Oliver Trenkamp

Die Lage am Abend Smooth & Political – Wie Laschet die Gravitation austrickst

Oliver Trenkamp
Von Oliver Trenkamp, Blattmacher in der Chefredaktion

Guten Abend, die drei Fragezeichen heute:

  1. Laschet – Gibt es Umstupspläne in der Union?

  2. Corona – Vorfahrt für Geimpfte im Krankenhaus?

  3. Neuer Bond – Im 007. Himmel?

1. Umstupspläne in der Union?

Haben sie sich also doch noch sortiert bei der Union: Am Sonntagabend wollen sie mit der FDP sprechen, am Dienstag mit den Grünen. Aber selbst die Terminfindung verlief offenkundig ungeordnet. »Die Angelegenheit passt ins Bild, das die Union aktuell abgibt: unabgestimmt, chaotisch, planlos«, findet mein Kollege Kevin Hagen aus unserem Hauptstadtbüro . Wie paralysiert wirkt die bislang staatstragende Partei, noch immer geschockt von der historischen Wahlpleite – und geradezu baff von der Chuzpe ihres Vorsitzenden Armin Laschet.

Der versucht ein Kunststück, das auf offener Bühne bislang nur Michael Jackson gelang – die Gravitation zu besiegen. Selbst Laschets Gegner und Möchtegern-Nachfolger in der CDU halten einigermaßen still. Noch will sich niemand vorwerfen lassen, den glücklosen Kanzlerkandidaten gestürzt zu haben – wobei wohl nur noch ein Stups nötig wäre. (Welche fünf Faktoren dafür entscheidend waren, dass er bislang damit durchkam, berichten meine Kollegen Florian Gathmann, Christoph Hickmann und Veit Medick hier .)

Michael Jackson war ein extrem gut trainierter Profitänzer – und musste trotzdem mit Tricks arbeiten: Er trug Spezialschuhe, mit denen er sich auf dem Boden festklinken konnte (hier mehr dazu ). Laschet ist ein erfahrener Profipolitiker, der weiß, dass seine Partei sich an die Macht klammert. Sein Trick: Mit der Resthoffnung auf Jamaika hat er sich die CDU zur Gefangenen gemacht. Niemand will die Schuld dafür übernehmen müssen, eine vielleicht doch noch mögliche Regierungsbeteiligung verhindert zu haben. »Jamaika heißt für die Union: eine Chance auf Einfluss, Ämter, Posten«, sagt Kevin. »Da geht jetzt die Angst um, das wollen die meisten jetzt nicht gefährden.« Solange es diese Hoffnung gibt, bleibt Laschet einfach stehen und behauptet: Wanna Be Startin’ Somethin’.

2. »Das Virus kriegt jeden«

Ein kurzer Blick auf die Zahl, die darüber entscheidet, wann die Pandemie nicht nur ihren Schrecken verliert (das scheint sie bei vielen ja bereits zu haben), sondern auch wirklich unter Kontrolle ist – ein kurzer Blick also auf die Impfquote: Vollständig geimpft sind drei Viertel der Erwachsenen und ein gutes Drittel der Kinder zwischen 12 und 17 Jahren, wie das Robert Koch-Institut mitteilt. Zu wenig, so Christian Drosten im NDR-Podcast: »Die Zahlen sehen übel aus.«

Wie aber lässt sich die Impfquote noch steigern – mit Anreizen oder mit harten Strafen? Darüber hat meine Kollegin Viola Kiel aus unserem Wissenschaftsressort mit der Virologin Melanie Brinkmann und dem Verhaltensökonomen Marcus Schreiber gesprochen . Der aus meiner Sicht interessanteste Gedanke: Statt den Leuten nur ein »Impfangebot« zu machen, hätte man jeder und jedem einfach einen Impftermin zuschicken sollen, mit festem Ort und Datum. »Wir sind eine ziemlich konformistische Gesellschaft«, sagt Schreiber. »Wenn jemand eine Einladung von einer offiziellen Behörde oder einer Krankenkasse hat, erfordert es einen emotionalen Entscheidungsaufwand zu sagen: Nee, da gehe ich nicht hin.« Ich habe zwar meine Zweifel, ob meine Heimatstadt Berlin das hinbekommen hätte, aber einen Versuch wäre es wert.

Drastisch erscheint mir der Vorschlag, ab dem 1. Dezember eine klare Triage-Regelung einzuführen: »Wenn die Krankenhäuser voll sind, gibt es Vorfahrt für Geimpfte«, sagt Schreiber. »Das wäre eine Keule, mit der viele Zögerer wohl zu einer Entscheidung gezwungen werden könnten.« Brinkmann glaubt, dass vielen Ungeimpften noch nicht klar ist: »Es gibt für sie nur zwei Optionen, Infektion oder Impfung. Eine dritte Option gibt es nicht – das Virus kriegt jeden.«

Auch über eine Impfprämie hat Viola mit den beiden gesprochen – und war erstaunt, wie wichtig die Psychologie für die Wirkung von Anreizen ist. »Eine Prämie kann sowohl als Signal der Wertschätzung empfunden werden, aber auch als Bestechungsversuch. Und zu niedrig darf sie nicht sein.«

3. Im 007. Himmel?

Seit Tagen blickt er einem streng von allen möglichen Werbeplätzen entgegen, aber erst heute ist der neue Bond in den Kinos angelaufen. Seinem Start im Weg stand nicht Blofeld, sondern Corona, deshalb die Verspätung von fast zwei Jahren. Daniel Craig soll in seinem letzten Einsatz als Doppel-Null-Agent für die Filmbranche mindestens das leisten , was Olaf Scholz für die SPD geschafft hat.

Sowohl der von Craig verkörperte Bond als auch die Zuschauer müssen auf Erlösung hoffen. Denn der »früher mal coolste aller Geheimagenten hat schon wieder schlimmes Herzeleid«, wie mein Kollege Wolfgang Höbel schreibt. Die Vermenschlichung des Helden Bond werde zu neuen Exzessen getrieben, der Film führe ihn »als gefühlszermürbten Weichling vor«. Es gebe dann aber »doch bloß rasanten Actionkrawall, handwerklich glorios, aber auch ein bisschen routiniert«. Wolfgang findet leider: »ein Dokument der Konfusion – und ein echtes Kinodesaster«. Zwei Stunden und 43 Minuten, die sich keine Minute kürzer anfühlen. (Hier die ganze Rezension.)

Zum ersten Mal beschäftigt sich der SPIEGEL mit James Bond im Jahr 1963, damals nur als kleine Notiz zum Erfinder Ian Fleming auf der Personalien-Seite. Über den britischen Thrillerautor heißt es: Er »lokalisierte vor Freunden den literarischen Standort seiner Bücher irgendwo zwischen der Magengegend und dem Oberschenkel«. Ausführlich vorgestellt wird Bond den Leserinnen und Lesern erst ein Jahr später, 1964. Da kann auch der SPIEGEL den Erfolg der Reihe nicht mehr ignorieren: »Die Gesamtauflage von Flemings Bond-Büchern entspricht der Gesamtauflage aller Werke Balzacs oder aller Bücher Hemingways.« Unter dem Text steht als Anmerkung: »In Deutschland bisher in mangelhafter Übersetzung erschienen: ›Casino Royale‹, 176 Seiten; ›Diamantenfieber‹, 188 Seiten; ›Leben und sterben lassen‹, 176 Seiten. Alle im Verlag Ullstein, Frankfurt; je 2,40 Mark.« Im Kino spielt Sean Connery in »Liebesgrüße aus Moskau« den Agenten bereits zum zweiten Mal.

Über den Bond der Sechziger sagt Cary Fukunaga, der Regisseur des aktuellen Films »Keine Zeit zu sterben«, die Figur sei »im Grunde ein Vergewaltiger«. Über den künftigen Bond, also den Craig-Nachfolger, sagt er nicht viel – außer, dass es einen geben wird: »James Bond will return.« Leben und niemals sterben lassen. (Wer für die Rolle infrage kommt, lesen Sie hier.)

(Sie möchten die »Lage am Abend« per Mail bequem in Ihren Posteingang bekommen? Hier bestellen Sie das tägliche Briefing als Newsletter.)

Podcast Cover
__proto_kicker__
__proto_headline__

Was heute sonst noch wichtig ist

Meine Lieblingsgeschichte heute: 96-Jährige auf der Flucht

Vor Wochen wurde noch über ihre Verhandlungsfähigkeit diskutiert: Heute ist Irmgard Furchner, 96, frühere Sekretärin im Konzentrationslager Stutthof, Angeklagte wegen Beihilfe zum heimtückischen und grausamen Mord in 11.412 Fällen und wegen Beihilfe zum versuchten Mord in 18 weiteren Fällen, vor dem Prozessbeginn geflohen . Sie soll in aller Frühe ihr Seniorenheim in Quickborn-Heide verlassen haben und mit dem Taxi zur U-Bahn-Station Norderstedt-Mitte gefahren sein.

Zuvor hatte sie in einem Brief mitgeteilt, sie wolle nicht vor Gericht erscheinen. Sie fürchte Hohn und Spott und bitte den Richter, ihr die Peinlichkeit zu ersparen, in die Öffentlichkeit gezerrt zu werden. Da scherzten die Anwälte der Nebenklägerinnen und Nebenkläger noch: Bei einer Frau wie Irmgard Furchner scheine »alles drin« zu sein. Als sich der Vorsitzende Richter dann heute um 10.16 Uhr ohne Robe auf die Richterbank setzt und den Knopf seines Mikrofons drückt, ist es still im Saal. »Die Angeklagte ist flüchtig, die Kammer hat Haftbefehl erlassen«, sagt er.

»In einem Strafprozess ist die Anwesenheit einer Angeklagten unerlässlich«, berichtet meine Kollegin Julia Jüttner. »Und so fahndete die Polizei am Vormittag nach einer Rentnerin, die sich wahlweise mit Stock oder Rollator fortbewegt, um sie in den Gerichtssaal nach Itzehoe zu bringen.« Am frühen Nachmittag fassen sie die Flüchtige. »Ihr eigenwilliges Verschwinden beschert Imrgard Furchner nun genau die Aufmerksamkeit, die sie angeblich vermeiden wollte«, so Julia.

Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen

Was heute weniger wichtig ist

Foto: Rich Graessle/ dpa

Tippfehler des Tages, inzwischen korrigiert: »Und die neuen lustigen Politikformate der Privaten sowieso – selbst wenn die an den Einschaltqueten gemessen gar nicht so gut laufen.«

Cartoon des Tages: Und jetzt, die Zahlen aus Berlin

Foto:

Thomas Plaßmann

Und heute Abend?

Könnten Sie, trotz allem, den neuen Bond gucken. Oder einen Martini trinken, Sie wissen schon.

Einen schönen Abend. Herzlich
Ihr Oliver Trenkamp

Hier können Sie die »Lage am Abend« per Mail bestellen.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.

Abonnieren bei

Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es zu einem späteren Zeitpunkt erneut.