Anna Clauß

Die Lage am Abend One Love, two Love – die katholische Kirche erlaubt's!

Anna Clauß
Von Anna Clauß, Leiterin Meinung und Debatte

Guten Abend, die drei Fragezeichen heute:

  1. Einigung beim Bürgergeld – Ist der Weg jetzt frei für höhere Bezüge?

  2. Katholische Kirche – Immerhin fähig zu Reformen beim Arbeitsrecht?

  3. WM in Katar – Wird Saudi-Arabien jetzt Weltmeister?

1. Die Große Koalition lebt

Der Novemberhimmel grau, die Wüsten-WM ein Fiasko, brutale Mullahs in Iran und ein nicht enden wollender Krieg am Rande Europas – dieser Tage passiert es selten, dass ich mich vor Freude am Kaffee verschlucke, während ich die Morgennachrichten im Deutschlandfunk höre. Heute gelang es gleich zweimal.

Zum einen hat das Bundesinnenministerium den Direktversand von Ausweisen in Aussicht gestellt. Künftig muss man wohl nicht mehr stundenlang in der Schlange eines Bürgerbüros auf die Ausgabe eines neuen Kinderreisepasses warten, was einen in einer Großstadt wie München locker einen halben Urlaubstag kosten kann.

Schön auch, dass Regierung und Opposition beim Streit ums Bürgergeld schneller als erwartet eine Einigung erzielen konnten. Die Union sperrte sich bislang gegen den Ampelvorschlag zur Reform von Hartz IV. Nun ist die Regierungskoalition in entscheidenden Punkten auf die Opposition zugegangen.

Offenbar sind nun unter anderem schärfere Sanktionsmöglichkeiten gegen Leistungsbezieher und ein geringeres sogenanntes Schonvermögen vorgesehen. Dieses soll 40.000 Euro betragen und 15.000 Euro für jede weitere Person im Haushalt. Die geplante Karenzzeit von zwei Jahren, in denen die Kosten der Wohnung ohne weitere Überprüfung übernommen werden, soll auf ein Jahr verkürzt werden.

Damit werden diesen Freitag Bundestag und Bundesrat das Bürgergeldgesetz wohl beschließen, sodass zum 1. Januar die Bezüge etwa von Alleinstehenden um mehr als 50 Euro auf 502 Euro steigen werden. Was für ein Armutszeugnis wäre es für ein reiches Land wie dieses gewesen, wenn sich die Profilierungsversuche der »Ein Herz für Hartz IV«-Sozis und »Leistung muss sich lohnen«-Konservativen weiter auf dem Rücken von Arbeitslosen und Arbeitsunfähigen abgespielt hätten.

Meine Kollegen Florian Gathmann und Veit Medick  aus dem SPIEGEL-Hauptstadtbüro fühlen sich an die Zeit der Großen Koalition erinnert. Sie schreiben: »Am Ende können wohl beide Seiten ziemlich gut mit dem Ergebnis leben: Arbeitsminister Heil und seine SPD dürfen nun wohl doch die Einführung des Bürgergelds zum 1. Januar feiern, die Union wiederum darf für sich verbuchen, auch aus der Opposition heraus Politik mitgestalten zu können.«

2. Arbeitsrechtliche Schikanen

Nicht nur, weil ich meinen Tesla derzeit vor Scham in der Tiefgarage verstecken muss, schaue ich jeden Tag mit neuem Entsetzen zu Elon Musk nach Amerika. Während frisch gefeuerte Twitter-Mitarbeiter noch den Inhalt ihrer Schreibtische nach Hause tragen, sucht Elon Musk offenbar schon neue Angestellte. Die verbliebenen Tweeps, wie sich Twitter-Mitarbeiter selbst nennen, forderte Musk auf, ihm bei der Akquise neuer Mitarbeiter zu helfen, indem sie potenzielle Kandidatinnen und Kandidaten empfehlen.

Dreieinhalb Wochen nachdem Musk Twitter für 44 Milliarden Dollar übernommen hat, sind von zuvor 7500 Mitarbeitern wohl nur noch 2700 bis 2300 übrig, je nachdem, wen man fragt. Das Unternehmen selbst macht dazu keine Angaben.

Was die neuen Angestellten erwartet? Mein Kollege Stefan Kuzmany mutmaßt in seiner aktuellen Glosse: »Künftig müssen sich die Angestellten rund um die Uhr am Arbeitsplatz zur Verfügung halten, dies werde mit elektronischen Fußfesseln überwacht. Wer den Arbeitsplatz für einen Toilettenbesuch oder zur Nahrungsaufnahme verlasse, verliere ihn automatisch. Nachfragen bezüglich der damit verbundenen Gesundheitsgefährdung beantwortete Musk mit Verweis auf ein von ihm erfundenes, noch an allen Schreibtischen zu installierendes Schlauchsystem, das ›alle menschlichen Bedürfnisse‹ erfüllen könne, ›ohne Arbeitszeit zu verschwenden‹. Die Fragesteller wurden gefeuert.«

Bislang dachte ich, arbeitsrechtliche Schikanen, die Grenzen der Satire locker sprengen, gebe es in Deutschland zum Glück nicht. Dann aber rief mir eine aktuelle Meldung das Arbeitsrecht in der katholischen Kirche in Erinnerung. Bislang konnte es einen den Job in einem katholischen Krankenhaus kosten, wenn man sich zum Beispiel zu einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft bekannte. Auch eine zweite Heirat nach einer Scheidung konnte zum Problem werden. Queere Pfleger mussten mit Kündigungen rechnen.

Das soll sich nun ändern: Die Vollversammlung des Verbandes der Diözesen Deutschlands (VDD) beschloss am Dienstag eine Änderung der sogenannten »Grundordnung des kirchlichen Dienstes«. Explizit »wie nie zuvor« werde Vielfalt in kirchlichen Einrichtungen nun »als Bereicherung« anerkannt, teilte die Deutsche Bischofskonferenz (DBK) in Bonn mit.

3. Kein Herz für Bierhoff

Die saudi-arabische Mannschaft hat heute recht überraschend den Turnierfavoriten Argentinien besiegt. Außerdem hat Bundesinnenministerin Nancy Faeser die Fifa für das One-Love-Armbindenverbot scharf kritisiert. Und der DFB prüft rechtliche Schritte gegen die Fifa: Mein Kollege Felix Dachsel würdigt täglich die schillernden, absurden, schönen und durchgeknallten Katar-Momente. Für die Dauer des Turniers finden Sie seine Minikolumne hier in der »Lage am Abend«. Heute schreibt Felix über den Armbinden-Skandal:

Ich habe mir Gedanken über Oliver Bierhoff gemacht. Dieser Mann wohnt in meinem Herzen, seit ich als kleiner Junge vor dem Sofa kauerte und sah, wie er im EM-Finale vor den Augen der Queen das goldene Tor schoss, 1996.

Vielleicht ist das Lookism, aber ich fand Oliver Bierhoff immer sehr schön. Er machte Werbung für Mulitvitamin-Shampoo, seine Haare glänzten, sie hatten Volumen. Dann machte er mal Werbung für längere Laufzeiten von Atomkraftwerken, 2010 war das. Er bekam richtig auf die Mütze, doch die Frisur hielt.

Gestern stand er traurig im Emirat Katar und verkündete der Presse, dass Manuel Neuer doch keine »One Love«-Binde trägt. Er stand dort kleinlaut neben dem DFB-Präsidenten und wirkte wie eine verlauste Katze, der man Schläge angedroht hatte. »Es fühlt sich an wie Zensur«, sagte Oliver Bierhoff.

Wo ist der Multivitamin-Mann, der alles wegköpft? Wo ist Atomkraft-Olli, der in einem Land der grünen Skeptiker für längere Laufzeiten wirbt, ohne Rücksicht auf Verluste? Oliver Bierhoff, bitte verlasse mein Herz.

Und hier mehr Nachrichten und Hintergründe zur WM:

  • Volkswagen und Adidas halten DFB die Treue: Der DFB hat sich in der Diskussion um die »One Love«-Binde dem Druck der Fifa gebeugt. Mit Rewe hat ein Sponsor ein geplantes Ende der Kooperation vorgezogen. Weitere Partner des Verbandes halten sich mit Kritik zurück.

  • Wales-Fans sollen Regenbogenhüte abgenommen worden sein: Beim Stadioneinlass gab es für einige Fans aus Wales Ärger: Laut Medienberichten mussten sie ihre speziell angefertigten Hüte abgeben. Der walisische Fußballverband will bei der Fifa vorsprechen.

  • WM-Live-Ticker: Belgiens Rekord-Nationalspieler fühlt sich in Katar überwacht

Nachrichten und Hintergründe zum Krieg in der Ukraine:

  • Auf Dauer zermürbt die Kälte den Körper: Die militärischen Erfolge ändern wenig an der verzweifelten Lage der Menschen in der Ukraine. Auch Stimmungen entscheiden über den Fortgang dieses Krieges. Über welche Punkte sich der Westen im Klaren sein sollte .

  • Heftige Kämpfe im Donbass, Ukrainer müssen sich bis April auf Stromausfälle einstellen: Im Osten der Ukraine flammen erneut Gefechte auf. Präsident Selenskyj sorgt sich um das Stromnetz seines Landes. Und: Den Menschen in Cherson wird die Evakuierung angeboten.

  • Hier finden Sie alle aktuellen Entwicklungen zum Krieg in der Ukraine: Das News-Update

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Was heute sonst noch wichtig ist

  • Polizei hält Räumung von Lützerath ab Januar für realistisch: RWE möchte die Ortschaft Lützerath für den Braunkohletagebau abbaggern – doch noch ist unklar, wann das dortige Protestcamp der Klimaaktivisten geräumt wird. Nun drängt die Polizei gegenüber dem SPIEGEL zur Eile.

  • »Das geht alles so nicht weiter« Es klingt alles andere als harmonisch: FDP-Vize Wolfgang Kubicki keilt gegen die Koalitionspartner SPD und Grüne, spricht von »Kröten«, die seine Partei schlucken müsse – und von einem »fundamentalen Problem«.

  • Anklage fordert lebenslange Haft für Polizistenmörder von Kusel: Im Prozess wegen zwei getöteter Polizisten hat die Staatsanwaltschaft auf lebenslange Haft für den Hauptangeklagten plädiert. Andreas S. habe sich des Mordes aus Habgier und gewerbsmäßiger Jagdwilderei schuldig gemacht.

Meine Lieblingsgeschichte heute: Gesünder durch Gendern

Foto: Everett Collection / IMAGO

»Männer und Frauen passen einfach nicht zusammen.« Die Weisheit des deutschen Humoristen Loriot hat sich unter Medizinern leider noch nicht überall herumgesprochen. »Seit sich die Menschheit zivilisiert nennt, behandelt sie Frauen als gesundheitlich minderwertige Kopien des Mannes«, schreibt meine Kollegin Viola Schenz heute in ihrem erstaunlichen Text über die Geschichte des »Gender Health Gap«.

Bis heute gelten Frauen oft nur als Mängelexemplare des Mannes und werden vernachlässigt – mit fatalen Fehldiagnosen als Folge. Inzwischen räumen Ärztinnen und Ärzte mit Mythen auf, aber dass noch viel zu tun bleibt, zeigt ein Beispiel aus dem Jahr 2013.

Ein Phänomen ging damals um auf Amerikas Straßen: Autounfälle häuften sich, immer vormittags, immer saß eine Frau am Steuer. »Wer nun mit dem Hinweis zur Stelle eilt, dass Frauen halt lausig fahren, dem sei verraten: Als schuldig entpuppte sich eine kleine weiße Pille«, schreibt Viola . »Die Fahrerinnen hatten am Vorabend das Schlafmittel Zolpidem geschluckt, brav nach Packungsbeilage. Doch die vorgegebene Dosis war zu hoch angesetzt, darunter litt das Reaktionsvermögen am nächsten Morgen.«

Wie sich herausstellte, war das Mittel nur an männlichen Personen getestet worden. So ist es bei 70 bis 80 Prozent aller Medikamente üblich, die jedoch bei Frauen anders wirken können. Ihre Körper sind meist kleiner und haben einen höheren Fettanteil, gerade im Alter bauen ihre Nieren Wirkstoffe langsamer ab. Ihr Stoffwechsel und Hormonhaushalt verhalten sich anders, je nach Zyklustag wirkt ein Medikament besser oder schlechter. Bis heute, so Viola, neige die Medizin dazu, Beschwerden von Frauen weniger ernst zu nehmen oder als psychische Leiden fehlzudiagnostizieren.

Alexandra Kautzky-Willer, Endokrinologin und Professorin für Gendermedizin an der Universität Wien, nennt als Beispiel Patientinnen mit Herzproblemen, die häufig Antidepressiva verschrieben bekommen, weil sie ihrem Arzt mehr von ihrer seelischen Belastung erzählen. Erst seit den Neunzigerjahren entwickelt sich langsam die sogenannte Gendermedizin, die geschlechtliche Unterschiede hervorkehrt.

Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen

  • Einigung im Kanzleramt – Bundeswehr zieht aus Mali ab: Die letzte große Auslandsmission der Bundeswehr geht zu Ende: Die Truppe soll bis Mai 2024 das westafrikanische Mali verlassen. Die Zukunft der Blauhelmmission ist ungewiss .

  • 32 Teams, 830 Spieler, ein Rekordversuch: Welcher Klub stellt die meisten Spieler bei der Weltmeisterschaft in Katar? Wer ist der einzige Spieler mit mehr WM-Erfahrung als Manuel Neuer? Und wie heißt der gefährlichste Linksfuß des Turniers?

  • Wie ich endlich kein Geld mehr verzocken will: Mit Einzelaktien und Kryptowährungen habe ich bislang vor allem eines: Geld verloren. Meine Altersvorsorge soll nun ein einziger ETF-Sparplan sichern. Doch den einzurichten, ist gar nicht so leicht. Worauf es ankommt. 

Was heute weniger wichtig ist

  • Der Termin der Preisverleihung steht noch nicht fest, klar ist aber: auf der 73. Berlinale soll der US-amerikanische Regisseur, Produzent und Drehbuchautor Steven Spielberg den goldenen Ehrenbären für sein Lebenswerk erhalten. Die Filmfestspiele widmen ihm außerdem die Reihe »Hommage«, die außerhalb des Wettbewerbs läuft, und zeigen sein jüngstes Werk »The Fabelmans« im Berlinale Palast. Darin erzählt Spielberg einen Teil der eigenen Familiengeschichte. Beim 47. Filmfest von Toronto gewann er damit den Publikumspreis. Dieser gilt als Indikator dafür, welche Filme später auch bei den Oscars gut ankommen. In Deutschland kommt »The Fabelmans« am 9. März 2023 in die Kinos.

Tippfehler des Tages, inzwischen korrigiert: SPD-Mast sprach von einem »tragfähigen Kompromiss im Sinne der Sache«.

Cartoon des Tages: Fachkräftemangel

Illustration: Thomas Plaßmann

Und heute Abend?

Melden Sie sich doch mal wieder bei Ihren Eltern! Seit Smartphones kochen, Musik machen, Fahrräder entsperren und twittern können, nutzt sie ja kaum noch jemand zum Telefonieren.

Ich habe gerade meine Eltern angerufen, um sie zu fragen, wie es kommt, dass »Das tägliche Quiz vom SPIEGEL« immer schon durchgespielt ist, wenn ich mich durch die Fragen des Tages klicken möchte? Ich hatte meinen Vater im Verdacht, der womöglich mit meinem SPIEGEL-Plus-Zugang statt mit seinem eigenen das Tages-Quiz durchspielt – und lag falsch! Die Quizzerin der Familie und Diebin meines SPIEGEL-Plus-Abos ist meine Mutter. Die Fragen des Tages fand sie heute übrigens »saublöd«. Dennoch war sie stolz, sechs von sieben Fragen richtig beantwortet zu haben.

Welche Frage besonders saublöd war? »Wie heißt der älteste Sohn von Prinz William und seiner Frau Catherine?« und »Welches Tier wurde nach US-Präsident Biden benannt?«

Hätten Sie es gewusst?

Einen schönen Abend wünscht

Ihre Anna Clauß

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