Oliver Trenkamp

Die Lage am Abend Putins toxische Männlichkeit

Oliver Trenkamp
Von Oliver Trenkamp, Blattmacher in der Chefredaktion
Von Oliver Trenkamp, Blattmacher in der Chefredaktion

Guten Abend, heute geht es um drei Männer und drei Fragezeichen:

  1. Haben's schwer - Was sagt Nawalny über den Giftanschlag und Putins Schuld?

  2. Nehmen's leicht - Was sagt Verkehrtminister Scheuer im Untersuchungsausschuss?

  3. Außen hart, innen ganz weich - Was sagt Bierhoff über die Probleme im Fußball?

1. "Es war kein Schmerz, es war etwas Schlimmeres"

Viel ist geschrieben worden über toxische Männlichkeit in den vergangenen Monaten. Aber wohl kaum ein Männlichkeitsverständnis kann im Wortsinn toxischer sein als das des russischen Präsidenten: Wenn Putin seine Macht bedroht sieht, geraten seine Gegner in Gefahr. Der Fall des Kremlkritikers Alexej Nawalny zeigt das nicht zum ersten Mal: Der russische Oppositionelle sollte wohl mit dem Nervengift Nowitschok getötet werden. Die Umstände deuten stark auf den Kreml hin; der dementiert jede Beteiligung.

Meine Kollegen Benjamin Bidder und Christian Esch haben Nawalny getroffen, am Mittwochmorgen gegen sechs Uhr. Es ist das erste Interview seit dem Giftanschlag; Nawalny war erst we­ni­ge Tage zu­vor aus der Ber­li­ner Cha­rité ent­las­sen wor­den­. Vier Per­so­nen­schüt­zer des Lan­des­kri­mi­nal­amts sicherten den Besuch in unserem Haupt­stadt­bü­ro. Dort berich­te­te Nawal­ny, wie er die Ver­gif­tung er­leb­te, wie er aus dem Koma er­wach­te - und war­um er Putin für das Mord­kom­plott ver­ant­wort­lich macht .

Weltweit wurde das Interview zitiert. Der Kreml reagierte prompt und wies die Vorwürfe als "absolut unbegründet und absurd" zurück. In Deutschland befeuert das SPIEGEL-Gespräch die Diskussion um Sanktionen gegen Russland: FDP-Chef Lindner forderte die Bundesregierung dazu auf, die russische Elite zu bestrafen.

Nawalny wirkte konzentriert bei dem Treffen, erinnerte sich an vieles - und doch sieht man ihm die Folgen seiner Vergiftung an. Narben am Hals zeigen, wo er beatmet wurde. Um eine Was­ser­fla­sche zu hal­ten, braucht er bei­de Hän­de. Den­noch ist er ent­schlos­sen, mög­lichst schnell nach Russ­land zu­rück­zu­keh­ren. "Mei­ne Hän­de zit­tern zwar, doch nicht aus Furcht", sagt er.

2. Maut zur Lücke

Eine schnelle Google-Suche zeigt: Die Bezeichnung "Verkehrtminister" begleitet Andreas Scheuer schon länger. Der CSU-Mann wurschtelt sich durch seine Amtszeit, seit die Pkw-Maut gescheitert ist. Der Versuch, sie einzuführen, endete im Desaster. Inzwischen beschäftigt sich ein Untersuchungsausschuss damit. Scheuer soll Haushalts- und Vergaberecht gebrochen und das Parlament belogen haben.

Heute soll es nun zum Showdown kommen, Scheuer vor dem Gremium Auskunft geben. Allerdings gibt es nach SPIEGEL-Informationen Bestrebungen der Unionsfraktion, den Auftritt zu verschieben. Selbst wenn der Minister sprechen sollte, dürfte es spät werden.

"Scheuer steht nun unter erheblichem Druck", sagt mein Kollege Gerald Traufetter aus unserem Hauptstadtbüro. "Und der hat am Nachmittag noch einmal zugenommen durch die Aussage eines Insiders." Der Chef der ursprünglich vorgesehenen Betreiberfirma widersprach nämlich den Angaben des Ministers in mehreren Fällen.

  • Die ganze Affäre erklärt Gerald hier im Video. Alle Hintergründe lesen Sie hier. Einen Podcast meiner Kollegin Yasemin Yüksel hören Sie hier.

3. Elf-Vertiefung

Meinem Eindruck nach ist Oliver Bierhoff unter Fußball-Auskennern in etwa so beliebt wie Sigmar Gabriel in der SPD-Führung. Ja, er hat Verdienste, aber die liegen weit zurück. (Das Golden Goal bei der EM 1996 habe ich in einer Hotelbar in Lloret de Mar sehen dürfen, die ich wegen der, nun ja, Enttäuschung der englischen Mitreisenden an dem Abend nicht mehr verließ.)

Mein Kollege Jörn Meyn traf Bierhoff zum ersten Mal im März 2016 zum Interview. Damals war Deutschland Weltmeister und sollte als einer der Favoriten zur EM fahren. "Bierhoff war beim Gespräch gut gelaunt", erinnert sich Jörn. "Von ihm stammte der Satz, das DFB-Team sei 'das letzte Lagerfeuer der Nation'; aber seit dem Länderspiel im August gegen die Schweiz ist offensichtlich, dass die Nationalelf ein Imageproblem hat." Die TV-Quote war mit 6,25 Millionen Zuschauern historisch schlecht, sogar gegen San Marino in der WM-Qualifikation 2018 sahen viel mehr Leute zu, nämlich 7,4 Millionen. 

Jetzt sprach Jörn wieder mit Bierhoff, zusammen mit meinem Kollegen Gerhard Pfeil. Sie wollten vom DFB-Direktor wissen: Wieso hat die Nationalelf ihr Publikum verloren? Wie will er das ändern? Bierhoff sagt Sätze wie diesen: "Wenn es sich nur noch ums Geld dreht, muss man sich nicht wundern, wenn die Menschen sich infolgedessen abwenden." Ein mindestens interessanter, höhö, Einwurf, wenn man bedenkt, dass wohl kaum jemand die Vermarktung des Fußballgefühls so intensiv betrieb wie Bierhoff selbst. Jörn sagt: "Es wurde ein etwas weniger gut gelauntes Interview."

Was heute sonst noch wichtig ist

Mit Abstand verdient

Mit Abstand verdient

Foto: Michael Sohn / AP

Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen

Was heute nicht so wichtig ist

  • Austragungsworte: Die italienische Beeinflusserin Chiara Ferragni, 33, die auch als Modebloggerin und Model arbeitet, bekommt ein zweites Kind, wie sie ihren 21 Millionen Instagram-Abonnenten mitteilte. Sie veröffentlichte ein Foto ihres Sohnes Leone Lucia, 2, der ein Ultraschallbild in der Hand hält. Dazu schrieb sie: "Unsere Familie wird größer. Leo wird ein großer Bruder werden." 

Tippfehler des Tages, inzwischen korrigiert: "Wie der Sender ProSieben mitteilte, werde die nächste Ausgabe der Show von Heidi Klum nicht in die USA gedreht."

Cartoon des Tages: Homeoffice-Schattenseiten

Foto: Thomas Plaßmann

Und heute Abend?

Könnten Sie sich einen der Romane von Don Winslow vornehmen, auch wenn die einen nicht unbedingt ruhiger schlafen lassen - im Gegenteil. Der Thriller-Autor hat allerdings vorübergehend aufgehört zu schreiben: Bis zur Wahl in den USA kämpft er mit Videos gegen den "Lügner, Gauner und Betrüger" Donald Trump, wie er sagt. Mein Kollege Volker Weidermann hat mit Winslow in unserer Büchershow "Spitzentitel" über die Erfolgsaussichten gesprochen (die ganze Sendung finden Sie hier.)

"Winslow war erschüttert. Und hoffnungsvoll. Gute Kombi", sagt Volker. Die beiden sprachen auch über Trumps Auftritt im TV-Duell. Winslow: "This was too much! This time it is really really too much!"

Sie könnten also statt zu lesen auch die Show gucken. Oder beides. Volker empfiehlt natürlich "Zeit des Zorns" und "Kings of Cool": "Den ersten vor der Wahl, den zweiten nach dem Wahlsieg von Joe Biden."

W und W im www.

W und W im www.

Foto: DER SPIEGEL

Ihnen einen schönen Abend, bis morgen. Herzlich
Ihr Oliver Trenkamp

Hier können Sie die "Lage am Abend" per Mail bestellen.

Anmerkung: In einer früheren Version dieses Textes wurde Andreas Scheuer als CDU-Mann bezeichnet, er gehört natürlich zur CSU. Wir haben das korrigiert.