Oliver Trenkamp

Die Lage am Abend Das Lastenrad – ein »Veggie Day« auf Rädern?

Oliver Trenkamp
Von Oliver Trenkamp, Blattmacher in der Chefredaktion

Guten Abend, die drei Fragezeichen heute:

  1. Afghanistan – Wie lange können die Rettungsflüge weitergehen?

  2. Abschied von der 50 – Welche Richtwerte nutzen im Kampf gegen Corona?

  3. Lastenradlosigkeit – Wieso erzürnt ein Vorschlag der Grünen so sehr?

1. Noch eine Woche hoffen und bangen

Dauert der Rettungseinsatz der westlichen Militärs in Afghanistans Hauptstadt Kabul länger als bis Ende August? Auf keinen Fall, sagen die Taliban. Sie haben »Reaktionen« und »Konsequenzen« angekündigt, nein, angedroht für diesen Fall: »Würden die USA oder Großbritannien zusätzliche Zeit erbitten, um die Evakuierungen fortzusetzen, wäre die Antwort ein Nein«, sagte ein Mitglied der Taliban-Delegation in Doha. Die für den 31. August festgesetzte Frist sei eine »rote Linie«.

Doch, kann schon sein, dass es länger dauert, hatte hingegen US-Präsident Joe Biden durchblicken lassen. Seine Regierung sei sich nicht sicher, ob der Termin zu halten sei: »Es gibt Diskussionen zwischen uns und dem Militär über eine Verlängerung.« Er hoffe aber, »dass wir nicht verlängern müssen«. Bleibt die Frage: Wer blufft, wer ist bereit zur Eskalation? (Mehr zur Strategie der Taliban hier: Das Dilemma des Triumphs )

Über die Lage in Afghanistan spricht meine Kollegin Britta Sandberg zusammen mit Nora Müller von der Körber-Stiftung heute Abend mit Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU). In einer gemeinsamen Veranstaltung des SPIEGEL mit der Stiftung wird es darum gehen, wie die Bundesregierung so versagen konnte bei der Rettung ihrer Ortskräfte, um das Chaos am Flughafen in Kabul und darum, wer dafür die politische Verantwortung übernehmen muss. »Ursprünglich wollten wir grundsätzlicher sprechen über Deutschlands Rolle in der Welt«, sagt Britta, »aber angesichts der Lage gibt es gerade nur ein Thema – und das ist Afghanistan.« (Ab 19 Uhr finden Sie den Livestream hier.)

Zur Fairness gehört der Hinweis: Die westlichen Länder haben innerhalb der vergangenen Woche bereits mehr als 26.000 Menschen ausgeflogen. Knapp 3000 Schutzsuchende schaffte die Bundeswehr außer Landes, wie das Verteidigungsministerium mitteilte. Die USA flogen bislang rund 17.000 Menschen aus, Großbritannien mehr als 5700 und Frankreich mehr als 1000.

  • Alle aktuellen Meldungen zur Lage in Afghanistan finden Sie hier: Das News-Update

2. Schluss mit der 50

Bundesweit liegt die Corona-Inzidenz laut Robert Koch-Institut bei 56,4, Tendenz steigend. Und damit klar über 50, jenem Wert, ab dem früher das große Gedeck hervorgeholt worden wäre: Krisensitzungen, Notfallpläne, Ministerpräsidenten und Kanzlerin schalten sich zusammen. Glücklicherweise sind mittlerweile viele Leute geimpft; 56,4 ist heute nicht so dramatisch wie 56,4 im vergangenen Winter.

Jetzt will sich auch die Bundesregierung von der 50 als zentralem Richtwert verabschieden, sie will ihn aus dem Infektionsschutzgesetz streichen lassen, wie Regierungssprecher Steffen Seibert heute mitteilte. Stattdessen soll stärker zählen, wie viele Patientinnen und Patienten im Krankenhaus landen. Darauf einigte sich heute das sogenannte Corona-Kabinett, in dem Angela Merkel und die Fachminister den Kampf gegen die Pandemie koordinieren.

Das klingt erst mal einleuchtend, allerdings hat die Inzidenz einen unschlagbaren Vorteil gegenüber den anderen Messwerten: Sie eignet sich als Frühwarnsystem. Oder eher als Nicht-zu-spät-Warnsystem. Steigt die Inzidenz, steigen so gut wie alle anderen Coronazahlen etwas später – durch die relativ hohe Impfquote allerdings deutlich langsamer.

Eine Zahl ist während der Pandemie allerdings nicht gestiegen: Entgegen vieler Spekulationen und Lockdown-Witzchen bei Videokonferenz-Stammtischen gab es keinen Corona-Babyboom. Die Maßnahmen hatten kaum Auswirkungen auf die Geburtenrate (hier mehr dazu).

3. Lastenrad but not least

Im Wahlkampf in Deutschland geht der Niveau-Limbo weiter: Jüngster Aufreger ist der Vorschlag der Grünen, die Anschaffung von Lastenrädern mit 1000 Euro zu fördern. Der Bund solle dafür eine Milliarde zuschießen. Aus meiner Sicht ist nicht der Vorschlag absurd, sondern die Empörung und Häme, die er weckt.

Was wird da aufgefahren: pure Klientelpolitik für die Öko-Boheme in den Hipster-Vierteln von Berlin, Hamburg, München! Bringt doch eh nichts für den Klimaschutz, wenn deutsche Helikopter-Eltern zu Rikscha-Chauffeuren mutieren, während in China mehr Autos zugelassen werden! Subventionen für rücksichtslose SUV-Radler! Die wollen uns umerziehen! »Immer abstruser und weltfremder« würden die Vorschläge der Grünen, twittert CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak – um später dann doch einzuräumen: »Natürlich ist das Lastenrad wichtig für die Mobilitätswende.« Vielleicht hat ihm jemand gesagt, dass auch das Laschet-Land NRW den Kauf der Räder förderte. (Mehr hier.)

Natürlich lässt sich darüber streiten, ob und wie viel solche Förderprogramme bringen und wie gerecht das Geld verteilt wird. Natürlich müsste man darüber reden, ob nicht zuerst die Radwege ausgebaut gehören. Natürlich bin ich als Lastenradfahrer und Großstadtbewohner nicht ganz unbefangen. Aber hier ist der billige Trick zu beobachten, einen Detailvorschlag kulturkämpferisch so aufzuladen, dass er zur Karikatur verkommt – leider ein Wahlkampfklassiker im Auto-Currywurst-Land: Nun kehren »Veggie Day«-Panik und »5-Mark-Benzinpreis«-Furcht elektromotorisiert zurück.

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Was heute sonst noch wichtig ist

Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen

Was heute weniger wichtig ist

  • Blüte der Diplomatie: Singapur hat anlässlich des Besuchs von US-Vizepräsidentin Kamala Harris, 56, eine Orchidee nach der demokratischen Politikerin benannt. Im Präsidentenpalast bekam sie eine Urkunde, in der sie als offizielle Namenspatin für die Hybridpflanze namens »Papilionanda Kamala Harris« vermerkt ist. Die Orchidee ist die Nationalpflanze des südostasiatischen Stadtstaates. Nach einem Bericht der singapurischen Zeitung »Straits Times« stand auf einem Tisch ein prächtiges Exemplar der Blume mit »hellviolett-rosa Blüten, die mit markanten rosa Flecken und Mosaiken und einer magentafarbenen Lippe geschmückt sind«.

Tippfehler des Tages, inzwischen korrigiert: »Unterhaltungskünstlerin und Akivistin: Sterbliche Überreste von Josephine Baker kommen ins Pantheon«

Cartoon des Tages: Doppelgängerin aufgetaucht!

Foto: Klaus Stuttmann

Und heute Abend?

Könnten Sie einer Empfehlung meiner Kollegin Nike Laurenz folgen und sich in der Arte-Mediathek die Doku-Reihe »Afghanistan – Das verwundete Land« anschauen. Auch wenn Afghanistan gerade die erste Meldung in jeder Nachrichtensendung ist, würden sich alle vier Teile lohnen, sagt Nike. »Die Doku-Reihe ist zwar schon zwei Jahre alt, aber natürlich immer noch wahnsinnig aktuell.« Es geht um die Geschichte des Landes, die Menschen, die Religionen, den Krieg. »Und es gibt wahnsinnig schöne Bilder von diesem Land zu sehen, das so kaputt ist heute.« (Hier geht's zur Mediathek .)

Einen schönen Abend. Herzlich
Ihr Oliver Trenkamp

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