Oliver Trenkamp

Die Lage am Abend Weltpolitik mit den Mitteln des Telefonstreichs

Oliver Trenkamp
Von Oliver Trenkamp, Blattmacher in der Chefredaktion

Guten Abend, die drei Fragezeichen heute:

  1. Corona – Wie gefährlich ist die neue Virusvariante?

  2. Bei Mord Anruf – Wie brachte Nawalny seinen mutmaßlichen Attentäter zum Reden?

  3. Kakaoproduktion – Wie viel Kinderarbeit steckt in Schoko-Weihnachtsmännern?

1. Hoffen und bangen

Sobald Hoffnung aufkeimt, das scheint ein Wesensmerkmal dieser Pandemie zu sein, flammen neue Ängste auf.

Heute könnte ein Tag der Hoffnung sein. Die Europäische Arzneimittel-Agentur hat die Zulassung des Corona-Impfstoffs von Biontech empfohlen, die EU-Kommission hat dem zugestimmt, wie Ursula von der Leyen am Abend sagte. Kurz nach Weihnachten, am 27. Dezember, sollen dann die ersten Impflinge ihre Spritzen bekommen (alle wichtigen Details hier).

Heute ist aber auch ein Tag der Angst: Was hat es mit der neuen Virusvariante in Großbritannien auf sich, von der Boris Johnson behauptet, sie sei 70 Prozent ansteckender, und wegen der sich der Kontinent von der Insel abschottet ?

»Sollte sich bestätigen, dass die neue Viruslinie B.1.1.7 bereits in Kontinentaleuropa kursiert und gleichzeitig tatsächlich deutlich ansteckender ist als frühere Formen, wäre das auch für uns ein ernst zu nehmendes Problem«, sagt meine Kollegin Julia Merlot aus unserem Wissenschaftsressort. »Um die Infektionszahlen zu senken und anschließend gering zu halten, müsste sich die Bevölkerung dann noch viel stärker einschränken als bislang angenommen.«

Einige Expertinnen und Experten haben Johnsons Zahl allerdings relativiert. Ein Epidemiologe vom Imperial College London sagt: »Wissenschaftler haben mir Zahlen mitgeteilt, die sowohl viel höher als auch viel niedriger als 70 Prozent sind.« Das Problem der Forscher: Man sieht dem Virus nicht eindeutig an, ob es ansteckender wird. Es gibt lediglich Indizien. »Die B.1.1.7-Linie hat zwei eventuell verstärkende und eine wohl abschwächende Mutation«, twittert Deutschlands Lieblingsvirologe Christian Drosten. Er verweist darauf, dass die rasante Verbreitung der neuen Variante auch Zufall sein könnte.

Julia sagt: »Noch besteht die Hoffnung, dass die neue Viruslinie doch nicht so viel ansteckender ist als bisherige Varianten.« Sicherheit gibt es allerdings nicht, ein weiteres Wesensmerkmal dieser Pandemie.

2. Bei Mord Anruf

Fast klingt es wie eine letzte Romanidee John Le Carrés, was ein Team um meinen Kollegen Fidelius Schmid über die neueste Wendung im Fall des russischen Oppositionellen Nawalny berichtet  – aber es ist Realität: »Am frühen Montagmorgen vergangener Woche tat Alexej Nawalny etwas, was für ein Opfer eines Mordversuchs ungewöhnlich ist. Er rief seine mutmaßlichen Attentäter an.« So beginnt die Geschichte.

Auf einem der Telefonmitschnitte ist zu hören, wird er einen Chemieexperten, der mutmaßlich in Diensten des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB steht, in ein Gespräch verwickelt. Nawalny gibt sich aus als Berater des Chefs des russischen Sicherheitsrats; er behauptet, er müsse für seinen Chef einen Bericht schreiben und mit jedem einzelnen der Beteiligten sprechen. »Ich brauche einen Absatz. Nur eine kurze Einschätzung von den Mitgliedern des Kommandos, was schiefgelaufen ist.«

Oppositionspolitiker Nawalny: im Visier des FSB

Oppositionspolitiker Nawalny: im Visier des FSB

Foto: Peter Rigaud / DER SPIEGEL

Der Chemieexperte fällt darauf herein: Er leugnet nicht, ein Mitglied der auf Nawalny angesetzten Agententruppe zu sein. Vor allem aber bestätigt er die Namen zweier FSB-Agenten, die in der Nacht von Nawalnys Vergiftung vor Ort gewesen seien. Er offenbart, wo die Täter das Gift aufgetragen haben (»auf der Unterhose«) und berichtet Details der Tat. Schließlich versucht er sogar zu erklären, warum das Opfer Nawalny überlebte (»wenn er länger geflogen wäre…«).

Mit den Mitteln des Telefonstreichs, berühmt-berüchtigt aus nervigen Morgensendungen im Radio, gelingt es Nawalny, das auf ihn angesetzte Mordkommando zu überführen, was womöglich weltpolitische Konsequenzen hat: Die Reaktionen im politischen Berlin sind scharf, »weitere Sanktionsschritte« nicht ausgeschlossen, heißt es.

Als John Le Carré vor zwei Wochen starb, schrieb meine Kollegin Claudia Voigt, alle seine großen Romane durchziehe die Frage: Ist Loyalität zum eigenen Geheimdienst und damit zum eigenen Land in Zeiten bröckelnder politischer Gewissheiten überhaupt noch möglich? Unter Umständen ist das der Unterschied zwischen Fiktion und Realität: Dem angerufenen Chemieexperten mangelte es nicht an Loyalität, vielleicht aber an etwas anderem. Seine Kollegen jedenfalls fielen nicht auf Nawalny herein.

Lesen Sie hier die ganze Geschichte: Wie Nawalny seinen Attentäter hereinlegte – und zum Reden brachte 

3. Bitter

An oder zu Weihnachten, ganz egal, kaum jemand will schlechte Laune haben während des Fests. Wenigstens während der Feiertage das Übel und Unheil aussperren, das wünschen sich viele. Vielleicht redet deshalb kaum jemand gern über das schmutzig-offene Geheimnis hinter den Weihnachtssüßigkeiten: »So gut wie alle Schoko-Weihnachtsmänner, egal ob die roten von Lindt, die lilafarbenen von Milka oder die No-Name-Produkte der Discounter, kommen noch immer durch Kinderarbeit zustande«, sagt meine Kollegin Carolin Wahnbeck. »Seit 20 Jahren versprechen die Hersteller, das Problem zu beheben – doch tatsächlich hat die Kinderarbeit zugenommen.«

Mehr als 1,5 Millionen Kinder schuften laut einer Studie in Ghana und der Elfenbeinküste für den weltweiten Kakao-Nachschub – 14 Prozent mehr als vor zehn Jahren, berichten Carolin und die Kollegen Claus Hecking und Nils Klawitter . Ein Grund: Erwachsene Hilfsarbeiter können sich viele Bauern, die abhängig sind von den Schoko-Konzernen, schlicht nicht leisten. »Jetzt wehren sich die beiden Hauptanbauländer endlich – und bündeln ihre Marktmacht in einer neuen Kakao-Opec, der Copec«, sagt Carolin. »Seit Oktober schlagen sie 400 Dollar pro Tonne auf den Weltmarktpreis drauf, der den Bauern zugutekommen soll. Denn sie gehören zu den Ärmsten Afrikas.«

Ob es hilft? »Vielleicht befeuert es auch die Überproduktion nur noch mehr, weil der Aufschlag den Weltmarktpreis erst mal nach oben zieht und andere Länder wie Ecuador, Peru oder Kamerun mehr anbauen werden«, sagt Carolin. »Kurz- und mittelfristig dürfte aber mehr Geld bei den Bauern ankommen.«

Lesen Sie hier die ganze Geschichte: Schuld und Schokolade 

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Was heute sonst noch wichtig ist

Meine Lieblingsgeschichte heute: Weihnachten im Altenheim

Wie soll man im Pandemiejahr das Fest der Liebe feiern? Wohl kaum eine Frage stellen sich Familien gerade so häufig wie diese.

Meine Kollegin Barbara Supp hat jene besucht, die mit Weihnachten am meisten Erfahrung haben – und die der Verzicht auf Nähe und Gemeinschaft am härtesten trifft: die Alten. »Ge­ra­de jetzt ist das Fest vie­len so wich­tig«, sagt Barbara. »Weil sie die Hoff­nung fei­ern wol­len, dass es doch noch ei­nen Neu­an­fang gibt.«

Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen

Was heute weniger wichtig ist

Im Grande ihres Herzens

Im Grande ihres Herzens

Foto: Jordan Strauss / AP
  • Audience Engagement: Die US-Sängerin Ariana Grande, 27, hat ihr Vorhaben, den Immobilienmakler Dalton Gomez, 25, zu ehelichen, dem vertrauten Kreis ihrer 211 Millionen Follower kundgetan, indem sie bei Instagram einige Bilder ihres Ringes und ihres künftigen Gatten veröffentlichte, dazu der Spruch: »Für immer und noch viel mehr«.

Tippfehler des Tages, inzwischen korrigiert: »Kein Wunder, dass er es sich nicht nehmen ließ, zur Feier von 100 Jahren Auslandsgeheimdienst das Hauptquarttier des SWR zu besuchen.«

Cartoon des Tages: Brexit total

Foto:

Klaus Stuttmann

Und heute Abend?

Sieht aus wie die Nachspeise, ist aber der Hauptgang

Sieht aus wie die Nachspeise, ist aber der Hauptgang

Könnten Sie das Festessen für die Feiertage planen. Da diesmal nur wenige Gäste am Tisch sitzen dürfen, könnten Sie ganz besonders auftischen: drei Gänge von Sternekoch Thomas Schanz aus Piesport (der jüngst den Titel »Koch des Jahres« verliehen bekommen hat – lesen Sie hier ein Interview mit ihm). Die drei Gänge sind:

  • Die Vorspeise – Tranche vom wilden Steinbutt »Jägerin Art« auf Pak Choi mit Riesling-Vinaigrette und Salatcreme

  • Der Hauptgang – Gebratener Rehrücken mit Topinambur, schwarzer »Arágon Olive« und Zitronenmyrte-Jus

  • Der Nachtisch – Délice von der Mandarine mit Joghurt und Orangen-Salbei-Sorbet

Mit ein bisschen Geschick ist alles machbar. Aber: Vier Stunden dauert es mindestens. Also jetzt gedanklich durchgehen (hier das Rezept), morgen einkaufen, noch ist Zeit.

Ihnen einen schönen Abend. Herzlich,
Ihr Oliver Trenkamp

Hier können Sie die »Lage am Abend« per Mail bestellen.

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