Oliver Trenkamp

Die Lage am Abend Was hat Abtreibung mit Kopfgeldjagd zu tun?

Oliver Trenkamp
Von Oliver Trenkamp, Blattmacher in der Chefredaktion

Guten Abend, die drei Fragezeichen heute:

  1. »Heartbeat Bill« – Warum ist das neue Abtreibungsrecht von Texas so perfide?

  2. Alle Räder stehen still – Warum droht GDL-Chef Weselsky schon mit dem nächsten Streik?

  3. Verspätung im Anzug – Warum verzögert sich die nächste Mondmission der Nasa?

1. Medizinische Kulturkämpfe

Ja, das Medizinische ist politisch. Das zeigt sich deutlich wie selten, seit der Kampf gegen das Coronavirus so gut wie jede und jeden beschäftigt, in den Kitas und Kantinen, in den Büros und Bahnen, in den Schulen und Großraumbüros, in Parlamenten und, seit die Kneipen wieder aufhaben, an den Stammtischen. Einerseits richtig: Wer, wenn nicht die Politik, sollte die Interessen austarieren zwischen medizinischen, epidemiologischen, sozialen, wirtschaftlichen und all den anderen Fragen? Andererseits fatal: Wie umgehen mit Menschen, die jede medizinische Frage pseudopolitisieren? Die vielleicht ernsthaft glauben, die Impfung bringe die sichere Unterjochung unter eine Gates-Merkel-Lauterbach-Diktatur? Die jemandem wie dem Virologen Christian Drosten unterstellen, er wolle ihnen persönlich Böses, wenn er – wie heute – davor warnt, wir bräuchten im Winter neue Kontaktbeschränkungen, wenn sich die Impfquote nicht drastisch erhöhe? Wir erleben seit Monaten, wie Fakten negiert, wie wissenschaftliche Erkenntnisse zu Fake News umgedeutet und Fake News für einige zu glaubhaften Erzählungen werden.

Zum Glück sind das extreme Ausreißer. Was wir an Corona-Irrheiten hierzulande erleben, erscheint mir harmlos im Vergleich zu den Kulturkämpfen in den USA. Dort flammt gerade auch der Streit über das Recht auf Abtreibung neu auf. Befeuert haben ihn die Republikaner mit einem Gesetz, das seit gestern in Texas gilt. Es trägt den offiziellen Titel »Senate Bill 8«, viele nennen es »Heartbeat Bill«. Denn er verbietet schwangeren Frauen die Abtreibung, sobald ein Herzschlag des Fötus zu hören ist. Das bedeutet: nach etwa sechs Wochen. Keine Ausnahmen für Vergewaltigungsopfer.

»Damit gilt in dem Staat die strengste Einschränkung reproduktiver Rechte in den gesamten USA«, sagt meine Kollegin Muriel Kalisch aus unserem Auslandsressort. »Der Oberste Gerichtshof lehnte einen Eilantrag zur Blockade des Gesetzes ab und verwies in seiner Begründung auf ›komplexe und neuartige verfahrenstechnische Fragen‹.« Genau darauf hatten es die Urheber des Gesetzes angelegt – nicht nur auf eine besonders strenge Regelung, sondern eben auf eine juristisch so ausgefeilte, dass sie kaum anzufechten ist.

Das Gesetz sieht nämlich vor, dass die Verfolgung von Abtreibungen nicht dem Staat obliegt, sondern den Bürgern. Jede und jeder soll die Leute verklagen können, die einer Frau zu einer Abtreibung nach der sechsten Schwangerschaftswoche verhelfen – nicht die Frau selbst. Es kann den Pförtner einer Abtreibungsklinik treffen oder den Uber-Fahrer, der die Patientin hinbringt. Die große Schwester, die ihr zur Seite steht. Die Eltern, die ihr die OP bezahlen. Bei erfolgreicher Klage winken 10.000 Dollar – es gilt das Prinzip der Kopfgeldjagd.

2. Zurückbleiben, bitte

Über den viel fliegenden früheren Außenminister Hans-Dietrich Genscher kursierte der Witz: »Treffen sich zwei Flugzeuge. In beiden sitzt Genscher.« Er hat ihn einmal selbst erzählt in einem Werbespot für die Bahn – und angefügt: »Was für ein Unsinn!« In dem Moment fahren in dem Reklamefilm zwei ICEs aneinander vorbei, in beiden sitzt Genscher. Die Bahn als sympathisches Unternehmen und verlässliches Verkehrsmittel, war das auch damals nur die Werbewirklichkeit?

In diesen Tagen macht die Bahn Schlagzeilen wegen der streikenden Lokführer von der GDL. Meine Kollegen Simon Book und Gerald Traufetter haben jetzt Gewerkschaftschef Claus Weselsky zum Interview getroffen , in dessen Berliner Büro. »Er kam kurz vor knapp, nahm sich dann aber fast zwei Stunden Zeit für uns«, sagt Simon. Meine Kollegen gewannen den Eindruck eines GDL-Chefs, der Lust am Konflikt hat und die Schwachstellen des Gegners Bahn genau kennt:

  1. die Managementfehler der vergangenen Jahre,

  2. die mitunter schlechte Organisation im Konzern,

  3. die vertrackte Lage mit zwei Gewerkschaften in einem Unternehmen.

Zum Ende dann klingelt das Telefon des Gewerkschafters, das ZDF, Liveschalte. Auf dem Weg zum Aufzug letzte Fotos für den Fotografen, eiliger Abgang. Weselsky hetzt von Interview zu Interview, von Termin zu Termin. Wegen der Zugausfälle oft mit dem Dienstwagen oder eben – umgekehrter Genscher – dem Flugzeug. »Damit habe ich es vor ein paar Tagen unfreiwillig auf die Titelseite der ›Bild‹ geschafft«, sagt Weselsky. »Ich war auf dem Weg von Berlin nach Köln. Der Flieger war die einzige Möglichkeit, den Termin zu schaffen.« Er verstehe, dass so etwas Frust erzeuge, und erkläre dann den »Hintergrund unseres Arbeitskampfs«. Häufig gelinge es ihm, »Verständnis zu erzeugen«.

»Dennoch hat man das Gefühl, dass es Weselsky selbst ist, der einer Lösung im Weg steht«, sagt Gerald. »Denn die Auseinandersetzung ist längst auch eine persönliche Fehde zwischen dem Obergewerkschafter und dem Bahn-Vorstand.« Für die Fahrgäste wäre es womöglich das Beste, wenn beide Seiten einen Schritt zurückträten und anderen die Lösung der Sachfragen überließen. Weselsky droht allerdings bereits mit dem nächsten Streik: An diesem Wochenende trete man 120 Stunden in den Ausstand, sagte er. »Und da ist sicherlich noch Luft nach oben.«

3. Verspätung im Anzug

Bei Weltraummissionen kann allerhand schiefgehen, das weiß so gut wie jede und jeder aus dem Kino: Da erfrieren auf dem Mars die Kartoffeln im Behelfsgewächshaus (»Der Marsianer«), da verhageln Satelliten-Trümmerteile einem altgedienten Astronauten den letzten entspannten Weltraumspaziergang (»Gravity«), da kommt ein legendärer Raumschiff-Captain bei der Rettung einer Fernbedienung ums Leben (»Star Trek: Generations«). Vielleicht muss bei Weltraummissionen etwas schiefgehen, etwas Kleines natürlich, mit katastrophalen Folgen.

Aber selbst den filmisch Vorgebildeten überrascht dann doch, dass die Nasa mit ihrer neuen Mondmission in Verzug gerät, weil ausgerechnet die Raumanzüge nicht rechtzeitig fertig werden. Okay, es gibt grundsätzlich zwei Arten von Anzügen fürs All, wie mein Kollege Christoph Seidler aus unserem Wissenschaftsressort erklärt: »Vergleichsweise einfache Modelle, die beim Start und bei der Landung getragen werden; und aufwendigere Konstruktionen, die Raumfahrerinnen und Raumfahrer bei Außeneinsätzen anhaben – in der Schwerelosigkeit ebenso wie auf der Mondoberfläche.« Von diesem zweiten Typ hat die Nasa aktuell weniger als eine Handvoll zur Verfügung – und die sind schon beinahe Museumsstücke, auch wenn sie regelmäßig gewartet werden. Sie wurden ursprünglich in den Siebzigerjahren für das Shuttle-Programm entwickelt.

Deshalb sollten neue Anzüge her, »xEMU« genannt, flugtauglich, »eine Art Mini-Raumschiff zum Anziehen«, berichtet Christoph. Sie sollen vor Ersticken und Überhitzen schützen, vor Strahlung und im Idealfall sogar vor dem Einschlag gefährlicher Mikrometeoriten (siehe »Armageddon«). Gut bewegen können soll man sich damit auch. Ein aktueller Sonderbericht des Nasa-Generalinspekteurs zeigt jetzt: Die Anzüge werden wohl deutlich teurer – und kommen später. 2024 wollten die Amerikaner eigentlich wieder auf dem Mond landen. Dieser Zeitplan sei nicht mehr zu halten. Für die Raumfahrt gilt die alte Dandy-Weisheit: Lieber zu spät kommen als schlecht gekleidet.

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Was heute sonst noch wichtig ist

Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen

  • Erdoğans riskante Afghanistan-Wette: Die Türkei verhandelt mit den Taliban über einen Weiterbetrieb des Kabuler Flughafens. Präsident Erdoğan will das Vakuum nutzen, das die USA durch den Abzug aus Afghanistan hinterlassen haben .

  • Das ausschweifende Leben von »Ritter Heinrich«: Kaum jemand hatte so viel Einfluss bei der Skandalfirma Wirecard wie Henry O'Sullivan. Der Brite gilt als zentrale Figur des Superschwindels, sein Lebensstil hatte Hollywoodqualität. Jetzt sitzt er in Haft. 

  • Ein freier Mann: Griechenland trauert um Mikis Theodorakis, den legendären Komponisten. Wichtiger aber noch war, dass er Menschen zusammenbrachte – über politische Konfliktlinien hinweg.

  • Greenpeace und Deutsche Umwelthilfe leiten Klage gegen deutsche Großkonzerne ein: Im Sommer hat ein Gericht in den Niederlanden den Ölkonzern Shell zu mehr Klimaschutz verdonnert. Nun sollen deutsche Unternehmen dazu gezwungen werden, keine klimaschädlichen Autos und keinen Sprit mehr zu verkaufen .

Was heute weniger wichtig ist

Nora Tschirner als Kommissarin Dorn

Nora Tschirner als Kommissarin Dorn

Foto:

Stephanie Kulbach/ MDR

Tippfehler des Tages, inzwischen korrigiert: »Die Deutsche Bahn geht juristisch gegen den Streik der Lokomotivführergesellschaft GDL vor.«

Cartoon des Tages: OMMMHHH

Foto: plassmann

Und heute Abend?

Könnten Sie, falls Sie noch nicht genug vom Wahlkampf haben für heute, herauszufinden versuchen, zu welcher Partei Sie tendieren, wenn es nicht um Personen, sondern um Inhalte ginge – der Wahl-O-Mat zur Bundestagswahl ist jetzt online. Manchmal ist man ja überrascht, welcher Quatsch sich in Programmen von Parteien findet, von denen man annimmt, dass man ihnen nahesteht. Und manchmal auch davon, wie vernünftig die Vorschläge von Parteien klingen, die man im Leben nicht wählen würde.

Ich wünsche Ihnen einen Abend voller Überraschungen. Herzlich
Ihr Oliver Trenkamp

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