Die Lage am Montag Liebe Leserin, lieber Leser,

früher wurden auf den Zusammenkünften westlicher Staatschefs weitreichende Beschlüsse gefasst, heute sind sie zu Leistungsschauen der politischen Propaganda geworden. Dass auf dem heutigen sogenannten Mini-Gipfel am Rande der Hannover-Messe irgendetwas Wichtiges verabschiedet wird, erwarten nicht einmal die Öffentlichkeitsarbeiter der Kanzlerin. Dafür wird es viele schöne Bilder geben: Merkel winkend mit US-Präsident Barack Obama, Merkel im trauten Zwiegespräch mit Briten-Premier David Cameron, Merkel Wange an Wange mit Frankreichs Staatschef François Hollande.

Seit die Kanzlerin im September die deutsche Grenze geöffnet und "wir schaffen das" gerufen hat, sind ihre Beliebtheitswerte dramatisch abgestürzt. Das soll sich ändern. Von jetzt an, so signalisiert Merkels bunte Hannover-Show , will sie sich nicht länger als Flüchtlingskanzlerin und Friedensengel in Szene setzen, sondern wieder als erfahrene Krisendompteuse. Motto: roter Teppich statt Roter Halbmond.

Foto: Bernd Von Jutrczenka/ dpa

Heiliger St. Gabriel

Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel zeigt sich in diesen Tagen als gespaltene Persönlichkeit. Offiziell gibt er den Förderer des freien Welthandels; doch wenn es um den TTIP-Vertrag mit den USA geht, macht er keinen Hehl daraus, dass er das umstrittene Projekt am liebsten auf den Sankt-Nimmerleins-Tag verschieben würde - hilfsweise auf ein Datum nach den nächsten Bundestagswahlen ( hier finden Sie alle Informationen zum TTIP-Abkommen ).

Gabriel weiß genau, dass die TTIP-Pläne bei seiner eigenen Truppe ungefähr so beliebt sind wie eine Parlamentsrede von Finanzminister Schäuble. Heute wird Gabriel mit seiner US-Kollegin Penny Pritzker auf der Hannover-Messe erneut über das leidige Thema reden - und vorher wahrscheinlich jenes Stoßgebet gen Himmel schicken, das allen Politikern einfällt, wenn ihnen ein ungeliebtes Projekt erspart bleiben soll: "Heiliger St. Florian, verschon' mein Ressort, zünd' and're an."

Foto: picture alliance / dpa

Der Baby-Investor

Vor gut fünf Jahren wurde der durch die Welt jettende Unternehmer Nicolas Berggruen hierzulande zum Milliardär der Herzen, als er den maroden Karstadt-Konzern übernahm, um ihn zu sanieren. Leider erwies sich die Warenhauskette als schwieriger Fall, weshalb sie der kunstsinnige Investor bald wieder abstieß - nicht ohne dabei einen millionenschweren Gewinn einzufahren. Jetzt hat sich Berggruen zwei Designer-Babys zugelegt, die zwei Leihmütter gegen Bezahlung für ihn ausgetragen haben. Er sei nun "Mutter und Vater zugleich", sagte er der "New York Times". Hoffentlich weiß er, dass er sein neuestes Investment nicht so einfach weiterverkaufen kann, wenn es nicht die erhofften Ergebnisse bringt.

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Highway to Hell

Reiner Haseloff gilt als der sprödeste Ministerpräsident Deutschlands. Er sei "weder ein Redner, noch ein Visionär, noch ein Landesvater", bescheinigt ihm die Regionalpresse. Trotzdem will sich der Mann, den sie wegen seiner prägenden Zeit als Direktor der Arbeitsverwaltung Wittenberg gern den "ewigen Amtsleiter" nennen, heute zum Chef des wohl verrücktesten Regierungsbündnisses Deutschlands wählen lassen, der sogenannten Kenia-Koalition aus CDU, SPD und Grünen.

Was das heißt, konnte Haseloff bereits in den vergangenen Tagen erleben, als seine Partei gegen die Entscheidung aufbegehrte, ausgerechnet im Land der Groß-LPGs und gentechnischen Versuchslabors einen Grünen zum Landwirtschaftsminister zu machen. Wird Haseloff gewählt, steht der bekennende Technokrat vor der wohl größten Bewährungsprobe seiner Karriere : Entweder schafft er es, aus dem unmöglichen Bündnis einen Erfolg zu machen, oder es führt - um es mit Haseloffs Lieblingsband AC/DC zu sagen - direkt auf den "Highway to Hell".

Foto: Daniel Maurer/ dpa

Verlierer des Tages ...

ist der baden-württembergische SPD-Chef Nils Schmid . Der bisherige Finanzminister hat für seine Partei das schlechteste Wahlergebnis aller Zeiten eingefahren: Nur noch 19 Sozialdemokraten sitzen im Landtag, einstige Partei-Hochburgen wie Mannheim fielen an die AfD. Trotzdem lehnt der Funktionär einen Rücktritt ab, wie er jetzt auf einem SPD-Treffen sagte. Stattdessen müsse die SPD prüfen, ob sie noch "das Lebensgefühl der Menschen trifft". In der Partei wird indes eine andere Frage diskutiert: Wie wäre es, wenn Schmid einmal darüber nachdenkt, ob er noch das Lebensgefühl der Genossen trifft?

Die jüngsten Meldungen aus der Nacht

Ich wünsche Ihnen einen entspannten Start in die Woche, Ihr

Michael Sauga, Leiter Hauptstadtbüro DER SPIEGEL