Anna Clauß

Die Lage am Abend Leisere Töne

Anna Clauß
Von Anna Clauß, Leiterin Meinung und Debatte

Guten Abend, die drei Fragezeichen heute:

  1. Freiheit – Wie kämpfen die Iranerinnen und Iraner trotz brutaler Repressionen?

  2. Schutzmaßnahmen – Hat die Regierung vor Corona kapituliert?

  3. Politdrama oder Sportfest – Was sagen die Reporter vor Ort in Katar?

1. Schattenreich

Jede Woche freitags um 13 Uhr erscheint die neue Digitalausgabe des SPIEGEL. Deshalb empfehle ich Ihnen an dieser Stelle in der Regel die Titelgeschichte – diese Woche ist es eine grandiose Reportage von Alexander Osang , der Angela Merkels Auszug aus dem Kanzleramt und ihr Ankommen in einem Leben ohne Amt beobachtet hat. »Da musste mal jemand Neues ran«, sagte Merkel mit bemerkenswerter Offenheit dem SPIEGEL-Reporter.

Wäre es ein gewöhnlicher Freitag, würde ich die weiteren Absätze dazu nutzen, Ihnen noch mehr überraschende Erkenntnisse und Zitate aus Osangs Text  zu präsentieren. Heute aber ist der Internationale Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen, weshalb ich Ihre Aufmerksamkeit gerne auf einen ebenso titelwürdigen Text aus dem neuen Heft lenken möchte: Wie sich die Iranerinnen trotz brutaler Repressionen die Freiheit erkämpfen.

Ein Team aus Redakteurinnen und Redakteuren des Auslandsressorts  beschreibt darin, wie der Aufstand gegen die islamische Diktatur in eine neue Phase eintritt. Das Regime kämpft brutal ums Überleben. Die Demonstranten dagegen setzen auf Guerillataktiken. Es gebe keinen Ort, an dem sie vor den Schergen des Regimes sicher sei, sagt Anoush, Mitte 20, eine Lehrerin aus Irans Hauptstadt Teheran, die mit dem SPIEGEL per Chatnachrichten gesprochen hat.

Das Regime habe seine Repressionen massiv verschärft, berichtet Anoush . Der Terror sei überall, doch nur Bruchteile davon schafften es in die Medien. Der Kampf gegen die Diktatur drücke sich längst nicht mehr nur in Straßenprotesten aus, sagt die mutige Frau: »Wir schreien aus den Fenstern, auch wenn die Sicherheitskräfte immer öfter schießen. Wir boykottieren Unternehmen, die im Staatsfernsehen werben. Wir nutzen Bargeld statt Kreditkarten, sammeln Geld für die Menschen in den kurdischen Gebieten. Es ist schwer, ihnen Hilfe zu bringen, aber manche Menschen versuchen es. Wenn wir über die Straßen gehen, zeigen wir einander das V für Victory. Wir weinen uns in den Schlaf und wachen mit Hoffnung auf.«

Dass jetzt ernsthaft um die Macht gerungen wird, zeigen auch die Bilder der elf iranischen Fußballnationalspieler , die am Montag, während bei der Weltmeisterschaft in Doha ihre Hymne gespielt wurde, demonstrativ schwiegen. Elf Männer mit geschlossenen Mündern und festem Blick. Und das vor den Augen der Welt – ein Schlag gegen die Regierenden in Teheran. Heute besiegte die iranische Mannschaft übrigens Wales durch zwei späte Treffer in der Nachspielzeit.

2. Die Zerknirschung

Manche Menschen haben Covid zwar überstanden, die Symptome sind weg – aber dann kommt es bei ihnen plötzlich zu Herzrhythmusstörungen oder epileptischen Anfällen. Was richtet Sars-CoV-2 im Körper an, dass es zu solchen Spätfolgen kommen kann? Dazu hat meine Kollegin Veronika Hackenbroch recherchiert.  Sie schreibt: »Noch immer wird Corona als reine Atemwegsinfektion verharmlost. Doch das ist eine irreführende Beschreibung. Viele Studien zeigen, dass die Virusinfektion eine Multiorganerkrankung verursacht.«

Immer noch gibt es in Deutschland mehr als 100 Tote täglich: »Trotzdem unternimmt die Regierung wenig, um Covid-19 weiter einzudämmen«, analysiert ein Team aus dem SPIEGEL-Hauptstadtbüro . Es gebe keine echte Eindämmung mehr, die Regierung wolle wenigstens diesen Winter noch mit ein paar Schutzregeln durchstehen. »Nicht aufheben, sondern ausschleichen, ist ihre Devise.« Tatsächlich haben sich die schlimmsten Befürchtungen über mögliche Überlastungen der Krankenhäuser im Herbst nicht erfüllt. Momentan gehen die Infektionen zurück, der Druck auf die Krankenhäuser lässt eher nach. Schwere Verläufe sind seltener geworden.

Aber: Die sogenannte Übersterblichkeit liegt im Jahresschnitt bislang bei neun Prozent, im Oktober sogar 19 Prozent über dem Mittel der vergangenen vier Jahre für diesen Monat. »Woran das liegt, ist derzeit nicht genau zu sagen«, analysieren die Kollegen . »Ein stark belastetes Gesundheitssystem und Anfälligkeit durch Corona sind aber mögliche Erklärungen.«

Ich fühle mich in meiner Freiheit nach wie vor nicht eingeschränkt, wenn ich im öffentlichen Nahverkehr Maske trage. Sicher ist sicher. Man kann außerdem so schön die Lippen darunter bewegen und die Lieder aus meinen Kopfhörern lautlos mitsingen.

3. Allerhand Ärger

Für Sportreporter ist es in der Regel ein Höhepunkt des Jahres, vier Wochen vor Ort von einer Fußballweltmeisterschaft zu berichten. Dieses Mal aber handelt es sich bei der WM in Katar mehr um ein Politikdrama als um ein Sportfest. Danial Montazeri und Peter Ahrens sind neben Jan Göbel, Gerhard Pfeil und Marc Hujer zwei von fünf Reportern, die für den SPIEGEL aus Katar berichten. Am Dienstag, 29. November – schon um 12.30 Uhr mittags via Zoom – beantworten Danial und Peter Fragen, die Sie hier  stellen können, wenn Sie mögen.

Natürlich gibt es auch noch den Kollegen Felix Dachsel, der für die Dauer des Turniers eine Minikolumne hier in der »Lage am Abend« schreibt. Heute ein Lob des freundlichen Hansi:

Gestern fragte eine große deutsche Zeitung, ob Hansi Flick zu nett sei. Im deutschen Fußball gibt es noch immer das spektakuläre Missverständnis, dass man besonders ungehobelt sein muss, um erfolgreich zu sein. Irgendwann taucht immer ein von Raucherhusten geschüttelter Ex-Profi auf, der aus irgendeiner Kneipe fällt und in ein Mikrofon blafft, dass es wieder »echte Typen« brauche.

Mir gefällt die Herzlichkeit von Hansi Flick, seine Manieren. Es laufen zu viele unhöfliche Menschen in diesem Land herum, die schlechte Laune für ihr Markenzeichen halten. Es ist in Deutschland nicht so verbreitet, aber man kann gleichzeitig freundlich sein und sehr hart in der Sache. Das Idealbild ist der grätschende Gentleman. Ein Phänomen aus einem Land, das uns kulturell viel voraushat: England.

Im britischen Parlament herrschen Höflichkeit und intellektuelle Härte. In Deutschland raunzen sich Politiker mittelmäßig freundlich und mittelmäßig überzeugend an.

Es wirkt fast so, als suche man verzweifelt nach einer Erklärung für den deutschen Misserfolg, um die nahe liegende Erklärung zu umgehen: Deutschland ist einfach nicht gut genug. Es reicht nicht für die Welt. Ich glaube, besser werden ist eine Lösung. Unfreundlicher werden eher nicht.

Und hier mehr Nachrichten und Hintergründe zur WM:

  • Zwischen Traumtor und Trauma: Welch ein WM-Start schien das zu werden für Brasilien! Gegen Serbien gelang das bislang spektakulärste Tor dieses Turniers. Dann musste Neymar vom Platz – mit dickem Knöchel und Tränen im Gesicht .

  • Wo sie Ronaldo noch auf Händen tragen: Kapitän, Startelf, ein WM-Rekord per Elfmeter-Geschenk – und selbst der Gegner imitiert den eigenen Jubel: Cristiano Ronaldo wurde zu Portugals WM-Auftakt jede denkbare Ehre erwiesen. Die Tränen kamen ihm schon bei der Hymne.

  • WM-Live-Ticker: Harry Kane und die »One Love«-Luxusedition

Nachrichten und Hintergründe zum Krieg in der Ukraine

  • »Dieser Winter ist Putins letztes Argument«: In der Ukraine ist die Hälfte der Energieinfrastruktur beschädigt. Maksym Timtschenko, Chef des größten privaten Energieunternehmens der Ukraine, sieht einem harten Winter entgegen. Angst vor einem totalen Blackout hat er nicht .

  • Bundesregierung schickt weitere Hilfsgüter in die Ukraine: Russische Angriffe haben die Strom- und Wasserversorgung in weiten Teilen der Ukraine lahmgelegt – und der Winter steht bevor. Nach SPIEGEL-Informationen plant Deutschland, rasch weitere Hilfsgüter zu liefern.

  • Bundesregierung versammelt Industrie zum Munitionsgipfel: Seit Jahren schon leidet die Bundeswehr an Munitionsmangel, der Krieg in der Ukraine hat die Lage verschärft. Nun sollen alle Ressorts der Regierung helfen, die Produktion in Deutschland schnell zu steigern.

  • Hier finden Sie alle aktuellen Entwicklungen zum Krieg in der Ukraine: Das News-Update

Podcast Cover

Was heute sonst noch wichtig ist

  • Ermittlungen gegen FDP-Politiker Brockes: Dem nordrhein-westfälischen Abgeordneten wird Körperverletzung vorgeworfen: Nach einem Wiesnbesuch im Oktober hat die Münchner Staatsanwaltschaft Ermittlungen gegen Dietmar Brockes eingeleitet.

  • Urlaub im BMW statt im Porsche ist zumutbar: Weil ihr Porsche zugeparkt war, musste eine Frau mit ihrem Zweitwagen in den Urlaub fahren. Nicht standesgemäß, fand sie – und forderte 175 Euro Entschädigung pro Tag. Ohne Erfolg, wie der BGH nun bestätigt hat.

  • Was die alten Römer zu blutigen Spektakeln snackten: Archäologen haben sich in den Kanälen unter dem Kolosseum in Rom umgesehen. Dabei fanden sie heraus, dass die Besucher Feigen, Kirschen und Nüsse verspeisten. Die Funde erinnern an eine berühmte Filmkomödie.

Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen

  • Der Schatz vom Attersee: Ex-Minister Spahn hat sich eine vier Millionen Euro teure Villa im Berliner Nobelviertel Dahlem zugelegt – angeblich dank eines stattlichen Erbes seines Mannes. Die Geschichte entpuppt sich nun als Märchen .

  • Deutsche Möbel – aus belarussischen Gefängnissen? Ikea ließ lange in Belarus fertigen, deutsche Möbelhersteller tun es noch immer. Eine neue Studie kommt zu dem Schluss, dass in der Produktion Gefangene eingesetzt werden. Straflager erhielten sogar ein Nachhaltigkeitssiegel .

  • Was Sie über ein angebliches WhatsApp-Leak wissen müssen: Die Handynummern von fast einer halben Milliarde WhatsApp-Nutzern wurden in einem Forum angeboten. Angeblich waren sechs Millionen deutsche Nummern dabei. Ein erhöhtes Sicherheitsrisiko bedeutet das dennoch nicht .

  • Kryptoland, abgebrannt? Der Kollaps der US-Börse FTX und die Skandale ihres Gründers Sam Bankman-Fried stürzen den Kryptomarkt in die Existenzkrise: War der Traum vom Blockchain-Geld nur eine kollektive Illusion? 

Was heute weniger wichtig ist

  • Was passiert, wenn ein Raubtier während eines in Japan häufigen Erdbebens entkommt – und dabei sogar Menschen anfällt? In Osaka haben Mitarbeiter eines Tierparks für den Ernstfall geprobt. Einer von ihnen zog einen flauschigen Strampelanzug samt mächtigem Löwenhaupt über – und stürzte sich auf einen Tierpfleger. Während der Löwe unter den neugierigen Blicken der Besucher auf zwei Beinen durch die Anlage stolzierte, versuchten seine Kollegen mit Helmen, Schilden und Netzen sowie der Unterstützung von Feuerwehrbeamten den »wild gewordenen« Mitarbeiter wieder einzufangen. Ein Tierarzt legte am Ende mit einem Betäubungsgewehr auf das drollige Tier an, woraufhin der zweibeinige Löwe in die Knie ging, alle viere von sich streckte – und sich am Ende in Netze eingewickelt abtransportieren ließ.

Tippfehler des Tages, inzwischen korrigiert: Dort will Jens Maier, ehemals Bundestagsabgeordnete der AfD, wieder als Richter am Amtsgericht Dippoldiswalde arbeiten. 

Cartoon des Tages: General »Sima«

Illustration: Chappatte

Und heute Abend?

Falls Sie diese »Lage am Abend« heute etwas später als sonst zugeschickt bekommen oder auf der Homepage entdeckt haben, dann liegt es daran, dass ich nicht rechtzeitig fertig wurde, weil ich mich in den Gedichten von Hans Magnus Enzensberger verloren habe. Der Lyriker, Essayist, Herausgeber und Übersetzer starb am Donnerstag im Alter von 93 Jahren in München. Enzensberger arbeitete auch mehrfach als Autor für den SPIEGEL, den er 1957 in seinem Essay »Die Sprache des SPIEGEL« kritisiert hatte.

Schon allein die Titel seiner meist nur mehrere Zeilen langen Poesie-Miniaturen haben meine Fantasie angeregt und mich zum unmittelbaren Weiterlesen verführt: »Holiday Inn Blues«, »Blauwärts«, »Vor dem Rücktritt«, »Kleiner Abgesang auf die Mobilität«, »Die Vorzüge meiner Frau«.

Die Überschrift dieser Abend-Lage und die ersten drei Zwischenüberschriften sind im Original Titel seiner Gedichte. Zum Abschied eines, das mir besonders gut gefallen hat:

»Unterlassungssünden«

Ja, ich habe unentschuldigt gefehlt.
Als die Not am größten war,
bin ich nicht herbeigeeilt.
Verpaßte Liebesnächte,
beim Völkerballe eine Katastrophe,
nie richtig schwimmen gelernt.

Ja, ich habe es vermieden,
bis zur letzten Patrone zu kämpfen.
Unterlassen habe ich es,
dem Penner die Bruderhand zu küssen,
und beizeiten zu gießen
die Fleißigen Lieschen der Nachbarn.

Vergessen zu beichten,
davor zurückgeschreckt,
die Welt zu verbessern,
nie rechtzeitig ein- und ausgestiegen,
versäumt, dreimal täglich,
meine Pillen zu nehmen.

Ja, ich habe darauf verzichtet,
Leute umzubringen. Ja,
ich habe nicht angerufen.
Vorläufig habe ich sogar
Davon abgesehen, zu sterben.
Wenn ihr könnt, verzeiht mir.

Oder ihr laßt es bleiben.

Einen schönen Abend wünscht

Ihre Anna Clauß

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