Oliver Trenkamp

Die Lage am Abend Hätte, hätte, Panzerkette

Guten Abend, die drei Fragezeichen heute:

  1. Waffenlieferungen – Wann entscheidet wer über Leopard-2-Panzer für die Ukraine?

  2. Poststreik – Warum kommen jetzt noch weniger Briefe an?

  3. Neuer Sportdirektor – Hofft der deutsche Fußball wirklich auf ein Völler-Gefühl?

1. Drum prüfe ewig, wer sich bindet

Ein Prüfauftrag, das ist die Antwort der Politik auf die Sartre-Weisheit, wonach wir nicht nicht entscheiden können. Einen Prüfauftrag hat jetzt der neue Verteidigungsminister Boris Pistorius erteilt, um den Bestand von Leopard-2-Panzern bei der Bundeswehr und in der Industrie zu prüfen. Ob diese Kampfpanzer dann auch an die Ukraine geliefert würden, sei aber unklar. »Es gibt gute Gründe für die Lieferung, es gibt gute Gründe dagegen«, sagte der SPD-Politiker am Rande der Beratungen der Ukraine-Kontaktgruppe auf dem US-Stützpunkt in Ramstein. (Alle aktuellen Entwicklungen hier im News-Blog.)

Das klingt ein bisschen so, als würde jetzt erst mit dem Panzer-Zählen angefangen. Als müsste man im Verteidigungsministerium mehr tun, als in einer Excel-Datei zu gucken, über wie viele Kampfpanzer die deutschen Streitkräfte verfügen. Nach allem, was in den vergangenen Wochen über die Bundeswehr zu lesen war, wäre das allerdings keine Überraschung. (Hier mehr .)

Nochmal Pistorius: Die Entscheidung über eine Leopard-2-Lieferung werde »so bald wie möglich getroffen«, in Abstimmung mit den Partnern. Zudem werde Deutschland der Ukraine weitere Waffen und Ausrüstung im Wert von einer Milliarde Euro liefern, so steige der Gesamtumfang der deutschen Militärhilfe seit Beginn des Kriegs auf 3,3 Milliarden Euro.

Und noch mal Jean-Paul Sartre: »Indem wir entscheiden, verantworten wir auch unsere Entscheidung.«

Und hier weitere Nachrichten und Hintergründe zum Krieg in der Ukraine:

  • Auf in die Schlacht made in Germany? Russlands Invasion ist völkerrechtswidrig, die Ukraine hat das Recht auf Selbstverteidigung. Trotzdem sollte man zweimal überlegen, bevor ausgerechnet deutsche Kampfpanzer an der Spitze der Guten gen Osten ziehen .

  • Trauern unter Polizeiaufsicht: In Russland gegen den Krieg Stellung zu beziehen, ist riskant. Trotzdem wagen es einige Menschen, der ukrainischen Opfer des Raketeneinschlags in Dnipro zu gedenken. Beobachtungen an einem Mahnmal in Moskau .

  • »Wir bereiten uns vor für den Fall der Fälle«: Beim Treffen der Nato-Ukraine-Kontaktgruppe auf der US-Basis Ramstein wird ein neues Waffenpaket für die Ukraine geschnürt. Kampfpanzer gehören aber vorerst nicht dazu – hier das Statement von Verteidigungsminister Pistorius.

  • »Wenn die Ukraine jetzt nicht gestärkt wird, dann verblutet sie« Kanzler Scholz gerät wegen seines Zögerns zusehends unter Druck. Bundeswehrexperte Hans-Lothar Domröse erklärt im Video, warum Kiew die Panzer dringend braucht.

2. Sende mit Schrecken

Die Post streikt. »Macht das einen Unterschied?«, fragt ein Kollege in unserer Redaktionskonferenz. Schon in den vergangenen Monaten beschwerten sich Tausende Kundinnen und Kunden über verspätete Briefe und ausgefallene Zustelltouren. Auch bei uns rufen immer wieder Abonnentinnen und Abonnenten an, weil der gedruckte SPIEGEL nicht am Samstag, wie früher üblich, sondern erst am Montag, Dienstag oder gar Mittwoch im Briefkasten liegt. (Sollten auch Sie wegen des aktuellen Streiks Ihre SPIEGEL-Ausgabe nicht pünktlich erhalten, melden Sie sich gerne hier bei unserem Abo-Service – oder lesen Sie hier, wie Sie Ihr Abo trotzdem nutzen können.)

Leider macht es einen Unterschied. Die Warnstreiks sollen vorerst bis Samstag dauern und weitere Ausstände sollen folgen. Sehr, sehr, sehr viele Briefe und Pakete werden liegen bleiben. Bislang litt die Post unter Personalmangel, jetzt arbeitet auch ein großer Teil des verbliebenen Personals nicht.

Das ist schließlich das einzige Druckmittel, das ihnen bleibt, um mehr abzubekommen von dem Rekordgewinn, den die Post im vergangenen Jahr erwirtschaftete. Denn diese Firma, die ihr Kernversprechen immer seltener hält, verdient Milliarden. 15 Prozent mehr Lohn fordert die Gewerkschaft Ver.di. »Bei der Post arbeiten Zehntausende Menschen, die unterdurchschnittliche Gehälter bekommen«, sagt mein Kollege Benedikt Müller-Arnold aus unserem Wirtschaftsressort. »Viele von ihnen spüren die hohe Inflation im Alltag.« Das sei das Spannende an dem Tarifstreit, auch über die Post hinaus: »Wie viel Rücksicht kann und sollte ein großer Konzern darauf nehmen? Zumal die Post ihre Gewinne vor allem im Ausland einfährt.«

3. They always come back

Rudi Völler hat heute seinen ersten Auftritt als neuer Sportdirektor der Fußball-Nationalmannschaft absolviert. Der Chef der Deutschen Fußball Liga, Hans-Joachim Watzke, nannte ihn bei der Vorstellung »die ideale Wahl«; Völler selbst gab allerdings zu, dass er sich hat überreden lassen. Ein Aufbruch ist von ihm nicht zu erwarten, sagt mein Kollege Peter Ahrens aus unserem Sportressort: »eine mutlose Entscheidung des alten Establishments« . Offenkundig hoffen sie beim DFB auf ein, gnihi, Völler-Gefühl. Darauf, dass der wohl meistbesungene Mann des deutschen Fußballs die Stimmung aufhellt vor der EM im eigenen Land. Dass er bei der Basis ankommt mit Sprüchen wie: »Niemals Latte Macchiato! Das ist ein Frauengetränk!«

Völlers Rückkehr bestätigt zweierlei: Zum einen ist der kaffeekulturelle Diskurs-Zombie nicht totzukriegen, der Latte Macchiato als irgendwie links-progressives Weichei-Getränk auf dem Genderklo für Kreuzberger Hipster verortet. Mit ihm haben schon Annegret Kramp-Karrenbauer beim Fasching und Friedrich Merz im »Zeit«-Interview zu punkten versucht: Als die Journalistin ihm eine Latte Macchiato anbietet, zuckt Merz zurück: »Huah, nee, auf keinen Fall.«

Zum anderen stimmt Shirley Basseys Songzeile: »It’s all just a little bit of history repeating«. Die Neunziger erleben ihr Comeback (hier mehr dazu ), jetzt kommen langsam die Nuller. Merz führt die Unionsfraktion im Bundestag, Thomas Gottschalk moderiert »Wetten, dass..?«, Madonna kündigt eine große Tour an. Da drängt sich die Frage auf: Wie rächen wir uns, die wir heute etwa vierzig sind? Wem aus unserer Generation gelingt in 20 Jahren ein Comeback? Singt Sarah Connor die Hymne beim Festakt 50 Jahre Deutsche Einheit? Fliegt Bastian Schweinsteiger als Sportdirektor mit der Nationalmannschaft zur WM 2050 nach Nordkorea? Hievt Christian Lindner die FDP 2049 noch einmal mit dem Versprechen in den Bundestag, den Spritpreis auf unter 42 Euro zu drücken? Sicher ist nur: Empfangen werden sie auf dem »Wetten, dass..?«-Sofa von Thomas Gottschalk. Es kann nur einen geben.

Podcast Cover

Was heute sonst noch wichtig ist

  • »Führt zu einer krassen Verzerrung«: Die Ampel will das Wahlrecht reformieren. Der entsprechende Gesetzentwurf sei »inakzeptabel«, soll Fraktionschef Merz laut Teilnehmern gesagt haben. Und der neue Vorschlag der Union? »Völlig inakzeptabel«, heißt es aus der Ampel zurück.

  • CDU-Vize unterstützt Grünen Habeck gegen FDP-Minister Wissing: Spritfresser sollten teurer werden, die Kfz-Steuer sollte vom CO₂-Ausstoß abhängen: Mit dieser Forderung stellt sich CDU-Vize Andreas Jung auf die Seite der Grünen – und gegen den liberalen Verkehrsminister.

  • Studentische Beschäftigte arbeiten oft wochenlang ohne Bezahlung: Überstunden, kein Urlaub und Warten aufs Gehalt: Eine Studie offenbart, unter welch prekären Bedingungen wissenschaftliche Mitarbeiter an Universitäten zuweilen angestellt sind.

Meine Lieblingsgeschichte heute: Elon – Eloff

Wie tickt jemand, der bis zu 200 Milliarden Dollar Privatvermögen verbrennt, so viel wie noch kein Mensch vor ihm? Wie hat es Elon Musk geschafft, erst so reich zu werden und sich dann vor den Augen der Weltöffentlichkeit selbst zu demontieren?

Diesen Fragen ist ein Team um meinen Kollegen Anton Rainer nachgegangen. Es zeichnet in der neuen SPIEGEL-Titelgeschichte  das Bild eines Mannes ohne Impulskontrolle. »Er wirkt auf mich wie ein Kind, das Unternehmer spielt«, sagt Anton. »Frech und genial im Anstoßen von neuen Ideen, aber oft chaotisch im Management.«

Mein Kollege Simon Hage findet, dass sich Musks Ambivalenz am besten am Beispiel Tesla zeigt. »Erst hat er die globale Autoindustrie vor sich hergetrieben. Kaum ist die Marke als Weltmarktführer etabliert, droht er sie ernsthaft zu gefährden«, sagt Simon. »Aber Tesla ist längst stark genug, die Störfeuer zu überstehen.«

Bei Twitter hat es Musk erstmals mit Werbekunden zu tun, die auf seine Verrücktheiten mit Kündigungen reagieren, mit einer Belegschaft, die ihn nicht als Visionär sieht, sondern als rechten Troll und mit Investoren, die merken, dass ihm das Geld durch die Finger rinnt. »Außerdem ist Musk durch Twitter zum politischen Akteur geworden«, sagt Anton. »Jetzt sehen alle, dass der Kaiser immer weniger anhat.«

Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen

  • »Was ist in die Partei gefahren?« – »Was hättest du an meiner Stelle gemacht, Luisa?« In Lützerath wurde die Spaltung zwischen den Grünen und der Klimabewegung überdeutlich. Hier streiten Aktivistin Luisa Neubauer und Fraktionschefin Katharina Dröge darüber, ob die Grünen von RWE und den Koalitionspartnern über den Tisch gezogen wurden .

  • Easy Rider, das Original: Er gründete zwei prägende Bands der Hippie-Ära, sang wie ein Engel, stürzte in eine Drogenhölle – und überlebte als streitbarer Freigeist. David Crosby war einer der einflussreichsten Songwriter seiner Generation.

  • Der Schneekönig: Der Klimawandel macht Schnee zur Mangelware. Skiresorts wie Kitzbühel geben deshalb Millionen für künstliche Pisten aus. Anderswo bleiben die Gäste weg. Wird der Skiurlaub wieder zum Vergnügen für die Oberklasse? 

Was heute weniger wichtig ist

Grad noch mal gutgegangen: Der Vorstandsvorsitzende des Axel Springer Verlages, Mathias Döpfner, 60, Verzeihung, Dr. Mathias Döpfner, verliert die zwei Buchstaben vor seinem Namen nicht. Die zuständige Untersuchungskommission der Universität Frankfurt am Main hat nach monatelanger Prüfung jetzt festgestellt, dass es »aufgrund der mehrfachen wörtlichen oder gedanklichen Übernahme fremder geistiger Autorenschaft zwar ein wissenschaftliches Fehlverhalten« in der Dissertation des Medienmanagers gebe – die einzelnen Befunde seien »jedoch in ihrer Summe und hinsichtlich ihrer Bedeutung für den wissenschaftlichen Kern der Arbeit nicht ausreichend, um eine Aberkennung des Doktorgrades zu begründen«.

Mini-Hohlspiegel

Anmerkung im Operationsplan in einem Bonner Klinikum

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Illustration: Chappatte

Und am Wochenende?

Könnten Sie natürlich, wenn Ihnen so gar nichts anderes einfällt, das Dschungelcamp bei RTL gucken. Viel bereichernder ist es aus meiner Sicht, die Beiträge meiner Kollegin Anja Rützel über die Trash-TV-Show zu lesen (alle hier zu finden). Allein schon wegen Anjas Wortschöpfungen wie Krakeelquizzer und Psychoshowmasterin.

Und wegen vielleicht unappetitlichen, aber unterhaltsamen Absätzen wie diesem: »Gigi will nicht kacken gehen, weil er sonst abnimmt. ›Sonst gehen meine Vitamine raus‹, erklärt er, und man sieht vor seinem geistigen Kulturpessimistentriefauge schon Legionen von Nahrungsergänzungsmittel-Influencern neue Coachingprogramme zur gelungenen Verdauungsunterdrückung verfassen. Klingt übertrieben? Warten Sie nur ab, Kot macht erfinderisch.«

Bis Wald. Ihnen ein erholsames Wochenende, herzlich

Ihr Oliver Trenkamp, Blattmacher in der Chefredaktion

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