Arno Frank

Die Lage am Abend Deutschland – allein zu Haus

Arno Frank
Von Arno Frank, Autor

Guten Abend, die drei Fragezeichen heute:

  1. Mangel – woher unser Wohlstand, wenn er nicht erwirtschaftet wird?

  2. Terror – wer schützt die Ordnung, wenn die Ordnungshüter sie gefährden?

  3. Ukraine – was lernen wir aus den Bildern, die uns erreichen?

1. Warum fehlt es an allen Ecken und Enden?

Ich für meinen Teil könnte von Herrn Woll und meinem Wasserschaden im Holzhaus im Wald erzählen. Im vergangenen Jahr ist mir eine niederschlagsintensive Großwetterlage in die Hütte gelaufen. Um neue Holzdielen und deren Verlegung sowie die Entsorgung einer halben Tonne pitschnasser Steinwolle habe ich mich selbst gekümmert. Für die neue Drainage brauchte ich den Herrn Woll, Kanalbaukoryphäe, angenehmer Typ.

Herr Woll riet mir, mit einem gemieteten Minibagger schon selbst mal zu graben. Da hätte ich bereits ahnen können, wohin der Hase hoppelt. Ich grub. Danach kamen seine Leute, verlegten die Drainage, tünchten die Wand – den finalen Verputz wollten sie »in ein paar Wochen« erledigen. Wenn ich ihn am Handy erreiche, klingt der Herr Woll gehetzt. Immer will er den Rest »in ein paar Wochen erledigt haben«. So geht das seit einem Jahr.

»Und das ist erst der Anfang«, heißt es in der aktuellen SPIEGEL-Titelgeschichte , »ein Vorgeschmack auf das, was dem Land droht, wenn in wenigen Jahren immer mehr Ältere in Rente gehen (…) und immer weniger Jüngere nachrücken«.

Unsere Geschichte fächert das Problem des Fachkräftemangels bundesweit und ganz prinzipiell auf, an Beispielen und in makroökonomischer Hinsicht. Schon warnen Ökonomen: weniger Arbeitskräfte, weniger Wertschöpfung. Deutschland könnte ärmer werden – wegen eines Mangels, der landläufig jahrelang als »Luxusgejammer der Industrie« galt.

Nun erleben ihn bereits Urlauber am Flughafen, Restaurant- und Schwimmbadbesucher oder Menschen, die für die ganz Alten oder ganz Jungen einen Platz in der Betreuung oder im Heim suchen. Oder Handwerker brauchen. 1,7 Millionen offene Stellen gab es im ersten Quartal des Jahres, ein neuer Rekord, und 7200 Beschäftigte fehlen allein an den Flughäfen. Ohne Zuwanderung wird das Problem künftig kaum abzufedern sein. Und tendenziell – ganz leicht, wenigstens ein klitzekleines bisschen? – weniger ausbeuterische Arbeitsbedingungen in vielen Branchen auch nicht.

Was Herrn Woll betrifft, falls er diese Zeilen lesen sollte, hege ich deshalb auch keinerlei Hader. Ihm rufe ich zu: »Schicken Sie wenigstens mal eine Rechnung. Oder kommen Sie auf einen Kaffee vorbei! Dann können wir uns angucken, was ich bisher schon alles gearbeitet habe!«

2. Was ist los mit manchen Bürgerinnen und Bürgern in Uniform?

Für den Fall, dass die öffentliche Ordnung in Deutschland zusammenbricht, haben sicher auch Sie sich bereits Waffen besorgt? Und, sicherheitshalber, auf einem Herrenklo des Wiener Flughafens versteckt? Nein? Dann geht es Ihnen wie mir und nicht wie Franco A., der heute vom Frankfurter Oberlandesgericht zu fünf Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt worden ist.

Dem 33-jährigen Offizier der Bundeswehr, der eher wirkt wie ein (etwas unheimlicher, aber okay, Fachkräfte sind knapp) Erzieher in der örtlichen Kita, hat die Bundesanwaltschaft vorgeworfen, ein »rechtsradikaler Terrorist« zu sein. A. habe Anschläge auf das Leben hochrangiger Politiker oder Personen des öffentlichen Lebens geplant, darunter den damaligen Justizminister Heiko Maas (SPD), Claudia Roth (Grüne) und die Gründerin der Amadeu Antonio Stiftung, Anetta Kahane.

Diese Vorwürfe hatte der Angeklagte bestritten, nicht aber das Horten mehrerer Waffen – laut eigener Aussage für den Fall, dass die öffentliche Ordnung in Deutschland zusammenbricht. Ein Szenario, bei dem er laut Urteil allerdings hat nachhelfen wollen, unter falscher Identität als »syrischer Flüchtling«.

Meine Kollegin, die Gerichtsreporterin Julia Jüttner, hat den Prozess begleitet  und A. als »Feind in Uniform« bezeichnet. Tatsächlich sind Netzwerker rechtsradikaler Gesinnungstäter in Polizei und Bundeswehr nicht erst seit den Skandalen beim KSK ein Problem, Stichwort »Hannibal«, Unterstichwort »Nordkreuz« – und dieses Problem ist auch noch nicht ausgeräumt.

Am Tag der Urteilsverkündung wurde publik, dass gegen acht von 20 Mitgliedern der Chatgruppe einer Spezialabteilung der Polizei von Münster wegen rechtsradikaler Inhalte Straf- und Disziplinarverfahren eingeleitet worden sind. Die Beamtinnen und Beamten scheinen mit der öffentlichen Ordnung in Deutschland ebenfalls nicht einverstanden gewesen zu sein.

3. Kann Transparenz einen Krieg entscheiden, der nicht enden will?

Geologen haben den Umfang und die Tiefe des Sommerlochs 2022 noch nicht exakt vermessen können. Fest steht, lauscht man »Debatten« um schlüpfrige Quatschlieder oder die Rückkehr eines Komponisten schlüpfriger Quatschlieder zu »DSDS«, dass in diesem Loch, wenn man nicht aufpasst, durchaus ein kompletter Angriffskrieg verschwinden kann.

Er geht allerdings ungebremst weiter, weil niemand weiß, wo die Bremse ist. Während also Deutschland sich warm anzieht und Richard D. Precht Markus Lanz vorrechnet, wann die ukrainische Reserve aufgerieben sein wird, geht’s hin und her und doch nicht weiter.

»Transparenz«, schrieb ein hochrangiger Berater des ukrainischen Präsidenten, sei »das beste Rezept gegen russische Manipulation und Falschinformationen«. Dazu gehört nicht nur, welche Waffen geliefert wurden und welche gebraucht werden. Dazu gehören auch Bilder.

Kein Krieg in der Geschichte der Kriege war jemals so gut dokumentiert wie die russische Invasion der Ukraine. Handykameras, Überwachungskameras, Drohnenkameras liefern einen unablässigen Strom bestürzender Bilder. Wobei man sich fragt, wann die Bestürzung kippt – entweder in Verrohung oder Abstumpfung.

Die aktuellen Aufnahmen eines russischen Raketenangriffs auf Winnyzia jedenfalls fügen dem Grauen nur noch mehr Grauen hinzu. Sie machen sozusagen schmerzhaft transparent, was ohnehin offensichtlich ist. Ihr reiner Nachrichtenwert wird durch den nächsten Einschlag anderswo aufgehoben sein. Was bleibt, ist ein Dokument des Entsetzens.

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Was heute sonst noch wichtig ist

  • Stiko-Chef Mertens widerspricht Lauterbach: Auch Jüngere sollten sich zum vierten Mal gegen das Coronavirus impfen lassen, empfiehlt Gesundheitsminister Lauterbach im Gespräch mit dem SPIEGEL. Doch Stiko-Chef Mertens ist anderer Meinung.

  • EU-Kommission verklagt Ungarn wegen Diskriminierung von Homo- und Transsexuellen: Ungarn muss sich wegen eines Gesetzes, das Informationen über Homosexualität einschränkt, vor dem Europäischen Gerichtshof verantworten. EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen sprach von einer Schande.

  • Lufthansa bremst Vielflieger aus: Die Lufthansa streicht die sogenannten Fastlanes für Vielflieger. In einer E-Mail bittet die Fluglinie ihre Kunden dafür um Verständnis – in einem sehr devoten Tonfall.

Meine Lieblingsgeschichte heute...

Ehepaar Ivana und Donald Trump (1990): Muse, Model, Managerin

Ehepaar Ivana und Donald Trump (1990): Muse, Model, Managerin

Foto:

Bob Sacha / Corbis / Getty Images

…ist ein Nachruf meines Kollegen Marc Pitzke auf Ivana Trump . Für mich, ich will’s gestehen, war die frühere Frau an seiner Seite nur genau das – eine Frau an der Seite von Donald Trump. Eine aufgefönte Blondine mit Hang zum Luxus und diffus osteuropäischer Herkunft, eigentlich egal. Man hätte sie sich in einer Nebenrolle in »Denver Clan« vorstellen können. Stattdessen hatte sie als Kind aus Tschechien (!) eine Nebenrolle in der bezaubernden Serie »Pan Tau«, bevor sie sich über den Umweg eines österreichischen Skilehrers vom Ostblock lösen und nach New York durchschlagen konnte.

Der Nachruf bringt also die Ivana Zelníčková hinter Ivana Trump zum Vorschein – und die Frau, ohne die der Aufstieg des Sohns eines Millionärs zum Millionär aus eigenem Recht wohl nicht möglich gewesen wäre. Zugleich, legt Pitzke nahe, wäre der Welt wohl seine weitere Laufbahn als Politiker erspart geblieben, hätte Ivana sich nicht eines Tages von ihm scheiden lassen. Sie sei »auf Augenhöhe« mit einem Mann umgegangen, der allzu gerne auf Menschen herabsieht.

Wie Donald Trump (etwa in »Kevin – Allein zu Haus«) als er selbst, so trat sie 1996 in »Der Club der Teufelinnen« als Ivana Trump auf, wo sie Goldie Hawn, Diane Keaton und Bette Midler praktische Scheidungsratschläge erteilt. Zur feministischen Ikone hat es freilich auch in späteren Jahren nicht gereicht, nicht einmal zum Dolchstoß gegen ihren Ex-Mann. Eine Vergewaltigung in der Ehe, Teil des Rosenkriegs, will sie ihm später dann doch nur auf Anraten ihrer Anwälte angedichtet haben.

Überraschend zart, nachdenklich und sentimental verabschiedete sich denn auch Donald Trump von Ivana, mit einem Post auf seinem eigenen sozialen Netzwerk: »Ruhe in Frieden, Ivana!«.

Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen

  • Wie sich die Union beim Wahlrecht verzockte: Der Bundestag soll schrumpfen, seit Jahren wird über verschiedene Modelle beraten. Die Ampelfraktionen könnten ihres jetzt durchsetzen – und die Union damit ins Mark treffen. Selbst schuld, denken manche. 

  • Das droht Deutschland in diesem Winter: Länder und Kommunen versuchen, Gas und Strom einzusparen, wo es nur geht. Der Hauptgeschäftsführer des Städtetags mahnt: »Wir werden die Komfortzone verlassen müssen 

  • Hilft jetzt nur Realpolitik, Henry Kissinger? Als er auf die Welt kam, lebte Lenin noch, im Kalten Krieg war Henry Kissinger US-Außenminister. Nun warnt der 99-Jährige vor einem Atomkrieg im Nahen Osten. Kremlchef Putin hält er für berechenbar. 

Was heute weniger wichtig ist

  • Melissa Viviane Jefferson, 34, besser bekannt unter ihrem Künstlernamen Lizzo, hat mit »Special« ein neues Album veröffentlicht. Und das ist leider weniger wichtig, als ihre zahlreichen Fans erhofft hatten. Zumindest, wenn ich meinem Kollegen Andreas Borcholte Glauben schenke, was ich selbst dann täte, würde er, was er niemals tun würde, »Layla« zum Gipfel deutscher Liedkunst erklären.

    Aber vielleicht sollte ich das nicht, denn Andreas ist ein dahergelaufener Mann, Lizzo hingegen eine feministische Ikone. Sie ist, grob gesprochen, dick und stolz darauf. Das nennt man »Empowerment« und ist wiederum sehr wichtig, wenn auch nicht gedeckt durch die Musik auf »Special«.

    Textzeilen über ihren Hintern und dessen ermächtigendes Gewackel sind leider eingebettet in recht generischen Pop, der, im Gegensatz zur Künstlerin, wenig wagt: »Lizzos Selbstinszenierung«, schreibt Andreas, »als gut gelaunter Wonneproppen, der musikalisch nicht anecken will, kann auch zur Falle werden, wenn sie zum Selbstzweck wird«. Besser wäre, sie hätte den Dauerhinweis auf ihre »Spezialität« gar nicht nötig. So weit, seufzt der Rezensent, seien wir aber noch nicht.

    Ikone wird sie vermutlich dennoch bleiben, allein schon, weil sie dem Schönheitswahn der Branche unter anderem als Moderatorin den Kampf angesagt hat. Ihre Castingshow (»Lizzo’s Watch Out for the Big Grrrls«  heißt in der deutschen Synchronisation übrigens allen Ernstes: »Hier kommen Lizzos mollige Mädels«. Mollig. Wir sind wirklich noch nicht sehr weit.

Tippfehler des Tages, inzwischen korrigiert: »Acht Models aus Kandada waren in New York City, um für die Olympischen Spiele von Montreal zu werben.« 

Cartoon des Tages: Öl-Tank

Und heute Abend?

Szene aus Trailer zu »Ringe der Macht«: Es gibt keine Versionen mehr, nur noch »Extended Versions«

Szene aus Trailer zu »Ringe der Macht«: Es gibt keine Versionen mehr, nur noch »Extended Versions«

Foto: AmazonStudios / Prime Video

Neuerdings ist es nicht nur so, dass Trailer als Ereignis verkauft werden – es gibt sogar so Teaser so bestimmten Trailen. Jedenfalls, wenn es um ein neues Produkt aus dem »Herr der Ringe«-Universum geht, auf das eine weltumspannende Religionsgemeinde sehnsüchtig gewartet hat. Amazon Prime Video hat sich der Vorgeschichte angenommen, am 2. September startet mit »Ringe der Macht« die teuerste (die Rede ist von 250 Millionen) TV-Produktion aller Zeiten. Erst vorgestern konnte ich mit den Showrunnern reden, und einer davon spricht fließend Elbisch. Die Sache ist also in guten Händen.

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Ein Eindruck, der durch den mehr als zweiminütigen Trailer noch verstärkt wird.  Zu pathetischer Musik sind pathetische Landschaften zu besichtigen, die den Begriff »Idyll« auf jeweils eine neue Ebene heben. Wir sind hier nicht mehr in Neuseeland, sondern wirklich in Mittelerde – auch wenn das bisweilen so aussieht, als lägen Königsmund (»Game of Thrones«) und Arendelle (»Die Eiskönigin«) irgendwie übereinander – und am Lago Maggiore.

Es gibt die übliche Arbeitsteilung, und das völkische Personal (»Elben haben Wälder zu beschützen, Zwerge ihre Minen, Menschen ihre Weizenfelder – aber wir Haarfüßer sind füreinander da«) ist vollzählig angetreten, wobei das Böse sich bisher nur als Komet zeigt. Es ist alles sehr schön, gleichzeitig dräut und schwant bereits Übelstes. So erzeugt man Spannung – und Vorfreude. Und so gestaltet man einen Trailer.

An diesem kurzen Filmchen können Sie übrigens an sich selbst austesten, ob sie Verächter oder Verehrer der Saga sind. Wer Gänsehaut bekommt, gehört dazu und wird schon wissen, wie er oder sie den September verbringt. Wen das Gezeigte kaltlässt, der kann sich für den Herbst etwas Anderes vornehmen.

Einen knechtschaftsfreien Abend wünscht

Herzlich Ihr
Ihr Arno Frank

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