Oliver Trenkamp

Die Lage am Abend Test, Test, Test, ist das eine Übung?

Oliver Trenkamp
Von Oliver Trenkamp, Blattmacher in der Chefredaktion

Guten Abend, die drei Fragezeichen heute:

  1. Byebye 2022 – wie wird 2023?

  2. Corona-Testpflicht für Chinareisende – warum einigt sich Europa nicht?

  3. Festnahme von Andrew Tate – wie schafft es der Begriff »Kleinerpenisenergie« in die Nachrichten?

1. Fragen, was wird

Das Schönste an Silvester: Das Rückblicksgelage geht zu Ende. So bereichernd, bewegend und klug viele Beiträge im Fernsehen, in Zeitungen und auf Websites sind, irgendwann setzt das Sättigungsgefühl ein – wie beim Verzehr von Dominosteinen und Spekulatius, deren Saison etwa zeitgleich begann (und gefühlt immer früher beginnt).

Jetzt kommen die Ausblicke: Wie wird 2023? Vielleicht besser als erwartet, trotz Corona, Klimakrise und Krieg? Meine Kolleginnen und Kollegen aus unserem Kulturressort haben nachgefragt bei Menschen, die es wissen müssen : bei Intellektuellen, Prominenten und bei intellektuellen Prominenten, von Rezo bis Thomas Gottschalk, von Luisa Neubauer bis Barbara Salesch, von Peter Wohlleben bis Boris Palmer. (Wer zu welcher Kategorie gehört, müssen Sie selbst entscheiden.)

Einem der bekanntesten deutschen Soziologen, Andreas Reckwitz, gelingt das Kunststück, Frustration und Hoffnung zugleich keimen zu lassen: »Krisen sind in der modernen Gesellschaft kein Ausnahmefall, sondern der Normalzustand. Moderne Gesellschaften befinden sich gewissermaßen immer im Ungleichgewicht.« Krisen setzen sich ihm zufolge unendlich fort. »Sie lassen sich nicht verhindern oder ein für alle Mal auflösen. Das ist in der Gesellschaft wie im Leben des Einzelnen so.« Die Aufgabe bestehe darin, sie abzumildern und abzufedern, damit sie nicht zu Katastrophen führen, schreibt Reckwitz. »Zu glauben, irgendwann würde die Menschheit in einer Gesellschaft im kompletten Gleichgewicht mit sich und getragen von Zufriedenheit, also krisenfrei, leben, ist eine Illusion. ›They lived happily ever after‹ gibt es nur im Märchen.«

Und Aufräumexpertin Marie Kondo rät: »Ordnung kann uns ein Stück Kontrolle zurückgeben.« Sie findet, es sei in diesen Zeiten noch wichtiger geworden, das Private zu ordnen. »Schließlich können wir in der Welt häufig wenig beeinflussen, aber in unserer direkten Umgebung ist das anders. Es kann uns sehr helfen, wenigstens sie zu ordnen.« (Hier alle Beiträge .)

So sortiert starten wir in die letzte »Lage am Abend« des Jahres.

2. Das Kleeblatt-Prinzip

Zupfen am europäischen Corona-Kleeblatt: Spanien hat heute eine Testpflicht für Reisende aus China angekündigt. Deutschland kontrolliert vorerst nicht. Italien schon. Österreich nicht. Die EU-Gesundheitsbehörde findet Kontrollen nicht notwendig. Die EU-Gesundheitskommissarin mahnt zur Wachsamkeit. Ob international, national, regional; ob Masken, Impfungen, Quarantäne – die Konstante im Kampf gegen das Virus heißt: Die einen machen’s so, die anderen so. Corona, du kriegst mich, du kriegst mich nicht.

Ja, es gibt es für beides gute Argumente. Für Kontrollen spricht: In China trifft das Virus auf Hunderte Millionen nicht ausreichend geimpfter Menschen, leistungsfähige Impfstoffe aus dem Ausland wollen die Behörden bislang nicht einsetzen. Viele Chinesen haben wegen der Null-Covid-Politik noch keine Infektion durchgemacht, sie sind immunologisch naiv, wie Fachleute es nennen. Neue Mutanten könnten sich bilden, die durch Tests und Gen-Sequenzierung früher auffallen würden. Zumal den Daten aus Peking eher nicht zu trauen ist: Gestern meldete das Land einen Coronatoten – bei 1,4 Milliarden Einwohnern. (Wie das Virus tatsächlich wütet, berichten meine Kollegen Georg Fahrion und Christoph Giesen hier .) Die USA, Indien, Japan, Südkorea, sie alle wollen Chinareisende nicht mehr ohne negativen Test ins Land lassen. China selbst verlangt auch im neuen Jahr ein negatives PCR-Ergebnis (was die Propaganda nicht daran hindert, die Regeln anderer Länder als unbegründet und diskriminierend zu geißeln).

Gegen Kontrollen spricht: Sie bedeuten Aufwand ohne eine Garantie, dass sie wirken. Außerdem geben Expertinnen und Experten vorsichtig Entwarnung – sie fürchten eher keine neue, heftige Variante. »Derzeit gibt es aber keine Hinweise auf eine größere genetische Veränderung des Virus, die dazu führen würde, dass unser inzwischen vorhandener Immunschutz durch Impfungen und Infektionen dramatisch reduziert würde«, sagte etwa der Bioinformatiker Richard Neher meiner Kollegin Julia Merlot. (Hier das ganze Interview .)

Natürlich ist die Vielstimmigkeit eine Stärke freier Gesellschaften. »Nur selten trat die Differenz zwischen Demokratie und Diktatur offener zutage als in der Pandemie«, schreibt mein Kollege René Pfister. Streit, Diskussion, Zuspitzung, Differenzierung, Widersprüche und Chaos hier, autoritäres Durchregieren, Härte, Unfreiheit, Propaganda dort. »Heute haben die USA die Pandemie hinter sich gelassen, in Deutschland hat Christian Drosten sie für beendet erklärt – während sich in China das Virus in rasender Geschwindigkeit durch ein Volk frisst, das nur unzureichend geschützt ist.« (Den ganzen Debattenbeitrag finden Sie hier .)

Vielleicht bin ich so naiv wie das Immunsystem vieler Chinesen, aber ich hätte mir – nach ausführlicher Diskussion – ein gemeinsames Vorgehen der EU gewünscht. Selbst im vierten Coronajahr neige ich zur Übervorsicht, könnte jedoch auch mit einem gemeinsamen Ja zur Offenheit leben. Immerhin soll es in der kommenden Woche ein Krisentreffen auf EU-Ebene geben. Am Nachmittag äußerte sich Gesundheitsminister Karl Lauterbach: Eine Testpflicht halte er für »noch nicht notwendig«, er sprach sich aber für ein engmaschiges »Varianten-Monitoring« an den europäischen Flughäfen aus. (Hier mehr dazu.) Sein Parteifreund, der SPD-Gesundheitspolitiker Christos Pantazis, hält eine Testpflicht mit anschließender Sequenzierung hingegen für sinnvoll. Das Prinzip Kleeblatt – vielleicht haben wir Glück.

3. Der Tate-Verdächtige

»Erstmals seit ihrer Gründung im August 1949 hat die Deutsche Presse-Agentur gestern den Begriff ›Kleinerpenisenergie‹ in der Berichterstattung eingesetzt«, twitterte  heute der dpa-Nachrichtenchef. Kurz bei den Kolleginnen und Kollegen nachgeschaut: »SZ«, »FAZ«, »Tagesspiegel«, ZDF, ARD, alle schreiben über »Kleinerpenisenergie«. Auch wir beim SPIEGEL: hier, hier und hier. Es sind, mit Abstand, die meistgelesenen Meldungen auf unserer Website.

Was ist das los? Der frauenfeindliche Influencer Andrew Tate, 36, lieferte sich in den vergangenen Tagen einen Twitter-Schlagabtausch mit Greta Thunberg, 19. Er habe 33 Autos, darunter einen Bugatti und zwei Ferraris. Er könne ihr gern eine vollständige Liste seiner Autos schicken inklusive der jeweiligen enormen Klimaemissionen. Sie müsse ihm nur ihre E-Mail-Adresse nennen. Thunberg konterte unter der Gürtellinie: »Bitte kläre mich auf, schreib mir an die E-Mail kleinerpenisenergie@hastdunichtsbessereszutun.com.« Mehr als 3,1 Millionen »Gefällt mir«-Herzchen sammelte sie damit.

Der ernste Hintergrund: Seit April ermittelt die Polizei gegen Tate, seinen Bruder und mutmaßliche Komplizen wegen Menschenhandel und Vergewaltigung. Frauen sollen zu Sex, Prostitution und zu Pornoauftritten gezwungen worden sein. »Jetzt griffen die Ermittler ein und nahmen Tate in Rumänien fest«, berichtet meine Kollegin Silke Fokken.

Erst kursierte die Erzählung, Tate habe sich beim Twitter-Streit mit Thunberg ungewollt selbst verraten, indem er Fotos von sich mit Pizzakartons veröffentlichte, die auf seinen Aufenthaltsort schließen ließen. Das wies die Polizei heute als »amüsante Spekulationen« zurück. Wäre auch zu schön, um wahr zu sein.

Das Foto, das ihn bei seiner Festnahme in Rumänien zeigt, verbreitet sich ebenfalls im Netz. Silke sagt: »Es dürfte eins der wenigen Bilder von ihm sein, die er nicht selbst inszeniert hat.«

Nachrichten und Hintergründe zum Krieg in der Ukraine:

  • Putins Obsession: Vor 100 Jahren wurde die Sowjetunion gegründet. Einer scheint von den Umständen geradezu besessen: Wladimir Putin. In seinen Augen hat Lenin eine »Zeitbombe« eingebaut – und Stalin habe es versäumt, sie zu entschärfen .

  • Moskaus Ex-Oberrabbiner ruft Juden zur Flucht aus Russland auf: Pinchas Goldschmidt kritisierte Putins Krieg gegen die Ukraine, im Sommer verließ er Russland. Nun sorgt sich der Rabbiner um die Sicherheit der jüdischen Gemeinde – auch mit Blick auf die russische Geschichte.

  • »Im Leben gibt es nichts umsonst. Man muss kämpfen«: Als Bürgermeister lenkt er Kiew seit zehn Monaten durch den Krieg. Vitali Klitschko über die wahren Helden während der Belagerung seiner Stadt, Selenskyjs Führungsschwäche und den Einsatz der Ukrainer für die Freiheit Europas .

  • Hier finden Sie alle aktuellen Entwicklungen zum Krieg in der Ukraine: Das News-Update

Podcast Cover

Was heute sonst noch wichtig ist

  • Kongressausschuss veröffentlicht Trumps Steuerunterlagen: Jahrelang hat sich der frühere US-Präsident dagegen gesträubt – nun wurden Donald Trumps Steuerunterlagen von 2015 bis 2020 der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Erste Zahlen sind bereits durchgesickert.

  • Das kommt mit dem Lieferkettengesetz auf deutsche Unternehmen zu: Künftig sind große Unternehmen verpflichtet, entlang ihrer Lieferketten auf die Einhaltung der Menschenrechte zu achten, auch im Ausland. Was das bedeutet und was an dem Gesetz kritisiert wird im Überblick.

  • Winter ade: Der Deutsche Wetterdienst verbucht für 2022 einen Rekord an Sonnenstunden, Silvester kann vielerorts in T-Shirt gefeiert werden. Warum ist es so warm?

Meine Lieblingsgeschichte heute: Hatte Marx doch recht?

Dem Marx-Lesekreis an der Uni konnte ich entgehen, glücklicherweise. Aber man muss auch kein Marxist sein, um die Schwächen des modernen Kapitalismus zu sehen: Der Wohlstand konzentriert sich bei den Reichsten, die Industrieproduktion beschleunigt den Klimawandel. Viele Effekte wurden zuletzt durch die Pandemie und den russischen Angriffskrieg noch einmal verstärkt.

Alle Risse im System einzeln zu flicken sei nicht zu schaffen, sagen nun Kritiker aus unterschiedlichsten ideologischen Lagern, warum also nicht einmal einen großen Wurf wagen: einen gerechteren, nachhaltigeren Kapitalismus entwerfen, der weniger Ressourcen frisst und weniger Wachstum braucht. Vielerorts wird daran schon gearbeitet, wie mein Kollege Thomas Schulz und meine Kollegin Susanne Beyer bei den Recherchen für die aktuelle Titelgeschichte feststellten.

Sie sprachen mit Vordenkerinnen und klugen Köpfen wie der Ökonomin Mariana Mazzucato, die auch die Bundesregierung dabei berät, wie Industrie und Wirtschaft grüner werden können. »Mazzucato fordert, dass nicht mehr der Markt, sondern der Staat vorgibt, wo es langgehen soll«, sagt Thomas. »Diese Idee kommt derzeit bei vielen Regierungen gut an, insbesondere in Berlin.«

Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen

  • Herr Müller sucht das Glück: Sieben Jahre lang war er Berlins Regierender Bürgermeister, traf die Mächtigen der Welt. Vor einem Jahr gab Michael Müller sein Amt ab, seither versucht er sich an einem Neuanfang als Außenpolitiker. Protokoll einer Verwandlung .

  • Punk is dead: Die britische Modedesignerin Vivienne Westwood stand für Punk, Provokation und Politik. Ihr größtes Vermächtnis ist aber, dass sie so lebte, wie sie es wollte .

  • Außer Bugs Bunny waren alle da, um ihn zu sehen: Er spielte fast 20 Jahre für den FC Santos. Er sprach kein Englisch. Und in den USA war Soccer bedeutungslos. Brasiliens Fußballidol wechselte dennoch nach New York – und entfachte einen riesigen Rummel .

Was heute weniger wichtig ist

Die Ober-Ma: Michelle Obama, 58, erfolgreiche Autorin und ehemalige First Lady der USA, hat – wohl auch zur Vermarktung ihres neuen Buches, eines Lebensratgebers mit dem Titel »The Light We Carry« – in einem Interview mit dem Sender Revolt TV erzählt, wie unfair sie die Aufteilung der Erziehungsarbeit in ihrer Ehe empfand. Sie habe ihren Mann zeitweise »nicht ertragen« können, etwa zehn Jahre lang. »Das war genau die Zeit, in der die Kinder klein waren.«

Mini-Hohlspiegel

Fortan finden Sie hier nicht mehr die Rubrik »Tippfehler des Tages«, dafür aber den Mini-Hohlspiegel.

Von Freiepresse.de

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Entdecken Sie hier noch mehr Cartoons.

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Illustration: Thomas Stuttmann

Und am Wochenende?

Könnten Sie James Joyce lesen, das Gesamtwerk. Oder die Allgemeinen Geschäftsbedingungen Ihres Mobilfunkanbieters. Falls Sie das als ernst gemeinten Vorschlag empfinden und sich generell eher vor Feiern fürchten, finden Sie hier Tipps, wie sie sich vielleicht doch wohlfühlen könnten auf einer Party, zusammengetragen von meinem Kollegen Julian Aé. Etwa, wie auch Schüchterne und Introvertierte zu Small-Talk-Helden werden .

Ein Tipp, der nicht drin steht, den ich Ihnen aber ganz uneigennützig ans Herz lege: Small-Talk-Munition bekommen Sie verlässlich in unseren Newslettern »Lage am Morgen« (hier bestellen) und »Lage am Abend« (hier bestellen).

Ich wünsche Ihnen einen guten Start ins neue Jahr. Und dass es nicht beginnt mit dem Satz: »Stattlich und feist erschien Buck Mulligan am Treppenaustritt, ein Seifenbecken in Händen, auf dem gekreuzt ein Spiegel und ein Rasiermesser lagen.«

Herzlich Ihr
Oliver Trenkamp

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