Oliver Trenkamp

Die Lage am Abend Das Chaos von Kabul, das Versagen des Westens

Oliver Trenkamp
Von Oliver Trenkamp, Blattmacher in der Chefredaktion

Guten Abend, die drei Fragezeichen heute:

  1. Panik in Kabul – Wen kann die Bundeswehr noch retten?

  2. Stiko-Empfehlung für Kinder ab 12 – Und was ist mit den Jüngeren?

  3. Streik bei der Bahn – Was verdienen Lokführer eigentlich?

1. Die Fallenden von Kabul

In der Hauptstadt Afghanistans herrschen Angst und Panik, nachdem die Taliban die Macht übernommen haben. Tausende Afghaninnen und Afghanen haben sich zum Flughafen von Kabul durchgeschlagen, in der Hoffnung, ausgeflogen zu werden. Schockierende Bilder und Augenzeugenberichte gehen um die Welt: Verzweifelte drängen sich um eine US-Militärmaschine, die zum Start rollt. Sie klammern sich fest, wo sie können, hocken auf den Klappen des Fahrwerks. Auf anderen, noch unverifizierten Videos ist zu erahnen, wie Menschen von einem Flugzeug in die Tiefe stürzen. Anwohner berichten laut Nachrichtenagenturen davon, wie Herabfallende auf Dächer stürzen.

Durch das Chaos verzögert sich auch der Evakuierungseinsatz der Bundeswehr, wie die Nachrichtenagentur dpa berichtet. Demnach hingen zwei Militärtransporter vom Typ A400M nach einer Zwischenlandung zunächst aufgetankt im aserbaidschanischen Baku fest. Eine der Maschinen startete dann am Nachmittag von dort nach Kabul, um sich im Luftraum für eine Landung bereitzuhalten, wenn das Flugfeld dafür wieder freigegeben wird. Auch das Weiße Haus in Washington teilte mit, dass die US-Truppen am Flughafen Kabul zunächst wieder Ordnung und Sicherheit herstellen müssen, bevor es voraussichtlich ab Dienstag erneut Evakuierungsflüge geben könne.

»Falling Man«, der Fallende, so heißt das Bild des New Yorker Fotografen Richard Drew vom 11. September 2001: Ein Mann stürzt kopfüber vom World Trade Center in den Tod. Es wurde zum verstörenden Symbol für diesen Tag, der die Welt veränderte und in dessen Folge der Afghanistan-Krieg begann. Die Bilder aus Kabul von heute dokumentieren das Versagen des Westens, der Afghanistan nach 20 Jahren fallen lässt. Und der es womöglich nicht einmal schafft jene zu retten, die ihm vorher als Ortskräfte geholfen haben.

2. Die Corona-Kindheit

Jetzt also doch: Die Ständige Impfkommission ändert ihre Empfehlung und spricht sich dafür aus, Kinder und Jugendlichen ab zwölf Jahren gegen Corona zu impfen. Und zwar mit den Mitteln von Biontech oder Moderna. Es gebe neue Beobachtungen und neue Daten, vor allem aus den USA, wo fast zehn Millionen Kinder und Jugendliche ihre Spritzen bekommen haben. Die Vorteile (Schutz vor Infektion und Long Covid) würden gegenüber den Risiken (sehr selten auftretende Herzmuskelentzündungen, vor allem bei Jungen) überwiegen. Zumal auch Covid-19 zu Herzproblemen führen kann. Und weil Modellrechnungen zeigen: Die Delta-Variante dürfte sich in dieser Altersgruppe rasant ausbreiten.

»Für viele Kinder kommt diese Empfehlung sehr spät«, sagt meine Kollegin Heike Le Ker aus unserem Gesundheitsteam. »Nach den Sommerferien sind sie einem größeren Risiko ausgesetzt, sich anzustecken.« Wer sich jetzt allerdings schnell impfen lässt, hat schon nach wenigen Wochen den vollen Schutz. Heike findet dennoch: Die Stiko hatte nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht, sich Zeit zu lassen und die Daten gründlich zu prüfen. »Schließlich werden gesunde Kinder geimpft.«

Und was ist mit den Jüngeren? Für alle unter 12 fehlen noch Daten, bislang ist kein Impfstoff für sie zugelassen. »Moderna und Biontech/Pfizer testen ihre Präparate zwar in geringeren Dosierungen bereits in klinischen Studien, vor 2022 ist allerdings nicht mit einer Zulassung zu rechnen«, sagt Heike. Wie lassen sich die Kleinsten also schützen in der vierten Welle? Es bleiben nur die mühsamen, aber alt-bekannte Maßnahmen: Maske tragen, Abstand halten, testen, lüften, Luftfilter aufstellen, Hände waschen. Dummerweise nicht ganz leicht umzusetzen in den Kitas, die ich kenne. Wobei die Kinder mehr verinnerlicht haben, als einem lieb sein kann: Neulich hörte ich von einer Gruppe, in der sie sich gegenseitig Stöcker in die Nase steckten. Als die Erzieherin fragte, was das soll, lautete die Antwort: »Popeltest.«

Leider ist die Pandemie auch für Geimpfte und Genesene nicht vorbei. Wann sich auch Geimpfte weiter testen lassen sollten, erklärt meine Kollegin Irene Berres hier . Und warum Genesene vermutlich eine zweite Impfdosis brauchen, erklärt meine Kollegen Katherine Rydlink hier .

3. Zum Zug gekommen

Gestrandete Passagiere auf ansonsten weitgehend leeren Bahnsteigen, die wenigen fahrenden Züge ähnlich überfüllt wie die Straßen vieler Großstädte angesichts ausgefallener Regional- und S-Bahnen: Die Szenen der vergangenen beiden Tage könnten sich in den kommenden Wochen und Monaten noch des Öfteren wiederholen. Die Lokführergewerkschaft GDL droht im aktuellen Tarifkonflikt mit der Deutschen Bahn mit weiteren Streiks – und hat in den Jahren 2014 und 2015 bereits bewiesen, dass ihre Drohungen ernst zu nehmen sind.

Doch wie gut verdienen Lokführer eigentlich ? »Auf den ersten Blick gar nicht so schlecht«, berichtet mein Kollege Florian Diekmann aus unserem Wirtschaftsressort. Demnach zeigt die Entgeltstatistik der Bundesagentur für Arbeit (BA): Der mittlere Monatsverdienst der Lokführer liegt bei 3598 Euro brutto, und damit höher als der mittlere Monatsverdienst aller Beschäftigten in Deutschland, der bei 3427 Euro brutto liegt. »Im Vergleich mit Beschäftigten des gleichen Qualifikationsniveaus verdienen sie sogar recht gut«, schreibt Florian. »Bei Fachkräften – zu denen auch die Lokführer zählen – liegt der mittlere Monatsverdienst bei lediglich 3166 Euro.«

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Podcast Cover
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Was heute sonst noch wichtig ist

  • Bundeswahlleiter erwartet Briefwahlrekord: Die Zahl der Briefwähler steigt seit Jahren. Und der Bundeswahlleiter rechnet damit, dass es bei der kommenden Wahl noch mal einen Schub gibt. Dadurch könnte die Auszählung länger dauern.

  • US-Kardinal Burke muss beatmet werden: US-Kardinal Raymond Leo Burke wird wegen einer Covid-19-Erkrankung in einer Klinik beatmet. Der konservative Papstgegner hatte sich in der Vergangenheit dezidiert gegen Impfungen ausgesprochen.

  • Chefin der Formel-1-Strecke in Spa tot aufgefunden: Die Geschäftsführerin der Formel-1-Strecke im belgischen Spa ist offenbar getötet worden. In ihrem Haus wurden zwei weitere Leichen gefunden.

  • FC Barcelona hat 1,35 Milliarden Euro Schulden: Verluste von fast einer halben Milliarde Euro, der Schuldenberg wächst: Die Situation beim FC Barcelona ist »dramatisch« – das sagt der Klubpräsident. In die Zukunft blickt er dennoch mit Optimismus.

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Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen

  • Das Ende eines deutschen Erfolgsmodells: Die Coronapandemie hat abgewürgt, was vom Ausbildungsmarkt noch übrig war. Doch die Probleme sitzen tiefer – und haben viel zu tun mit Image, schlechter Bezahlung und Elitedenken .

  • Bis Weihnachten müssen die Schüler zittern – und dann? Weil Bund und Länder zu lange gezögert haben, heißt das Coronakonzept auch im neuen Schuljahr noch immer: Fenster auf und lüften! Eine Lösung ist weiter nicht in Sicht. Dabei zeigt sich in Bremen, dass es auch anders geht .

  • »Ich wusste nicht, dass Männer vergewaltigt werden können«: Alex Feis-Brye wurde als Student sexuell missbraucht – zur Polizei traute er sich aus Scham nicht. Hier erklärt der Brite, warum es Betroffenen so schwerfällt, Anzeige zu erstatten, und warum es kaum Hilfsangebote gibt .

Was heute weniger wichtig ist

Foto: emilia_clarke / Instagram
  • Thronfolgen: Die Schauspielkollegen Emilia Clarke, 34, die in der Serie »Game of Thrones« unter anderem den Ehrentitel »Khaleesi des Dothrakischen Meeres« trug, und Jason Momoa, 42, der in der selben Serie ihren Mann Khal Drogo, den Anführer des Reitervolkes der Dothraki, spielte, zeigten sich auf einer Party sehr innig. Das wiederum ließ Fans hoffen, es könnte sich eine Beziehung im echten Leben entspinnen, was auch dadurch genährt wurde, dass die beiden bei Instagram techtelmechtelten: »Mond meines Lebens. Du bist wunderbar, ich liebe dich für immer.«

Tippfehler des Tages, inzwischen korrigiert: »Ohne Gerd Müller wäre der FC Bayern nicht zu dem geworden wären, was er heute ist.« 

Cartoon des Tages: Neue Plagiatsaffäre

Und heute Abend?

Könnten Sie gucken, wie sich der ehemalige »Tagesschau«-Sprecher Jan Hofer bei RTL macht. Heute um 22.15 Uhr startet sein Nachrichten-Magazin »RTL Direkt«, in Konkurrenz zu den »Tagesthemen« läuft es künftig werktags. »Eine knallharte Kampfansage an seine alte Arbeitgeberin, die ARD«, nennt es mein Kollege Christian Buß. »Zwar ist es ein klitzekleiner Coup, dass Hofer zur Premiere Annalena Baerbock zum Talk im Studio hat.« Aber vor dem Hintergrund, dass die dramatische Situation in Afghanistan die Nachrichtenlage bestimmt, könnte sich dieser Coup auch in ein Problem verwandeln, sagt Christian. »Wenn Hofer mit der Kanzlerkandidatin, wie bislang angekündigt, über die Kosten der grünen Umweltpolitik spricht, während bei der Konkurrenz zeitgleich die harten Fakten zur Afghanistan-Krise laufen, hätte sich RTL mit seiner groß angekündigten Nachrichtenoffensive desavouiert.« Aber klar, sie könnten auch über Afghanistan sprechen. Heute hatte die Grüne bereits bei einem gemeinsamen Auftritt mit Ex-Außenminister Joschka Fischer gefordert, die Bundesregierung müsse die Ortskräfte in Sicherheit bringen.

Einen schönen Abend. Herzlich
Ihr Oliver Trenkamp

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