Wolfgang Höbel

Die Lage am Abend Die Nebenverdiener des Volkes

Wolfgang Höbel
Von Wolfgang Höbel, Autor im Kulturressort

Guten Abend, die drei Fragezeichen heute:

  1. Stille über Einkünfte – Wie viele Bundestagsabgeordnete verdienen etwas in anderen Jobs dazu?

  2. Ein Drittel der Deutschen sind nun zweimal geimpft – warum raten Experten und Politiker trotzdem vom Reisen zum EM-Spiel der Fußball-Nationalmannschaft in London ab?

  3. Rückkehr von »TV Total« – Wieso will Stefan Raab seine einstige Erfolgsshow wiederbeleben?

1. Jeder dritte unserer Bundestagsabgeordneten verdient Geld mit Nebentätigkeiten – immerhin melden nach den jüngsten Affären nun viele von ihnen ihre Einkünfte nach

Wenn man den Weisheiten des Gelehrten Konfuzius glaubt, der vor anderthalb Jahrtausenden lebte und in Deutschland vor ein paar Jahren durch Harald Schmidts Fernsehshow wieder populär wurde, dann ist diejenige Arbeit die beste, die der Arbeitende liebt – und gar nicht als Arbeit empfindet. Im besten Fall hängt es mit dieser Liebe zum Job zusammen, dass ein Drittel der Bundestagsabgeordneten in dieser Wahlperiode auch noch jenseits ihres Hauptberufs gewerkelt und deshalb Einkünfte aus Nebentätigkeiten gemeldet haben. Das sind deutlich mehr Nebentätigkeits-Anzeigen als zu früheren Zeiten, die sogenannte Maskenaffäre hat offenbar viele Parlamentarier aufgeschreckt. Laut einer Auswertung des SPIEGEL und der Transparenzinitiative Abgeordnetenwatch.de meldeten in jüngster Zeit zahlreiche Abgeordnete Tätigkeiten nach. Insgesamt kamen in dieser Wahlperiode offenbar mehr als 35 Millionen Euro an Nebeneinkünften  zusammen.

Das Bundestagsmandat muss »im Mittelpunkt der Tätigkeit« der ins Parlament gewählten Frauen und Männer stehen, so steht es im Gesetz. Nebentätigkeiten und Einkünfte daraus müssen dem Bundestagspräsidenten angezeigt werden. Mein Kollege Marcel Pauly berichtete in seiner Geschichte über die außerparlamentarischen Aktivitäten der Bundestagsabgeordneten, dass es überdurchschnittlich viele Nebenverdiener in den Fraktionen der FDP und der Unionsparteien gibt. Neben der Maskenaffäre haben zuletzt die im Mai mit Verspätung nachgemeldeten Sonderzahlungen der Grünen an die amtierende Parteichefin Baerbock und ihren Vorgänger Özdemir die Aufmerksamkeit der Parlamentarier beim Thema Nebeneinkünfte erhöht.

Vor zwei Wochen hat der Bundestag mit den Stimmen von Union, SPD, Linken und Grünen eine Verschärfung des Abgeordnetengesetzes beschlossen. Nun müssen Nebeneinkünfte über mehr als 3000 Euro im Jahr gemeldet werden, vorher lag die Grenze bei 10.000 Euro; es fehlt aber weiterhin eine unabhängige Kontrolle der Angaben. Wie beurteilt Marcel die neu erwachte Sensibilität der Abgeordneten? »In der Tat scheinen die vergangenen Monate den Blick der Parlamentarier auf die eigenen Aktivitäten und die damit verbundenen Anzeigepflichten geschärft zu haben«, sagt er. »Das zeigt aber auch, wie wichtig öffentliche Aufmerksamkeit für diese Art der Transparenz ist.«

2. Obwohl inzwischen mehr als 30 Prozent der Deutschen zweimal geimpft sind, warnen Experten und Politiker vor Reisen etwa nach London – wegen der Ausbreitung der Delta-Variante des Virus

Ich freue mich, wie viele andere Menschen derzeit, fast jeden Tag über die guten Nachrichten zur Infektionslage in Deutschland und zum Impffortschritt. Heute wurde bekannt, dass inzwischen mehr als ein Drittel der Deutschen zweimal geimpft sind. Das Bundesland Nordrhein-Westfalen kündigte an, seine Impfzentren Ende September zu schließen.

Mein Kollege Arno Frank nutzte die Stimmungslage für einen schwärmerischen Text über einen der in den letzten Monaten praktisch täglich präsenten Meister der Coronazahlen. Das Vergnügen an Arnos Lob der »kunstvollen Bräsigkeit des Lothar Wieler«  und der Wiederkehr des Gleichen wird für mich ein bisschen getrübt durch die heute erneuerten Warnungen von Politikern und Experten vor Reisen in bestimmte Länder – wegen der Ausbreitung der Delta-Variante des Coronavirus.

»Ich werde dafür werben, dass wir noch koordinierter vorgehen bei der Einreise aus Virus-Varianten-Gebieten«, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel heute vor dem EU-Gipfel in Brüssel. Besonders bedenklich sind die Ausbreitung der Delta-Variante und das Ansteigen der Positiv-Tests offenbar derzeit in Großbritannien. Dort tritt die deutsche Fußball-Nationalmannschaft am Dienstag zu ihrem nächsten und hoffentlich nicht letzten Spiel bei der Fußball-Europameisterschaft an. Für alle Deutschen, die trotz aller Gefahren als so genannte Schlachtenbummler nach London aufbrechen wollen, könnte es nach einer möglichen Ausscheiden der deutschen Mannschaft bei der Rückkehr zusätzlichen Grund zum Grummeln geben: In Deutschland gilt eine zweiwöchige Quarantänepflicht für alle Personen, die aus Großbritannien einreisen.

3. Der Entertainer Stefan Raab arbeitet an einer Neuauflage von »TV total« – wohl auch, weil er als Produzent anderer Sendungen zuletzt wenig erfolgreich war

Es war ein keineswegs immer subtiler Humor, mit dem der Entertainer Stefan Raab vor zwei Jahrzehnten zu einem Star des deutschen Fernsehgeschäfts wurde. »Schlagzeuger sind intelligentere Musiker«, behauptete er in einem seiner besseren Gags, »der Schlagzeuger ist zumindest der Einzige, der bis vier zählen kann.« Nun hat mein Kollege Alexander Kühn aus Branchenkreisen erfahren, dass Raab mit seiner Produktionsfirma Raab TV die 2015 beendete Fernsehshow »TV Total« zurückkehren lassen will, womöglich bereits im Herbst.

Raab, 54, will nicht selbst moderieren. Neuer Gastgeber soll der Kabarettist Sebastian Pufpaff, 44, werden. Der ist bislang noch fürs öffentlich-rechtliche Fernsehen tätig. Auf welchem Kanal das neue »TV total« laufen soll, ist unklar. Ein Sprecher des Senders ProSieben, wo die Sendung von März 1999 an lief, sagte auf Anfrage, er könne die Rückkehr der Show zum Stammsender »leider nicht bestätigen«, auch wenn die Idee »verlockend« klinge.

Alexander nennt »TV total« immerhin »eine der prägendsten Sendungen in der Geschichte von ProSieben« und berichtet, dass Raab mit den von ihm produzierten Formaten zuletzt nicht an seine alten Erfolge anknüpfen konnte. Im April wurde die von ihm verantwortete RTL-Show »Täglich frisch geröstet« eingestellt. Auch die Einschaltquoten diverser ProSieben-Shows, die Raab betreute, blieben unter den Erwartungen.

(Sie möchten die »Lage am Abend« per Mail bequem in Ihren Posteingang bekommen? Hier bestellen Sie das tägliche Briefing als Newsletter.)

Podcast Cover
__proto_kicker__
__proto_headline__

Was heute sonst noch wichtig ist

  • Forscher findet gelöschte Coronavirus-Sequenzen in der Cloud: In einem digitalen Ordner ist ein US-Virologe einem Medienbericht zufolge auf Gensequenzen früher Coronavirusfälle gestoßen. Die Daten waren gelöscht worden. Der Fund wirft neue Fragen auf.

  • Zusammenhang von Herzmuskelentzündungen und Coronaimpfung »wahrscheinlich«: In den USA haben Experten Fälle von Herzmuskelentzündungen nach Impfungen mit mRNA-Mitteln untersucht. Biontech oder Moderna könnten in seltenen Fällen Auslöser der Krankheit sein – die Vorteile der Impfung überwiegen aber.

  • Russlandstrategie von Merkel und Macron spaltet EU-Gipfel: Geht es nach Deutschland und Frankreich, ist es Zeit für eine Annäherung der EU an Russland. Doch beim Gipfel in Brüssel stellen sich einige Mitgliedstaaten entschieden gegen den Vorstoß.

  • Mehrstöckiges Gebäude nahe Miami Beach teilweise eingestürzt: Die Feuerwehr ist zu einem Großeinsatz in unmittelbarer Nähe von Miami Beach ausgerückt, nachdem offenbar ein mehrstöckiges Haus in sich zusammengefallen ist. Ein Video zeigt die Rettung eines Jungen.

  • Britisches Königshaus will beim Personal für mehr Diversität sorgen: Laut einer internen Erhebung ist das Personal von Queen Elizabeth II. nicht so divers wie der Rest der britischen Gesellschaft. Aus dem Palast heißt es nun: »Wir geben zu, dass wir mehr tun müssen.«

Meine Lieblingsmeldung heute: Englische Medien zum nächsten EM-Spiel

Die britische Boulevard- und Sportpresse ist berüchtigt für ihre Frechheit, ihre Freude an schlichten menschlichen Instinkten und ein bisschen auch für ihre Niedertracht. Nachdem feststand, dass im EM-Achtelfinale Deutschland und England im Wembley-Stadion aufeinandertreffen werden, wurde in vielen Redaktionen offenbar mit vorbildlichem Eifer an Schlagzeilen gebastelt. »Oh nein, es sind die DEUTSCHEN!«, schrieb die »Daily Mail«. Der »Telegraph« forderte: »Her mit den Deutschen!« Und weil dreiste, mit Klischees über angebliche besondere nationale Eigenschaften der Deutschen arbeitende Wortspiele wohl immer funktionieren, präsentierten gleich mehrere Zeitungen die Überschrift: »Herr we go again«!

Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen

  • Jobportal vermittelt Arbeitsplätze für Impfskeptiker: Auf dem Jobportal »impffrei.work« werben Arbeitgeber um Bewerber ohne Coronaimpfung – auch für Stellen in der Pflege oder Betreuung. Das Hackerkollektiv Anonymous hat der Seite den Kampf angesagt .

  • Orbáns riskante EU-Strategie: Der Fußballfan und Premier Viktor Orbán inszeniert sich gern als Beschützer seiner Landsleute – und spielt die Ungarn damit in der EU ins Abseits. Das könnte ihn am Ende seine Macht kosten .

  • Dribbling zwischen der alten Heimat und der neuen: Seine Aktion leitete den wichtigen Ausgleich gegen Ungarn ein. Der erst 18 Jahre junge Jamal Musiala kann dem deutschen Team bei der EM noch sehr helfen. Nun geht es gegen England – dem Land, in dem er aufwuchs .

Was heute weniger wichtig ist

Foto:

Jens Kalaene / dpa

  • Menschenscheuer Bühnenstar: Lena Meyer-Landrut, 30, hat während der Coronazeit Züge der Ungeselligkeit entwickelt. Die Sängerin, die 2010 den Eurovision Song Contest gewann und diesen Triumph damals mit dem kernigen, heute nahezu sprichwörtlichen Ausruf »Verdammte Axt! Ist das geil!« feierte, sagt einer Nachrichtenagentur: »Ich bin ein bisschen zur Sozialphobikerin geworden.« Sie müsse sich nach vielen durch Lockdowns und die Verpflichtung zur physischen Distanz geprägten Monaten an volle Straßen und Cafés erst wieder gewöhnen, so die auf vielen großen Bühnen erprobte Entertainerin. Im Augenblick empfinde sie »Geltungsangst«, fühle sich »etwas überfordert« und »wie jemand, der zum ersten Mal in einen Freizeitpark kommt«.

Tippfehler des Tages, inzwischen korrigiert: »Ich verstehe nicht, wie ein Ex-Spieler für eine Minute des Ruhms oder irgendein Promientenprogramm so reden kann.« 

Cartoon des Tages: Die Verteidigung Deutschlands am Hindukusch

Foto:

Klaus Stuttmann

Und heute Abend?

Könnten Sie sich mal mit der absonderlichen Freizeitbeschäftigung und Übernachtungstechnik des Campens beschäftigen, indem sie sich die auf Arte laufende Dokumentation »Camping – Die Geschichte einer Leidenschaft«  ansehen. Ich selbst finde eher wenig Spaß an dieser Art, den Urlaub oder ein paar Ausflugstage zu verbringen, weil mich zum Beispiel schon das Benutzen von Wasch- und Toilettenräumen gemeinsam mit wildfremden Personen stresst. Aber offensichtlich geht es sehr vielen Menschen anders. Meine Kollegin Dialika Neufeld zum Beispiel hat vor einiger Zeit sehr amüsant über ihre beglückenden Erfahrungen mit dem Dauercampen berichtet und im Namen aller jüngeren Campingbegeisterten gefragt: »Sind wir die neuen Spießer?« 

In der Fernseh-Doku von Heike Nikolaus lernt man nun unter anderem, dass das Campen zunächst Anfang des 20. Jahrhunderts in Großbritannien in Mode kam. 1931 wurde dann der Wohnwagen erfunden – in Deutschland. In der Arte-Ankündigung wird gemutmaßt: »Es muss wohl die kleine, große Freiheit sein, unterwegs sein und doch ein bisschen zu Hause, die so viele Menschen begeistert.«

Einen schönen Abend. Herzlich
Ihr Wolfgang Höbel

Hier können Sie die »Lage am Abend« per Mail bestellen.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.

Abonnieren bei

Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es zu einem späteren Zeitpunkt erneut.