Wolfgang Höbel

Die Lage am Abend Mit Blauhelm unterwegs

Wolfgang Höbel
Von Wolfgang Höbel, Autor im Kulturressort
Von Wolfgang Höbel, Autor im Kulturressort

Guten Abend, die drei Fragezeichen heute:

  1. Baerbocks Mission in Kiew und Moskau – was kann die Ministerin im Krisengebiet erreichen?

  2. Warnung vor mutierten Grippeviren – wie sehr verschärft eine Influenzawelle die Coronalage?

  3. Finanzierung der BBC – warum wollen Großbritanniens Konservative dem öffentlich-rechtlichen Sender den Geldhahn zudrehen?

1. Außenministerin Baerbock wirbt bei Politikern in Kiew und Moskau für eine friedliche Konfliktlösung, aber ihre Erfolgsaussichten sind wohl gering

Am kürzlich ausgeschiedenen Amtsträger Heiko Maas wurde zwar viel und oft ungerecht herumgemäkelt – aber in der Regel verschafft das Amt der Außenministerin oder des Außenministers dem Menschen, der es innehat, in Deutschland viel Sympathie. Die grüne Außenministerin Annalena Baerbock hat in den ersten Wochen ihrer Arbeit schon viel Lob bekommen. Sie scheint den Job auf erfreulich uneitle Weise ernst- und wahrzunehmen. Heute ist sie zu ihrer bislang schwierigsten Dienstreise aufgebrochen. Sie besucht die Ukraine und wird am Abend nach Moskau weiterfliegen, wo sie morgen Russlands Außenminister Sergej Lawrow trifft.

Viele westliche Politikerinnen und Politiker befürchten angesichts eines massiven russischen Truppenaufmarschs an der Grenze zur Ukraine, dass Russland derzeit einen Einmarsch im Nachbarland vorbereitet. Nach ihrer Ankunft in Kiew hat Baerbock denn auch einen scharfen Ton gegenüber der russischen Regierung angeschlagen. »Jede erneute Aggression hätte einen hohen Preis«, sagte sie, »wirtschaftlich, politisch und strategisch«. Diplomatie sei der einzige Weg, »um die derzeitige, hochgefährliche Situation zu entschärfen«.

Leider sind die Hoffnungen schwach, die mit Baerbocks Reise verknüpft sind. »Dass die Grünenpolitikerin im Konflikt zwischen Russland und der Ukraine für Entspannung sorgen könnte, ist nicht zu erwarten«, schrieb mein Kollege Philipp Wittrock, Chef des SPIEGEL-Haupstadtbüros heute in der »Lage am Morgen« – was nichts mit Baerbock persönlich zu tun habe. »Die Lage ist so verfahren, die Fronten so verhärtet, dass derzeit überhaupt kein diplomatischer Ausweg in Sicht ist«, so Philipp.

In der Ukraine kündigte Baerbock heute an, dass sie sich gemeinsam mit dem französischen Außenminister Jean-Yves Le Drian für den auf Eis gelegten Friedensplan einsetzen will, der im belarussischen Minsk im Februar 2015 zwischen den Konfliktparteien vereinbart wurde: »Wir brauchen Fortschritte bei der Umsetzung der Minsker Vereinbarung«, sagte sie. Für die Friedensmission der deutschen Außenministerin dürfte der Lehrsatz gelten, den der sehr umstrittene langjährige US-amerikanische Außenminister Henry Kissinger mal formuliert hat. »Außenpolitik ist eine Kunst, die wie ein Handwerk aussieht.«

2. Die Coronainfektionen in Deutschland steigen, in der EU rollt eine Grippewelle – diese Kombination macht Experten Sorgen

Es gibt auch positive Nachrichten inmitten des derzeitigen rasanten Anstiegs von Coronainfektionen. Das Robert Koch-Institut meldete heute, dass am Wochenende in Deutschland mehr als eine halbe Million Impfungen gegen das Virus verabreicht wurden. Am Sonntag wurden 129.000 Impfungen vorgenommen, am Samstag waren es 408.000. Mindestens eine Impfdosis erhalten haben bisher 62,4 Millionen Menschen, das sind 75,1 Prozent der Deutschen. Weil »eine hundertprozentige Erfassung durch das Meldesystem nicht erreicht werden kann«, so die Wissenschaftler, gingen sie davon aus, dass die tatsächliche Impfquote sogar um bis zu fünf Prozentpunkte höher liegt.

Der Schutz vor schweren Krankheitsverläufen nach einer Infektion mit dem Coronavirus, den die Impfungen verheißen, ist vielleicht heute noch ein bisschen dringlicher geworden. Denn die Seuchenschutzbehörde der EU hat nun davor gewarnt, dass die Influenza in diesem Winter schneller als erwartet zurückgekehrt ist, nachdem sie im vorigen Winter fast verschwunden war. Damit wachsen die Sorgen vor einer Art Zwillings-Epidemie zusammen mit Covid-19. Seit Mitte Dezember zirkulierten die Grippeviren in Europa schneller als erwartet, so die Behörde. Die Rückkehr des Virus könnte den Beginn einer ungewöhnlich langen Grippesaison bis in den Sommer markieren.

»Nur die Grippe«, hieß es zu Beginn der Pandemie oft verharmlosend über Corona. »Aber die gewöhnliche Grippe macht jährlich Millionen Menschen teils schwer krank und tötet Hunderttausende«, sagt mein Kollege Arvid Kaiser aus dem SPIEGEL-Wissenschaftsressort. »Wenigstens das war im ersten Coronajahr anders, weil das Influenzavirus sich kaum ausbreiten konnte.« Wenn jetzt eine Grippe- und eine Corona-Epidemie zugleich wüten, heiße das nichts Gutes für die schon hart am Limit arbeitenden Krankenhäuser. Weil die Grippeviren derzeit offensichtlich besonders wild mutierten, so Arvid, »scheint sich leider eine besonders aggressive Variante durchzusetzen«.

3. Boris Johnsons Kulturministerin will die BBC-Beitragsgebühren abschaffen – die Attacke auf die Rundfunkanstalt soll wohl auch von aktuellen Affären ablenken

In der vergangenen Woche sagte ein Politiker der britischen Konservativen, Berichte der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt BBC über Partys in Boris Johnsons Amtssitz in der Downing Street zu Lockdownzeiten wirkten wie ein »Putschversuch« gegen den Premier. Heute hat Nadine Dorries, die Kulturministerin in Johnsons Kabinett, den radikalen Umbau des Finanzierungssystems der Anstalt angekündigt. Sie will die Beitragsgebühren der Bürgerinnen und Bürger für die BBC streichen und staatliche Subventionen einfrieren.

Erwartungsgemäß hat die Opposition der Labour-Partei die Pläne der britischen Regierung mit Empörung zur Kenntnis genommen. Premierminister Johnson wolle mit dem Vorhaben nur von seinen Verfehlungen in der »Partygate«-Affäre um Lockdownpartys im Regierungssitz ablenken. Die Labour-Expertin Lucy Powell warf der Regierung heute »Kulturvandalismus« vor. »Dies ist Teil einer Ablenkungsstrategie, um allen außer sich selbst die Schuld zu geben«, sagte Powell.

Derzeit zahlt jeder britische Haushalt jährlich 159 Pfund für die Arbeit der BBC. Für die Rundfunkanstalt würde eine Abschaffung der Beiträge, die derzeit mit 3,2 Milliarden Pfund (3,83 Mrd. Euro) pro Jahr den Großteil der Finanzierung ausmachen, wohl brutale Kürzungen zur Folge haben. Tausende Jobs müssten gestrichen und mehrere Programme und Spartenkanäle dichtgemacht werden. Für die Idee eines öffentlich-rechtlichen Rundfunks war die BBC, die seit 1927 nach dem aktuellen Modell funktioniert, in vielen Ländern der Welt Vorbild. Die legendäre Institution würde, fürchte ich, großen Schaden nehmen, wenn die Ministerin sich durchsetzt.

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Was heute sonst noch wichtig ist

  • Vulkanausbruch nahe Tonga war stärkste Eruption seit 30 Jahren: Hätte sich die Eruption des Vulkans an Land ereignet, wären die Auswirkungen »apokalyptisch« gewesen, sagen Experten. Die Lage im Inselstaat ist weiter unklar, Tongas Nachbarländer bereiten Hilfslieferungen vor.

  • Verriet ein jüdischer Familienvater Anne Frank an die Nazis? Es ist eines der größten Rätsel des Zweiten Weltkriegs: Wurde Anne Frank an die Nazis verraten – und wenn ja, von wem? Eine Gruppe um einen Ex-FBI-Forscher will nun eine Antwort gefunden haben.

  • Meşale Tolu in der Türkei freigesprochen: Sieben Monate saß Meşale Tolu wegen »Terrorpropaganda« und Mitgliedschaft in einer Terrororganisation in Untersuchungshaft. Nun wurde die deutsche Journalistin in Istanbul freigesprochen.

  • Corona treibt Menschen weltweit aus ihren bisherigen Berufen: Die Internationale Arbeitsorganisation registriert in der Coronakrise eine Flucht aus angestammten Berufen. In Branchen wie Gastronomie, Einzelhandel oder der Pflege werde es immer schwieriger, Positionen zu besetzen.

  • Justizministerium macht Tempo bei Abschaffung des Abtreibungsparagrafen 219a: Die Ampel hat viele Ziele formuliert – unter anderem, den umstrittenen Abtreibungsparagrafen 219a zu streichen. Dazu gibt es nun einen Referentenentwurf des Justizministeriums, der dem SPIEGEL vorliegt.

  • Auch die French Open sind für Djoković in Gefahr: Bei den Australian Open darf Novak Djoković nicht teilnehmen – und auch beim nächsten Grand-Slam-Turnier in Paris droht dem Serben der Ausschluss: In Frankreich müssen Profis künftig einen Impfpass vorlegen.

  • Bis 2030 könnten fünf Millionen Fachkräfte fehlen: Die Babyboomer gehen in Rente und zu wenige Menschen rücken nach: In Deutschland schreitet der demografische Wandel voran. Eine neue Erhebung zeigt, wie drastisch der Fachkräftemangel bald ausfallen könnte.

Meine Lieblingsgeschichte heute: Der Signore, der Julia Roberts zur Pretty Woman machte

Der italienische Modemacher Nino Cerruti verfügte, anders als viele seiner Konkurrentinnen und Konkurrenten, über eine wunderbar natürlich wirkende Eleganz. Nun ist der große Mann im Alter von 91 Jahren gestorben. Und der in der SPIEGEL-Redaktion für sein strenges Stilbewusstsein ein bisschen berüchtigte Kollege Enrico Ippolito hat umwerfend schöne Bilder aus dem Leben und Wirken Cerrutis zusammengestellt. Ich finde die Aufnahmen von Cerrutis Anfängen in Italien noch eindrucksvoller als die Glamourbilder seiner berühmtesten Hollywood-Kundschaft.

Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen

  • »Ich gehe nirgendwohin. Es sei denn, zu Mama in den Himmel«: Er war jung, fit und hatte trotzdem keine Chance: Vor einem Jahr starb Kim David Berner an den Folgen von Covid-19. Seine Freundin und ein junger Arzt begleiteten ihn bis zum letzten Atemzug. Dies ist seine Geschichte. 

  • »Wenn die Ukraine scheitert, scheitert Europa«: Ein Ende von Nord Stream 2 und sofortige Sanktionen gegen Moskau: Vor dem Besuch von Außenministerin Baerbock in Kiew sendet die ukrainische Vizepremierministerin Olha Stefanischyna klare Forderungen an den Westen .

  • Ein Widerspruch namens Lindner: Wenn der neue Finanzminister Christian Lindner am Montag zum ersten Mal in Brüssel auftritt, wird er sich seinen Amtskollegen als Rätsel präsentieren. Was will dieser Mann ?

  • Ex-Vorständen der Elsflether Werft drohen langjährige Haftstrafen: Die beiden Ex-Vorstände der Elsflether Werft sollen sich nach SPIEGEL-Informationen vor Gericht verantworten. Die Ermittler werfen ihnen unter anderem Untreue vor. Sechs weitere Beschuldigte sind angeklagt worden .

  • Was hilft, wenn man sich zwischen Arbeit und Wohnort entscheiden muss: Soll ich für den Job wirklich wegziehen? Wer vor dieser Entscheidung steht, muss viele Faktoren berücksichtigen. Und am Ende eine viel größere Frage beantworten: Was macht mich glücklich ?

Was heute weniger wichtig ist

  • Grummeliger Tennisheld: Alexander Zverev, 24, und deutscher Mitfavorit bei den Australian Open, ist mit seinem Start beim Turnier nur bedingt zufrieden. Der Auftaktsieg gegen den stark aufspielenden Deutschen Daniel Altmaier war mühevoll; nach der von den australischen Behörden erzwungenen Abreise des Serben Novak Djoković ist aber in Melbourne immerhin wieder der Sport das Hauptthema. Hoffentlich werde sein nächstes Match besser, sagte Zverev nach dem Spiel. »Es ist nicht viel nach Plan gelaufen, außer dass ich gewonnen habe.«

Tippfehler des Tages, inzwischen korrigiert: »Irrsinn mit Plüsch-Koaola«

Cartoon des Tages: Olympia in China

Foto: Klaus Stuttmann

Und heute Abend?

Könnten Sie sich den Film »The Tragedy of Macbeth« mit Denzel Washington in der Titelrolle und Frances McDormand als gruselige Lady Macbeth ansehen. Mein Kollege Oliver Kaever findet diese Shakespeare-Verfilmung »unbedingt nötig«. Der eigentlich immer grandiose US-amerikanische Regisseur Joel Coen, diesmal ohne seinen Bruder Ethan am Start, hat den Stoff auf den bösen Kern reduziert. In seinem Film, der bei Apple TV+ läuft, wirkt das Stück nach Meinung meines SPIEGEL-Kollegen »wie mit dem Sandstrahler gereinigt, ohne inhaltliche Verfremdung, Modernisierung und das Überladene früherer Kino-Bearbeitungen«. Bei Joel Coen strahlt Macbeth nun wieder in düsterstem Glanz – und das Drama aus dem frühen 17. Jahrhundert darf sich, so Oliver, als »Urstoff aller Thriller« erweisen.


Einen schönen Abend. Herzlich
Ihr Wolfgang Höbel

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