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Oliver Trenkamp

Die Lage am Abend Die Maß aller Dinge

Die drei Fragezeichen heute:

  1. Maßloses Bayern – warum ist das Land im ewigen Ausnahmezustand so erfolgreich?

  2. Abschreckendes Deutschland – wieso hauen viele zugewanderte Fachkräfte wieder ab?

  3. Moderner Fußball – wie hart sollen Kinder trainieren?

1. Freistaat im Ausnahmezustand

Der »Postillon« hat den vielleicht besten Witz zur Aiwanger-Affäre gemacht diese Woche: »Nach Umfrageplus für Freie Wähler – Söder erklärt, als Schüler ebenfalls mit Nazi-Flugblatt erwischt worden zu sein.« So viel Dreistigkeit, das könnte nur Söder. Und damit durchkommen, das ginge nur in Bayern. Jenem Land, wo alles etwas größer ist als anderswo: die Biergläser, die Berge und eben auch die Egos. Dem Land im ewigen Ausnahmezustand widmen wir unsere aktuelle Titelgeschichte .

Ein Team um meine Kollegen Jan Friedmann und Guido Mingels reiste für die Recherche in diesem Sommer durch Bayern, besuchte Schloss Neuschwanstein, ein Kloster und eine Chemiefabrik, sprach mit Historikern, Künstlern und Pädagogen.

Bayern hat demnach:

  • den höchsten Berg,

  • die meisten Touristen,

  • das weltgrößte Volksfest,

  • den größten Zuzug,

  • die besten Schülerinnen und Schüler,

  • die meisten Dax-Konzerne,

  • die höchsten Einzahlungen in den Länder-Finanzausgleich,

  • die bestbezahlten Fußballer,

  • die höchsten Mieten

  • und maßlose Ansprüche: in allem Spitzenreiter zu sein.

»Bayern ist Deutschland im Übermaß«, sagt Guido. »Doch wer ganz oben ist, fürchtet sich umso mehr vor dem Abstieg.« Diese Abstiegsangst befeuert auch die Polarisierung in der Gesellschaft, heißt es in der Titelgeschichte: »Sie schafft Raum für populistische Töne.« Wie eben die von Aiwanger. 

Gut, dass es in solch unübersichtlichen Zeiten noch einen Platz gibt, von dem aus sich die Dinge in Ruhe steuern lassen: den Führerstand der legendären Modelleisenbahn von Horst Seehofer. Der Ex-Ministerpräsident und CSU-Ehrenvorsitzende präsentierte sie Jan und meiner Kollegin Anna Clauß nach einem gemeinsamen Interview mit Tochter Susanne Seehofer . Die 32-Jährige tritt bei der Landtagswahl an – für die FDP.

2. Denk ich an Deutschland …

Deutschland braucht Fachkräfte aus dem Ausland, dringend. Das Pro­blem: Jedes Jahr kehren mehr als eine Million Menschen Deutschland den Rücken, weil sie mit dem Leben in Hamburg, Mönchengladbach oder Leipzig hadern. Meine Kollegin Cornelia Schmergal ging mit einem Team der Frage nach , was internationale Fachkräfte abschreckt.

»Die Bundesrepublik, so viel ist gewiss, ist kein Traumland für internationale Fachkräfte und Hochqualifizierte«, berichten sie. »Wenn sie die Wahl haben, machen sie um Deutschland einen Bogen. Weil sie die Mundart nicht verstehen. Weil das Warten auf ein Visum sie verschreckt. Weil die Miete in deutschen Metropolen hoch und der Empfang durch die neuen Nachbarn kühl sein könnte.«

Meine Kollegin Verena Töpper spürte Rückkehrer aus Mexiko, Kenia oder den Phi­lippinen auf . Sie berichten von geringer Wertschätzung im Job und Beamtinnen, die beharrlich nur Deutsch reden. »Es wäre ein Schritt zu einer echten Willkommenskultur, wenn auf mehr Ämtern Englisch gesprochen würde«, sagt Conny.

3. Torschusspanik

Ein Kinderfußballturnier im Hamburger Sommer, eine 4:1-Niederlage für die Gastgeber. Ein Siebenjähriger läuft vom Platz, auf seinen Vater zu, der Stolz treibt ihn an: »Papa, ich hab’ das einzige Tor von uns geschossen.« Der Vater herrscht ihn an: »Verloren hast du trotzdem!« Der Fußballplatz, ein Ort des Grauens.

Nun arbeitet ausgerechnet der DFB daran, das Grauen etwas zurückzudrängen, weniger bei den Eltern, aber in die eigenen Strukturen: keine Tabelle, weniger Leistungsdruck, weniger Kopfbälle, mehr Tore, mehr Tempo, mehr Spiele, mehr Spaß – das sieht das neue Jugendkonzept vor. Und prompt bricht der Streit los. Auf der einen Seite die, die den Sport wieder attraktiver machen wollen. Denn der DFB muss fürchten, ihm könnte der Nachwuchs ausgehen; Jahr für Jahr schrumpft die Zahl der Juniormannschaften. Auf der anderen Seite Männer wie der Fußballboss Hans-Joachim Watzke, Chef des BVB, Vizepräsident des DFB und Aufsichtschef der Liga, denen das alles nicht passt: »Demnächst spielen wir auch nur noch mit viereckigem Ball, damit er den Kindern nicht so schnell wegrollen kann«, wettert er. Man kennt diese Art Wut-Funktionäre: Überall soll das Leistungsprinzip gelten, nur nicht beim eigenen Argument.

Mein Kollege Peter Ahrens findet es instinktlos von Watzke, das Konzept schlechtzureden. »Zudem hat er damit ein Bild von Kindheit gemalt, bei dem es einem eher gruselt«, sagt Peter. »Sechs- oder Achtjährige sollen das Verlieren lernen – da sei Watzke mal beruhigt: Das lernen sie im Leben täglich auch so 

Eigentlich ist der DFB nicht als Innovationstreiber bekannt, berichtet mein Kollege Henrik Bahlmann, selbst Torwart im Nebenberuf. »Warum also lehnt sich der Verband ausgerechnet bei der Jugendarbeit aus dem Fenster?« Die Antwort: »Tut er gar nicht.« In England, Frankreich, Spanien machen sie es beim Kinderfußball Henrik zufolge längst ähnlich. Alles richtig, nur müssen die Eltern eben mitmachen, sonst heißt es für den Fußball insgesamt: Verloren hast du trotzdem.

Nachrichten und Hintergründe zum Krieg in der Ukraine:

  • 17 Festnahmen in Kuba – Verdacht auf Menschenhandel für Ukrainekrieg: Das Netzwerk soll illegal Kubaner für den Krieg in der Ukraine angeworben haben: Ermittler in Havanna haben nach eigenen Angaben einen russischen Schleuserring ausgehoben. Den Festgenommen drohen lange Gefängnisstrafen.

  • Elon Musk ließ Starlink offenbar aus Angst vor russischem Atomschlag kappen: Mit Sprengladungen versehene Drohnen sollten im vergangenen Jahr die russische Krim-Flotte treffen. Elon Musk befürchtete laut seinem Biografen eine Eskalation – und traf eine für die Ukrainer harte Entscheidung.

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Podcast Cover

Was heute sonst noch wichtig ist

  • Bundestag beschließt Heizungsgesetz: Das Gebäudeenergiegesetz hat eine große Hürde genommen: Der Bundestag hat das umstrittene Vorhaben mit klarer Mehrheit verabschiedet.

  • Zugausfälle nach Bränden – Ermittler gehen von politischem Motiv aus: Nach Bränden an der Bahn-Infrastruktur in Hamburg ist die Strecke Berlin–Hamburg gesperrt worden. Die Polizei geht von Brandstiftung mit einem politischen Motiv aus. Erst am Samstag sollen Züge wieder wie gewohnt rollen.

  • Türkischer Kryptobörsen-Chef zu 11.196 Jahren Gefängnis verurteilt: Mit Kryptowährungen lässt sich eine Menge Geld verdienen – vor allem wenn man alle Möglichkeiten hat, um kräftig zu manipulieren. Auf diese Weise versuchten es auch die Özer-Brüder – jetzt bekamen sie die Quittung.

Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen

  • BND-Mitarbeiter sollen Kollegin betäubt und vergewaltigt haben: Nach dem Sommerfest in der BND-Außenstelle Bad Aibling gibt es laut SPIEGEL-Informationen einen drastischen Vorwurf sexueller Gewalt. Nun ist die Staatsanwaltschaft mit dem Fall befasst.

  • Bekommen unter 50-Jährige wirklich häufiger Krebs? Fast 80 Prozent mehr Diagnosen als noch 1990: Laut einer aktuellen Untersuchung entdecken Ärzte bei jüngeren Menschen immer häufiger Krebs, vor allem in der Brust. Klingt dramatisch, lässt sich aber erklären.

  • Das verschwundene Meer: Der Kachowka-Stausee war viermal so groß wie der Bodensee. Im Juni ist er leergelaufen. Wie leben die Menschen an seinen Ufern? Eine Reise entlang dem Dnjepr. 

  • Wenn @Plettigoal angeln geht: Er ist einer der einflussreichsten und umstrittensten Sportreporter Deutschlands. Florian Plettenberg sammelt und teilt Infos über Spielerwechsel. Ist er noch Beobachter oder schon Influencer? Ein Tag im Newsrausch. 

Was heute weniger wichtig ist

Begehrte Stabsstelle: Der britische Schauspieler Ian McKellen, 84, ist nach eigenen Worten nicht die erste Wahl für die Rolle des Zauberers Gandalf in der »Herr der Ringe«-Trilogie gewesen, den die Elben bekanntlich Mithrandir nennen und der einst in Valinor noch Olórin hieß. Dem US-Branchenblatt »Variety« sagte er jetzt, etliche Schauspieler hätten abgelehnt, Anthony Hopkins etwa – »jetzt kommen sie alle aus der Deckung und ich hoffe, sie kommen sich blöd vor.«

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Beschriftung einer Weißwurstverpackung von Edeka

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Cartoon des Tages

Entdecken Sie hier noch mehr Cartoons.

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Und am Wochenende?

Könnten Sie Musik hören in der Sonne. Vielleicht das Soloalbum von Romy Madley Croft, der Sängerin der Band The xx, das heute erschienen ist. »Früher kannte man sie als Autorin zarter Elektro-Balladen«, schreibt mein Kollege Andreas Borcholte . Mit »Mid Air« feiere sie nun »jedoch den Eurodance-Sound ihrer Jugend – und die Liebe zu ihrer Ehefrau«.

Und am Sonntag könnten Sie das Finale der Basketball-WM gucken und den Liveticker auf SPIEGEL.de verfolgen. Erstmals ist das deutsche Team im Endspiel dabei, es tritt gegen Serbien an. Gott sei Dunk.

Ich wünsche Ihnen ein erholsames Wochenende. Herzlich

Ihr Oliver Trenkamp, Blattmacher in der Chefredaktion

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