Die Lage am Abend Die Binnen-I-Perspektive der Sternchendeuter

Von Elke Schmitter, Autorin im Kulturressort

Guten Abend, die drei Fragezeichen heute:

  1. Strafen für Belarus – Geht da was, EU?

  2. Verbote für Gendersprache – Was geht, Parteien?

  3. Coronaschutz für junge Impflinge – Geht es voran?

1. Die Wut des Diktators

Leider ist das Kapitel »Größenwahnsinnige Diktatoren richten ein Land zugrunde« eines der dickeren der Weltgeschichte. (Man könnte diesen Satz gendern, muss es allerdings nicht, aber dazu kommen wir noch.) Alexander Lukaschenko herrscht in Belarus seit bald 27 Jahren, seit dem vergangenen Sommer protestieren die Menschen offen und in großer Zahl. Begonnen hat auch diese Bürgerrechtsbewegung, wie so viele (ich denke an den Taksim-Platz in Istanbul, an den Tahir-Platz in Kairo, an den Victoria Park in Hongkong), friedlich und fantasievoll, begegnet wurde ihr (wie in der Türkei, in Ägypten, in Hongkong) so einfallslos wie üblich: mit Gewalt.

Inzwischen sind Tausende belarussische Bürger in den Gefängnissen verschwunden. Lukaschenko lässt mit seinem Sicherheitsapparat die Menschen verfolgen und unterdrücken, foltern und töten. Nun hat das Kidnapping des 26-jährigen Bloggers Roman Protasewitsch und seiner Freundin die Diktatur Lukaschenkos auf die diplomatische Tagesordnung der EU geholt. Und die alte Frage stellt sich wieder neu: Was taugen Sanktionen, wie kann ein militärisches Regime friedlich unter Druck gesetzt werden?

»In diesem Fall«, sagt mein Kollege Markus Becker in Brüssel, »ist das, wie so oft, schwierig. Die EU hat bereits Sanktionen gegen 88 Personen und sieben Organisationen in Belarus verhängt, ohne dass Lukaschenko davon bisher erkennbar beeindruckt wäre. Ob sich das ändert, wenn sein Land nun vom Luftverkehr mit der EU abgeschnitten wird, darf man getrost bezweifeln – denn sein wichtigster Verbündeter sitzt in Moskau, und die russische Regierung unterstützt ihn auch jetzt wieder.« Ein Unterkapitel der Weltgeschichte: Fast jeder kleine Diktator hat einen großen an seiner Seite.

2. Der Zorn der Sprachwächter

Sind so kleine Menschen, sind so große Fragen: Trägt die gendergerechte Sprache zur Entzweiung bei oder sorgt sie für mehr Gerechtigkeit wenigstens in der Repräsentation? Das Interview meines Kollegen Kevin Hagen mit dem Hamburger CDU-Chef Ploß sorgt für Reaktionen. Ploß schlägt sich hier auf die Seite des Universalismus; er kritisiert unter anderem, dass die »künstliche und ideologisch motivierte Gendersprache ständig das Trennende betont« .

Buchstäblich hat er recht, das sogenannte generische Maskulinum ist geschlechtsneutral. Dennoch stellt sich bei dem Satz »100 Polizisten stürmten das Hamburger Rathaus« kaum jemand 99 Polizistinnen und einen Polizisten vor, was aber – grammatisch – möglich wäre.

Ploß möchte die Gendersprache für Behörden verbieten. Sahra Wagenknecht, Spitzenkandidatin der Linken in Nordrhein-Westfalen, springt ihm bei – womit sie wohl nicht für ihre Partei spricht. Für Wagenknecht ist ja bekanntermaßen Identitätspolitik insgesamt des Teufels, und als Links-Linke ist sie schon aus Traditionsgründen universalistisch (»Proletarier aller Länder...«).

Die SPD-Chefin Saskia Esken wiederum will nur eine Vorgabe machen: dass keine gemacht werde. »Die CDU sollte sich in Gelassenheit üben, anstatt reflexartig Verbote zu fordern, weil sie vom gesellschaftlichen Wandel überfordert ist.« Eigentlich eher eine gesellschaftspolitisch liberale Position. Das Thema mischt die Lager auf und wird uns womöglich durch lange Sommerloch-Wochen tragen.

3. Die Angst der Eltern

Zuerst die Einschränkung: »Alle diese Daten«, sagt meine Kollegin Heike Le Ker, »sind vom Unternehmen.« Also nicht aus der unabhängigen Forschung, frage ich nach, und schon kräuselt sich meine Stirn in antikapitalistischem Misstrauen. »Wir haben bisher die Erfahrung gemacht«, beschwichtigt sie mich, »dass die großen Impfhersteller in ihren Angaben sehr zuverlässig sind. Die Firmen sind natürlich gut beraten, ihre Zahlen nicht zu beschönigen, denn spätestens nach der Prüfung durch unabhängige Forscher würden ihnen diese vor die Füße fallen. Jede Art von Verunsicherung – ich sage nur: AstraZeneca – schadet ihnen schließlich erheblich.«

Die frischeste Zahl von der Coronabörse besagt: Der Impfstoff von Moderna schützt Menschen zwischen 12 und 17 Jahren zu erleichternden 100 Prozent; getestet wurde mit 3732 Jugendlichen. Die Zulassung in Europa und den USA erwartet das Unternehmen noch für den Juni. Und ich teile gern die Zuversicht meiner Kollegin – auch, weil sie Medizinerin ist. Wissenschaft, erst recht mit menschlichem Antlitz, beruhigt mich immer enorm.

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Podcast Cover
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Was heute sonst noch wichtig ist

  • Wie Frontex den Pushback-Skandal vertuschen will: Interne Dokumente zeigen: Die eigene Menschenrechtsbeauftragte sprach von »soliden Beweisen« von Pushbacks in der Ägäis. Für Frontex-Direktor Fabrice Leggeri wird es nun eng, er muss sich wohl vor Gericht verantworten .

  • Persönliches Treffen zwischen Biden und Putin am 16. Juni: Das Treffen hatte sich bereits angedeutet, nun ist es offiziell: US-Präsident Joe Biden wird bereits in Kürze mit seinem russischen Amtskollegen Wladimir Putin zusammenkommen. Das Gespräch soll in der Schweiz stattfinden.

  • Habeck für Waffenlieferungen an die Ukraine – Mützenich widerspricht: Grüne und SPD streiten über Rüstungsexporte: Grünenchef Habeck spricht sich dafür aus, Defensivwaffen an die Ukraine zu liefern. SPD-Fraktionschef Mützenich nennt das »kontraproduktiv und gefährlich«.

  • Altmaier bringt Lockerung bei Homeoffice-Pflicht ins Spiel: Bundesweit geht die Zahl der Corona-Neuinfektionen zurück. Wirtschaftsvertreter fordern bereits Lockerungen, Minister Altmaier will »Schritt für Schritt« Vorschriften beim Homeoffice aufheben.

Meine Lieblingsgeschichte heute: Die Stimme der Generation Gastarbeiter

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Frederike Wetzels

Mitte der Siebzigerjahre sprach in Deutschland noch niemand von »Weltmusik«. Schade, mit so einem coolen Label wäre die Karriere von Ata Canani vielleicht nicht um Jahrzehnte verzögert worden. Mein Kollege Andreas Borcholte hat eine melancholisch-berührende Geschichte über diesen türkischen Musiker geschrieben – der in der Bundesrepublik sein Geld erst als Fernsehmechaniker, dann als Getränkehändler verdiente. »Unter den virtuosen, treibenden Klängen seiner Saz groovt ein tanzbarer Rocksound«, beschreibt Andreas die Musik Cananis. Und: »Seine Texte besitzen diese großherzige, alles umarmende Naivität, aus der Pophits gemacht sind.«  Canani will auf Tournee gehen, sobald es geht. Nach diesem Text, nehme ich an, besorgen Sie sich ein Ticket.

Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen

  • Was von »Black Lives Matter« übrig blieb: Vor einem Jahr wurde der Schwarze George Floyd in Minneapolis von einem weißen Polizisten ermordet. Millionen protestierten und forderten Reformen. Doch jetzt droht die Bewegung zu versanden. Warum ?

  • »Die schiere Größe mag den einen oder anderen beunruhigen«: Der Immobilienkonzern Vonovia will im dritten Anlauf seinen Rivalen Deutsche Wohnen schlucken. Hier erläutern die Chefs der beiden Unternehmen die Hintergründe des Milliardendeals – und die Folgen für die Mieter .

  • »Mit ihm kann man zurückreisen in die gute Zeit«: Hansi Flick wird als Bundestrainer einiges anders machen als Joachim Löw. Davon ist sein Biograf überzeugt. Ein Gespräch über Flicks Rolle beim WM-Titel, seine Scheu in der Öffentlichkeit und Bartwuchs als Abwehrreaktion .

Was heute nicht so wichtig ist

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Wolfgang Langenstrassen/ dpa

  • Sorgerechthaberei: Vollkommen überraschend hat der Sänger Seal, 58, einem US-Magazin zu Protokoll gegeben, dass seine geschiedene Frau Heidi Klum, 47, und er nie »Teamwork« betrieben hätten, auch nicht als Eltern der vier gemeinsamen Kinder. Ich hatte immer angenommen, dass Klum eine extrem sensible, empathische und kompromissfreundliche Person ist, die sich selbst nicht überschätzt und auf die Weisheit des Teams vertraut. Woran man wieder mal sehen kann, wie weit das öffentliche Bild eines Menschen und sein tatsächlicher Charakter auseinanderklaffen können. Gut, dass man sich nach der Trennung wenigstens über die Medien verständigen kann, auch für die Kinder!

Tippfehler des Tages, inzwischen korrigiert: »Einen anderen Grund für die Festnahme könne er sich nicht feststellen.«

Cartoon des Tages: Dialog zwischen Freunden...

Foto: Klaus Stuttmann

Und heute Abend?

Mulmig ist mir, wenn ich an China denke. Gute schlechte Gründe liefert die Weltpolitik zu Wasser, zu Lande und sicher auch in der Luft, und dabei müssen einem nicht einmal die Viren in den Sinn kommen. Im morastigen Gelände hilft verlässlich die Ironie, eine Art Maulwurfshügel der persönlichen Betrachtung. Ich lese also den neuen Roman des Autors und Sinologen Tilman Spengler, »Made in China«, erschienen im kleinen, sehr feinen Berliner Transit-Verlag. Die Geschichte führt zurück in die Zeit der Kulturrevolution und beginnt mit dem spröd-schönen Satz: »Leo Zwirn ist übrigens nicht aus freien Stücken nach Xi'an unterwegs.« Der junge Akademiker aus Russland soll die chinesischen Genossen beim Aufbau eines Museums unterstützen; er findet sich in einer Situation wieder, die er auch aus dem benachbarten sogenannten kommunistischen Weltreich kennt: Die Bürokratie macht nicht nur mürbe (wie ja gelegentlich auch in der kapitalistischen Sphäre), sondern auch Angst. Doch auch bei diesem Gefühl trösten sprachliche Eleganz und Ironie, und eben darauf kann man sich bei diesem Autor verlassen.

Einen schönen Abend wünscht Ihnen
Elke Schmitter

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