Oliver Trenkamp

Die Lage am Abend Die klassenlose Gesellschaft

Oliver Trenkamp
Von Oliver Trenkamp, Blattmacher in der Chefredaktion

Guten Abend, die drei Fragezeichen heute:

  1. Brexit – Großbritannien, verlasst Ihr uns jetzt wirklich?

  2. Corona – China, eine Impfmacht?

  3. Shutdown – Deutschland, wie lange herrscht Leere an den Schulen?

1. Bye-bye

Mit dem Jahr 2020 endet morgen die Brexit-Übergangsphase, das Vereinigte Königreich verabschiedet sich mit drei guten Nachrichten:

  • Das britische Unterhaus hat dem Handelsabkommen mit der EU zugestimmt. (Auch wenn Zweifel an der Gründlichkeit des Vertragstextes aufkommen könnten: In einer Passage werden die Programme Mozilla Mail und Netscape Communicator 4.x als »modern« bezeichnet – sie werden allerdings seit mehr als zehn Jahren nicht mehr genutzt. Hat da jemand hektisch aus Uraltvorlagen Textteile umkopiert, wie man das sonst nur aus Doktorarbeiten von Bundesminister*Innen kennt?)

  • Britische Forscher geben zumindest leichte Entwarnung, was die Gefährlichkeit des mutierten Coronavirus angeht. »Nach einer aktuellen Untersuchung der Gesundheitsbehörde Public Health England verursacht B.1.1.7 keine schwereren Erkrankungen als andere Varianten«, berichtet mein Kollege Jörg Römer. (Mehr dazu hier.)

  • Miss Sophie, Angehörige der Hochrisikogruppe, wird verlässlich ihren 90. Geburtstag auf allen möglichen dritten Programmen feiern, unter Einhaltung aller Corona-Kontaktbeschränkungen. (Warum »Dinner for One« in Großbritannien lange unbekannt war, lesen Sie hier.)

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2. Nǐhǎo

»Sieben Fälle von Sars auf dem Huanan-Markt bestätigt, sie werden in der Notaufnahme unseres Krankenhauses isoliert.«

Heute vor einem Jahr, gegen 18 Uhr, veröffentlicht der chinesische Augenarzt Li Wenliang den Satz in einer WeChat-Gruppe, in der er sich mit etwa 150 ehemaligen Kommilitonen austauscht. Screenshots seiner Nachricht verbreiten sich rasend schnell im Internet – er ist der Mann, der die Welt vor Corona warnte, zum Ärger der chinesischen Behörden. (Einen Nachruf auf ihn lesen Sie hier .)

Zwölf Monate später grassiert Corona in aller Welt, allein für Deutschland meldete das Robert Koch-Institut heute mehr als 1000 Covid-Tote. China jedoch hat das Virus unter Kontrolle gebracht. Dieser Erfolg kollidierte allerdings mit dem Ziel, zur Impfmacht aufzusteigen, wie mein Kollege Georg Fahrion berichtet: So mangelte es an Corona-Fällen für die nötigen Tests, Chinas Forscherinnen und Forscher mussten in andere Länder ausweichen. »Es läuft bei der Suche nach einer chinesischen Vakzine wohl doch nicht alles so rund, wie Pekings Propaganda es suggeriert«, berichtet Georg. »Zu gern hätte die Volksrepublik, wo das Virus vor einem Jahr zuerst ausbrach, auch als erstes Land einen Impfstoff präsentiert.« Das hat nicht geklappt, erst heute veröffentlichte der chinesische Pharmakonzern Sinopharm Details zur Wirksamkeit seines Präparats – sie liege bei 79,34 Prozent. Der Vorteil: Es muss nicht so aufwendig gekühlt werden und lässt sich daher einfacher transportieren.

China und die EU haben sich heute außerdem auf ein weitreichendes Investitionsabkommen geeinigt, nachdem sie sieben Jahren verhandelt hatten. Es sei ein »mittelmäßiger Vertrag« zu einem »miesen Zeitpunkt«, analysiert mein Kollege Bernhard Zand: »Ausgerechnet zum Abschluss eines Jahres, in dem Peking in Hongkong ein drakonisches Staatssicherheitsgesetz erließ und in dem bekannt wurde, dass im Westen des Landes wohl Zehntausende muslimischer Uiguren zur Zwangsarbeit herangezogen werden.«

3. Und Tschüss

Bei den Nachrichten musste ich an eine Szene aus dem mäßig bekannten Zeitreise-Thriller »Looper« mit Bruce Willis denken. Sein jüngeres Ich bekommt darin von einem Zeitreisenden den Rat, lieber Mandarin statt Französisch zu lernen und seinen Lebensabend nicht in Europa zu verbringen: »Ich komme aus der Zukunft – geh lieber nach China.«

Ob nun Chinesisch, Englisch, Latein oder Python: Wann Schülerinnen und Schüler in Deutschland überhaupt wieder etwas lernen, scheint immer unklarer. Der Streit um die Schulschließungen spitzt sich zu. »Eine einheitliche Strategie ist nicht erkennbar«, sagt mein Kollege Armin Himmelrath. »Die Bildungsministerinnen und -minister beschwören ein gemeinsames Vorgehen – und preschen dann jeweils mit Einzelmaßnahmen vor.« Baden-Württemberg etwa will unabhängig von den Infektionszahlen flächendeckend bis zur 7. Klasse öffnen, NRW sieht das ganz ähnlich. Hamburg dagegen bereitet die Eltern schon mal auf Fernunterricht bis Ende Januar vor. Und Thüringen kann sich erleichterte Prüfungen vorstellen. »Es erklingt die Kakofonie der KMK, wie fast immer in den vergangenen Wochen und Monaten«, sagt Armin. (Mehr dazu lesen Sie hier.) Fühlt sich auch ein bisschen an wie eine Zeitschleife – wie so vieles im Shutdown. Mal gucken, ob es »Looper« bei Netflix gibt.

Podcast Cover
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Was heute sonst noch wichtig ist

  • Gerichte bestätigen Böllerverbote in Dresden und Chemnitz: Dresden und Chemnitz untersagen zum Jahreswechsel das Mitführen und Abbrennen von Feuerwerk. Verwaltungsgerichte haben Eilanträge gegen diese Verbote abgewiesen.

  • Friedrich Merz traf Wirecard-Boss Braun gleich zweimal: Der CDU-Politiker Friedrich Merz hatte nach SPIEGEL-Informationen mehrfach Kontakt zu dem inzwischen inhaftierten Ex-Wirecard-Chef Markus Braun. Man habe über »allgemeine Kapitalmarktthemen« gesprochen.

  • Deutsche KSK-Elitekämpfer ziehen ab: Das Verteidigungsministerium treibt den Abzug aus Afghanistan voran. Nach SPIEGEL-Informationen beorderte die Militärführung bereits große Teile des geheim agierenden Kommandos Spezialkräfte zurück in die Heimat.

Meine Lieblingsgeschichte heute: Abschied

Trauerfeier für Fedder

Trauerfeier für Fedder

Foto: Daniel Reinhardt/ dpa

»Fine Funerals« lautete der Absender der Pressefotos zu Jan Fedders Beerdigung. Meine Kollegin Simone Salden fragte sich, wer wohl hinter diesem ungewöhnlichen Firmennamen steckte. Sie traf die Unternehmerin Nadine Metgenberg im Februar im SPIEGEL-Verlag an der Ericusspitze. Metgenberg ist eigentlich auf schicke Partys und Luxushochzeiten spezialisiert, organisiert aber auch immer wieder Trauerfeiern im großen Stil.

»Wir unterhielten uns lange darüber, warum der Tod in unserer Gesellschaft heutzutage ein solches Tabu ist«, sagt Simone. »Dann kam Corona. Und das Thema Tod war für viele Menschen plötzlich allgegenwärtig.« Am Ende des Jahres hat sie Metgenberg noch einmal gesprochen und mit ihr Bilanz gezogen, unter anderem auch darüber, wie die Pandemie das Feiern und ihre Branche verändert hat.

Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen

  • »Der Kreml betrachtet Deutschland von nun an als einen von den USA kontrollierten Staat«: Tiergartenmord, Fall Nawalny, Nord Stream 2: Viele Deutsche sehen Russland mittlerweile kritisch. Wie ist es umgekehrt? 

  • Was von einem Leben bleibt: Im Laufe eines Lebens häufen wir Dinge an, von denen die meisten nach dem Tod auf dem Müll landen. Zwei Entrümpler erzählen von ihrem Arbeitsalltag – und wie sie über Besitz denken .

  • Der Streichelstreicher: Yo-Yo Ma kennt das Rampenlicht, seit er ein Junge ist: Mit seinem neuen Album will der Cellist in der Pandemie seine Hörer trösten .

Was heute weniger wichtig ist

Autorin Chantale Rau

Autorin Chantale Rau

Foto: Rebecca Rütten / DER SPIEGEL

Tippfehler des Tages, inzwischen korrigiert: »Der Geschäfsführer des Deutschen Städtetages bittet in einem Interview um Zurückhaltung am 31. Dezember.«

Cartoon des Tages: Fiskus

Foto: Thomas Plaßmann

Und an Silvester und Neujahr?

Sollte Ihr Vertrag so alt sein wie diese Geräte, könnte es mittlerweile günstigere Konditionen geben

Sollte Ihr Vertrag so alt sein wie diese Geräte, könnte es mittlerweile günstigere Konditionen geben

Foto: TMN

Könnten Sie ausschlafen, einen gelungenen Justiz-Krimi lesen (diesen vielleicht) – oder sich aufraffen und prüfen, ob Sie zu viel für Ihren Mobilfunkvertrag bezahlen. »Telekom, Vodafone und Telefonica packen in ihre Handytarife im Schnitt gut achtmal so viel Datenvolumen, wie üblicherweise verbraucht wird«, berichtet mein Kollege Stefan Schultz aus unserem Wirtschaftsressort. (Hier mehr dazu.)

In diesem Sinne: Fallen Sie nicht auf die Rate-Show rein!

Das war die letzte »Lage am Abend« in diesem Jahr. Am Montag übernimmt hier für eine Woche mein Kollege Wolfgang Höbel. Ich wünsche Ihnen einen guten Start und ein tolles 2021.

Einen schönen Abend. Herzlich
Ihr Oliver Trenkamp

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