Laura Backes

Die Lage am Abend Corona ist fast vorbei, ist es nicht?

Laura Backes
Von Laura Backes, stellvertretende Kultur-Ressortleiterin
Von Laura Backes, stellvertretende Kultur-Ressortleiterin

Guten Abend, die drei Fragezeichen heute:

  1. Sommer 2021 – Warum können die Brit:innen ihren Urlaub planen?

  2. Wohnungsmarkt – Warum ist alles immer noch so teuer?

  3. Presserat – Warum gibt es dieses Jahr so viele Beschwerden?

1. Ab in den Süden!

Gestern hielt der britische Premier Boris Johnson eine Rede vor dem Parlament, in der er einen Fahrplan für »einen Weg in die Freiheit« vorstellte. Im März sollen die Schulen öffnen, im April die Pubs und Restaurant, im Mai die Kinos, Ende Juni soll alles wieder normal sein, wie vor Corona. Warum? Johnson rechnet damit, dass bis dahin genügend Leute geimpft sind. Rund ein Viertel der Bevölkerung hat bereits jetzt eine erste Dosis der Impfung erhalten.

Und wie reagieren die Brit:innen auf Johnsons Ankündigung? Sie machen Urlaubspläne. Der weltweit größte Reiseveranstalter TUI zählte über Nacht einen Buchungsanstieg von 500 Prozent. Bei Easyjet stiegen die Flugbuchungen im Vergleich zur Vorwoche um mehr als 300 Prozent, die Urlaubsbuchungen sogar um 600 Prozent. Besonders beliebt: Strandziele in Südeuropa wie Malaga, Alicante und Palma in Spanien, Faro in Portugal und Kreta in Griechenland.

Da würden Sie dieses Jahr auch gern Ihren Urlaub verbringen? Planen Sie lieber mal für 2022. In Deutschland sind bislang gerade mal vier Prozent mindestens einmal geimpft. Und Angela Merkel sagte heute in einer Onlinesitzung der Unionsbundestagsfraktion: Die Tatsache, dass es eine dritte Corona-Welle gebe, könne nicht wegdefiniert werden. Man müsse mit der Mutation leben.

2. Die Zukunft des Wohnens

Texte über Wohnen – Mieten, Kaufen, Bauen – interessieren Sie, liebe Leserinnen und Leser, in der Regel brennend. Wer nicht so viel Geld hat, will herausfinden, ob der Wohnungsmarkt sich irgendwann entspannt. Wer ziemlich viel Geld und davon etwas übrig hat, will wissen, ob sich die Investition in die Zweitwohnung als Wertanlage noch rentiert.

Insofern möchte ich Ihnen folgende Geschichte empfehlen: Viele glauben, dass das Thema Wohnen den Bundestagswahlkampf bestimmen könnte. Meine Kollegen Benjamin Bidder und Henning Jauernig aus unserem Wirtschaftsressort haben sich deshalb den deutschen Wohnungsmarkt angeschaut – und drei Probleme identifiziert :

  • Die Mieten sind zu hoch.

  • Es wird zu wenig gebaut.

  • Es wird nicht weitsichtig genug gebaut.

Gut und (nicht so) schön. Was mich persönlich daran am meisten interessiert: Habe ich als Teil eines doppelt verdienenden Akademikerhaushaltes eine realistische Chance, jemals eine Wohnung oder ein Haus in guter Lage zu kaufen, in Hamburg oder irgendeiner anderen größeren Stadt? Die Antwort von Henning ist eindeutig: »Das kann man sich abschminken, zumindest so lange man nicht erbt.«

Falls es Ihnen so geht wie mir, kann ich Ihnen nur raten: Bemühen Sie sich um ein gutes Verhältnis zu Ihrer Vermieterin oder Ihrem Vermieter.

3. Beschwerden über Corona-Berichterstattung

Wenn Sie sich über die Berichterstattung des SPIEGEL ärgern, dann können Sie einen Leserbrief schreiben – oder sich beim Presserat beschweren. Der Presserat wurde 1956 gegründet und ist eine Art freiwillige Selbstkontrolle der Presse, also von Zeitungen, Zeitschriften und Onlinemedien. Der Presserat kann eine Rüge aussprechen, das gerügte Medium sollte diese Kritik dann veröffentlichen. Weitere Konsequenzen kann der Presserat nicht ziehen, er ist nicht besonders mächtig.

Dennoch haben sich erboste Leserinnen und Leser im Jahre 2020 so häufig wie noch nie an den Presserat gewandt: 4085 Beschwerden gingen ein, fast doppelt so viele wie im Vorjahr (2175). Das Gremium hat dafür mehrere Erklärungen: Zum einen gab es sehr viele Meldungen zu einzelnen Artikeln, zum Beispiel zur polizeikritischen Kolumne von Hengameh Yaghoobifarah in der »tageszeitung« (in diesem Zuge kann ich Ihnen übrigens noch mal das Porträt meines Kollegen Xaver von Cranach über Yaghoobifarah empfehlen ). Zum anderen gab es viele Beschwerden zur Berichterstattung über die Corona-Pandemie. Der Sprecher des Presserats, Sascha Borowski, schrieb im Bericht: »In der pandemiebedingten Ausnahmesituation wünschten sich Leserinnen und Leser klare und verlässliche Fakten und wandten sich besonders häufig an den Presserat, wenn sie am Wahrheitsgehalt der Berichterstattung zweifelten.« Auch gegen den SPIEGEL gab es einige Beschwerden, in einem Fall wurde auch eine Rüge ausgesprochen.

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Was heute sonst noch wichtig ist

Meine Lieblingsgeschichte heute: Welchen Club wollen Sie hören?

Musk have

Musk have

Foto:

JOE SKIPPER / REUTERS

Vor ein paar Wochen schickte mir meine Schwester eine Nachricht: »Hast du eine Einladung für dieses Clubhouse?« Ich hatte keine Ahnung, wovon sie redete. Dann machte ich das Internet an – und verstand: Gefühlt alle redeten über diese App, so exklusiv, dass man dafür eine Einladung braucht. Eine App, in der Leute virtuelle Räume öffnen und dann: einfach reden. Klingt nicht so aufregend, wie es dann wurde – als ich endlich eine Einladung ergattert hatte.

Was die Faszination ausmacht, hat mein Kollege Philipp Oehmke beschrieben, er hat in den vergangenen Wochen sehr viel Zeit dort verbracht . Er war dabei, als Elon Musk den Chef des Finanzdienstleisters Robinhood über den Angriff der Hedgefonds auf die Videospielkette GameStop interviewte. Als der Fußballer Max Kruse mit jungen Frauen über sexuelle Vorlieben sprach. Als DJ Ötzi nachts um halb zwei in einem Raum mit 300 Menschen sein neues Liebeslied vorspielte.

Möglich, dass die Leute gerade einfach zu viel Zeit haben, dass sich das alles nach dem Shutdown erledigt hat. Philipp glaubt, dass Clubhouse zumindest ins kollektive Gedächtnis eingeht: »Es werden nicht die melancholischen Bücher sein oder die dämlichen Songs über Corona, an die man sich erinnern wird in 30 Jahren, wenn man an die Zeiten des Lockdown zurückdenkt«, schreibt er. »Sondern daran, wie wir 2021 für ein paar Monate hinweg wieder miteinander geredet haben, und hey, es war nicht so schlecht.«

Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen

  • »Ich möchte nicht, dass wir enden wie die USA«: Die einen jubeln ihr zu, die anderen verachten sie: Keine Linkenpolitikerin polarisiert so stark wie Sahra Wagenknecht. Hier spricht sie über Volksentscheide, Linke in Plattenbauten – und ihre eigene Rolle in der Politik. 

  • Die Hundertjährige, die sich impfen ließ, damit Corona verschwand: »Wir haben Corona überlebt«: In Hamburg ist das größte Altenheim der Stadt inzwischen durchgeimpft. Die Einrichtung gilt als Labor dafür, was der Gesellschaft im Großen noch bevorsteht. Wie hat sich der Alltag hier verändert? 

  • Wie Donald Trump dafür sorgte, dass die Hamburger Bank Melli ihren Telefonanschluss verlor: Hat die Deutsche Telekom einer Bank illegal den Service gekappt – in vorauseilendem Gehorsam für den damaligen US-Präsidenten? Das soll der Europäische Gerichtshof klären. Das Urteil könnte wegweisend sein. 

  • Sprung ins Leere: Oberstdorf hat sich für das Großereignis Nordische Weltmeisterschaft schön gemacht, Millionen wurden in die Sportstätten gesteckt. Doch nun dürfen keine Zuschauer kommen. Die Kosten bleiben. 

Was heute nicht so wichtig ist

Offene Kommunikation, verschränkte Arme?

Offene Kommunikation, verschränkte Arme?

Foto:

Rob DeMartin / AP

Tippfehler des Tages, inzwischen korrigiert: Doch immerhin im Team gilt Deutschland nach wie vor als klarer Gold-Kandidat – wenngleich auch Norwegen und Japan über mehrere starke Komibinierer verfügen.

Cartoon des Tages: Kirchenaustritte

Foto: Klaus Stuttmann

Und heute Abend?

Vielleicht ahnen Sie es: Verbringen Sie doch mal einen Abend bei Clubhouse (siehe oben). Wenn Sie noch keinen Zugang haben, fragen Sie in Ihrem Freundeskreis rum, irgendjemand hat sicherlich eine Einladung übrig. Wer sich da heute Abend zusammenfindet, kann ich Ihnen nicht sagen, aber irgendetwas wird schon passieren.

Ich bin mal zufällig in einen Kunst-Talk hineingeraten – und hab in einer Stunde mehr über zeitgenössische Kunst gelernt als in der gesamten Schulzeit. Wenn Sie kein iPhone haben (bisher funktioniert die App leider nur dort), dann lassen Sie sich stattdessen doch Philipps Text einfach vorlesen , es gibt diese Funktion im Text. Das ist dann auch ein bisschen so, als wären Sie dabei gewesen.

Einen schönen Abend. Herzlich
Ihre Laura Backes

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