Bob Woodward einließ, hat das bereut. Am Dienstag erscheint sein Enthüllungsbuch über Donald Trump .

  • Anti-Greta: Ihre Anhänger verehren Naomi Seibt als Kämpferin für die Wahrheit. Ihre Kritiker schmähen sie als Verschwörungstheoretikerin und Postergirl der neuen Rechten. Unser Reporter hat sie besucht .

  • Der unfruchtbare Mann: Die Spermaqualität der Männer nimmt rapide ab. Das hat Auswirkungen aufs Kinderkriegen und auf die Psyche der Betroffenen. Woran liegt es - und was kann man dagegen tun? Lesen Sie hier die SPIEGEL-Titelstory .

  • Sollten die Beschäftigten im öffentlichen Dienst mehr Geld bekommen? Die Gewerkschaft Ver.di fordert mitten in der Krise 4,8 Prozent mehr Lohn. Daten zu Gehältern, Befristungen und Kurzarbeit zeigen, wie die Beschäftigten im Vergleich zur Privatwirtschaft dastehen .

Was heute nicht so wichtig ist

  • 1888 entflohen 13 Krokodile im Hamburger Hafen. Ein Dampfer hatte die Tiere für den Tierpark Hagenbeck angeliefert, dann wurde eine Tür vergessen und ab ging es in die Freiheit für die Echsen. Das ist deswegen noch in Erinnerung, weil darauf ein Volkslied gesungen wurde: "Draußen auf der Elbe schwimmt ein Krokodil." Heute ist die Unstrut in Thüringen Kandidatin für ein flüchtiges Krokodil. Man möchte es mit einem Huhn in eine Fotofalle locken. Ohne solche Meldungen von Sichtungen, Fantasien und exotischen Tieren ist der Sommer kein Sommer.

Tippfehler des Tages, inzwischen korrigiert: "Treibjagd auf Wildscheine in Mecklenburg-Vorpommern" 

Cartoon des Tages: Wir brauchen eine europäische Lösung!

Foto: Klaus Stuttmann

Heute Abend noch nichts vor?

In Berlin wird heute Abend der 450. Geburtstag der Staatskapelle begangen. Daniel Barenboim dirigiert, es ist ein Fest, ein Vergnügen und irgendwie auch ein Segen. Sie müssen sich aber nicht hinbegeben, nicht umziehen und nicht mehr Geld ausgeben - Deutschlandfunk Kultur  und arte concert  übertragen live ab 19 Uhr. 

Kopf hoch
Ihr Nils Minkmar

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