Alexander Neubacher

Die Lage am Abend Hat Putin seine Militärkraft überschätzt?

Alexander Neubacher
Von Alexander Neubacher, Kolumnist und Reporter
Von Alexander Neubacher, Kolumnist und Reporter

Guten Abend, das sind heute unsere drei Fragezeichen:

  1. Wie kampffähig ist Russlands Armee?

  2. Warum ist Deutschland noch immer ein Oligarchenparadies?

  3. Was ist das Altersgeheimnis von Keith Richards?

1. Russlands mysteriöse Militärschwäche

Ist Putins Armee viel schwächer als gedacht? Dafür gibt es inzwischen einige Hinweise. Vor allem im Norden der Ukraine läuft der russische Feldzug nicht wie geplant. Die großen Städte sind noch immer in ukrainischer Hand. In den sozialen Medien kursieren Videos von zurückgelassenen russischen Panzern, Raketenwerfern, Flugabwehrgeschützen. Ein privater britischer Nachrichtendienst, der offenbar russische Militärs abgehört hat, spricht von weinenden Soldaten, Chaos und Beschimpfungen. Schätzungen zufolge könnten die russischen Streitkräfte bereits bis zu 9000 Soldaten verloren haben.

Das erste Opfer des Krieges ist bekanntlich die Wahrheit. Deshalb sollte man Informationen von der Front mit Vorsicht behandeln. Vielleicht führt auch der Wunsch, Putin möge scheitern, dazu, dass wir die Videos überbewerten, in denen russische Panzer von ukrainischen Traktoren abgeschleppt werden.

Mein Kollege Fritz Schaap hat mit internationalen Militärexperten darüber gesprochen, wie sie die Lage einschätzen . Tatsächlich sind viele überrascht über Russlands mysteriöse Militärschwäche.

Zerstörter Panzer in der Nähe von Brovary, nördlich von Kiew: Schlecht vorbereitet in den Krieg

Zerstörter Panzer in der Nähe von Brovary, nördlich von Kiew: Schlecht vorbereitet in den Krieg

Foto: Felipe Dana / dpa

Phillips O’Brien , Professor für Militärstrategie an der University of St Andrews in Großbritannien, sagt, es sei erstaunlich, dass der Ukraine so viel funktionstüchtiges Gerät in die Hände fällt. Das sei ein Zeichen für eine schlechte Moral der Russen, sagt O’Brian: »Die Truppen wollen in diesen Fällen anscheinend einfach nur weg.«

John Spencer , Leiter der Urban Warfare Studies am New Yorker Madison Policy Forum, sagt: In einigen Fällen würden die jungen russischen Soldaten anscheinend sogar absichtlich Löcher in die Kraftstofftanks ihrer Fahrzeuge schlagen – vermutlich um nicht an die Front zu müssen. »Wir werden nun auch Fälle sehen, in denen sich demoralisierte Soldaten mit Absicht in den Fuß schießen.«

Und schließlich Michael Kofman , Direktor des Programms für Russlandstudien am Center for Naval Analyses, einer Forschungseinrichtung der US-Marine. Er sagt, überraschend sei die Inkompetenz der russischen Streitkräfte. »Ihr Militär kämpft, als käme es aus den Achtzigerjahren.« Vieles an diesem Feldzug sei schlichtweg bizarr.

»Dass die Stimmung in Putins Truppe schlecht ist, hat vor allem zwei Gründe«, schreibt Fritz: »Zum einen wussten offenbar die allermeisten Soldaten nicht, dass sie in den Krieg geschickt werden. Zum anderen haben sie anscheinend geglaubt, von den Ukrainern willkommen geheißen zu werden. Nun müssen sie feststellen, dass in der Ukraine niemand befreit werden will.«

Ist die Schwäche der Russen eine gute Nachricht? Leider nicht. O’Brien von der University of St Andrews hält es für möglich, dass Putins Generäle viele Ressourcen absichtlich zurückhalten – um sie später im möglichen Krieg gegen die Nato einzusetzen.

Der Krieg in der Ukraine könnte durch Russlands Misserfolge noch brutaler werden: mehr Angriffe auf zivile Ziele, Belagerungen, Luftangriffe. Wie im Tschetschenienkrieg, an dessen Ende viele Städte in Trümmern lagen. Der CIA-Chef William Burns sagt: »Putin wird wahrscheinlich noch einen draufsetzen und versuchen, das ukrainische Militär ohne Rücksicht auf zivile Opfer zu zermalmen.«

Mein Kollege Christian Neef, der Putin seit vielen Jahren beobachtet, hält es in der neuen SPIEGEL-Titelstory  jedenfalls für ausgeschlossen, dass der Kremlherrscher aufgibt, er schreibt: »Der Blitzkrieg ist gescheitert. Dass Putin frustriert darüber ist, liegt nahe. Frustration aber hat er – die letzten beiden Jahrzehnte zeigten es – meist durch gesteigerte Aggressivität abgebaut. Möglich ist, dass Putins Militärmaschine in den nächsten Tagen mit voller Kraft zuschlagen wird – in Kiew etwa. Die Armee ohne Sieg wieder nach Russland zurückzubringen, verbietet sich.«

2. Deutschland, das Oligarchenparadies

Im Hamburger Hafen, Trockendock Elbe 17, liegt zur Wartung die »Dilbar«, eine der größten Yachten der Welt: 156 Meter lang, Schwimmbecken, zwei Landeplätze für Hubschrauber. Das schwimmende Schloss, das rund 600 Millionen Dollar gekostet haben soll, wird dem russischen Oligarchen Alisher Usmanow zugeschrieben. Weil er dem Kremlherrscher Putin nahesteht, hat die EU beschlossen, sein Vermögen einzufrieren.

Doch bislang ist das Schiff nicht beschlagnahmt, und ob es je dazu kommen wird, ist ungewiss. Die genauen Eigentumsverhältnisse sind schwer zu klären, die Spur verliert sich auf den Cayman Islands. Usmanow stellt sich als »Mieter« des Schiffes dar. Und so zucken alle Behörden jetzt ratlos mit den Schultern. Hamburgs Wirtschaftsbehörde verweist auf den Bund; das Bundeswirtschaftsministerium sagt, es sei nicht zuständig.

Italienischer Polizeieinsatz am Hafen von Imperia: Schlagkräftige Struktur

Italienischer Polizeieinsatz am Hafen von Imperia: Schlagkräftige Struktur

Foto: Antonio Calanni / AP

Die halbe Welt jagt Putins Günstlinge – doch Deutschland bleibt ein Oligarchenparadies. Ein SPIEGEL-Team hat recherchiert , warum die Verfolgung scheitert: Kompetenzgerangel, Zuständigkeitschaos, schlechte Regulierung. Obwohl seit Monaten über Sanktionen gegen Russland geredet wird, hat sich in der Bundesregierung niemand vorbereitet. »Es ist so, als wären wir zum 100-Meter-Lauf ins Stadion bestellt worden«, sagt ein hochrangiger Beamter, »doch wir kommen viel zu spät, und wo der Start ist, weiß leider auch niemand«. Erst einmal soll eine neue Taskforce im Kanzleramt eingerichtet werden.

Wie es besser geht, zeigt Italien. Kaum waren die Sanktionen im Amtsblatt der EU veröffentlicht, schlugen die italienischen Behörden zu und froren russische Vermögenswerte in Höhe von über 140 Millionen Euro ein. Auch bei Alisher Usmanow, den angeblichen Mieter der Mega-Yacht. Über Usmanows Villenensemble am Golf von Pevero verfügt jetzt der italienische Staat.

3. Keith Richards – ein Leben ohne Laufband

Wie viele Hobbygitarristen bin ich daran verzweifelt, Rolling-Stones-Hits nachzuspielen. Bis man versteht, was der Trick ist: Keith Richards stimmt seine sechs Saiten so um, dass er sich möglichst wenig Arbeit machen muss. Und wenn ihn die tiefe E-Saite nervt, macht er sie weg. Fünf Saiten reichen. Was ihn natürlich noch cooler und bewundernswerter macht, als er ohnehin ist.

Im SPIEGEL-Interview  erklärt Richards meinem Kollegen Andreas Borcholte nun, wie er versucht, auch sein Altern mit möglichst geringem Aufwand zu bewältigen. Er habe im Keller ein Laufband, aber natürlich benutze er es nicht. Ein Handy: besitze er nicht. Und das Rauchen? Vermisse er nicht. Wobei: »Ich rauche noch mehr Gras.« Aber das ist für Keith offenbar gesund.

Andreas wollte wissen, wie Richards mit dem Vorwurf umgeht, der berühmte Stones-Song »Brown Sugar« sei rassistisch und sexistisch. Richards: »Nun ja, einige schwarze Damen haben etwas gemurmelt, das stimmt. Und wir haben dann beschlossen, dass wir ›Brown Sugar‹, für diese Tournee in den Ruhestand schicken, statt eine Kontroverse darüber auszulösen.« Aber hat er nicht das Gefühl, mit »Brown Sugar« ein Opfer der sogenannten Cancel Culture geworden zu sein? Wieder Richards: »Mick und ich haben einfach beschlossen, dass wir uns nicht mit wütenden schwarzen Frauen anlegen wollen, die anscheinend nicht wissen, worum es in dem Song geht. Der Song handelt von den Schrecken der Sklaverei und nicht nur von … Sex. Also haben wir beschlossen, uns nicht die Mühe zu machen, es zu erklären.«

Andreas hat im Interview natürlich auch die wichtigste Frage gestellt: Werden die Rolling Stones noch einmal auf Tournee gehen, auch in Europa? »Ich darf es nicht bestätigen, glaube ich«, sagt Richards, aber: »Das ist im Gespräch.« Start it up, Keith!

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Was heute sonst noch wichtig ist

Meine Lieblingsgeschichte heute: Schlaf, Kindlein, schlaf verdammt noch mal ein

Jedes Kind kann schlafen lernen. So heißt ein Buch, das gefühlt alle Eltern dieser Welt gelesen haben, um es anschließend frustriert in die Ecke zu feuern. Aus meiner Erfahrung als vierfacher Vater, kann ich sagen: Ja, es stimmt, jedes Kind kann schlafen lernen. Die Frage ist nur, in welchem Alter, und ob Sie bis dahin nicht durchdrehen.

Der Sohn meiner Kollegin Sarah Wiedenhöft hat fast elf Jahre gebraucht. Er ist Autist, das machte es nicht leichter. Wie Sarah damit umgegangen ist, beschreibt sie heute in ihrer Kolumne. Als Baby schob sie ihren Sohn stundenlang im Kinderwagen herum, sang Lieder, bis ihr die Stimme wegblieb: Schlaf, Kindlein, schlaf verdammt noch mal endlich ein. Später lag sie stundenlang neben ihm und hielt seine Hand. Doch wollte sie leise den Raum verlassen, um auf Toilette zu gehen, wachte er sofort wieder auf und weinte.

Sarah fragte sich: »Liegt es an mir? Bin ich eine schlechte Mutter? Mit der Zeit schliefen die Kinder all meiner Freundinnen durch, nur meines nicht. Den Spruch ›Jedes Kind ist anders‹ konnte ich nicht mehr hören.«

Doch Sarahs Geschichte hat ein Happy End. Die Rettung kam mit einer extraschweren Decke, gefüllt mit Kügelchen aus Glas oder Metall. Sarah schreibt: »Es gibt bisher kaum Studien zu diesen Decken und die, die es gibt, deuten nicht darauf hin, dass sie tatsächlich den Schlaf verbessern. Und trotzdem: Seitdem mein Sohn in eine normale Decke gewickelt schläft, mit der Gewichtsdecke auf seinem Körper, schläft er durch.«

Endlich.

Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen

Was heute weniger wichtig ist

  • Multi-Unternehmer Elon Musk, 50, und die Sängerin Grimes, 33, sind laut einem Medienbericht erneut Eltern geworden. Ihre Tochter heiße Exa Dark Sideræl Musk oder kurz Y, sagte Grimes dem Magazin »Vanity Fair«. Das Baby wurde demnach von einer Leihmutter ausgetragen und kam bereits im Dezember auf die Welt. Das Paar hatte die Geburt bislang geheim gehalten. Ihr erstes gemeinsames Kind, ein Junge namens X Æ A-Xii, wurde im Mai 2020 geboren.

    Bekannt wurde der neue Nachwuchs, als ein »Vanity Fair«-Reporter Grimes für ein Interview besuchte. Er habe kurz etwas gehört, das wie das Weinen eines Kindes im Obergeschoss geklungen habe, schreibt der Journalist Devin Gordon – obwohl Grimes ihm gesagt hatte, dass ihr gemeinsamer Sohn mit Musk nicht im Haus, sondern bei seinem Vater sei. Er habe zunächst nichts gesagt und das Interview fortgesetzt. Dann sei das Weinen aber unüberhörbar geworden und er habe schließlich die »seltsamste Frage« seiner Karriere gestellt, so Gordon: »Gibt es ein anderes Baby in deinem Leben, Grimes?« Die zunächst unangenehme Situation habe sich dann entspannt und beide hätten gelacht. Das Baby leide ein wenig an Koliken, sagte die 33-Jährige.

    Ihre Beziehung zu Musk beschrieb Grimes so: »Ich würde ihn wahrscheinlich als meinen Freund bezeichnen, aber wir sind sehr fluid. Wir leben in getrennten Häusern. Wir sind beste Freunde. Wir sehen uns die ganze Zeit.« Sie und Musk wollten aber weitere gemeinsame Kinder, »mindestens drei oder vier«.

Tippfehler des Tages, inzwischen korrigiert: »Immer wieder regierten dabei auch Politiker ins Visier der Coronagegner.«

Cartoon des Tages: Was für eine Erleichterung!

Foto:

Chappatte

Und am Wochenende?

Die Band Rammstein hat das Video zu ihrer neuen Single »Zeit« veröffentlicht; hier finden Sie den Clip auf YouTube . Mir ist die Musik der Band leider vollkommen gleichgültig, aber visuell sind Rammstein immer ein Ereignis, ob live auf der Bühne oder in ihren Videos. Gedreht wurde der Clip vom Schauspieler Robert Gwisdek, der unter dem Namen Käptn Peng übrigens deutlich interessantere Musik macht als Rammstein, aber das nur nebenbei.

Rammstein sind in Russland sehr beliebt. Gleichwohl hat sich die Band auf ihrer Website  klar gegen Russlands Angriffskrieg und für die Ukraine positioniert. Insofern lässt sich auch das neue Video als Statement zur Lage interpretieren.

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Mein Kollege Andreas Borcholte beschreibt es so: »Zu Beginn sieht man die Bandmitglieder ertrinkend unter Wasser, während sich eine Wasserpflanze oder ein Seil durchs trübe Meeresgrün an ihnen vorbei zum Licht rankt. Der Film läuft rückwärts; bald sind die Musiker Insassen eines Rettungsboots, das in stürmischer See kentert, konfrontiert mit einer aufragenden Gestalt im langen schwarzen Gewand, deren Gesicht unter einer Kapuze hell irrlichtert: Gevatter Tod. Die Szenerie, immer noch rückwärts laufend, wechselt zu Soldaten und Partisanen in einem Wald, die sich ein Gefecht liefern, die Farben sind getönt und erdig, die Uniformen erinnern an den Zweiten Weltkrieg, an Scharmützel im U-Bootkrieg oder in Osteuropa. Mit dem Krieg in der Ukraine vor Augen kann man sich kaum zeitgeistigere Bilder aus der Popkultur vorstellen.« (Lesen Sie hier die ganze Rezension.)

Ich freue mich, dass ich Sie durch diese Woche begleiten konnte. Schreiben Sie mir gerne, wenn Ihnen etwas aufgefallen ist  oder folgen Sie mir auf Twitter . Am Montag begrüßt Sie hier mein Kollege Oliver Trenkamp.

Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende. Herzlich
Alexander Neubacher

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