Alexander Neubacher

Die Lage am Abend Scotland Yard jagt Boris J.

Alexander Neubacher
Von Alexander Neubacher, Kolumnist und Reporter
Von Alexander Neubacher, Kolumnist und Reporter

Guten Abend, die drei Fragezeichen heute:

  1. Lockdown-Partylöwe: Warum ermittelt die britische Polizei gegen den Premier?

  2. CDU-Mann auf AfD-Ticket: Crashprophet Otte for President?

  3. Mutierte Mutante: Wie gefährlich ist BA.2?

1. Die Tragik des Boris Johnson

Für Großbritanniens Premierminister Boris Johnson wird es offenbar eng. Jetzt ist ihm auch Scotland Yard wegen möglicher Verstöße gegen Coronavorschriften auf den Fersen. Die Polizei in London hat heute bestätigt, dass sie »zu einer Reihe von Veranstaltungen« im Amtssitz des Premiers und in anderen Regierungsgebäuden Ermittlungen aufgenommen hat. Johnson wird vorgeworfen, er habe immer mal wieder in nicht ganz so kleinem Kreis gefeiert, während das gesetzestreue Volk im Lockdown gewesen sei. Erst gestern berichtete der Fernsehsender ITV über eine Geburtstagsparty mit bis zu 30 Leuten.

Johnson weist alle Vorwürfe bislang im Wesentlichen zurück. Doch mehrere Parteifreunde stellen sich gegen ihn. Sollten 54 Mitglieder seiner Fraktion im Unterhaus schriftlich für einen Wechsel stimmen, käme es zum Misstrauensvotum. Die Sammlung der Stimmen läuft. Viel hängt neben den Ermittlungen der Polizei von der Untersuchung der Spitzenbeamtin Sue Gray ab, deren Ergebnisse in dieser Woche veröffentlicht werden sollen.

Ich muss gestehen, dass mir Johnson in gewisser Weise leidtut. Als Außenstehender hätte man eigentlich erwartet, dass ihn seine Landsleute für seine Politik zur Verantwortung ziehen würden, für die wirtschaftlichen Verwerfungen durch den Brexit, für die vielen Coronatoten. Doch diesbezüglich scheint das Urteil vieler Briten über Johnson nicht so negativ auszufallen. Im Gegenteil: Viele finden den Brexit noch immer richtig und halten auch die britische Coronapolitik im Großen und Ganzen für gelungen.

Stattdessen könnte Johnson nun über persönliche Verhaltensweisen stürzen, die in seinem Fall nun wirklich niemanden überraschen dürften. Johnson macht lieber Party, als sich an Regeln zu halten? Ja, was denn sonst? Nichts anderes hätte man doch von ihm erwartet.

2. Ein Crashprophet quält die CDU

Max Otte, auf Untergangsszenarien spezialisierter Buchautor mit zuletzt größer werdender Prognoseabweichung, soll nächster Bundespräsident werden. So hat es jedenfalls die AfD in ihren Gremien beschlossen. Otte hat die Aufgabe heute gern angenommen. Er empfinde den Vorschlag, ihn als Kandidaten ins Rennen zu schicken, »als große Ehre«, sagte er dem SPIEGEL. Die AfD stehe »klar auf dem Boden des Grundgesetzes«.

Nun ist Otte zwar Fan der AfD und umgekehrt. Doch eigentlich ist er Mitglied der CDU und sogar Bundesvorsitzender der sogenannten Werteunion, die von sich behauptet, den »konservativen Markenkern« der Unionsparteien zu vertreten. Otte sagte heute auch, dass er trotz seiner Kandidatur für die AfD gern in der CDU bleiben möchte. Das Amt des Bundespräsidenten entziehe sich dem Parteienstreit. »Freiwillig werde ich aus der CDU nicht austreten«, so Otte.

Wie wird die CDU darauf reagieren? Mehrere Parteileute haben bereits gefordert, Otte hinauszuwerfen. Mario Czaja, der neue CDU-Generalsekretär, kündigte an, dass sich der Bundesvorstand heute Abend mit dem Fall Otte beschäftigen will.

Tatsächlich ist kaum vorstellbar, dass sich die CDU Ottes Verhalten bieten lässt. Die Partei könnte sich allerdings auch fragen, ob es nicht ein Fehler war, keinen eigenen Kandidaten fürs Präsidentenamt aufzustellen und stattdessen Amtsinhaber Frank-Walter Steinmeier für eine zweite Amtszeit zu unterstützen.

Ein Kandidat oder eine Kandidatin der Union wäre zwar ähnlich chancenlos wie AfD-Kandidat Otte oder der von der Linken aufgestellte Gerhard Trabert. Doch immerhin bliebe es den Unionsvertretern in der Bundesversammlung erspart, für einen Mann zu stimmen, der es in seiner Präsidentenrede zu 30 Jahren Deutsche Einheit nicht über sich brachte, den Namen »Helmut Kohl« zu erwähnen.

3. God dag BA.2

Während Deutschland vor der Omikron-Wand steht, schlagen sich unsere Nachbarn in Dänemark schon mit der nächsten Form des Virus herum: Farvel BA.1, god dag BA.2. Es handelt sich um einen Omikron-Subtyp, der zunächst irrelevant schien, sich nun aber mit hoher Geschwindigkeit in Dänemark ausbreitet. Meine Kollegin Katherine Rydlink hat die Lage dort recherchiert : Demnach machte BA.2 in der Woche nach Weihnachten plötzlich 20 Prozent der überprüften Proben aus. In der zweiten Januarwoche waren es 45 Prozent. Und mittlerweile ist der Subtyp dominant, während die Bedeutung der ersten Omikron-Variante BA.1 stark zurückgeht. »Ein klares Indiz dafür, dass der eine Subtyp gegenüber dem anderen evolutionäre Vorteile hat und ihn vertreibt«, schreibt Katherine.

In Deutschland wurden bislang nur wenige Fälle von BA.2 bekannt. Allerdings wird hierzulande auch wenig sequenziert. Die britische Gesundheitsbehörde hingegen stufte BA.2 bereits als »Variante unter Beobachtung« ein, was eine Vorstufe zu »besorgniserregende Variante« bedeutet.

Ist BA.2 gefährlicher für uns als die anderen Varianten? Der US-Epidemiologe Eric Feigl-Ding schreibt, dass BA.2 den Immunschutz womöglich noch schneller umgehen könne. Man müsse die Warnungen aus Dänemark ernst nehmen.

(Sie möchten die »Lage am Abend« per Mail bequem in Ihren Posteingang bekommen? Hier bestellen Sie das tägliche Briefing als Newsletter.)

Was heute sonst noch wichtig ist

Meine Lieblingsgeschichte heute: Der iLappen

Wer Apple-Geräte nutzt, sollte nicht allzu preissensibel sein. Manche sagen, Apple verkaufe gern Technik von gestern zu Preisen von morgen. So hat es das Unternehmen zu einem Börsenwert gebracht, der größer ist als das Bruttoinlandsprodukt der meisten Industriestaaten. Dafür sehen Apple-Geräte aber natürlich sehr schick aus. Es soll Menschen geben, die für eine Plaste-Hülle fürs iPhone mehr als 50 Euro ausgeben, nur weil es sich um ein von Apple lizenziertes »Original-Zubehör« handelt. Mehr möchte ich dazu aber nicht sagen, denn das gäbe Ärger mit einer mir nahestehenden Person.

Mein technikaffiner Kollege Matthias Kremp aus dem Netzwelt-Ressort ist kürzlich auf das ultimative Apple-Zubehörteil gestoßen: ein Poliertuch mit Apfellogo. Matthias hat es den »iLappen« genannt. Der iLappen kostet 25 Euro. Man kann damit Bildschirme abwischen. »Manchen hat der Preis die Zornesröte ins Gesicht getrieben«, schreibt Matthias, »bei anderen einen Kaufreflex ausgelöst. Kaum war Apples Putzhilfe verfügbar, war sie auch schon ausverkauft.«

Sollten Sie zu den Besitzerinnen und Besitzern eines iLappens gehören, möchte ich Ihnen den neuen Newsletter unseres Netzwelt-Ressorts empfehlen. Matthias ist nämlich auf Informationen gestoßen, die Sie bei der Pflege des Pflegetuchs beachten sollten. Demnach hat Apple auf den Support-Seiten einen Eintrag mit folgenden drei Tipps veröffentlicht:

  1. Wasche das Poliertuch von Hand mit Spülmittel und Wasser

  2. und spüle es gründlich aus.

  3. Lasse das Poliertuch mindestens 24 Stunden an der Luft trocknen.

Für hartnäckigen Schmutz hingegen rät Apple zur Verwendung von 70-prozentigem Isopropylalkohol. Matthias hat recherchiert: Den bekommen Sie leider noch nicht bei Apple. Aber in der Apotheke.

Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen

Was heute weniger wichtig ist

  • Songschreiberin: Pop-Superstar Taylor Swift, 32, wehrt sich gegen den Vorwurf, sie lasse sich ihre Hits von anderen schreiben. Via Twitter reagierte sie auf ein Interview des britischen Musikers Damon Albarn (Blur, Gorillaz), der sich abwertend über sie geäußert hatte. »Sie schreibt ihre Songs nicht selbst«, so Albarn. Dass Swift bei einigen Songs als Co-Autorin genannt werde, zähle nicht. Taylor Swift zeigte sich empört. »Ich schreibe alle meine Songs«, twitterte sie und schob in Richtung Albarn die Bemerkung hinterher: »PS: Falls du dich wunderst – ich habe diesen Tweet selbst verfasst.«

Tippfehler des Tages, inzwischen korrigiert: »Der Flugstopp am größten Airport der Stadt werde bis 13 Uhr Ortszeit (11 Uhr MEZ) verlängert, teiltet die Betreiberfirma auf Twitter mit.«

Cartoon des Tages: Partygerüchte

Foto:

Klaus Stuttmann

Und heute Abend?

Kennen Sie die »Harry Potter«-Filme? Dann erinnern Sie sich sicher an die Kobolde von der Zaubererbank: verschlagene Typen mit Hakennasen. Wie kommt man auf eine solche Darstellung? Welche Stereotype werden hier bedient?

Eine mögliche Antwort liefert der Film »Jud Süß 2.0« von Felix Möller, der heute Abend um 22.40 Uhr auf Arte läuft . Er zeigt, wie Antisemitismus auch heute noch in Chiffren Verbreitung findet, in Bankierkarikaturen mit Hakennasen, im Geraune über »Wall Street«, »Rothschild«, »Soros«. Mein Kollege Arno Frank hat den Dokumentarfilm bereits gesehen. Er schreibt: »›Jud Süß 2.0‹ beleuchtet nicht nur die Kontinuitäten, erhellt nicht nur die Aktualität des Themas. Der Film vermittelt auch eine Ahnung vom bedrohlichen Ausmaß, den eine zu Myriaden von Kleinstkanälen granulierte Hetze inzwischen angenommen hat. Ohne übrigens, auch das ist der Dokumentation hoch anzurechnen, den Antisemitismus eindeutig einem politischen Lager zuzuordnen.«

Ich wünsche Ihnen einen nachdenklichen Abend.
Herzlich
Ihr Alexander Neubacher

Hier können Sie die »Lage am Abend« per Mail bestellen.